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Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Gideon Botsch
Christoph Kopke

NS-Propaganda im bundesdeutschen Rechtsextremismus

Aufstieg der Neonazis seit den 1990er Jahren

Auch in der Spätphase der DDR stießen der historische Nationalsozialismus, Hitler und die Produkte der NS-Propaganda auf wachsendes Interesse namentlich bei jungen Menschen. Einzelne Zusammenschlüsse von Jugendlichen mit deutlicher Affinität zu nationalsozialistischen Positionen hatten sich in der DDR schon ab Mitte der 1980er Jahre herausgebildet. Im Verlauf der "Wende" in der DDR und im Zuge des Einigungsprozesses 1989/90 war es dann unter Teilen der ostdeutschen Jugend zu einer beachtlichen nationalistischen und fremdenfeindlichen Mobilisierung gekommen. Im Vakuum zwischen alter DDR und neuer Bundesrepublik wuchs die rechtsextreme Szene in Ostdeutschland sehr schnell an.

Als Teil – oder Kern – der rechtsextremen Jugendszene bildete sich seit den 1980er Jahren eine neue extrem rechte Musikszene heraus. Ausgehend von der Oi!-Musik der Subkultur der Skinheads wurden zeitgemäße Musikstile und extrem rechte Inhalte miteinander verknüpft. Im Laufe der Zeit wurden derartige Inhalte in immer mehr Musikgenres verbreitet.[15] Mit Liedern und Liedtexten lassen sich Jugendliche niedrigschwellig ansprechen, politisch sozialisieren und ideologisch festigen. Die Rechtsrockszene ist organisatorisch und personell mit der politischen "Bewegung" vielfach verknüpft, es gibt zahlreiche fließende Übergänge. Mit Musik, NS-Devotionalien und szenetypischer Kleidung lassen sich zudem inzwischen Millionenbeträge erwirtschaften, die zum Teil wieder in die politische Arbeit investiert werden.[16]

Das Verwenden von Stilelementen, Zitaten und Motiven nationalsozialistischer Provenienz ist in dieser rechten Jugendkultur allgegenwärtig. Diese werden allerdings auch nach Belieben abgewandelt, variiert oder angepasst. Es existiert wohl kaum eine Rechtsrockformation, die nicht in ihren Liedern offen oder codiert positiven Bezug auf den Nationalsozialismus, Adolf Hitler, die vermeintlichen Helden der NS-Bewegung oder die NSDAP nimmt. Hierfür gibt es unzählige Beispiele.[17] So produzierte etwa die Berliner Skinheadband "Macht & Ehre" 1996 die CD "NSDAP". Im gleichnamigen Lied heißt es: "Wir von Macht und Ehre sind ultra-rechts. Wir verehren Adolf Hitler und Rudolf Hess. Wir halten zusammen auf Teufel komm’ raus. Uns’re Parole lautet: ‚Ausländer raus!‘ Drum rechter Skinhead trete bei uns ein für unser Vaterland, denn bei uns bist Du nicht allein." Die Symbolik und die Ikonografie auf entsprechenden Musik-CD-Covern, aber auch in Form von Aufnähern oder Stickern leben ebenfalls von Anleihen oder direkten Adaptionen historischer NS-Bilder. Dabei hat sich in den vergangenen Jahren die "Schwarze Sonne" als omnipräsentes Symbol durchgesetzt. Historisch überliefert ist dieses Sonnenradsymbol nur als Bodenmosaik im sogenannten Obergruppenführersaal der Wewelsburg bei Paderborn, jener Burg, die der Reichsführer SS Heinrich Himmler seit 1934 als Kult- und Schulungsstätte der SS ausbauen ließ.[18] Das SS-Symbol bietet sich für die Szene geradezu an: Da es während des Nationalsozialismus nicht öffentlich verwendet wurde, gilt es nicht als NS-Symbol und fällt somit nicht unter das Verbot nationalsozialistischer Symbole nach Paragraf 86 Strafgesetzbuch.

In jüngster Zeit spielt das Internet als Kommunikationsort und Mobilisierungsmedium eine immer wichtigere Rolle. Rechtsrock und entsprechende Internetangebote offerieren eine regelrechte neonazistische "Erlebniswelt".[19]

Nach den Verboten mehrerer neonazistischer Vereine bis Mitte der 1990er Jahre wandten sich diese Kräfte nach und nach der NPD zu, die seit etwa Mitte der 2000er Jahre eine mehr oder weniger deutlich neonazistisch geprägte Partei ist. Diese und noch radikalere "freie Kameradschaften" stellen seitdem den Kern des aktivistischen Rechtsextremismus,[20] der seine Anliegen spätestens seit Mitte der 1990er Jahre auch vermehrt über Demonstrationen – im Szenejargon "Aufmärsche" – auf die Straße trägt. Zwar dominieren – bezüglich der Zahl der Versammlungen – Proteste gegen die angebliche politische Verfolgung beziehungsweise Diskriminierung der extremen Rechten in der Bundesrepublik, doch dienen viele der Demonstrationen auch der "Verherrlichung der Wehrmacht oder des NS-Führungspersonals", wie der Sozialwissenschaftler Fabian Virchow in einer grundlegenden Studie zeigt. Diese Demonstrationen, mit denen etwa gegen die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" protestiert wurde oder die angebliche Ermordung von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß beklagt wird, erweisen sich – bezogen auf "die durchschnittliche Teilnehmerzahl der Aufmärsche" – regelmäßig als am besten besucht.[21]

