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18.12.2015 | Von:
Manuela Boatcă

Multiple Europas und die interne Politik der Differenz

Von multiplen Orientalismen zu multiplen Europas

In der Frühmoderne wurde das periphere Europa des 15. Jahrhunderts zum expandierenden Europa im atlantischen Raum und gleichzeitig zum ersten Zentrum der kapitalistischen Weltwirtschaft.[10] In dieser Zeit waren sowohl die europäische Territorialherrschaft als auch die Reichweite ihrer epistemischen Macht noch begrenzt. Im Gegensatz dazu entstanden im 18. Jahrhundert Hierarchien, die Europa entlang ähnlicher Kriterien zu strukturieren begannen wie diejenigen, die auf die koloniale Welt angewandt wurden. Zum einen diente die evolutionistische Vorstellung, dass die Menschheit eine lineare Entwicklung mehrerer aufeinanderfolgender Stufen von einem ursprünglichen Naturzustand bis zur westlichen Zivilisation zu durchlaufen hatte, dazu, eine zeitliche Aufteilung des europäischen Kontinents zu rechtfertigen: Während der Osten immer noch als feudal galt, verkörperte der Süden das Ende des Mittelalters, der Nordwesten hingegen die Moderne. Zum anderen ermöglichte die dualistische Ansicht, dass die Unterschiede zwischen Europäern und Nicht-Europäern über unüberwindbare natürliche Kategorien wie primitiv-zivilisiert, irrational-rational, traditionell-modern erklärt werden können,[11] sowohl eine räumliche als auch eine ontologische Einteilung Europas: Anders als "der" Orient und "der" Islam konnte der Osten Europas als weiße, christliche und europäische Region – die jedoch gleichzeitig rückständig, traditionell und überwiegend agrarisch war – nicht als Westeuropas Anderes konstruiert werden, sondern eher als dessen unvollständiges Selbst.[12] Die Nähe zu Asien und das Erbe der osmanischen Herrschaft ließen darüber hinaus insbesondere den Balkan als Zwischenstadium zwischen Orient und Okzident erscheinen, der deshalb als halbentwickelt, semikolonial, semizivilisiert oder halborientalisch galt.[13] Während die rassischen, ethnischen und Klassenhierarchien, die in den Kolonien etabliert worden waren, die koloniale Differenz von Westeuropa markierten, waren es weniger explizit rassische, dafür ausgeprägt ethnische und spezifische Klassenhierarchien, die die imperiale Differenz zwischen den europäischen Reichen und ihren (früheren) Subjekten artikulierten.[14] Analog dazu wurde der Süden Europas, symbolisiert durch das geschwächte spanische Reich und sein maurisches Erbe, aufgrund seiner Nähe zum islamischen Norden Afrikas allmählich aus dem westlichen Zentrum herausdefiniert.[15]

Parallel zur Konstruktion der kolonialen Differenz in Übersee entstand also eine doppelte imperiale Differenz in Europa (und bis nach Asien hinein): auf der einen Seite eine externe Differenz zwischen dem neuen kapitalistischen Zentrum und den existierenden traditionellen Reichen islamischen und ostchristlichen Glaubens – das osmanische und das zaristische Reich; auf der anderen Seite eine interne Differenz zwischen dem neuen und dem alten kapitalistischen Zentrum, vor allem England und Spanien. Vor diesem Hintergrund fielen sowohl der Orientalismus als auch die Verfremdung Russlands sowie des Südens Europas gegenüber dem westlichen Machtzentrum auf fruchtbaren Boden.[16]

Ab diesem Zeitpunkt haben wir es mit wenigstens zwei Typen von europäischen Subalternen gegenüber dem hegemonialen Machtmodell zu tun und mit der ersten imperialen Landkarte multipler Europas. Vor dem Hintergrund der externen wie internen imperialen Differenz können wir zwischen mindestens drei Europas unterscheiden: einem dekadenten Europa – das sowohl die Hegemonie als auch die damit verbundene epistemische Macht, ein hegemoniales Selbst und seine subalternen Anderen zu definieren, verloren hatte, was insbesondere für Spanien und Portugal zutraf; einem heroischen Europa – selbst definiert als Urheber der zentralen Errungenschaften der Moderne, in erster Linie Frankreich und England; und einem epigonalen Europa – definiert über seinen vermeintlichen Mangel an solchen Errungenschaften und demnach als bloßer Re-Produzierer der Stufen, die vom "heroischen" Europa zurückgelegt wurden, was hauptsächlich für die Länder des Balkans zutraf. Während sowohl das "dekadente" als auch das "epigonale" Europa wirtschaftlich durch eine semiperiphere Position charakterisiert waren, trugen ihre unterschiedlichen Wege zu dieser Position dazu bei, sie im Hinblick auf ihre Interessen eher zu spalten als zu vereinen: In Spanien und Portugal lösten das Wissen um die verlorene Macht und die Verfügbarkeit über imperiale Sprachen das Bewusstsein eines Abstiegs aus dem Zentrum, eine imperiale Nostalgie aus. In dem Teil des Kontinents hingegen, der nur dank des zunehmenden Verfalls des Osmanischen Reiches zu "Europa" zugehörig wurde – in Osteuropa und dem Balkan – machte der Aufstieg in die Semiperipherie des Weltsystems, nach einer langen Geschichte als Peripherie innerhalb Europas selbst, das Streben nach Europäität (definiert als westliche Moderne) zur dominanten Haltung.
Tabelle: Multiple EuropasTabelle: Multiple Europas (© bpb)

