Aus Nepal kommende Wanderarbeiter ernten in Punjab Zuckerrohr, Dezember 2005

4.12.2015 | Von:
Jan-Christoph Marschelke

Moderne Sklavereien

Wo, wie und was wird produziert?

Die Arbeiten, die Sklaven erledigen, sind vielfältig und variieren regional. Vier allgemeine Merkmale sind zumeist erfüllt: Erstens, die Arbeit ist sozial geringgeschätzt, setzt kaum Qualifikation voraus und ist körperlich anstrengend. Zweitens arbeiten Sklaven für niedrigste Löhne, teilweise für nur ein Minimum an Nahrung, Kleidung und Unterkunft. Drittens: Die Arbeit findet unter gefährlichen und gesundheitsschädlichen Bedingungen statt – in unzureichend gestützten Bergwerkschächten, im ungeschützten Umgang mit Feuer, Rauch und giftigen Chemikalien, in zu großer Hitze und vor allem zu lange und ohne Pausen. Viertens: Sklaverei-Waren und -Dienstleistungen werden überwiegend auf lokalen Märkten konsumiert. Nur ein kleiner Anteil gelangt auf globale Märkte beziehungsweise in Produktionsketten, deren Endprodukte international gehandelt werden (etwa Kakao, Baumwolle, Tantalerze für Mikroelektronik oder Frauen und Kinder für Zwangsprostitution).

Global verbreitet ist sexuelle Ausbeutung; sie macht laut ILO 22 Prozent der Ausbeutungsverhältnisse aus, exklusive des gängigen Missbrauchs zum Beispiel von Haussklaven.[25] Zwangsprostitution ist höchst flexibel. Sie bedient lokale Nachfrage, kommt zu den Kunden und ermuntert diese zum Sextourismus zum Beispiel nach Thailand oder Kambodscha. Sie findet nicht nur in düsteren Bordellen und zwielichtigen Bars statt, sondern in gepflegten Massagesalons, Luxushotels und Ferienclubs, für deren Buchung in den Heimatländern der Zielgruppe eigens Reisebüros eingerichtet werden.

Der Großteil der Sklavereien konzentriert sich auf Rohstoffgewinnung, einfache Verarbeitungsschritte oder Dienstleistungen. An der Elfenbeinküste ernten Sklaven Kakao, in Indien Reis und Teeblätter, in Usbekistan Baumwolle, in Deutschland Erdbeeren. In Zentralafrika (etwa im Kongo) gewinnen sie in Minen Tantalerze und Diamanten. In Malaysia zapfen sie Kautschuk, in Brasilien fällen sie im Regenwald Holz und verarbeiten es zu Kohle, die die für die Stahlschmelze notwendige Hitze erzeugt. In Pakistan formen sie Lehmziegel, in China produzieren sie Feuerwerkskörper oder Spielzeug. In "Sweatshops", vor allem in Südostasien (aber auch in Mexiko und Europa), verarbeiten sie Baumwolle zu Stoff, Tuch, Teppichen, Kleidungsstücken. In Thailand stellen sie Fischmehl her, in deutschen Schlachthöfen Fleisch. Sie errichten Gebäude in Dubai und Katar, aber auch in Deutschland. Überall – ob in Frankreich, den USA, Haiti oder Nepal – arbeiten sie unter sklavischen Bedingungen als Haushaltshilfen, Zimmermädchen oder in der Gastronomie als Köche und Küchengehilfen.

Opfer und Profiteure

Laut ILO sind 55 Prozent der Opfer weiblich, etwa 26 Prozent sind Kinder. Von Prostitution sind zu 98 Prozent Frauen und Mädchen betroffen, von Zwangsarbeit zu 60 Prozent Männer.[26] Die größten gemeinsamen Nenner der Opfergruppe sind Armut, Geringqualifikation und Perspektivlosigkeit. Sklavereien verstärken dieses Problem, sie machen insbesondere Bildung unmöglich, was gerade für Kinder fatal ist. Unter denjenigen, die illegal in die EU oder USA immigrieren und deren prekäre Lage ausgebeutet wird, finden sich aber auch Menschen mit akademischen Abschlüssen.

Profiteure sind zum einen die Täter, zum anderen die Händler und die Konsumenten. Die Tätergruppe lässt sich nach Haupt- und Mittätern sowie Beihelfern gliedern. Erstere sind diejenigen, die selbst Menschen handeln oder Sklaven halten: einerseits Bordellbetreiber, Plantagen- beziehungsweise Großgrundbesitzer oder Fabrikeigentümer, teilweise aber auch der Staat (etwa in Gefängnissen); andererseits zum Beispiel "Schlepperbanden". Diese gehören häufig zu Strukturen organisierten Verbrechens, für das Menschenhandel neben Drogen- oder Waffenhandel schlicht ein weiteres Geschäftsfeld ist. Transportrouten, Örtlichkeiten, Kontakte zu Unternehmen und Behörden werden für den Vertrieb verschiedener illegaler Waren genutzt – darunter auch die "Ware" Mensch. Laut United Nations Office on Drugs and Crime sind unter den Menschenhändlern etwa zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen.[27]

Beihelfer ermöglichen das Geschäft, indem sie Ressourcen wie Kredite oder Waffen beschaffen, illegale Aktivitäten decken oder Informationen liefern: Korrupte Politiker verhindern Gesetze, gekaufte Beamte in Polizei und Ausländerbehörden warnen vor Ermittlungen und "übersehen" gefälschte Papiere, Banker und Unternehmer waschen die Gewinne oder mehren sie durch Anlage, Schlägertrupps schüchtern Journalisten und Aktivisten ein, Informanten helfen, entlaufene Sklaven wieder einzufangen. Ähnlich wie die Opfer handeln "kleine" Helfershelfer oft aus Armut.

