Aus Nepal kommende Wanderarbeiter ernten in Punjab Zuckerrohr, Dezember 2005

4.12.2015 | Von:
Jan-Christoph Marschelke

Moderne Sklavereien

Moderne Sklavenhaltung

Was hält die Versklavten davon ab, wegzulaufen oder die Behörden zu informieren? Hierauf gibt es drei Antworten. Erstens: Viele Sklaven werden an einem Ort gefangen gehalten. Das können Bordelle, Fabrik- oder Farmgelände, Baustellen oder Dorfgemeinden sein. Sie werden in der Regel be- und überwacht, zum Beispiel von bewaffneten Gruppen oder Schlägern. Wer beim Ausbruchversuch erwischt oder nach Flucht wieder eingefangen wird, muss mit Prügel, Folter, Vergewaltigung oder gar dem Tod rechnen. Zur Abschreckung werden Exempel statuiert. Zwangsprostituierte werden zum Teil durch systematische Vergewaltigungen gebrochen, bevor sie die Arbeit aufnehmen. Gehorsam erzwingt auch die Drohung, der Familie in der Heimat Gewalt anzutun. Westafrikanische Schlepperbanden und Zuhälter nötigen ihre Opfer psychisch, indem sie sie mittels Voodoo-Ritualen an ihre Versprechen binden.

Zweitens: Hilflosigkeit kann gewaltsame Kontrolle zweitrangig machen. Schon in "alten" Sklavereien galt Verschleppung als effektive Form von Gefangenschaft: Herausgerissen aus ihrer Lebenswelt, Familie, Sprach- und Religionsgemeinschaft ist eine Person traumatisiert und wehrlos. Auch moderne Sklaven werden ins Ausland verschleppt, in abgelegene Landesteile oder die "gesichtslosen Problemzonen der Megastädte".[29] Mobiltelefone, Geld und Papiere werden ihnen oft abgenommen, und mittellos wie sie sind, können sie nicht entkommen, aber auch kaum aufgefunden werden. Selbst wenn Heimkehr möglich wäre, kann fraglich sein, ob sie aufgenommen würden – insbesondere Zwangsprostituierte fürchten die Ächtung durch ihre Familien. Arbeiten Sklaven illegal im Ausland, steht dem Gang zu den Behörden die Angst entgegen, verhaftet und abgeschoben zu werden. Nicht wenige ziehen die Ausbeutung Haft und Hunger vor. Schließlich machen Opfer mancherorts auch die Erfahrung, dass korrupte Behördenvertreter mit den Tätern zusammenarbeiten. Sie haben fortan keinerlei Vertrauen mehr in staatliche Akteure.

Drittens: Sklavereien können Normalisierungseffekte zeitigen, infolge derer Menschen sich in ihr Schicksal ergeben und die Gegebenheiten für normal zu halten beginnen. Cacho berichtet dies von manchen Zwangsprostituierten, die bereits als Kinder versklavt wurden. Sie internalisieren die Normen der ihnen aufgezwungenen Lebenswelt und halten ihre Behandlung für normal, sich selbst für wertlos beziehungsweise sehen ihren Wert abhängig von der Zuwendung ihrer Peiniger. Aus den "gelehrsamsten" Opfern rekrutieren sich Aufseherinnen und Mittäterinnen im Menschenhandel.[30] Auch die generationenübergreifenden Schuldknechtschaftssysteme führen dazu, dass der Status quo für unabänderlich gehalten, sogar Teil der tradierten Kosmologien wird. In solchen Umfeldern entwickeln weder Opfer noch Täter noch Polizei eine Vorstellung davon, dass die Praxis unrecht sein könnte.[31]

Ursachen moderner Sklavereien

Es gibt eine unüberschaubare Vielzahl von Faktoren für moderne Sklavereien. Bales und Cornell nennen drei allgemeine Ursachen: das enorme Bevölkerungswachstum, die Entwicklung der Weltwirtschaft und Korruption.[32] Die komplexe globale und lokale Verflechtung dieser Trias fassen sie so zusammen: "In Afrika, Asien und großen Teilen Südamerikas waren die vergangenen 50 Jahre durch Bürgerkriege oder Unabhängigkeitskriege gegen Kolonialmächte geprägt, ebenso wie durch die maßlose Plünderung der Ressourcen durch politische Führer und Eliten, die oftmals von den mächtigen Nationen Europas und Nordamerikas unterstützt wurden. Länder, die nur wenig auf dem Weltmarkt anzubieten hatten, mussten sich hoch verschulden, um die Waffen zu bezahlen, die ihre Staatschefs – oft Diktatoren – für den eigenen Machterhalt einsetzten. Gleichzeitig opferte man die traditionelle Familienlandwirtschaft zugunsten des Anbaus sogenannter Cash Crops, von Feldfrüchten also, die nur für den Export bestimmt waren und durch deren Verkauf man die Auslandsschulden abzahlen konnte."[33]

