"Privat"

19.8.2015 | Von:
Holger Martens

Anders Wirtschaften – genossenschaftliche Selbsthilfe

Genossenschaften heute

Bis heute ist die Gründung einer Genossenschaft im Vergleich zu anderen Unternehmensformen kompliziert, aufwendig und teuer. Jede Genossenschaft – egal welche Größe angestrebt wird – muss einem genossenschaftlichen Prüfungsverband angehören, der für die Gründungsprüfung und die regelmäßig wiederkehrende genossenschaftliche Prüfung zuständig ist.[16] Nur mit der positiven Einschätzung des Geschäftsmodells durch den Prüfungsverband können potenzielle Genossenschaftsgründer die Eintragung ihres Unternehmens in das Genossenschaftsregister erreichen. Unabhängig von dem Betätigungsfeld ist die Genossenschaft wie auch die GmbH als "Formkaufmann" dem Handelsgesetzbuch unterworfen und damit von Anbeginn zur doppelten Buchführung mit Jahresabschluss und Bilanzveröffentlichung verpflichtet. Die reinen Organisationskosten belaufen sich damit auch für kleine Genossenschaften auf etwa 2500 Euro pro Jahr.[17]

Neben dieser Hürde fehlt auch der wirtschaftliche Anreiz für Unternehmens- und Steuerberater. Ihnen gehen die genossenschaftlichen Mandate durch die Pflichtmitgliedschaft in einem Genossenschaftsverband schnell verloren.[18] Das Spezialwissen über Genossenschaften, das zusätzlich noch erworben werden müsste, bringt keine Erlöse. Der Mangel an Sachverstand macht sich insbesondere bei der Beratung von Neu- und Existenzgründungen bemerkbar.[19]

Die Reform des Genossenschaftsgesetzes von 2006 hat die Gründung erleichtert, nur noch drei statt bisher sieben Mitglieder sind erforderlich. Durch Vereinfachungen bei der Prüfung konnten die Kosten für kleine Genossenschaften gesenkt werden. Zudem wurde die Möglichkeit befördert, gemeinnützige Genossenschaften in sozialen und kulturellen Bereichen zu gründen. Seither ist die Zahl der Neugründungen gestiegen. Lag diese 2003 noch bei 60, erreichte sie 2011 einen vorläufigen Höhepunkt mit 353 Genossenschaftsgründungen, seither sind die Zahlen wieder leicht rückläufig.[20]

Von den fast 2000 Genossenschaften, die seit 2006 gegründet wurden, entstanden rund 850 im Bereich erneuerbare Energien: Anlagen für Photovoltaik, Biogas, Windkraft sowie Nahwärmenetze und Bioenergiedörfer. Die Gründung von Energiegenossenschaften ist von den Genossenschaftsverbänden durch die Entwicklung von Blaupausen massiv unterstützt worden.[21] Umwelt, Energie und Wasser standen 2013 bei fast 60 Prozent der Neugründungen im Mittelpunkt. Allerdings muss man feststellen, dass viele dieser "Genossenschaften" keinen Förderauftrag für ihre Mitglieder erfüllen, sondern eher Kapitalanlagefonds darstellen. Deutlich abgeebbt ist die Gründungswelle in diesem Segment 2014 als Folge der sinkenden Förderung im Zusammenhang mit der Reform des Erneuerbare Energien Gesetzes.[22] An zweiter Stelle standen 2013 bei den Neugründungen mit 12 Prozent Dienstleistungsgenossenschaften. Auch Sozialgenossenschaften liegen im Trend, von Januar bis Juni 2014 gab es hier 19 Neugründungen.[23]

