Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

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6.11.2015 | Von:
Patricia M. Clough

Ära Kohl? Eine Kanzlerschaft in den 1980er Jahren - Essay

Es war auf einem Empfang Ende 1982 in Bonn, als mir erste Anzeichen eines gewissen Wandels auffielen. Vertreter der neuen CDU/FDP-Koalition und diverse Personen aus ihrem Umfeld waren zugegen, und zu meinem Erstaunen begrüßten mehrere von ihnen Damen mit Handkuss. Nun, ich wusste, dass der Handkuss in traditionelleren, vornehmen Kreisen, besonders im Süden, nicht überaus ungewöhnlich war. Aber es war das erste Mal, dass ich ihn in Bonn sah. Ein Handkuss wäre bei den Sozialdemokraten, die bis dahin 13 Jahre lang den Ton angegeben hatten, unvorstellbar gewesen.

Diese Beobachtung mochte nebensächlich sein, aber sie führte mir plastisch vor Augen, dass in der kleinen Hauptstadt Westdeutschlands Veränderungen bevorstanden. Es ging nicht nur um neue Namen und Gesichter in den Ministerien oder auch nur um neue politische Strategien. Es gab eine merkliche Veränderung in der Atmosphäre, im Stil, in den Einstellungen, und mehr als alles andere verkörperte der neue Kanzler Helmut Kohl persönlich die neue Stimmung. Ironischerweise handelte es sich dabei nicht um die "geistig-moralische Wende", die Kohl im Sinn hatte. Dennoch waren es ein Veränderungen, die die 1980er Jahre in Westdeutschland prägen sollten.

Von Brandt zu Schmidt zu Kohl

Der erste große Gezeitenwechsel der Nachkriegsjahre hatte, natürlich, 1969 stattgefunden, als Willy Brandt mit der ersten sozialliberalen Koalition an die Regierung gekommen war. Angesichts der heutigen Politikverdrossenheit ist es schwierig, sich das Ausmaß an Begeisterung und Hoffnung vorzustellen, das dadurch bei progressiv und liberal Gesinnten sowie Intellektuellen in der Bundesrepublik und anderswo ausgelöst wurde. Das galt insbesondere für die junge, nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Generation, die gegen die spießige, autoritäre, bürgerliche und häufig vom Nazismus beeinflusste Generation ihrer Eltern aufbegehrte und sich bereits an massiven Studentenprotesten beteiligt hatte. "Ein ganz neues Lebensgefühl hatte sich eingestellt", schrieb Marion Gräfin Dönhoff, Herausgeberin der "Zeit", später.[1]

Willy Brandt selbst, unbelastet vom Nazismus und mit einer heroischen Vergangenheit als Bürgermeister West-Berlins während einiger der angespanntesten Jahre des Kalten Krieges, einschließlich des Mauerbaus 1961, war für viele eine inspirierende Figur und erfreute sich größter Beliebtheit. Er versprach eine neue, freiere, offenere und egalitärere Gesellschaft, umfassende Reformen und, besonders aufregend, in Form seiner Ostpolitik einen neuen außenpolitischen Ansatz gegenüber der Sowjetunion und den östlichen Nachbarn. Gleichzeitig aber war er höchst umstritten und polarisierte die Gesellschaft: Konservative und insbesondere ältere Menschen waren von den Veränderungen, für die er sich einsetzte, entsetzt oder zumindest befremdet. Rechtsaußenparteien schossen aus dem Boden.

Im Laufe der 1970er Jahre ließ die Begeisterung allmählich nach. Das "Wirtschaftswunder" der Nachkriegszeit versandete in den Ölkrisen, die Arbeitslosenquote stieg an, und die Finanzierung der vielen geplanten Reformen erwies sich als schwierig. Teile der außerparlamentarischen Opposition glitten in den Terrorismus ab und verübten furchtbare Anschläge; die Bevölkerung war entnervt und verunsichert, und die Regierung sah sich 1972 gezwungen, den höchst umstrittenen "Radikalenerlass" zu beschließen, der mutmaßlich verfassungsfeindlichen Personen jegliche Tätigkeit im öffentlichen Dienst verbot. 1974 trat Brandt zurück. Der Auslöser war die Enttarnung eines seiner engsten Mitarbeiter, Günter Guillaume, als DDR-Spion. Allerdings kaschierte dies die Tatsache, dass ihm und seiner Partei bereits klar geworden war, dass er mit den vielen Herausforderungen, mit denen er konfrontiert war, nicht fertig werden würde. Helmut Schmidt – kompetent, pragmatisch, erfahren – übernahm das Amt.

Im September 1977 nahm ich als Korrespondentin für die Londoner "Times" meine Tätigkeit in Bonn auf. Gleich mein erster Artikel behandelte die Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer am 5. September, und so lernte ich Schmidts Regierungsstil rasch kennen: intensiv, wortgewandt, streng, sachlich, effizient, meisterlich wie arrogant. Und tough. Er hatte bereits mit den Attentaten auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback und den Bankmanager Jürgen Ponto fertig werden müssen, die Entführung der vollbesetzten Lufthansamaschine "Landshut" und die Ermordung Schleyers sollten bald folgen. Krisenmanagement war an der Tagesordnung. Die berauschenden Tage unter Brandt waren vorbei, die Atmosphäre in Bonn (und wie ich empfand: auch anderswo) glich einer bis zum Äußersten gespannte Saite: Durch jede neue Entwicklung konnte sie bedenklich in Schwingung geraten.

Dann kam die schwierige Frage nach der Stationierung von NATO-Mittelstreckenraketen in Westdeutschland auf; Schmidt hatte darauf bestanden, diese mit Verhandlungen der Supermächte über eine beidseitige Reduzierung solcher Waffensysteme zu verknüpfen. Hinzu kamen weitere "Baustellen" wie steigende Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und andere schwerwiegende wirtschaftliche Probleme, die größere Teile der FDP weg von der SPD und hin zur CDU zogen, deren wirtschaftspolitische Vorstellungen ihren eigenen näherlagen. Schließlich waren es diese Themen, die 1982 zum Ende der sozialliberalen Koalition führten.

In acht Jahren Kanzlerschaft hatte Schmidt mit seiner Persönlichkeit und seinem Stil die bundesdeutsche Hauptstadt derart stark geprägt, dass es für mich und viele andere quasi unvorstellbar war, dass ein anderer das Ruder übernehmen würde, am allerwenigsten der provinziell und linkisch erscheinende Helmut Kohl. Später schrieb ich: "Wir hatten uns alle an eine Kanzlerschaft gewöhnt, die Probleme in einem flotten, managementartigen Stil anging – Analyse, Entscheidung, Handeln – natürlich verbunden mit einem politischen Verkauf der Ergebnisse. Hochbegabte Helfer arbeiteten Tag und Nacht, während ihr Vorgesetzter – geschäftig, spöttisch, manchmal unsympathisch – die internationale Szene mit sicherem Schritt durcheilte, ein exzellentes Englisch sprechend, eine neue Weltvision dartuend, Aufmerksamkeit für sich reklamierend. Es schien, als gäbe es keinen anderen Weg, Deutschland zu regieren. Der große, unbekümmerte, scheinbar lethargische Oppositionsführer schien zu jener Zeit eine unwahrscheinliche Alternative."[2]

Fußnoten

1.
Marion Gräfin Dönhoff, Von gestern nach übermorgen. Zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, München 19842, S. 229.
2.
Zit. nach: Patricia Clough, Helmut Kohl. Ein Porträt der Macht, München 1998, S. 88.
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Autor: Patricia M. Clough für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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