Auch die Agrarsubventionen von EU und USA zur Stützung der heimischen Landwirtschaft können den Bauern in ärmeren Ländern die Existenz kosten, ebenso Börsenspekulationen, die Rohstoffpreise nach unten treiben. All diese Faktoren bedingen die massenhafte Armut, die Menschen anfällig macht für Ausbeutung, falsche Versprechungen oder für Beteiligung auf Seiten der Täterschaft.

Ein wesentlicher Faktor moderner Sklavereien ist Korruption, die auf jeder Ebene – in Politik, Richterschaft, Polizei oder Bürgerschaft – einen effektiven Schutz vor ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen verhindert. Sie erklärt den Widerspruch, dass Sklavereien gesetzlich verboten, aber faktisch existent sind. Insbesondere die Polizei ist vielerorts schlecht bezahlt und ausgebildet. Eine liquide Täterschaft findet hier einfach zu gewinnende Komplizen. Und für die Zwangsprostitution gilt: Neben Politikern oder einflussreichen Unternehmern sind nicht selten auch Polizisten unter den Kunden.

Daneben sind spezifische Ursachen zu berücksichtigen, zum Beispiel traditionelle Handlungszusammenhänge (zum Beispiel bestimmte Schuldknechtschaftssysteme), in die manche moderne Sklavereien eingebettet sind. Sie werden nicht als ungewöhnlich oder ungerecht wahrgenommen. Das gilt etwa für die Tradition der Baccha Baazi, eine Form der Knabenprostitution, die in Zentralasien und Afghanistan vorkommt. Tempelsklaverei (Devedasi in Indien, bei den Trokosi in Ghana) wird als religiöse (beziehungsweise religiös konnotierte) Praxis akzeptiert. Bei den Trokosi übergeben Familien ein Mädchen an die Priester als Ausgleich für eine Verfehlung. Auch hier spielen die erwähnten Normalisierungseffekte eine Rolle.

Ähnlich ist es im Fall der Zwangsprostitution: Prostitution wird vielfach als normale soziale Randerscheinung wahrgenommen ("ältestes Gewerbe der Welt"). Legale und erzwungene Prostitution bestehen mancherorts nebeneinander und – so die Gegner der Legalität – machen sie schwer unterscheidbar. Zu den Verteidigern legaler Prostitution zählen indes auch manche Feministinnen, die ein Verbot als patriarchale Bevormundung in puncto weiblicher Selbstverfügung über den Körper interpretieren. Patriarchat, feministische Emanzipation, sexuelle Liberalisierung und Ökonomisierung – es konfligieren und interagieren verschiedene Wertesysteme. Die große Nachfrage nach Prostitution bleibt indes bestehen – und damit auch der Nährboden für Zwangsprostitution.[34]

Gegenmaßnahmen

Die Vielfalt der Sklavereien erfordert eine Vielfalt von Gegenmaßnahmen. Allgemein lassen sie sich einteilen in prosecution, protection und prevention ("3-P-Strategie").[35] Die Strafverfolgung (prosecution) bedarf vor allem Maßnahmen zu ihrer Effektivierung. Dazu zählt zum Beispiel stärkere, länderübergreifende rechtliche Harmonisierung und Zusammenarbeit. Korruption und (geo-)politische Interessenkonflikte sind die größten Hindernisse. Zudem benötigt eine rechtsstaatliche Strafverfolgung Beweise. Wo Behörden untätig bleiben, ist Öffentlichkeit, die durch Journalisten und Aktivisten hergestellt wird, entscheidend. Essentiell sind zudem die Aussagen der Opfer. Die aber schweigen oft.

