Fauler Apfel

21.9.2015 | Von:
Karim Fereidooni
Mona Massumi

Rassismuskritik in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern

Notwendigkeit der Rassismuskritik

Vor diesem Hintergrund zeigt sich die dringende Notwendigkeit, insbesondere die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer so zu verändern, dass (angehende) Lehrkräfte Rassismus in der Schule nicht (re)produzieren.

In dem Beschluss der KMK "Standards für Lehrerbildung: Bildungswissenschaften" von 2004 nimmt die Förderung der Reflexion in der Lehrerbildung eine elementare Rolle ein. Insbesondere "biografisch-reflexive Ansätze" werden empfohlen.[23] In diesem Zusammenhang sollte die Ausbildung Impulse zur rassismuskritischen Reflexion liefern, damit die Dichotomisierung und Hierarchisierung ethnisch-kultureller Markierungen sowie die damit verbundenen Zuschreibungen bewusst gemacht und in einem weiteren Schritt aufgebrochen werden können.[24] Erst durch das Bewusstwerden der eigenen Sozialisation mit ihrer rassistischen Prägung kann eine Veränderung der eigenen Denk- und Verhaltensmuster erreicht werden. Die (selbst)kritische Reflexion ermöglicht schließlich, dass nach den Prinzipien der Gleichheit und Gleichberechtigung die Grundlage geschaffen werden kann, allen Kindern (sowie Eltern) gegenüber eine anerkennende sowie rassismussensible Haltung zum Ausdruck zu bringen.

Zu dieser professionellen rassismuskritischen Haltung gehört auch, Rassismuserfahrungen von Schülerinnen of Color sowie von Schwarzen deutschen Schülern ernst zu nehmen und diesen Möglichkeitsräume zu schaffen, damit sie eine Sprache finden, um Rassismus zu benennen. Zu diesem Zweck gilt es, "die eigene strukturelle Verwobenheit (…) sei es aufgrund eigener (Rassismuserfahrungen, Anm. d.A.) oder aufgrund der eigenen privilegierten (…) Position, in der Whiteness unsichtbar gemacht wird, weil es der unausgesprochenen Norm entspricht",[25] anzuerkennen und aufzuarbeiten.

Fazit

Rassismus ist Teil der Lebenswirklichkeit aller Menschen, die in Deutschland leben, unterrichtet werden und selbst unterrichten, weil jede Person sozialisationsbedingt rassistisches Wissen besitzt. Aus diesem Grund ist eine rassismusfreie Gesellschaft eine bisher unerreichte Utopie, weil "in allem, was wir wissen (…) ein Stück rassistische Wissensgeschichte" steckt.[26] Aus diesem Grund geht es darum, mit Rassismus und rassistischem Wissen sensibel und kritisch umzugehen. So sollte die (selbst)kritische Auseinandersetzung mit Rassismus in der Gesellschaft zu einem obligatorischen Bestandteil in der von der KMK erstellten Liste über die "curricularen Schwerpunkte der Bildungswissenschaften in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern" werden.[27]

"Es kommt darauf an, dass man lernt, die eigene Praxis unter dem Gesichtspunkt zu beobachten, wo versteckte latente Mechanismen (des Rassismus, Anm. d.A.) bisher nicht wahrgenommen werden konnten".[28] Weiße deutsche Lehramtsstudierende und (angehende) Lehrerinnen und Lehrer sollten sich mit ihrem Weißsein und den damit zusammenhängenden (un)sichtbaren Privilegien auseinandersetzen und diese Schritt für Schritt dekonstruieren; zudem sollten sich die (angehenden) Lehrkräfte fortwährend selbstkritisch fragen, "Was passiert (in der Schule, Anm. d. A.) eigentlich Rassismusrelevantes?"[29] Erst durch die Entkategorisierung können Individuen als solche wahrgenommen und "kollektivierende Zuschreibungen"[30] vermieden werden, sodass rassismusrelevante (pädagogische) Haltungen und Praktiken unter dem Deckmantel der Förderung nicht weiter bestehen bleiben.

Schwarze deutsche Lehramtsstudierende und angehende Lehrerinnen und Lehrer of Color sollten, angesichts ihrer selbst durchlebten rassistischen Erfahrungen, insbesondere in der eigenen Bildungsbiografie, in der Lehramtsausbildung Empowerment erfahren, um behutsam mit eigenen Kraftressourcen umzugehen und zu lernen, ihre körperliche und psychische Unversehrtheit zu wahren.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit schulischer und universitärer Rassismuskritik steckt noch in den Kinderschuhen. Um die zahlreichen Forschungslücken beziehungsweise Desiderata zu schließen, sind grundlegende empirische Studien notwendig. Beispielsweise sollte erforscht werden, wie die Leerstelle zwischen der unzureichenden rassismuskritischen Ausbildung von Lehramtsstudierenden und der anschließenden Erwartung rassismussensiblen Handelns von Lehrerinnen und Lehrern in der schulischen Praxis beseitigt werden kann. Außerdem sollte die rassismuskritische Schulbuchforschung die Lehrwerke in den Schulen kritisch analysieren und eine Neubewertung des Curriculums vornehmen.[31]

Fußnoten

23.
Vgl. KMK (Anm. 2), S. 6.
24.
Vgl. P. Mecheril et al. (Anm. 6), S. 168f.
25.
Vgl. A. Messerschmidt (Anm. 21), S. 39.
26.
Susan Arndt, Rassismus und Wissen, in: Gudrun Hentges et al. (Hrsg.), Sprache – Macht – Rassismus, Berlin, S. 17–34, hier: S. 33.
27.
KMK (Anm. 2), S. 5.
28.
M. Gomolla/F.O. Radtke (Anm. 19), S. 292.
29.
Nadine Rose, Differenz-Bildung. Zur Inszenierung von Migrationsanderen im schulischen Kontext, in: A. Broden/P. Mecheril (Anm. 21.), S. 209–233, hier: S. 229.
30.
F. Hamburger (Anm. 6), S. 89.
31.
Vgl. Elina Marmer/Papa Sow (Hrsg.), Wie Rassismus aus Schulbüchern spricht. Kritische Auseinandersetzung mit "Afrika"-Bildern und Schwarz-Weiß-Konstruktionen in der Schule. Ursachen, Auswirkungen und Handlungsansätze für die pädagogische Praxis, Weinheim 2015.
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Autoren: Karim Fereidooni, Mona Massumi für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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