"Privat"

19.8.2015 | Von:
Holger Martens

Anders Wirtschaften – genossenschaftliche Selbsthilfe

Geschichte der Genossenschaften in Deutschland

Auch in Deutschland bildeten die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Ausgangspunkt für genossenschaftliche Einrichtungen. Schlechte Ernährung, unzureichende Wohnverhältnisse und unstete Beschäftigung führten zu einer Verelendung breiter Bevölkerungskreise. Das starke Bevölkerungswachstum verschärfte die Situation. Witterungsbedingte Ernteausfälle lösten in den 1840er Jahren Hungerkrisen aus. Bei der Suche nach einer Lösung der "Sozialen Frage" schauten Sozialreformer auch nach England. Einer von ihnen, Victor Aimé Huber, reiste 1844 nach Manchester, befasste sich mit den Ideen von Robert Owen und gilt heute als Wegbereiter des sozialen Wohnungsbaus.[2] In Großstädten wie Hamburg kam es frühzeitig zur Gründung genossenschaftlicher Organisationen, für die zunächst die Bezeichnung "Assoziation" Verwendung fand. 1849 wurde die Assoziation "Vereinigte Zigarrenarbeiter" gegründet. Bald darauf engagierte sich der Hamburger Bürgerverein für eine Verbraucherorganisation zum Einkauf von Lebensmitteln. Vorreiter bei der Gründung von Konsumgenossenschaften war der nationalliberale Bankier Eduard Pfeiffer, dessen in den 1860er Jahren entwickelten Ideen in der Arbeiterbewegung zunächst keinen Anklang fanden. Der Arbeiterführer Ferdinand Lassalle erteilte der liberalen Idee der Selbsthilfe eine Absage und lehnte Konsumgenossenschaften ab. Nach dem "ehernen Lohngesetz" war er davon überzeugt, dass sich der Arbeitslohn an den notwendigen Kosten für den Lebensunterhalt orientieren würde. Der gemeinschaftliche Einkauf nützte in dieser Perspektive ausschließlich dem Arbeitgeber.[3]

Zu den frühen Protagonisten der Genossenschaftsbewegung gehörten Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Beide gründeten Selbsthilfeorganisationen zur Linderung der Not und erkannten bald, dass in den Kleinstädten und auf dem Land Krediteinrichtungen fehlten. Raiffeisens Darlehenskassen und Warengenossenschaften waren auf die Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung zugeschnitten und fanden schnell Verbreitung. Ob Molkerei-, Wasser- oder Maschinengenossenschaft, die Idee der Selbsthilfe legte den Grundstein für eine Innovations- und Modernisierungsphase auf dem Land. Das Modell fand weltweite Verbreitung.[4]

Hermann Schulze-Delitzsch konzentrierte sich vor allem auf die gewerblichen Genossenschaften des Handwerks und die Vorschussvereine, aus denen später die Volksbanken hervorgingen. Um 1853 führte er für seine Selbsthilfeeinrichtungen das Wort "Genossenschaft" ein. Der Jurist und Politiker entwarf einen gesetzlichen Rahmen für die eingetragene Genossenschaft und schuf damit eine neue Unternehmensform. Preußen verabschiedete am 27. März 1867 das erste Genossenschaftsgesetz. Mit der gesetzlichen Anerkennung wurde die Genossenschaft auf eine Stufe mit der Aktiengesellschaft gestellt. Mehr noch, die Werteorientierung der Genossenschaft stellte einen Gegenentwurf zur Aktiengesellschaft dar. Nicht das Kapital stand im Mittelpunkt, sondern das Mitglied. Dabei wurden auch demokratische Prinzipien verwirklicht. Jedes Mitglied hatte unabhängig von seinen Kapitalanteilen eine Stimme.[5]

