Wortskulptur "Einheit" von Hüseyin Arda vor dem Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, Berlin

7.8.2015 | Von:
Eckhard Jesse

Das Ende der DDR

Essay

Ursachen für das Ende der demokratischen DDR

Mit der Freiheit war die Einheit noch nicht erreicht. Nach dem Fall der Mauer und bei nun vermindertem Repressionsrisiko änderte sich das Meinungsklima atemberaubend schnell: Wer an einer eigenständigen DDR festhielt, geriet rasch in die Defensive. Die ostdeutsche Bevölkerung, aller Propaganda von einer "sozialistischen Nation" zum Trotz, wollte das Leben im Westen, überdrüssig jeglicher Experimente. Zwar hatten Teile der "künstlerischen Intelligenz" 1976 nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert, aber die Masse der Bevölkerung ließ dies kalt. Eine Paradoxie: Der Liedermacher Biermann musste gehen und wollte bleiben, viele DDR-Bürger hingegen mussten bleiben und wollten gehen.

Otto Reinhold, Rektor der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED, hatte im August 1989 in einem Rundfunkbeitrag Tacheles geredet: "Welche Existenzberechtigung sollte eine kapitalistische DDR neben einer kapitalistischen Bundesrepublik haben? Natürliche keine. Nur wenn wir diese Tatsache immer vor Augen haben, wird klar erkennbar, wie wichtig für uns eine Gesellschaftsstrategie ist, die kompromisslos auf die Festigung der sozialistischen Ordnung gerichtet ist."[22] Da keine ausgeprägte DDR-Identität bestand, musste das Ende der SED-Herrschaft auch das Ende der DDR bedeuten. Hingegen hieß es am 7. Oktober 1989 in der Grundsatzrede von Markus Meckel bei der Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP), die als erste Kraft mutig die Machtfrage stellte: "Wir anerkennen die Zweistaatlichkeit Deutschlands als Folge der schuldhaften Vergangenheit unseres Volkes."[23] Das war faktisch das Zwei-Nationen-Konzept der SED: offenkundig eine Chimäre.

Die DDR-Regierung trat nach dem Fall der Mauer, der dem gleichen Zweck dienen sollte wie ihr Bau – dem Erhalt der DDR –, die Flucht nach vorne an und suchte mit ihrem Vorschlag einer "Vertragsgemeinschaft" und einer Konföderation in die Offensive zu gelangen. Hingegen wurde die Bundesregierung erst aktiv, als der öffentlich bemerkbare Stimmungswandel in Richtung Einheit umschlug. Helmut Kohls vorsichtig formuliertes Zehn-Punkte-Programm von Ende November 1989 – gleichwohl ein Paukenschlag – verfehlte seine Wirkung weder im Ausland noch in Deutschland. Der letzte Punkt lautete: "Die Wiedervereinigung, das heißt die Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands, bleibt das politische Ziel der Bundesregierung."

Wir wissen nicht, was Michail Gorbatschow, wahrlich kein Stratege, nach erbittertem Widerstand und Zögern bis Anfang 1990[24] dazu bewog, gegen ein vereintes Deutschland innerhalb der NATO kein Veto einzulegen: die Notwendigkeit, angesichts der ökonomisch prekären Lage, den finanziell starken Westen nicht vor den Kopf zu stoßen? Die schwierigen Nationalitätenkonflikte im eigenen Lande, die eine offensive Außenpolitik unmöglich machten? Die Einsicht, das eigene System sei ein für allemal gescheitert? Die Entwicklung im Warschauer Pakt, dessen Mitglieder in die NATO strebten? Die Überzeugung, das Selbstbestimmungsrecht der Völker sei zu akzeptieren? Der klar bekundete Wille des Westens, an der Einbindung Deutschlands im westlichen Verteidigungsbündnis ohne Wenn und Aber festzuhalten? Die "Männerfreundschaft" zu Helmut Kohl und George Bush, die darauf bedacht waren, den sowjetischen Parteichef nicht zu demütigen? Vermutlich schließt das eine das andere nicht aus.

