"Privat"

19.8.2015 | Von:
Giacomo Corneo

Kapitalismus: Alternative in Sicht?

Ein Wirtschaftssystem ist ein Regelwerk, das die Produktions- und Konsumvorgänge einer Gesellschaft steuert und deren materielle Reproduktion ermöglicht. Als "Kapitalismus" bezeichnet man das Wirtschaftssystem, bei dem das Privateigentum der Produktionsmittel und der Markt die maßgebenden Institutionen sind. Vom Kapitalismus lassen sich ferner verschiedene Varianten definieren, insbesondere hinsichtlich der Tragweite der staatlichen Umverteilung der Markteinkommen. Eine davon ist unsere Soziale Marktwirtschaft, in der wertmäßig beinahe die Hälfte des Inlandsprodukts die öffentlichen Haushalte durchquert. Hierdurch lassen sich ganz andere Ergebnisse erzielen als unter Laissez-faire – einer Kapitalismusvariante, bei der es der Privatinitiative überlassen wird, soziale Probleme zu bewältigen. Die Umverteilung durch den Staat federt insbesondere die Unsicherheit ab, die aus Marktprozessen resultiert, und sorgt für eine gleichmäßigere Verteilung des Wohlstands.

Nicht nur innerhalb der Gattung des Kapitalismus sind unterschiedliche Varianten möglich: Auch zum Kapitalismus existieren Alternativen, also Wirtschaftssysteme, die sich nicht maßgeblich auf Privateigentum und Märkte stützen. Da seit etwa 30 Jahren der Kapitalismus immer mehr Einkommensungleichheit und -unsicherheit hervorruft, wird seine Legitimation derzeit kontrovers diskutiert. In diesem Zusammenhang stellen viele Menschen die Systemfrage: Gibt es eine Alternative zum Kapitalismus – eine, die unsere Sehnsucht nach einem humanen, gerechten und effizienten System stillen kann?

Kooperationstest und Allokationstest

Die Bewertung alternativer Wirtschaftssysteme hängt von der Kapitalismusvariante ab, die man als Referenz wählt. Ich nehme hier den Standpunkt von jemandem ein, der das Glück hatte, in der reichen Hälfte des Planeten geboren zu werden, und dessen Referenzsystem die Soziale Marktwirtschaft ist. In diesem Fall kann eine Alternative nur dann als aussichtsreich gelten, wenn sie glaubwürdig versprechen kann, mindestens in etwa den gleichen Wohlstand wie die Soziale Marktwirtschaft hervorzubringen. Denn ein Wirtschaftssystem, von dem ein Wohlstandseinbruch zu erwarten wäre, würde niemals eine ausreichende politische Unterstützung in der Bevölkerung erhalten. Nur Wirtschaftssysteme, die sich nach reiflicher Überlegung als ökonomisch tauglich erweisen, können als ernsthafte Alternativen zum Kapitalismus gelten.[1]

Wie kann man nun begründet einschätzen, ob ein Wirtschaftssystem, das möglicherweise nie existiert hat, ökonomisch tauglich im obigen Sinn ist? Wirtschaftssysteme müssen zwei grundsätzliche Funktionen erfüllen: Erstens müssen sie die Menschen motivieren, die ihnen gestellten ökonomischen Aufgaben gewissenhaft zu erledigen; zweitens müssen die ihnen gestellten Aufgaben ökonomisch sinnvoll sein. Die erste Funktion eines Wirtschaftssystems ist somit, Kooperation herbeizuführen, das heißt zu erreichen, dass die Menschen willig sind, am Produktionsprozess gemäß ihren Fähigkeiten aktiv teilzunehmen und ihren Konsum in Einklang mit den gesamtwirtschaftlichen Möglichkeiten zu bringen. Die zweite Funktion bezieht sich auf die Allokation knapper Ressourcen – wie menschliche Begabung, Land, Rohstoffe – die so erfolgen sollte, dass möglichst viele Bedürfnisse befriedigt werden und nichts verschwendet wird. Eine aussichtsreiche Alternative zum Kapitalismus muss bei der Kooperationsfrage und der Allokationsfrage wenigstens so gut wie der Kapitalismus abschneiden, damit sie als ökonomisch tauglich betrachtet werden kann. Es gilt also, bei ausgewählten Alternativen zum Kapitalismus diesen doppelten Eignungstest gedanklich vorzunehmen und dabei die Soziale Marktwirtschaft als Vergleichsmaßstab zu verwenden. Dabei ist es ratsam, keine Änderung des menschlichen Charakters zu unterstellen, denn jedes alternative Wirtschaftssystem müsste zunächst mit Menschen auskommen, wie sie heute sind.