Die positive Entwicklung hat dazu geführt, dass die Zahl der genossenschaftlichen Unternehmen seit 2009 wieder angestiegen ist und Ende 2013 bei 8007 mit fast 22 Millionen Mitgliedern und über 930000 Mitarbeitern lag.[24] Begünstigt wurde die Entwicklung seit der Jahrtausendwende durch die Finanzmisere der öffentlichen Haushalte, die ab Ende der 1990er Jahren zu einer Reihe von Privatisierungen geführt hatte, sowie durch die Immobilienkrise von 2007, die sich zur Wirtschaftskrise ausweitete. Zugleich haben auch die Genossenschaften durch das UN-Jahr der Genossenschaften 2012, die Dekadenstrategie des Internationalen Genossenschaftsbundes (IGB) für 2012 bis 2020 und die Nominierung der Genossenschaftsidee als immaterielles Weltkulturerbe bei der UNESCO auf sich aufmerksam gemacht.[25]

Angesichts leerer Kassen in den Kommunen stellt das Genossenschaftsmodell wieder, wie nach dem Ersten Weltkrieg, als viele Städte und Gemeinden der Wohnungsnot mit der Gründung kommunaler Wohnungsunternehmen oder der Unterstützung von Genossenschaftsinitiativen begegneten, eine Alternative dar. Ob "Bürgerschwimmbäder", "Dorfladengenossenschaft" oder "Abfallgenossenschaft": Eine Reihe von Beispielen zeigt, dass Genossenschaften in den Bereichen der kommunalen Infrastruktur und Daseinsvorsorge erfolgreich arbeiten. Hier bringen Genossenschaftsmitglieder ohne Gewinnorientierung bürgerschaftliches Engagement ein, um dem Gemeinwohl dienende Angebote aufrechtzuerhalten.[26]

Genossenschaftliches Wirtschaften – eine Alternative nach der Finanzkrise?

Seit dem Bankencrash von 2008, der in eine weltweite Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise mündete, steht die kapitalistische Wachstumspolitik, die auf gesamtwirtschaftliche, soziale und ökologische Folgen kaum Rücksicht nimmt, wieder verstärkt in der Kritik. Das Bedürfnis nach Vertrauen, Verlässlichkeit und Sicherheit hat die öffentliche Wahrnehmung der Genossenschaften verändert. Kreditgenossenschaften mit ihrer regionalen Ausrichtung haben sich als Stabilitätsfaktor in der Krise erwiesen. Sie verzeichnen steigenden Einlagenzufluss und eine wachsende Mitgliederzahl.[27]

Bei der Suche nach Alternativen erweist sich die Genossenschaft als modernes, innovatives und nachhaltiges Modell. Die demokratische Struktur – jedes Mitglied eine Stimme – ermöglicht die gleichberechtigte Mitwirkung. Das Genossenschaftsmitglied wird selbst zum Akteur. Es bestimmt die Werte und die Ziele der unternehmerischen Tätigkeit mit. Zwar muss auch die Genossenschaft ertragsorientiert arbeiten, um sich in der Marktwirtschaft zu behaupten, der Verzicht auf eine Gewinnmaximierung eröffnet jedoch Handlungsspielräume, die je nach Ausrichtung der Genossenschaft ausgestaltet werden können.[28] Die Wohnungsbaugenossenschaft bietet hochwertigen Wohnraum bei vergleichsweise niedriger Miete. Die Kreditgenossenschaft sorgt mit ihrer regionalen Verankerung für Kundennähe und Vertrauen. Die Energiegenossenschaft erzeugt umweltfreundlichen Strom und leistet damit einen Beitrag zur Energiewende. Die Kaffeegenossenschaft organisiert einen fairen Handel mit den Kaffeebauern. Die Sozialgenossenschaft ermöglicht, dass Menschen eigene Lösungen für ihre sozialen Bedürfnisse finden. Da sich der Zweck der Genossenschaft auf die Bedürfnisse der Mitglieder richtet, ist Nachhaltigkeit fester Bestandteil genossenschaftlichen Wirtschaftens.