Ein Gedankenexperiment: Was wäre gewesen, hätte der sowjetische Politiker zu Beginn der friedlichen Revolution die "deutsche Karte" gezogen und wie Stalin 1952 die Vereinigung Deutschlands unter neutralen Vorzeichen angeboten? Sicher, kontrafaktische Überlegungen sind müßig, zeigen jedoch die Offenheit des historischen Verlaufs. Es wäre zu einem massiven Konflikt zwischen der ostdeutschen Bevölkerung und der westdeutschen Politik gekommen. Ein solcher Vorschlag hätte einen Keil in das westliche Lager getrieben – mit unabsehbaren Folgen für die deutsche Einheit und für die fluide politische Stimmung in ganz Deutschland.

Folgen der Freiheit

Die stark extremistische NPD, die schwach ist, spielt schon seit langem ebenso wie die schwach extremistische Partei Die Linke, die stark ist, im Osten eine deutlich größere Rolle als im Westen. Aber die Freiheit ist in der gefestigten Demokratie Deutschlands nicht in Gefahr. Größere Unterschiede zwischen Ost und West bestehen bei der Frage nach dem Sozialismus-Verständnis: Im Osten gilt der Sozialismus einer großen Mehrheit ununterbrochen seit 1990 als gute, freilich schlecht ausgeführte Idee, im Westen halten sich Befürworter und Gegner die Waage, und – damit zusammenhängend – bei dem Gleichheits- beziehungsweise Freiheitsverständnis.[25] Die Soziale Marktwirtschaft findet in den neuen Bundesländern sozialisations- und situationsbedingt weniger Unterstützung als in den alten. Allerdings haben sich dort – "rotes Brandenburg", "schwarzes Sachsen" – schnell spezifische Regionalkulturen herausgebildet.[26] Von "dem" Osten (von "dem" Westen ganz zu schweigen) kann darum heute keineswegs mehr die Rede sein.[27]

Nicht wenige in den neuen Bundesländern vermissen die "sozialen Errungenschaften" der DDR, rufen nach "Vater Staat" und "Mutter Betrieb", der eine Art "Heimat" bot. In der DDR habe größere Hilfsbereitschaft zwischen den Menschen bestanden, wobei, was zuweilen der Vergessenheit anheimfällt, der seinerzeitige Zusammenhalt oft aus der Not geboren war. Im Vergleich zum Westen dominiert Konsensbewusstsein und eine gewisse Konfliktscheu. Damit korreliert das geringere Maß an Lagermentalität. Die Konsequenz: Herkömmliche Links-Rechts-Orientierungen sind schwächer ausgeprägt.

Ostdeutsche sprechen der DDR mehr gute als schlechte Seiten zu – Ostalgie spielt eine Rolle,[28] weniger der Wunsch nach einer Rückkehr zu DDR-Verhältnissen. Die Westbindung dürfte angesichts jahrzehntelangen "Trommelns" gegen die "Kriegstreiber" im Osten nicht so tief verankert sein wie im Westen. Aus gegebenem Anlass – etwa beim Kosovo-, Irak-, Afghanistan- oder Ukraine-Konflikt – lassen sich antiwestliche Affekte abrufen.

Wer pauschal die weltoffene Bürgerkultur der alten Bundesländer gegen die Obrigkeitskultur des Ostens ausspielt, bedient Klischees, wiewohl Illiberalität im Osten – etwa gegenüber Minderheiten – stärker entfaltet ist als im Westen. Eine Demonstrationsbewegung wie Pegida ("Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes")[29] dürfte nicht zufällig im Osten aufgekommen sein. Dieser ist soziokulturell autoritärer und sozioökonomisch linker als der Westen. Damit erklärt sich das eigentümliche Erscheinungsbild von Pegida. Globalisierungskritische Positionen gehen Hand in Hand mit migrationskritischen. Pointiert formuliert: "Abgehängte" wehren sich gegen einen Elitenkonsens, bezogen etwa auf Multikulturalismus und Tendenzen hin zu einem europäischen Bundesstaat. Eine neue Partei wie die Alternative für Deutschland besitzt im Osten ihre Hochburgen.

