Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Neil Gregor

"Mein Kampf" lesen, 70 Jahre später - Essay

Wer sich mit der Frage nach einer Lektüre von "Mein Kampf" beschäftigt, sieht sich mit zwei hartnäckigen Mythen konfrontiert. Der eine Mythos besagt, das Buch sei weithin ungelesen geblieben; der zweite, es sei – bis heute – weitgehend unlesbar. Was erstgenannten Mythos betrifft, so ist inzwischen deutlich geworden, dass er die allgemeine Haltung eines "Nicht-gelesen-haben-Wollens" widerspiegelt, die wir als "Nicht-den-Inhalt-kennen-Wollen" verstehen können: eine Haltung, die ihren Platz im Klima des Verschweigens, Vermeidens und Verleugnens in der unmittelbaren Nachkriegszeit fand. Wenn man nicht wusste, was in dem Buch stand – so die implizite Logik –, dann konnte man auch nicht dafür verantwortlich gemacht werden, was daraus folgte; hätte die deutsche Gesellschaft es gewusst – so eine ebenso implizite Folgerung –, hätte sie vor 1933 politisch eine andere Wahl getroffen.

Heute ist diese Behauptung mangelnder Vertrautheit mit dem Text nicht länger glaubwürdig: Othmar Plöckingers sorgfältige Untersuchung hat gezeigt, dass gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger zahlreiche Gelegenheiten hatten, sich mit den Inhalten des Buches vertraut zu machen. Vielleicht haben sie es nicht von der ersten bis zur letzten Seite gelesen; in vielen Abschnitten finden sich allerdings dieselben Strukturen, Argumente und rhetorischen Schlüsselfiguren wie in Hitlers Reden seit Mitte der 1920er Jahre; gleichzeitig waren seine Ideen in den veröffentlichten Kommentaren zahlreicher Zeitgenossen (Journalisten, politische Gegner, Kirchenvertreter und Gewerkschafter) zugänglich, die vor den Gefahren, die das Buch in sich barg, warnten.[1]

Ein unlesbares Buch?

Schwieriger ist es, den Tropus der Unlesbarkeit des Textes zu vertreiben. Doch selbst wenn wir für einen Moment der weit verbreiteten Behauptung folgen, die meisten Leser und Leserinnen hätten das Buch zu Tode gelangweilt nach wenigen Seiten beiseitegelegt, erkennen wir, dass dies für die angebliche Unkenntnis der Inhalte nicht ausreicht. Denn wie eine selbst oberflächliche Lektüre der Eingangsseite zeigt, finden sich bereits in den ersten 200 Worten sämtliche Kernelemente von Hitlers politischer Philosophie:

"Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies. Liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint! Deutschösterreich muß wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande, und zwar nicht aus Gründen irgendwelcher wirtschaftlichen Erwägungen heraus. Nein, nein: Auch wenn diese Vereinigung, wirtschaftlich gedacht, gleichgültig, ja selbst wenn sie schädlich wäre, sie müßte dennoch stattfinden. Gleiches Blut gehört in ein gemeinsames Reich. Das deutsche Volk besitzt solange kein moralisches Recht zu kolonialpolitischer Tätigkeit, solange es nicht einmal seine eigenen Söhne in einen gemeinsamen Staat zu fassen vermag. Erst wenn des Reiches Grenze auch den letzten Deutschen umschließt, ohne mehr die Sicherheit seiner Ernährung bieten zu können, ersteht aus der Not des eigenen Volkes das moralische Recht zur Erwerbung fremden Grund und Bodens. Der Pflug ist dann das Schwert, und aus den Tränen des Krieges erwächst für die Nachwelt das tägliche Brot. So scheint mir dieses kleine Grenzstädtchen das Symbol einer großen Aufgabe zu sein."[2]

Wie lässt sich dies als grundlegende Aussage einer politischen Philosophie verstehen?[3] Zunächst – und ganz offensichtlich – artikuliert sich hier eine Obsession mit dem Thema "Rasse": Außenpolitik müsse aus rassischen Notwendigkeiten erfolgen – und nicht etwa aus wirtschaftlichen Überlegungen; die Zugehörigkeit zu einer Nation werde durch Blutsbande verliehen; die Grenzen eines Staates sollten sämtliche Angehörige der Rasse einschließen. Der Staat, so die deutliche Schlussfolgerung, habe nicht den Interessen einer herrschenden Dynastie (dem Kaiser oder König) zu dienen, sondern den Bedürfnissen einer Nation als Ganzes. Mit anderen Worten: Was hier eingeführt wird, ist eine populistische (im Gegensatz zu einer patrizischen) Sicht auf Politik; Hitlers Politik, so verstehen wir sofort, ist neu.

