Ein Mann geht an einem Graffiti, das den griechischen Premier Tsipras und die Bundeskanzlerin Merkel zeigt, vor, 18.10.2015

18.12.2015 | Von:
Manuela Boatcă

Multiple Europas und die interne Politik der Differenz

Seit über 20 Jahren sehen sich die Sozialwissenschaften mit dem Vorwurf des Eurozentrismus konfrontiert. Eine Vielzahl von Ansätzen, deren Ziel es war, den Eurozentrismus zu überwinden und über das Modernisierungsparadigma in seinen alten wie neuen Erscheinungsformen hinauszuwachsen, sind als Antwort auf diese Kritik entstanden. Die meisten davon konzentrierten sich auf das westliche Konzept von Moderne – das wiederum der Vorstellung von Moderne als etwas Westlichem entspricht – und ersetzten es durch den Begriff von multiplen, fragmentierten, alternativen oder schlichtweg "anderen" Modernen. Die verschiedenen Konzepte von pluralen Modernen teilen dabei die Vorstellung, dass die ursprüngliche Moderne, die als Vorbild und Messlatte für die anderen diente, die westeuropäische war und ist.[1] Von diesem Standpunkt aus gesehen sind sowohl der Osten als auch der Süden Europas, ähnlich wie Lateinamerika, bloße Erweiterungen der ursprünglichen westlichen Moderne.[2]

Das gleiche Verständnis eines letztlich in sich kohärenten Europas schwingt im ökonomischen und politischen Projekt der Europäischen Union mit, das die Bezeichnung "Europa" schrittweise monopolisiert hat, sodass nur noch die gegenwärtigen Mitgliedstaaten der EU oder solche, die bald Mitglieder werden sollen, in den Begriff inkludiert werden. Obwohl das Konzept "Europa" nie einen bloßen geografischen Gehalt hatte, sondern immer sowohl die Geopolitik als auch die Epistemologie verschiedener historischer Konstellationen widergespiegelt hat, entsteht mit dem Diskurs der EU das, was wir eine "moralische Geografie" des Kontinents nennen könnten, mit tief greifenden Konsequenzen für die Identitätspolitik der ausgeschlossenen Länder. Die "moralische Geopolitik"[3] bezieht sich auf den Zivilisierungsdiskurs, der die EU an die Spitze einer Wertehierarchie setzt, die sich aus dem historischen Erbe und der gegenwärtigen politischen Rolle ihrer Mitgliedstaaten, die als vorbildlich gelten, ableitet. Die "moralische Geografie" meint hingegen die Ebene der symbolischen Repräsentation des europäischen Kontinents, der genau diesen Diskurs widerspiegelt: je später der Beitritt zur EU, desto fragwürdiger oder mangelhafter der Zivilisierungsgrad.

Eine solche Geografie setzt eine ontologische und moralische Skala voraus, die von einem westlichen Teil, dessen moderner, demokratischer und friedlicher Charakter (und somit dessen Überlegenheit) unhinterfragt bleibt, hin zu einem rückständigen, gewalttätigen und unterlegenen Teil reicht – als solcher von fragwürdiger Europäität und fast immer in den Balkan-Ländern verortet. Spätestens seit dem Ersten Weltkrieg als "Pulverfass Europas" angesehen, hat die Balkan-Region regelmäßig in der europäischen Literatur wie in der Moralgeografie des Kontinents die kollektive Rolle eingenommen, die 1940 so zusammengefasst wurde: "those wretched and unhappy little countries (that) can, and do have quarrels that cause world wars. Loathsome and almost obscene snarls in Balkan politics, hardly intelligible to a Western reader, are still vital to the peace of Europe, and perhaps the world."[4] Der Balkan stellt "das Andere" (Extrem) auf einer ontologischen Skala von Europäität dar, die weitere Zwischenstufen zu umfassen scheint. Die Kriterien für die Positionierung auf der Skala sind nichtsdestotrotz noch lange nicht klar.

