Fauler Apfel

21.9.2015 | Von:
Karim Fereidooni
Mona Massumi

Rassismuskritik in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern

Erscheinungsformen von Rassismus

Während die normative Wirklichkeit in der Bundesrepublik (mehrheitlich) von dem Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes und des Antidiskriminierungsschutzes geprägt ist, weist die gesellschaftliche Realität egalitätsverweigernde und somit auch rassistische Strukturen auf: So haben zwar weiße Deutsche, Deutsche of Color beziehungsweise Schwarze Deutsche auf dem Papier dieselben Rechte, doch in der alltäglichen Praxis besitzen die Erstgenannten mehr (un)sichtbare Privilegien als die beiden anderen Gesellschaftsgruppen.[12]

Die Rassismusforscherin Philomena Essed definiert Alltagsrassismus als latente und subtile Form des Rassismus, die "eine Ideologie, eine Struktur und einen Prozess (darstellt), mittels derer bestimmte Gruppierungen auf der Grundlage tatsächlicher oder zugeschriebener biologischer oder kultureller Eigenschaften als wesensmäßig andersgeartete und minderwertige ‚Rassen‘ oder ethnische Gruppen angesehen werden. In der Folge dienen diese Unterschiede als Erklärung dafür, dass Mitglieder dieser Gruppierungen vom Zugang zu materiellen und nicht-materiellen Ressourcen ausgeschlossen werden."[13] Die Wirkungsweise von Rassismus beschreibt sie wie folgt: "Rassismus als Ideologie wird auf sozialer Ebene reproduziert. Er wird mitgeteilt und weitergeleitet über formelle und informelle Kanäle. Auf der formellen Ebene erfolgt die Vermittlung des Rassismus durch politische Abhandlungen, durch die Medien und auf dem Bildungssektor. Die informelle Weiterleitung des Rassismus wird erzeugt bei der Sozialisation in der Familie, bei Gesprächen in der Nachbarschaft, unter Freunden und in anderen privaten Sphären."[14]

Diese Definition deckt sich mit derjenigen der Diversity-Forscherin Maureen Maisha Eggers, die vier Elemente herausgearbeitet hat, die "Rassismus als gesellschaftliches Ordnungsprinzip" ausmachen: erstens die "Kategorisierung weiße und ‚nicht-weiße‘ Menschen (Markierungspraxis)"; zweitens die "Feststellung der ‚Andersheit‘ von rassistisch markierten Menschen (Differenzierungspraxis)"; drittens die "Festlegung der Minderwertigkeit ihres moralischen Status (hierarchische Positionierung)" sowie viertens "ihr Ausschluss aus dem zivilpolitischen Regulationssystem (…) (Ausschlusspraxis)".[15]

Das Wissen über sozial konstruierte "Rassen" und die damit einhergehenden (de)privilegierenden Dimensionen verorten beide Wissenschaftlerinnen unter anderem in der Sozialisation von Gesellschaftsmitgliedern. Somit wächst jeder Mensch, der in Deutschland sozialisiert wird, mit Wissen auf, das als "rassistisches Wissen"[16] bezeichnet werden kann. Dieses führt dazu, die eigene Gesellschaft und die eigene sozial konstruierte "weiße Rasse" als anderen Gesellschaften und anderen sozial konstruierten "Rassen" überlegen anzusehen. Bereits Kleinkinder besitzen rassistisches Wissen und benutzen dieses, um sich selbst und ihr soziales Umfeld zu kategorisieren.[17]

Der institutionelle Rassismus unterscheidet sich in zweifacher Hinsicht vom direkten Rassismus: Zum einen ist er in seiner Entstehungs- und Wirkungsform komplexer als der direkte Rassismus, weil die aus ihm resultierenden Benachteiligungen zum Teil von den rassistischen Personen nicht mutwillig ausgehen beziehungsweise nicht beabsichtigt sind. Die Ungleichbehandlung geht nicht von der einzelnen Politikerin oder dem einzelnen Lehrer aus, sondern von dem Netz der Institutionen, deren Maßnahmen in der Erziehung, Wirtschaft und Rechtsprechung kumulativ wirken und in der Summe den Zustand rassistischer Diskriminierung bewirken.[18] Der institutionelle Rassismus wird auch indirekter oder versteckter Rassismus genannt, weil bei ihm die Handlung nicht von (rassistisch) diskriminierenden Einzelhandlungen, sondern durch Organisationsprozesse innerhalb von Institutionen und somit von systeminhärenten Strukturen ausgeht.[19] Dieser Umstand macht sowohl seine Benennung als auch seine Bekämpfung zu einer vielschichtigeren Aufgabe als die Beseitigung von offenem, direktem Rassismus. Zum anderen gründet sich der direkte Rassismus auf die unterschiedliche Behandlung von Gesellschaftsmitgliedern aufgrund ihrer sozial konstruierten "Rasse", wohingegen der institutionelle Rassismus seine negativen Auswirkungen auch entfaltet, wenn alle Personen, trotz ungleicher Privilegien, gleich behandelt werden.

Schwierigkeiten bei der Verhandlung von Rassismus

Die Ursache für einen bagatellisierenden Umgang mit dem Thema Rassismus in der Schule liegt unter anderem daran, dass es in der deutschen Gesellschaft nach wie vor schwierig ist, Handlungen und Sinnbezüge, die "rassismusrelevant" sind,[20] zu beschreiben, diese zu diskutieren und als solche zu benennen. Eine Ursache dafür ist sicherlich auch das Selbstverständnis der Bundesrepublik als postnationalsozialistischer Staat, in dem es seit 1945 offiziell keinen Rassismus mehr gibt.