Wirtschaftssysteme ohne Privateigentum und ohne Märkte

In einer chronologischen Reihenfolge der Gegenentwürfe zum Kapitalismus steht das Wirtschaftssystem der allgemeinen Gütergemeinschaft ganz oben. Sie ist ein Wirtschaftssystem ohne Geld und Finanzbeziehungen, in dem alles – insbesondere die Produktionsmittel – allen gehört. Im Gegensatz zur kapitalistischen Maxime der individuellen Selbstbehauptung im Wettbewerb beruht dieses System auf dem Bedürfnis nach sozialer Geborgenheit und auf der Fähigkeit des Menschen, Empathie für seinen Nächsten zu empfinden. Thomas Morus verfasste vor rund 500 Jahren den bekanntesten Entwurf eines solchen Wirtschaftssystems: "Utopia". Weitere folgten, wie etwa derjenige von Piotr Kropotkin, der vor gut 100 Jahren die Gütergemeinschaft als ökonomische Grundlage seiner Vision eines anarchistischen Kommunismus propagierte. Anstatt durch das Verfolgen materiellen Eigeninteresses wird das System der Gütergemeinschaft durch eine Geschenk-Logik getrieben: Der Einzelne schenkt die eigene Arbeit an die Gemeinschaft und wird durch Güter beschenkt, die andere mit ihrer Arbeit hergestellt haben. Auf demokratischem Wege beschließen die Menschen, wie viel sie produzieren und konsumieren wollen. Dementsprechend kündigt das Gemeinwesen Arbeits- und Konsumnormen an, die alle freiwillig einhalten.

Aus Morus Werk ist die Bezeichnung "utopisch" in den Sprachgebrauch eingegangen. Sie beschreibt, was die meisten Menschen über eine allgemeine Gütergemeinschaft denken, nämlich, dass in einem solchen System die einzelnen Personen keinen Anreiz hätten, sich für das Gemeinwesen anzustrengen – also zu schenken. Vielmehr würden sie sich bei der Arbeit drücken und ihren Konsum maximieren ohne Rücksicht darauf, dass genug für die anderen übrig bleibt. Mit anderen Worten: Die meisten glauben, dass dieses System den oben erwähnten Kooperationstest nicht besteht.

Tatsächlich wäre es schwierig, in einer relativ anonymen Gesellschaft wie der heutigen ein solches Ausmaß an selbstloser Kooperationsbereitschaft zu erzeugen, sodass jedes Mitglied der Gütergemeinschaft das von ihm erwartete "Geschenk" mitbringt. Hierfür notwendig wäre eine weitreichende Umstellung unserer Lebensweise, sodass die Menschen wie vor Jahrhunderten in kleinen stabilen Gemeinden leben, in denen jeder jeden kennt und sich eine enge soziale Kontrolle etablieren kann. Ferner müssten die neuen Informationstechnologien den "gläsernen Bürger" schaffen, um Missbrauch in der Gütergemeinschaft frühzeitig aufzudecken und seine mögliche Verbreitung in der Gesellschaft zu verhindern. Ein intensiver moralischer Druck und eine scharfe Stigmatisierung der Abweichler müssten ebenfalls in Kauf genommen werden, um die Geschenk-Logik der Gütergemeinschaft im Alltag zu festigen.