Gleichwohl: Die neuen Bundesländer sind überwiegend demokratisch konsolidiert. Deutschland ist weiterhin ein "Staat der Mitte" (Jörn Ipsen) mit seiner "Politik des mittleren Weges" (Manfred G. Schmidt). Allerdings fällt im Westen die System- und Demokratieakzeptanz größer als im Osten aus, das Institutionenvertrauen ebenso. Dies kann ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Einheit kaum anders sein.

Folgen der Einheit

In den neuen Bundesländern ist in einigen gesellschaftlichen Bereichen ein Elitenwechsel weithin ausgeblieben, beispielsweise in der Verwaltung. Wer früher "oben" stand, wurde nicht zwangsläufig abgehalftert, und wer heute bestimmte Qualifikationen nicht besitzt (etwa, weil er zu DDR-Zeiten keine politischen Konzessionen machte), ist erneut "der Dumme". In anderen Bereichen dominiert West-Personal, vor allem politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Spitzenposten sind entsprechend besetzt. Ostdeutsche sehen vielfach ihre Biographie als entwertet an, ihre Lebensleistung nicht angemessen gewürdigt: "Im Osten ist das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, über alle Parteiorientierungen hin weit verbreitet."[30] Für das als unzureichend empfundene Tempo der wirtschaftlichen Angleichung sind nicht nur bundesdeutsche Politiker und Wirtschaftsbosse verantwortlich, sondern auch die einst maroden Zustände in Ostdeutschland. Manche Fehler waren in dem präzedenzlosen Einigungsprozess, der zudem unter großem Zeitdruck ablief, wohl unvermeidlich. Die "Wohlstandsexplosion" (Klaus Schroeder) im Osten erfährt dort nicht gebührende Würdigung: Maßstab ist allein der "heutige Westen", nicht der "frühere Osten".

Ist es nicht ein schönes Indiz für "Normalität", die Tatsache einer ostdeutschen Kanzlerin und eines ostdeutschen Bundespräsidenten weder zu bekritteln noch zu loben? Das Wort von der "Vereinigungskrise" (Jürgen Kocka), das in den 1990er Jahren grassierte, ist mittlerweile ein Anachronismus. Von 1949 bis zum Mauerbau 1961 sind etwa 2,5 Millionen Menschen aus der DDR in den Westen abgewandert. In der Zeit bis Ende 1989 folgte eine weitere Million. Allein in den 1990er Jahren sind über zwei Millionen Ostdeutsche in den Westen und über eine Million Westdeutsche in den Osten gezogen. Zudem fördert eine Vielzahl an Migranten die demographische Durchmischung.

Einige ostdeutsche Gegenden, etwa in Mecklenburg-Vorpommern, leiden unter Verödung. Der FAZ-Redakteur Peter Carstens hat 2014 ein trostloses Bild des Ostens gezeichnet. "Eine Bahnfahrt von Berlin nach Dresden: gute Gelegenheit, über die deutsche Einheit nachzudenken. Der Zug schleicht über krumme Schienen. Es geht vorbei an Feldern und Birkenwäldchen. Alles wirkt malerisch und menschenleer. (…) Zwei Diktaturen, zwei Kriege und ein beispielloser Bevölkerungsrückgang haben die Gesellschaft erschüttert und ausgezehrt. In manchen Gegenden der Altmark, der Prignitz oder der Uckermark sieht es heute aus wie im neunzehnten Jahrhundert: weite Felder, arme Dörfer. (…) Vielleicht sollte die Kanzlerin mal wieder mit dem Zug nach Dresden fahren."[31] Das ist Schwarzmalerei, auch wenn der Publizist kritikwürdige Zustände einfängt. Helmut Schmidts Diktum vor einigen Jahren, der Osten sei "Mezzogiorno ohne Mafia", vermittelt ein Zerrbild. Und warum muss der Berliner Ethnologe Ulf Matthiesen davon sprechen, ostdeutsche Regionen würden aufgrund des Exodus "versteppen, verblöden und vergreisen"?[32] Die zwei Freistaaten im Osten stehen besser da als die beiden Bindestrichländer und Brandenburg, dessen Bevölkerung 1996 die Fusion mit Berlin abgelehnt hat. Es gibt "Ostinseln" des "Aufstiegs", etwa Dresden und Leipzig, wie "Westinseln" des "Abstiegs", etwa das Ruhrgebiet. Werden wir nach weiteren 25 Jahren ein deutschlandweites Nord-Süd-Gefälle haben – und kaum mehr ein Ost-West-Gefälle?