Ein Grund dafür ist unzureichender Opferschutz (protection). Illegale Einwanderer meiden die Behörden. Sie fürchten Haft, Abschiebung, Hunger. Opferschutzansätze fordern daher, Zeuginnen und Zeugen nicht abzuschieben und Lohnausfälle zu erstatten.[36] Teil des Schutzes ist zudem, eine erneute Versklavung zu verhindern (prevention). Denn Befreiungen bewirken wenig, fällt die Person anschließend in Armut zurück. Vorbeugende Arbeit sollte daher bei der Armutsbekämpfung ansetzen. Landreformen könnten den Ärmsten Subsistenzwirtschaft ermöglichen, schulische beziehungsweise berufliche Qualifikation könnte zusätzliche Erwerbsmöglichkeiten eröffnen. Aufklärung über die Versklavungsgefahr macht wachsamer, obgleich viele spätere Opfer ein Gefahrenbewusstsein haben, das jedoch häufig von Verzweiflung beziehungsweise falschen Hoffnungen überwogen wird. Im Falle traditioneller Schuldknechtschaftssysteme muss bisweilen überhaupt erst ein Unrechtsbewusstsein erzeugt werden.[37]

Die langwierige Umsetzung solcher Maßnahmen kann oft nur durch lokale Akteure (etwa Mitarbeiter örtlicher Hilfsorganisationen oder ehemalige Opfer) erfolgen. Sie haben local knowledge, um Betroffene zu identifizieren, zu ermutigen und Alternativen aufzuzeigen. Sie bedürfen jedoch finanzieller Unterstützung und politischen Schutzes. Diesen Zwecken dienen Spenden sowie Kooperationen mit internationalen Organisationen.

Verbraucher haben verschiedene Optionen: Mitarbeit bei Hilfsorganisationen, Spenden, Abgeordnete auf das Thema ansprechen, Druck auf Unternehmen ausüben, dass diese ihre Lieferketten transparent machen und zertifizieren lassen. Der Konsum von Fair-Trade-Produkten sorgt für eine Entlohnung der Arbeiterinnen und Arbeiter, die ihrem tatsächlichen Lebensbedarf und nicht den Schwankungen des Rohstoffweltmarkts angepasst ist. Pauschaler Boykott ganzer Warenlinien ist indes nicht ratsam. Er trifft auch diejenigen, die zu regulären Bedingungen produzieren. Der Sklavereianteil an einer Produktionskette ist in der Regel sehr klein.

Fazit und Ausblick

Es wäre verfehlt, die weltgeschichtliche Bedeutung der Abolition zu schmälern, aber auch, Sklaverei zur Vergangenheit zu erklären. Es mag zynisch klingen, aber der menschliche Körper ist "multivalentes Biokapital",[38] er lässt sich so mannigfaltig ausbeuten wie sonst nur Geld. Zu verhindern, dass wir dieser Versuchung erliegen, bleibt zentrale menschenrechtliche Aufgabe. Jede der unzähligen Sklavereien, die in diesem Artikel bloß angedeutet werden konnten, ist für sich eine komplexe Lebenswelt. Die Ausbeutung von Menschen gegen ihren Willen ist ihr kleinster gemeinsamer Nenner. Um Sklavereien besser verstehen und bekämpfen zu können, ist jedes dieser Ausbeutungsverhältnisse im Detail zu betrachten.

Fußnoten

29.
M. Zeuske (Anm. 3), S. 565.
30.
Vgl. L. Cacho (Anm. 23), S. 91ff., S. 296f.
31.
Vgl. K. Bales/B. Cornell (Anm. 6), S. 55.
32.
Vgl. ebd., S. 11ff.
33.
Ebd., S. 12f.
34.
Vgl. ebd., S. 105ff.; L. Cacho (Anm. 23), S. 296ff.
35.
Vgl. Günther Maihold, Der Mensch als Ware, Berlin 2011, S. 16.
36.
Vgl. Joachim Renzikowski, Contemporary Problems of Labour Exploitation, in: Eric Hilgendorf/Jan-Christoph Marschelke/Karin Sekora (Hrsg.), Slavery as a Global and a Regional Phenomenon, Heidelberg 2015, S. 115–130, hier: S. 126ff.
37.
Vgl. K. Bales/B. Cornell (Anm. 6), S. 78ff.
38.
M. Zeuske (Anm. 3), S. 3, S. 571.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Jan-Christoph Marschelke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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