Die Erfahrungen der ersten Jahre gingen in das überarbeitete Genossenschaftsgesetz vom 1. Mai 1889 ein. Die wichtigsten Änderungen waren die Einführung der beschränkten Haftung und die Revisionspflicht. Der in Paragraf 1 definierte Kern der Genossenschaftsidee blieb unverändert: Die Genossenschaft diente dem Zweck "der Förderung des Erwerbs oder der Wirtschaft ihrer Mitglieder mittelst gemeinschaftlichen Geschäftsbetriebes".[6] Die Einführung der beschränkten Haftung bewirkte einen Gründungsboom. Die Zahl der eingetragenen Genossenschaften stieg von 6800 im Jahr 1890 auf 18000 im Jahr 1900 und auf über 40000 im Jahr 1920.[7] Die meisten entstanden im Zusammenhang mit der landwirtschaftlichen Produktion. Die beschränkte Haftung erlaubte Beamten, Arbeitern und Angestellten mit kleinen und mittleren Einkommen, sich mit begrenztem Risiko in den städtischen Industrie- und Verwaltungszentren zu organisieren und Baugenossenschaften ins Leben zu rufen.

Auch die Arbeiterbewegung entdeckte die Genossenschaft für sich. Besonders erfolgreich waren die als Verbraucherorganisationen gegründeten Konsumgenossenschaften. In der Weimarer Republik rückte der Wohnungsbau stärker in den Mittelpunkt. In den ersten Nachkriegsjahren kam es zu einer erneuten Gründungswelle. So stieg die Zahl der Baugenossenschaften von 764 im Jahr 1908 auf 4054 im Jahr 1933.[8] Ein Großteil der Baugenossenschaften, aber auch andere waren gemeinnützig orientiert. 1929 existierten über 52000 Genossenschaften, knapp 11000 Aktiengesellschaften und rund 46000 GmbHs.[9] Die Genossenschaften waren damit eine weitverbreitete Unternehmensform, die das Wirtschaftsleben prägte und die Möglichkeit, anders zu wirtschaften, nicht nur unter Beweis gestellt hatte, sondern deren Lösungspotenzial im Rahmen der Selbsthilfe in wirtschaftlich schwierigen Zeiten auch genutzt wurde.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 führte zu tief greifenden Veränderungen im Genossenschaftswesen. Die Mitglieder in den ländlichen Genossenschaften standen den neuen Machthabern noch am ehesten nahe. Die Konsumgenossenschaften als Machtbasis der Arbeiterbewegung wurden aufgelöst und in die Deutsche Arbeitsfront eingegliedert.[10] Bei den Wohnungsbaugenossenschaften eliminierten die Nationalsozialisten regimekritische Führungskräfte mit dem Gesetz zur Sicherung der Gemeinnützigkeit im Wohnungswesen vom 14. Juli 1933. Als gemeinnützig anerkannte Wohnungsbaugenossenschaften waren bereits seit dem 1. Dezember 1930 verpflichtet, einem genossenschaftlichen Prüfungsverband anzugehören. Die Nationalsozialisten beseitigten die bunte Verbandslandschaft und schalteten insbesondere die der Arbeiterbewegung nahestehenden Verbände aus. Gesetzlich geregelt wurde die Aufteilung Deutschlands in regionale Verbandsbezirke. Die Wohnungsbaugenossenschaften hatten dem für ihr Gebiet zuständigen Verband anzugehören. Damit wurde eine zentral ausgerichtete Struktur geschaffen, die ganz im Sinne des "Führerprinzips" eine Einflussnahme der Nationalsozialisten über die Regionalverbände auf die Genossenschaften ermöglichte.[11] Mit der Novelle des Genossenschaftsgesetzes vom 30. Oktober 1934 wurde die Pflichtmitgliedschaft in einem Prüfungsverband für alle Genossenschaften verbindlich.[12]