Außerdem wird das Genossenschaftsmodell für geeignet gehalten, einen Beitrag zur Lösung der Nachfolgefrage in Unternehmen zu leisten. Ein Problem, das sich durch oft fehlende Familienangehörige als Nachfolger zuspitzt. Genossenschaften könnten zudem den Kooperationsbedarf im Handwerk lösen und werden für die Kultur- und Kreativwirtschaft empfohlen.[29] Gerade für die besonders innovative und als Zukunftsbranche identifizierte Kultur- und Kreativwirtschaft scheint die Genossenschaft eine vielversprechende Alternative zu sein. Bereits heute liegt die Branche nach der Zahl der Beschäftigten nahezu gleichauf mit dem Spitzenreiter Maschinenbau. Zugleich ist in keiner Branche der Anteil der Selbstständigen und Freiberufler so hoch. Bei der Unternehmensgröße dominieren die Kleinstunternehmen – Umsatz bis 2 Million Euro – mit 97 Prozent; bei rund 80 Prozent handelt es sich um Solo-Gründungen.[30] Synergieeffekte, die genossenschaftliche Zusammenschlüsse bei dieser Struktur erzielen könnten, ergeben sich aus einem gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb, einer arbeitsteiligen Auftragsabwicklung und einer Kompetenzerweiterung. Hier existieren die Voraussetzungen für eine nachhaltige Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Genossenschaftsmitglieder und damit ein Potenzial für eine Gründungswelle mit gesamtgesellschaftlicher Strahlkraft.

Fazit

Während in anderen europäischen Ländern, etwa in Skandinavien oder Italien, die Genossenschaftslandschaft sehr viel bunter und aktiver ist, bleibt Deutschland hinter den Möglichkeiten zurück. Die Gründungshemmnisse sind bekannt; Verbesserungsvorschläge für Gründungsberatung und Förderung von Genossenschaften liegen auf dem Tisch. Der Vorschlag zur Einführung einer Kooperationsgesellschaft für kleine Genossenschaften mit dem Ziel, einen "Bürokratieabbau bei Genossenschaften" einzuführen, ist zwar für viele potenzielle Genossenschaftsgründer interessant, trifft allerdings bei den um ihr Prüfungsmonopol fürchtenden Genossenschaftsverbänden auf wenig Zustimmung.[31]

Obwohl dem Genossenschaftsmodell Lösungspotenzial für eine Reihe von aktuellen Themen zugeschrieben wird, fehlt der Gründungsschub, der es als Alternative erkennbar macht. Veränderungen muss es in drei Bereichen geben:

Erstens, die genossenschaftliche Rechtsform muss soweit entschlackt, entbürokratisiert und von unnötigen Kosten befreit werden, dass sie wieder mit der GmbH und dem eingetragenen Verein konkurrieren kann.

Zweitens, die öffentlichen Förderstrukturen sind an die Besonderheiten der Genossenschaften anzupassen, und Gründungshemmnisse sind abzubauen. Das Genossenschaftsmodell muss so attraktiv sein, dass Unternehmens- und Steuerberater es nicht länger bei der Gründungsberatung ignorieren können. Hier wie bei der Gestaltung der Rechtsform ist der Gesetzgeber gefordert, bessere Rahmenbedingungen herzustellen – eine Aufgabe, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, da die Förderung der genossenschaftlichen Selbsthilfe in mehreren Bundesländern Verfassungsrang genießt.[32]

Drittens fehlt es an Menschen, die bereit sind, das Wagnis einer Genossenschaftsgründung auf sich zu nehmen. Gefragt ist praxisorientiertes Coaching, das sich auch an Nicht-Ökonomen wendet und denen eine Chance bietet, die ihre Ideen über das Profitstreben stellen. Stéphane Hessel hat in seiner Schrift "Empört Euch" angesichts der Finanzkrise gefordert, dass "Ethik, Gerechtigkeit, nachhaltiges Gleichgewicht" unser Handeln bestimmen müssen.[33] Der Genossenschaftswissenschaftler Hans-H. Münkner erinnert an die Kraft der organisierten Selbsthilfe mit dem Aufruf: "Organisiert Euch in Genossenschaften".[34] Dem bleibt nur hinzuzufügen: Gründet Genossenschaften!

