Aus Nepal kommende Wanderarbeiter ernten in Punjab Zuckerrohr, Dezember 2005

4.12.2015 | Von:
Jan-Christoph Marschelke

Moderne Sklavereien

Unterschiede zwischen "alt" und "modern"

"Alte" und "moderne" Sklavereien sind sich "erstaunlich ähnlich".[13] Es gibt aber auch Unterschiede. Erstens, der rechtliche Status: Sklaverei ist heutzutage überall illegal. Es gibt keine Besitzurkunden oder Kaufverträge mehr, dafür aber gefälschte Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen.

Zweitens waren potenzielle Sklaven früher oft knapp. Heute herrscht ein Überangebot. Daraus folgt drittens, dass Sklaven damals im Schnitt deutlich teurer waren als heute. 1856 kostete ein Sklave im Schnitt umgerechnet 26.000 Euro.[14] Das führt viertens dazu, dass die Gewinnspanne eines Sklaven heute deutlich höher ist.

Fünftens: Wegen Knappheit und kurzfristig geringer Gewinnspanne bedeutete Sklaverei früher in vielen Fällen ein langfristiges, nicht selten lebenslanges Verhältnis. Heute hingegen sind Sklaven aufgrund des niedrigen Preises "Wegwerfware".[15] Knapp die Hälfte der 2012 von der Internationalen Arbeitsorganisation ILO ermittelten Ausbeutungsverhältnisse endete nach etwa sechs Monaten.[16] Deswegen lohnt sich sechstens der sorgfältige Umgang mit den Opfern nicht. Das soll die Lebensbedingungen der "alten" Sklaverei nicht beschönigen, streicht aber heraus, wie drastisch schlecht auch die heutigen sind.

Siebtens hat die Bedeutung ethnischer Differenzen in modernen Sklavereien abgenommen. In vielen "alten" Sklavereien dienten religiöse, ethnische und "rassische" Differenzen als Rechtfertigung für die Ausbeutung bestimmter Gruppen. Gerade der Rassismus entwickelte sich ab Ende des 18. Jahrhunderts zu einer aggressiven politischen Ideologie, mit der Befürworter der Sklaverei aufkommende Abolitions- und Emanzipationsbewegungen abzuwehren versuchten.[17] Solche Legitimationsstrategien finden sich heute seltener. Als eine Ausnahme gilt Mauretanien, wo die überkommene gesellschaftliche Schichtung in Halterethnie (Bidhan) und Sklavenethnie (Abid) fortexistiert. In Indien bestehen jedenfalls Korrelationen von Sklavereien mit der Kastensystem-Ideologie und ethnischer Diskriminierung.[18]

Moderne Sklavereien in Zahlen

Für eine Einschätzung des Ausmaßes moderner Sklavereien sind neben der Definition die Schätzmethoden entscheidend. Da Sklaverei illegal ist, findet sie zu großen Teilen im Verborgenen statt. Es gibt wenige Verhaftungen und Befreiungen, dafür eine hohe Dunkelziffer. Für die Hochrechnungen gibt es diverse Methoden, die jeweils zu verschiedenen Ergebnissen führen. Während der GSI 2014 von 35,8 Millionen Opfern ausgeht, kam der erste GSI 2013 auf "nur" 29 Millionen. Der Unterschied von fast 7 Millionen erklärt sich vor allem durch verfeinerte Schätzmethoden.[19] Die ILO kommt in ihrer Studie auf 20,9 Millionen Opfer.[20]