Eine Fixierung auf den Nationalsozialismus zeigen auch die jährlich wiederkehrenden Demonstrationen zur Erinnerung an angebliche alliierte Verbrechen gegen deutsche Kriegsgefangene ("Rheinwiesenlager", Bad Nenndorf), gegen die Zivilbevölkerung (Demmin) und die Bombardierung Dresdens, Magdeburgs und anderer deutscher Städte durch die Westalliierten. Diese Ereignisse des Zweiten Weltkrieges werden nicht in ihren historischen Kontext gestellt, sondern mit den Mitteln der "historisch-fiktionalen Gegenerzählung" umgedeutet und für heutige Neonazipropaganda instrumentalisiert. Dabei dienen die Aufmärsche und ihre Themensetzungen nicht nur der Verbreitung neonazistischer Ideologie und Propaganda, sie zielen gleichermaßen auf die Verschiebung der Grenzen des Sagbaren "bis hin zur demonstrativen und möglichst weitgehenden Aushöhlung des NSDAP-Verbots".[22]

Insgesamt gilt dies auch für das Spektrum der sogenannten Autonomen Nationalisten, eine Strömung im Neonazi-Lager, die sich stilistisch bevorzugt bei verschiedenen Jugendsubkulturen und nicht zuletzt bei der politischen Linken bedient. Dies ist allerdings eher Ausdruck postmoderner Tendenzen im rechtsextremen Spektrum, einer "Orientierung an der ‚Oberfläche‘, am ‚Outfit‘ und der Entwicklung von sogenannten ‚Patchworkidentitäten‘".[23] Hier treten stilistische Anleihen bei der NS-Propaganda also mitunter in den Hintergrund, um "die ideologischen Prämissen des historischen Nationalsozialismus in den modernen Ausdrucksformen der Popkultur zu vermitteln".[24] Überdies zeigt die Analyse autonom-nationalistischer Aktionen deutlich, wie stark auch diese Strömung noch an NS-Propaganda anknüpft, die bis hin zum "Versuch eines Reenactment der historischen HJ (bzw. ihrer Ausdrucksformen)"[25] reichen kann.

Fußnoten

15.
Vgl. Christian Dornbusch/Jan Raabe, RechtsRock. Bestandsaufnahme und Gegenstrategien, Münster 2002.
16.
Vgl. Georg Stefan Russew, Das rechtsextreme Millionengeschäft, 23.8.2012, in: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-08/rechtsextremismus-finanzierung-musiklabel/komplettansicht« (16.9.2015).
17.
Zahlreiche Text- und Bildbeispiele finden sich u.a. in: Archiv der Jugendkulturen (Hrsg.), Reaktionäre Rebellen. Rechtsextreme Musik in Deutschland, Berlin 2001; C. Dornbusch/J. Raabe (Anm. 15); für neuere Beispiele vgl. die Website http://www.dasversteckspiel.de«.
18.
Vgl. Thomas Pfeiffer, "Das Reich der Schwarzen Sonne". Die Wewelsburg und ihr Zeichen in rechtsextremistischen Symbol- und Mythenwelten, in: Kirsten John-Stucke/Daniela Siepe (Hrsg.), Mythos Wewelsburg. Fakten und Legenden, Paderborn 2015, S. 165–189.
19.
Vgl. Stefan Glaser/Thomas Pfeiffer (Hrsg.), Erlebniswelt Rechtsextremismus. Menschenverachtung mit Unterhaltungswert, Schwalbach/Ts. 2007; Christoph Busch (Hrsg.), Rechtsradikalismus im Internet, Siegen 2010.
20.
Dazu sind die in jüngster Zeit aktiv gewordenen Splitterparteien Die Rechte und Der III. Weg hinzuzuzählen.
21.
Fabian Virchow, Dimensionen der "Demonstrationspolitik" der extremen Rechten in Deutschland, in: Michael Klärner/Michael Kohlstruck (Hrsg.), Moderner Rechtsextremismus in Deutschland, Hamburg 2006, S. 68–101, hier: S. 80.
22.
Ebd., S. 82.
23.
Jan Schedler, Style matters: Inszenierungspraxen "Autonomer Nationalisten", in: ders./A. Häusler (Anm. 14), S. 67–89, hier: S. 83.
24.
Ebd., S. 69.
25.
Regina Wamper/Michael Sturm/Alexander Häusler, Faschistischer Selbstbedienungsladen? Aneignungspraktiken der "Autonomen Nationalisten" in historischer und diskursanalytischer Perspektive, in: J. Schedler/A. Häusler (Anm. 14), S. 284–302, hier: S. 285.
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Autoren: Gideon Botsch, Christoph Kopke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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