Nachfolgend werden vier Distanzierungsmuster beschrieben, die eine rassismuskritische Auseinandersetzung in der deutschen Gesellschaft im Allgemeinen und in der Schule im Speziellen behindern:[21]
  1. Diagnosen als Skandal Die gesellschaftliche Inszenierung von Rassismus als skandalöse Tat, die eine Besonderheit im gesellschaftlichen Umgang darstellt und als außerordentlicher Eklat zwischenmenschlicher Interaktion gewertet wird, kann der alltäglichen Praxis des Rassismus nicht gerecht werden, weil Schwarze deutsche Schülerinnen beziehungsweise Schüler of Color Rassismus in ihrer Lebenswirklichkeit regelmäßig wahrnehmen und davon betroffen sind.
  2. Verlagerung in den (Rechts-)Extremismus Die Verlagerung von Rassismus in das rechtsextreme Milieu und die Annahme, dass rassistisches Wissen nur von einigen wenigen Rechtsextremen geteilt wird, ist nicht geeignet, um im schulischen Kontext die Ursachen- und Wirkungszusammenhänge des gesellschaftlichen Rassismus zu analysieren und wirkungsvolle Rassismuskritik zu betreiben. Stattdessen muss anerkannt werden, dass bürgerliche Schichten, die die Mitte der Gesellschaft symbolisieren (unter anderem Lehrkräfte), rassistisches Wissen (re)produzieren.
  3. Kulturalisierung Im zeitgenössischen Rassismus hat die Unterscheidungskategorie der Kultur an Einfluss gegenüber der historischen Differenzierungsgrundlage der biologischen "Rasse" gewonnen,[22] sodass nun die Zugehörigkeitsunterscheidung, die maßgeblich für die gesellschaftliche Macht- und Privilegienvergabe verantwortlich ist, (auch) entlang (fiktiver) kultureller Grenzziehungen verläuft.
  4. Verschiebung in die Vergangenheit Ein wichtiger Grund, warum die Ursachen- und Wirkungsanalyse von Rassismus in der Gesellschaft und in der Schule gegenwärtig nur unzureichend betrieben werden kann, ist der Umstand, dass die alltägliche Praxis des zeitgenössischen Rassismus in der hiesigen Gesellschaft weitgehend negiert und stattdessen vor allem auf die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft bis 1945 bezogen wird.

Fußnoten

12.
Ein Beispiel für Ungleichbehandlung ist das sogenannte racial profiling. Der Begriff "People of Color bezieht sich auf alle rassifizierten Menschen, die in unterschiedlichen Anteilen über afrikanische, asiatische, lateinamerikanische, arabische, jüdische, indigene oder pazifische Herkünfte oder Hintergründe verfügen. Er verbindet diejenigen, die durch die Dominanzkultur marginalisiert sowie durch Gewalt kolonialer Tradierungen und Präsenzen kollektiv abgewertet werden." Kien Nghi Ha, People of Color – Koloniale Ambivalenzen und historische Kämpfe, in: ders. et al. (Hrsg.), Re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland, Münster 2007, S. 31–40, hier: S. 37.
13.
Philomena Essed, Rassismus und Migration in Europa, Hamburg 1992, S. 375.
14.
Dies., Die Niederländer als Alltagsproblem. Einige Anmerkungen zum Charakter des Weißen Rassismus, in: dies./Chris Mullard, Antirassistische Erziehung. Grundlagen und Überlegungen für eine antirassistische Erziehungstheorie, Felsberg 1991, S. 11–44, hier: S. 15.
15.
Maureen Maisha Eggers, Rassifizierte Machtdifferenz als Deutungsperspektive in der Kritischen Weißseinsforschung in Deutschland, in: dies. et al. (Hrsg.), Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster 20092, S. 57, S. 59.
16.
Mark Terkessidis, Die Banalität des Rassismus. Migranten zweiter Generation entwickeln eine neue Perspektive, Bielefeld 2004, S. 10.
17.
Vgl. Maureen Maisha Eggers, Rassifizierung und kindliches Machtempfinden. Wie schwarze und weiße Kinder rassifizierte Machtdifferenz verhandeln auf der Ebene der Identität, Diss., Kiel 2005, http://macau.uni-kiel.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dissertation_derivate_00002289/Dissertation_Maureen_Eggers.pdf;jsessionid=35E99F8E3A5A50F1D646853B35A04281« (18.9.2015).
18.
Vgl. Michael Bommes/Frank-Olaf Radtke, Institutionelle Diskriminierung von Migrantenkindern. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule, in: Zeitschrift für Pädagogik, 39 (1993) 3, S. 483–491.
19.
Vgl. Mechtild Gomolla/Frank-Olaf Radtke, Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule, Wiesbaden 20093.
20.
Anja Weiß, Rassismus wider Willen. Ein anderer Blick auf eine Struktur sozialer Ungleichheit, Wiesbaden 20132, S. 81.
21.
Vgl. Wiebke Scharathow, Risiken des Widerstandes. Jugendliche und ihre Rassismuserfahrungen, Bielefeld 2014, S. 29f.; Astrid Messerschmidt, Distanzierungsmuster. Vier Praktiken im Umgang mit Rassismus, in: Anne Broden/Paul Mecheril (Hrsg.), Rassismus bildet. Bildungswissenschaftliche Beiträge zu Normalisierung und Subjektivierung in der Migrationsgesellschaft, Bielefeld, S. 41–57; Paul Mecheril et al. (Anm. 6), S. 162f.
22.
Vgl. Étienne Balibar, Gibt es einen "neuen Rassismus"?, in: Das Argument, 45 (1989) 252, S. 707–721.
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Autoren: Karim Fereidooni, Mona Massumi für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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