Tabelle 1: Anzahl der in Sklaverei lebenden Menschen nach dem Global Slavery Index 2014* Auch in Albanien, Bosnien und Herzegowina, Estland, Kroatien, Litauen, Mazedonien, Montenegro, Serbien, der Slowakei, Slowenien und Zypern beträgt der Anteil 0,36 Prozent. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Geht man von den GSI-Zahlen aus, leben knapp zwei Drittel der 35,8 Millionen Sklaven im asiatischen und pazifischen Raum (23,5 Millionen), davon die meisten in Indien (14,2 Millionen), China (3,2 Millionen) und Pakistan (2 Millionen). 15,7 Prozent (5,6 Millionen) finden sich in afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Es folgen Russland und Eurasien mit 7,3 Prozent (2,6 Millionen), der Nahe und Mittlere Osten sowie Nordafrika mit 6,1 Prozent (2,1 Millionen), die Amerikas mit 3,6 Prozent (1,2 Millionen) sowie Europa mit 1,6 Prozent (566.200). Relativ zur Gesamtbevölkerung gibt es weltweit die meisten Sklaven in Mauretanien (4 Prozent), Usbekistan (3,9 Prozent), Haiti (2,3 Prozent) und Katar (1,3 Prozent). In absoluten Zahlen ist in Europa die Türkei mit rund 185.500 Personen am stärksten betroffen, relativ zur Gesamtbevölkerung dagegen Bulgarien (0,38 Prozent) sowie generell Ostmitteleuropa und der Balkan. In Deutschland gibt es rund 10.500 Personen, die laut GSI als Sklaven gelten.[21] Der Unterschied zwischen absoluten und relativen Zahlen ist auch für die historische Betrachtung von Bedeutung. Mag es heute absolut mehr Sklaven geben als jemals zuvor, relativ zur Weltbevölkerung waren es nie weniger.

Alle drei Gesichtspunkte (Definition, Schätzmethode, absolute oder relative Werte) spielen auch bei der Berechnung des mit moderner Sklaverei erwirtschafteten Profits eine Rolle. Absolut ist Sklaverei ein Milliardengeschäft (150 Milliarden US-Dollar pro Jahr).[22] Relativ zum Gesamtumfang von Volkswirtschaften und Wirtschaftszweigen ist die Summe jedoch marginal. Beide Aspekte werden kommunikativ unterschiedlich vereinnahmt. Die Journalistin Lydia Cacho und der Journalist Michael Jürgs etwa betonen mit ihren Buchtiteln die absoluten Zahlen, um Bewusstsein für die hohen Umsätze zu schaffen. Bales und Cornell hingegen betonen die Marginalität: Sklaverei wäre volkswirtschaftlich entbehrlich und die Befreiung und soziale Reintegration aller Sklaven finanziell somit keine besondere Belastung.[23]

Die quantitativ häufigste Form moderner Sklavereien ist die Schuldknechtschaft, die am stärksten wachsende die Vertragssklaverei: Bei ihr werden Scheinarbeitsverträge genutzt, um den Opfern Seriosität und Behörden Legalität vorzutäuschen.[24]

Fußnoten

13.
M. Zeuske (Anm. 3), S. 564.
14.
Vgl. K. Bales/B. Cornell (Anm. 6), S. 23.
15.
Ebd.
16.
Vgl. ILO, Global Estimate of Forced Labour, Genf 2012, S. 37, http://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/---ed_norm/---declaration/documents/publication/wcms_182004.pdf« (3.11.2015).
17.
Vgl. George M. Frederickson, Rassismus. Ein historischer Abriss, Hamburg 2004, S. 66 f., S. 78.
18.
Vgl. K. Bales/B. Cornell (Anm. 6), S. 76.
19.
Vgl. GSI 2014 (Anm. 1), S. 6.
20.
Vgl. ILO (Anm. 16), S. 13.
21.
Vgl. GSI 2014 (Anm. 1), S. 18, S. 20, S. 33, S. 39, S. 45, S. 49, S. 57, S. 61.
22.
Vgl. ILO, Profits and Poverty: The Economics of Forced Labour, Genf 2014, S. 13, http://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/---ed_norm/---declaration/documents/publication/wcms_243391.pdf« (3.11.2015).
23.
Vgl. Lydia Cacho, Sklaverei. Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel, Frankfurt/M. 2012; Michael Jürgs, Sklavenmarkt Europa. Das Milliardengeschäft mit der Ware Mensch, München 2014; K. Bales/B. Cornell (Anm. 6), S. 118f., S. 122. Die Befreiung von weltweit 27 Millionen Sklaven würde demnach rund 6,8 Milliarden Euro kosten (Kosten zur Überwindung etwaiger Widerstände nicht eingerechnet).
24.
Vgl. Kevin Bales, Die neue Sklaverei, München 2001, S. 31 f.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Jan-Christoph Marschelke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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