Fußnoten

16.
Vgl. Herbert Klemisch/Walter Voigt, Genossenschaften und ihre Potenziale für eine sozial gerechte und nachhaltige Wirtschaftsweise, Bonn 2012, S. 59; Hans-H. Münkner, Organisiert Euch in Genossenschaften! Anders Wirtschaften für eine bessere Welt, Berlin 2014, S. 57.
17.
Bei der Historiker-Genossenschaft eG beispielsweise betragen die Organisationskosten 2443 Euro, darin enthalten: Prüfungskosten anteilig für ein Jahr, Erstellung des Jahresabschlusses und der Steuererklärungen, Steuerberatung, Bilanzveröffentlichung im Bundesanzeiger, Mitgliedsbeitrag Genossenschaftsverband, Beitrag Handelskammer.
18.
Vgl. H. Klemisch/W. Voigt (Anm. 16), S. 57.
19.
Symptomatisch für die Situation ist ein Artikel über Unternehmensrechtsformen in der Zeitschrift der Hamburger Handelskammer "Hamburger Wirtschaft" vom April 2014, S. 60f. Der Beitrag, der vermittelt, dass hier alle für Unternehmensgründungen in Frage kommenden Rechtsformen aufgeführt sind, verschweigt die Existenz von Genossenschaften. Auf Nachfrage wurde mitgeteilt, dass sich die Darstellung aus Platzgründen "auf die am häufigsten vorkommenden Rechtsformen beschränken" musste. Ferner wurde argumentiert, dass bei Neugründungen die Genossenschaft kaum vorkomme. E-Mail von Hennig Raddatz von der Handelskammer Hamburg an den Verfasser vom 31.3.2014.
20.
2012: 333; 2013: 332; 2014: nach Schätzungen etwa 250. Vgl. Michael Stappel, Die deutschen Genossenschaften 2014. Entwicklung – Meinungen – Zahlen, Wiesbaden 2014, S. 6f.
21.
Vgl. H. Klemisch/W. Voigt (Anm. 16), S. 50f.
22.
Vgl. M. Stappel (Anm. 13), S. 6.
23.
Vgl. ebd., S. 7.
24.
Vgl. ebd., S. 8.
25.
Vgl. H.-H. Münkner (Anm. 16), S. 53–56; Deutsche UNESCO-Kommission, Genossenschaften als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit nominiert, März 2015, http://www.unesco.de/kultur/2015/nominierung-genossenschaften.html« (28.7.2015).
26.
Vgl. H. Klemisch/W. Voigt (Anm. 16), S. 36–41.
27.
Vgl. Michael Stappel, Genossenschaften in Deutschland. Eine Studie aus Anlass des Internationalen Jahres der Genossenschaften, Frankfurt/M. 2011, S. 4; ders. (Anm. 13), S. 8.
28.
Vgl. Marleen Thürling, Genossenschaftliche Neugründungen: Lösungspotential in Zeiten der Krise?, in: Frank Schulz-Nieswandt/Ingrid Schmale (Hrsg.), Entstehung, Entwicklung und Wandel von Genossenschaften, Berlin 2013, S. 85–109, hier: S. 90.
29.
Vgl. H. Klemisch/W. Voigt (Anm. 16), S. 53; H.-H. Münkner (Anm. 16), S. 43–52.
30.
Vgl. Monitoring zu ausgewählten wirtschaftlichen Eckdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft 2013. Bericht im Rahmen des Projekts "Stand und Perspektiven der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft 2013–2015" im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi), Dezember 2014, S. 20–26.
31.
Zur aktuellen Diskussion: BMWi, Potenziale und Hemmnisse von unternehmerischen Aktivitäten in der Rechtsform der Genossenschaft, Sitzung des AWK-AK 1.6 "Bürokratieentlastung des Dritten Sektors und des bürgerlichen Engagements", Köln, 27.1.2015.
32.
Bayern, Art. 153; Hessen, Art. 43, 44; Nordrhein-Westfalen, Art. 28; Rheinland-Pfalz, Art. 65; Hamburg, Präambel.
33.
Vgl. Stéphane Hessel, Empört Euch!, Berlin 2011, S. 20.
34.
Vgl. H.-H. Münkner (Anm. 16), S. 58f.
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Autor: Holger Martens für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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