Die Aufgabe des Staates sei es darüber hinaus, die Angehörigen der "Rasse" zu ernähren – und ist dies nicht länger möglich, so habe der Staat das Recht, eine Politik der Expansion anzustrengen. Diese Expansion solle nicht etwa durch den Erwerb von Kolonien in Übersee realisiert werden, sondern dadurch, Nachbarterritorien des Vaterlands zu erobern. Eine solche Expansion könne und müsse mit militärischen Mitteln erfolgen und werde die Basis für die Lebensnotwendigkeiten des Volkes sichern.

Die Kernelemente aus Hitlers Philosophie werden also in den ersten zwei Absätzen deutlich formuliert – mit Ausnahme einer ausdrücklichen Erwähnung von Juden. Im Verlauf nur weniger Seiten tauchen jedoch auch erkennbar antisemitische Formulierungen auf, die für jeden zeitgenössischen Leser unmittelbar als solche verständlich waren. Das Buch enthält also alles andere als den unlesbaren Text, den gewöhnliche Deutsche wie viele Historiker im Nachhinein behaupteten, darin zu sehen. Jeder, der nur wenige Seiten darin las, konnte deutlich erkennen, wofür das Buch und sein Autor standen.

Zugleich frustriert das Lesen Zeile für Zeile, Abschnitt für Abschnitt und Kapitel für Kapitel. Das zusammenhanglose Prosawerk – ein Produkt der fragmentierten Entstehungsgeschichte des Textes, wie Othmar Plöckinger ebenfalls zeigen konnte – wird noch verschlimmert durch einen zweifellos äußerst hölzernen Stil; in den Augen einer Leserschaft, die sich dem Text aus einer liberalen, demokratischen Perspektive widmet, verbindet sich dieser ein ums andere Mal mit extrem abstoßenden und widerwärtigen Ideen und macht die konventionelle Lektüre des Buches von der ersten bis zur letzten Seite zu einer wahrhaft harten Arbeit.

Die Schwierigkeit von Historikern, aus dem Buch schlau zu werden und sein zentrales "Argument" zu dem in Beziehung zu setzen, was ab 1933 folgte, ist aber auch ein Produkt der in der Profession selbst tief verwurzelten Lesegewohnheiten; diese verschrieb sich lange weitgehend einem positivistischen Ansatz mithilfe einer Textexegese, um den Text zu deuten. Wenn sie nur die Geduld aufbrächten, das Buch Zeile für Zeile und Abschnitt für Abschnitt zu lesen, so sollte sich doch der Sinn offenbaren. Dieser ist aber weitaus einfacher und auch um einiges deutlicher zu erkennen, sobald man sich der Aufgabe auf etwas andere Art nähert: nämlich zuallererst, indem man dem Buch mit grundlegenden Fragen begegnet, wie sie die Literaturwissenschaft (und weniger die traditionelle Geschichtswissenschaft) stellt.

Diese Fragen sind zahlreich, und sie betreffen unter anderem die Sprache, die Metaphorik und die Struktur eines Textes. Sprachlich gesehen liefert das extrem gewalttätige Vokabular bereits einen Ausgangspunkt dafür, die tief greifenden Auswirkungen der Erfahrung des Ersten Weltkrieges auf Hitlers politische Imagination zu verstehen und eine völkermörderische Mentalität im Text zu entdecken. Die Metaphorik betreffend bietet das biologisch-medizinische Bild einer Nation als angegriffenem Körper die Basis, eine implizite völkermörderische Argumentation aufzudecken. Beides zusammen eröffnet den Blick darauf, dass, auch wenn das Buch nicht unbedingt ein bestimmtes Programm zum Genozid ankündigt, es ihn als logische Möglichkeit enthält.

Fußnoten

1.
Vgl. Othmar Plöckinger, Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers "Mein Kampf" 1922–1945, München 2006.
2.
Adolf Hitler, Mein Kampf, München 193214, S. 1. Herv. i. O.
3.
Die folgenden Gedanken finden sich ausführlich in: Neil Gregor, How to Read Hitler, London 2014.
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Autor: Neil Gregor für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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