Die Profiteursgruppe der Händler und Konsumenten profitiert entweder direkt – wie der Freier einer Zwangsprostituierten oder ein Händler, der Rohstoffe von Sklavenhaltern erwirbt – oder indirekt. Indirekte Profiteure sind alle weiteren Glieder der Produktionskette: Zwischenhändler, Logistikunternehmen, Produzenten, Konzerne. Die Produktionsergebnisse sind Waren wie Schokolade, Kleidungsstücke oder Mobiltelefone, die in Geschäften auf der ganzen Welt zu kaufen sind. Indirekte Profiteure moderner Sklavereien sind also auch wir, die Verbraucherinnen und Verbraucher.

Versklavung

Der Sklaverei geht die Versklavung voraus, die aus freien Menschen unfreie macht. Der Soziologe Orlando Patterson unterscheidet für die "alte" Sklaverei acht Formen der Versklavung: Kriegsgefangenschaft, Entführung, Tribut- beziehungsweise Steuerzahlung, Schulden, Kriminalstrafe, Aussetzung oder Verkauf von Kindern, Selbstversklavung sowie Geburt als Sklave.[28] Die wichtigsten modernen Versklavungsformen lassen sich in vier Kategorien fassen: Kriegsgefangenschaft und Entführung, Kinderverkauf, Täuschung sowie Verschuldung.

Kriegsgefangenschaft und Entführung:
Das Versklaven von Kriegsgefangenen war früher üblich, ebenso das Kriegführen zum Zweck des Menschenfangs. Heute sind diese Versklavungsformen seltener, kommen aber noch immer vor, zum Beispiel seitens des sogenannten Islamischen Staates. Entführungen finden am ehesten in solchen Gebieten statt, wo die Staatlichkeit zu schwach ist, um Schutz zu bieten (etwa durch Boko Haram in Nordnigeria).

Kinderverkauf:
Freie Menschen, vor allem Kinder, werden von Eltern oder anderen Verwandten in die Sklaverei verkauft. Armut ist der häufigste Grund dafür. Die Angehörigen können das Kind nicht ernähren oder ausbilden und hoffen, dass es am "Arbeitsplatz" wenigstens Essen, vielleicht gar Schulbildung erhält. Manche Eltern wünschen, dass das Kind sich am Haushaltseinkommen beteiligt, andere wollen mit dem Erlös akute Geldnöte lindern. In ausgeprägt patriarchalischen, sexistischen Umfeldern, wo Mädchen sozial geringgeschätzt und geradezu als wertlos betrachtet werden, kann Gewinnstreben die Zuneigung zum Kind überwiegen. Auch die Tradition horrender Mitgiftzahlungen bringt Mädchen in Gefahr, versklavt zu werden.

Täuschung:
Eine genuin "moderne" Methode der Versklavung ist die Täuschung. Die Täter locken die Opfer mit falschen Versprechungen in eine Situation, in der sie hilf- und wehrlos sind. Zumeist wird gut bezahlte Arbeit angeboten, fernab der Heimat. Die Täuschung kann die Art der Tätigkeit betreffen, die Arbeitsbedingungen oder die Lohnhöhe (so zum Beispiel bei vielen Bauarbeitern in Katar oder Erntehelfern in Europa). In vielen Fällen ist das Versprechen mit Vermittlungsgebühren, Reise- oder Schlepperkosten verbunden. Daraus werden hohe Schulden, die das Opfer abarbeiten muss. Da die "Löhne" sehr gering sind, kann das Jahre dauern, zumal die Halter oft horrende Entgelte für Unterkunft und Verpflegung verlangen. Ein Sonderfall der Täuschung sind "Loverboys", die die Verliebtheit junger Mädchen ausnutzen, um sie in die Zwangsprostitution zu führen.

Verschuldung:
Schulden "abarbeiten" zu müssen, war immer ein bedeutsamer (Selbst-)Versklavungsgrund. Verschuldung entsteht durch Notsituationen oder dem Mangel an ökonomischen Alternativen. Angesichts von Dürre oder Arztkosten nehmen die Schuldner sehenden Auges Kredite an, deren Bedingungen so ungünstig sind, dass sie jahre- oder gar ein Leben lang nicht abgegolten werden können. Sie verpflichten sich, ihre gesamte Arbeitskraft in Dienst zu stellen, akzeptieren Klauseln, die die Aufnahme anderer Arbeiten verbieten und die Bewegungsfreiheit einschränken. In anderen Fällen besteht der Kredit zum Beispiel in Landpacht, Pflug und Nahrung, der Gegenwert muss mit Ernteerträgen ausgeglichen werden. Die Schulden werden oft den Kindern vererbt, die Abhängigkeit wird zur generationenübergreifenden Normalität. Solche Formen der Schuldknechtschaft sind häufig illegal, werden aber – zum Beispiel in Indien und Pakistan – vielfach geduldet und von korrupten Beamten "übersehen"; Ausbruchsversuche werden gewaltsam sanktioniert.

Fußnoten

25.
Vgl. ILO (Anm. 16), S. 13f.
26.
Vgl. ebd., S. 14.
27.
Vgl. UNODC, Global Report on Trafficking in Persons 2014, New York 2014, S. 27, http://www.unodc.org/documents/data-and-analysis/glotip/GLOTIP_2014_full_report.pdf« (11.11.2015).
28.
Vgl. Orlando Patterson, Slavery as Social Death, Cambridge 1982, S. 105.
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