Eine solche soziale Umstellung wäre ein hoher Preis, um die notwendige Kooperation herbeizuführen – insbesondere für Menschen, die in einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung aufgewachsen sind. Abgesehen davon, was man über diesen Preis denkt, scheitert die Alternative der allgemeinen Gütergemeinschaft am zweiten Teil des Eignungstests – am Allokationsproblem. Denn die existierenden Entwürfe vernachlässigen entweder die Frage, wie die Ressourcen auf die verschiedenen Produktions- und Konsummöglichkeiten aufgeteilt werden sollen, oder sehen eine spontane Aufteilung der Ressourcen vor – beispielsweise durch sogenannte freie Vereinbarungen in Kropotkins Entwurf. Im besten Fall könnte man dadurch vermeiden, dass in der Gütergemeinschaft ein Versorgungsniveau unterschritten wird, das das Existenzminimum sichert. Gewiss könnte aber eine spontane Aufteilung für keine sinnvolle Ressourcenallokation sorgen: Sie würde eine rudimentäre Arbeitsteilung hervorbringen, bei der nur einfache Technologien zum Einsatz kommen. Denn in diesem System hätten die Menschen keinen Anreiz, sich in der Produktion eines bestimmten Gutes zu spezialisieren. So edel die Ideale auch sein mögen, die sie inspiriert haben, ist eine allgemeine Gütergemeinschaft keine aussichtsreiche Alternative zur Sozialen Marktwirtschaft.

Der Vorschlag der Planwirtschaft kann als Reaktion auf diesen Konstruktionsfehler der Gütergemeinschaft gedeutet werden, denn die Planwirtschaft verfügt über einen Mechanismus, der explizit die Produktions- und Konsumvorgänge gesellschaftsweit koordinieren soll: den Zentralplan. Zwar ist dieses Wirtschaftssystem aufgrund der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts stark in Misskredit geraten. Aber perspektivisch kann man sich eine ganz andere Planwirtschaft als im damaligen Ostblock vorstellen. Zum einen könnte sie in ein demokratisches politisches System eingebettet werden, in dem konkurrierende Parteien den Wählern gesamtwirtschaftliche Pläne mit unterschiedlichen Schwerpunkten anbieten. Zum anderen könnte die Planwirtschaft anders als im damaligen Ostblock Arbeits- und Konsumgütermärkte durch kollektive Zuweisungen ersetzen und dabei versuchen, das kommunistische Prinzip "jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" in die Wirklichkeit umzusetzen.

Freilich wäre das Kooperationsproblem in einer solchen Planwirtschaft genauso schwierig zu lösen wie bei der Gütergemeinschaft. Aber wissenschaftlich erarbeitete, partizipative Planverfahren könnten die Ressourcenallokation steuern und damit wenigstens verhindern, dass die Gesellschaft ins wirtschaftliche Chaos versinkt. Wissenschaftlich fundierte iterative Planverfahren wurden schon vor einigen Jahrzehnten von den US-amerikanischen Ökonomen und Nobelpreisträgern Kenneth Arrow und Leonid Hurwicz entwickelt.

Bei genauerem Hinsehen ist es jedoch zu bezweifeln, dass eine solche modernisierte Planwirtschaft den Allokationstest bestehen würde. Erstens müsste die Anzahl der Produktvarianten erheblich begrenzt werden, damit das gesamtwirtschaftliche Planungsproblem bewältigt werden kann. In unserem Zeitalter der Produktdifferenzierung und der maßgeschneiderten Produktion würde die erforderliche Einschränkung des Sortiments eine harte Umstellung darstellen. Zweitens fehlt in diesem System ein adäquater Ersatz für den heutigen Unternehmer und damit für einen leistungsstarken Motor der Innovationstätigkeit. Denn weitreichende Innovationen sind schwer über einen demokratisch erstellten Zentralplan umzusetzen. Bei kollektiven Entscheidungen setzen sich nämlich in der Regel die Kräfte des Status quo – wie Bequemlichkeit und Furcht vor dem Neuen – über diejenigen des Wandels durch. Deswegen würde es nicht gelingen, in der Planwirtschaft eine ähnlich robuste strukturelle Entwicklung zu erreichen, wie sie der Eigensinn und die Risikobereitschaft einiger Unternehmer im Kapitalismus hervorruft. Genau dieser strukturelle Wandel ist aber Voraussetzung für eine andauernde Vermehrung des Wohlstands.

Fußnoten

1.
Für eine ausführlichere Diskussion dieses Ansatzes sowie deren Ergebnisse vgl. Giacomo Corneo, Bessere Welt. Hat der Kapitalismus ausgedient? Eine Reise durch alternative Wirtschaftssysteme, Wien 2014.
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Autor: Giacomo Corneo für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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