Um die Logik, die sowohl in den neuen Ansätzen zu pluralen Modernen als auch in dem EU-Modell wirksam wird, besser verstehen zu können, soll im Folgenden die Vorstellung eines einzigen Europas, das multiple Modernen produziert, durch diejenige von multiplen Europas mit unterschiedlichen und ungleichen Rollen in der Ausgestaltung der hegemonialen Definition der Moderne und in der Sicherstellung ihrer Verbreitung ersetzt werden. Das hier vorgelegte Modell multipler Europas betont in erster Linie die Machtverhältnisse und die unterschiedlichen Hierarchien, die innerhalb Europas selbst während des modernen Zeitalters entstanden sind, ohne daraus auf die Entstehung mehrerer europäischer Modernen zu schließen.

Die Frage nach dem historischen Ursprung der europäischen Ost-West-Teilung ist nach wie vor höchst umstritten. Für die Frage nach der Entstehung multipler Europas spielt der orientalistische Diskurs des 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle.[5] Als Diskurs, der die westlichen Repräsentationen des "Anderen" beherrschte und es der westeuropäischen Kultur erlaubte, an "Macht und Identität zu gewinnen, indem sie sich von dem Orient als eine Art Ersatz und sogar Untergrund selbst absetzte",[6] entstand der Orientalismus in der Zeit nach der Aufklärung. Wissenschaftliche und literarische Darstellungen des Orients als rückständig, irrational, zivilisierungsbedürftig und rassisch unterlegen fungierten als Hintergrund für Repräsentationen des Okzidents als fortschrittlich, rational, zivilisiert, ja sogar biologisch überlegen und dienten somit der Legitimierung europäischer Kolonialisierung und Kontrolle. Die dekolonialen Theoretiker Fernando Coronil und Walter Mignolo wiesen jedoch darauf hin, dass der Orientalismus des 18. und 19. Jahrhunderts ohne eine vorherige Vorstellung von Okzidentalismus, dessen Entstehung auf die Anfänge westeuropäischer kolonialer Expansion im langen 16. Jahrhundert zurückzuführen ist, nicht möglich gewesen wäre.[7] Als Ausdruck einer "konstitutiven Beziehung zwischen westlichen Repräsentationen kultureller Differenz und weltweiter westlicher Herrschaft"[8] stellt Okzidentalismus nicht das Pendant des Orientalismus, sondern seine Vorbedingung dar, einen Diskurs aus dem und über den Westen, der die Voraussetzungen für die Diskurse über die Anderen des Westens – das heißt für Orientalismus, aber auch für Antisemitismus, Anti-Schwarzen-Rassismus sowie für Sexismus – schafft.[9] Viel mehr als ein physischer Ort auf einer Landkarte ist das im 16. Jahrhundert entstandene geopolitische Konzept des Okzidents ein epistemischer Standort für die Produktion hegemonialer mental maps – oder imperialer Landkarten –, die eine diskursive Machtkomponente umfassten.

Fußnoten

1.
Vgl. Willfried Spohn, Multiple, Entangled, Fragmented and Other Modernities. Reflections on Comparative Sociological Research on Europe, North and Latin America, in: Sérgio Costa et al. (Hrsg.), The Plurality of Modernity: Decentring Sociology, München 2006, S. 11–22.
2.
Vgl. Shmuel Eisenstadt, Die Vielfalt der Moderne, Weilerswist 2000.
3.
Vgl. József Böröcz, Goodness Is Elsewhere: The Rule of European Difference, in: Comparative Studies in Society and History, 1 (2005), S. 110–387.
4.
John Gunther, Inside Europe, New York 1940, S. 437.
5.
Vgl. Edward Said, Orientalism, New York 1978.
6.
Ebd., S. 3
7.
Vgl. Fernando Coronil, Beyond Occidentalism: Toward Non-Imperial Geohistorical Categories, in: Cultural Anthropology, 1 (1996), S. 51–87; Walter Mignolo, Local Histories/Global Designs. Coloniality, Subaltern Knowledges, and Border Thinking, Princeton 2000.
8.
F. Coronil (Anm. 7), S. 57.
9.
Vgl. Manuela Boatcă, Global Inequalities beyond Occidentalism, Farnham 2015.
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Autor: Manuela Boatcă für bpb.de
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