Nach 1945 konnte das Genossenschaftswesen nicht mehr an die Gründungseuphorie der Weimarer Zeit anknüpfen. Das NS-Wirtschaftssystem insgesamt und die Restriktionen gegen die Genossenschaften hatten die Genossenschaftsidee ins Abseits gedrängt. Da die Pflichtmitgliedschaft nach 1945 nicht aufgehoben wurde, waren Neugründungen von der Zustimmung eines Prüfungsverbandes abhängig. Von 1960 bis 1990 ging die Zahl der Genossenschaften in Westdeutschland von 27140 auf 8769 zurück.[13] Durch die deutsche Wiedervereinigung 1990 wurde die öffentliche Wahrnehmung der Genossenschaften gestärkt. In der DDR gab es eine große Anzahl von Genossenschaften mit erheblichen "Marktanteilen". Die Konsumgenossenschaften besorgten rund 40 Prozent des Lebensmittelumsatzes, die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) bewirtschafteten 95 Prozent des Ackerlandes. In der DDR fand allerdings das Genossenschaftsgesetz von 1889 keine Anwendung mehr. Stattdessen waren verbindliche Mustersatzungen bestimmend.[14]

Die ostdeutschen Genossenschaften hatten die Möglichkeit, im Wege der Umwandlung in die bundesdeutsche Rechtsform eG – eingetragene Genossenschaft – zu wechseln. Vor allem die rund 750 Wohnungsbaugenossenschaften mit etwa 1,2 Millionen Wohnungen und die aus den LPGs hervorgegangenen gut 1000 Agrargenossenschaften, die in Ostdeutschland etwa ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche bewirtschaften, sind bedeutende Wirtschaftsfaktoren.[15]

Fußnoten

2.
Vgl. ebd., S. 167–192.
3.
Vgl. ebd., S. 235–254.
4.
Vgl. ebd., S. 323–386.
5.
Vgl. ebd., S. 193–233.
6.
Vgl. Holger Martens, Die Diskussion des Genossenschaftsgesetzes im Spiegel der Reichstagsparteien, in: Heinrich-Kaufmann-Stiftung (Hrsg.), Hermann Schulze-Delitzsch und die Konsum-, Produktiv- und Wohnungsgenossenschaften. Beiträge zur 3. Tagung zur Genossenschaftsgeschichte, Norderstedt 2011, S. 44–55.
7.
Zahlen nach den Jahresberichten des Deutschen Genossenschaftsverbandes.
8.
Vgl. H. Faust (Anm. 1), S. 520f.
9.
Vgl. Wilhelm Kaltenborn, Verdrängte Vergangenheit. Die historischen Wurzeln des Anschlusszwanges der Genossenschaften an Prüfungsverbände, Norderstedt 2015, S. 26–29.
10.
Vgl. Jan-Frederic Korf, Von der Konsumgenossenschaftsbewegung zum Gemeinschaftswerk der Deutschen Arbeitsfront, Norderstedt o.J. (2008).
11.
Vgl. Ulrike Haerendel, Wohnungspolitik im Nationalsozialismus, in: Zeitschrift für Sozialreform, 45 (1999) 10, S. 862–865.
12.
Vgl. W. Kaltenborn (Anm. 9), S. 20–22.
13.
Zu den Zahlen: Deutsche Genossenschaftskasse (Hrsg.), Die Genossenschaften in der Bundesrepublik Deutschland 1974/75, Neuwied 1975, S. 76; Michael Stappel, Die deutschen Genossenschaften 2008. Entwicklung – Meinungen – Zahlen, Wiesbaden 2008, S. 39.
14.
Vgl. Hans-Joachim Herzog, Genossenschaftliche Organisationsformen in der DDR, Tübingen 1982, S. 27.
15.
Vgl. Barbara Crome, Entwicklung und Situation der Wohnungsgenossenschaften in Deutschland, in: Informationen zur Raumentwicklung, (2007) 4, S. 211–221, hier: S. 214; Deutscher Raiffeisen Verband, Agrargenossenschaften. Von LPG’en zu Genossenschaften, o.D., http://www.raiffeisen.de/uebersicht-der-genossenschaftssparten/agrargenossenschaften/« (28.7.2015)
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Autor: Holger Martens für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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