Das Verhältnis zu den nationalen Symbolen ist nicht mehr so verkrampft (man denke an die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land), dies nicht zuletzt dank der deutschen Einheit. Patriotismus ist heute weithin geachtet, Nationalismus hingegen geächtet. Westdeutsche fühlen sich im Vergleich zu den Ostdeutschen eher als Deutsche (und nicht als Westdeutsche), wobei Ostdeutsche bei der Frage nach dem Gelingen des Zusammenwachsens von Ost und West deutlich reservierter sind.[33] Ein Plädoyer für eine Separation des Ostens vom Westen oder des Westens vom Osten entbehrt jeglichen Realismus, anders als etwa in Belgien, Großbritannien, Italien, Spanien. Berlin avancierte zur Bundeshauptstadt, der 3. Oktober zum neuen "Tag der Deutschen Einheit" (nunmehr großgeschrieben). Unter dem Gesichtspunkt der Glaubwürdigkeit ist das Votum für Berlin richtig, das für den 3. Oktober nicht. Ausgerechnet in dem Moment, in dem die Ziele der Volkserhebung in der DDR im Jahr 1953 erreicht waren – Freiheit und Einheit –, schaffte der Einigungsvertrag den 17. Juni als Tag der deutschen Einheit ab.[34]

Fußnoten

22.
Zit. nach: Die "sozialistische Identität" der DDR. Überlegungen von Otto Reinhold in einem Beitrag für Radio DDR am 19. August 1989, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 34 (1989) 10, S. 1175.
23.
Markus Meckel, Programmatischer Vortrag zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) am 7. Oktober in Schwante, in: Markus Meckel/Martin Gutzeit, Opposition in der DDR. Zehn Jahre kirchliche Friedensarbeit – kommentierte Quellentexte, Köln 1994, S. 394.
24.
Vgl. Stefan Karner et al. (Hrsg.), Der Kreml und die "Wende" 1989. Interne Analysen der sowjetischen Führung zum Fall der kommunistischen Führung. Dokumente, Innsbruck 2014. Siehe etwa die Rede Gorbatschows auf dem Warschauer-Pakt-Gipfel in Moskau vom 4. Dezember 1989, ebd., S. 550–579.
25.
Vgl. Renate Köcher (Hrsg.), Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 2003–2009. Die Berliner Republik, Bd. 12, Berlin–New York 2009, S. 132f.
26.
Vgl. Martin Koschkar/Nikolaus Werz (Hrsg.), Regionale politische Kultur in Deutschland, Wiesbaden 2015.
27.
Vgl. Tom Mannewitz, Politische Kultur und demokratischer Verfassungsstaat. Ein subnationaler Vergleich zwei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung, Baden-Baden 2015.
28.
Vgl. Katja Neller, DDR-Nostalgie. Dimensionen der Orientierungen der Ostdeutschen gegenüber der ehemaligen DDR, ihre Ursachen und politischen Konnotationen, Wiesbaden 2006; Thomas Großbölting (Hrsg.), Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand, Berlin 2009.
29.
Vgl. Lars Geiges/Stine Marg/Franz Walter, Pegida. Die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft?, Bielefeld 2015.
30.
Richard Schröder, Versöhnung – mit wem? Warum die Linke nicht ausgegrenzt ist, in: Der Spiegel vom 9.11.2009, S. 32f.
31.
Peter Carstens, Auf dem Nebengleis, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 22.6.2014, S. 5.
32.
Zit. nach: Uwe Müller, Supergau Deutsche Einheit, Berlin 2005³, S. 20.
33.
Vgl. R. Köcher (Anm. 25), S. 67.
34.
Siehe den Beitrag von Costanza Calabretta in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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