Die Unterkategorien, die der imperialen Landkarte von multiplen Europas zugrunde liegen, dienten somit dazu, die Hegemonie des "heroischen" Europas positiv zu sanktionieren: Frankreich, England und Deutschland als Inbegriffe dessen, was Hegel "das Herz Europas" genannt hatte, wurden so zur einzigen Autorität, die in der Lage war, ihre Definition der Moderne weltweit durchzusetzen und gleichzeitig ihre imperialen Projekte in den verbleibenden Europas oder durch sie umzusetzen: Der wirtschaftliche Aufstieg Nordwesteuropas, währenddessen Holland, Frankreich und England um Hegemonie rangen, machte sich einerseits die territorialen Gewinne der ersten, spanisch-lusitanischen kolonialen Expansion in den Atlantik zunutze, um daraus die menschlichen, ökonomischen und kulturellen Ressourcen zu schöpfen, die für die charakteristischsten Errungenschaften der Moderne nötig waren – allen voran für die Industrielle Revolution. Dies geschah jedoch, ohne dabei den Beitrag des "dekadenten" europäischen Südens oder den der kolonisierten Amerikas in das Selbstverständnis der Moderne zu integrieren, die sich als (nord)westlich und von europäischer Herkunft definierte.

Ab dem 19. Jahrhundert profitierte das westeuropäische Zentrum andererseits auch zunehmend vom Ende osmanischer Herrschaft im Osten des Kontinents. In den ländlichen und primär agrarwirtschaftlichen Gesellschaften der Region gewann es allmählich die Kontrolle über die strategischen Handelsrouten über die Donau und das Schwarze Meer. Die anschließende Modernisierung des Südostens Europas durch die Einführung bürgerlich-liberaler Institutionen, wodurch dieser Teil des Kontinents institutionell für den Westen erkennbar und finanziell von ihm abhängig wurde, prägte gleichzeitig die politischen und kulturellen Identitäten der Länder in der Region gegenüber dem westlichen Machtdiskurs. Österreich, Polen, Rumänien und Kroatien definierten demnach ihre Rolle in der europäischen Geschichte als "Bollwerke des Christentums" gegen die muslimische Gefahr; jedes Land in Osteuropa stellte sich selbst als "Grenze zwischen Zivilisation und Barbarei" oder als "Brücke zwischen West und Ost" dar. Damit legitimierten sie die westliche Überlegenheit immer wieder aufs Neue und nährten denselben Orientalismus, der das jeweilige Land selbst als balkanisch, nicht christlich oder nicht weiß genug abwertete.

Die langfristige Instrumentalisierung der geopolitischen Stellung der "anderen Europas" für die Zwecke des "heroischen" Europas lässt erkennen, dass der Okzidentalismus, der an die "anderen Europas" gerichtet war, diese nicht daran hinderte, ihrerseits gegenüber der nicht-europäischen Welt den Eurozentrismus hochzuhalten. Ganz im Gegenteil. Die Neuverortung Osteuropas und des Balkans im Kontext eines hierarchischen Modells von multiplen Europas macht deutlich, dass die Blindheit gegenüber der (neo)kolonialen Logik, die in den politischen und Identitätsdiskursen dieser Regionen vorherrscht, sie eher zu Komplizen des kolonialen Projektes hat werden lassen, das der Entstehung der Moderne zugrunde liegt.

Eine solche Klassifikation ist allerdings notwendigerweise unvollständig und als heuristisch gedacht. Auf der Basis seiner prototypischsten Beispiele erlaubt das oben skizzierte Modell multipler Europas jedoch, die Auswirkungen, die eine direkte oder indirekte Beteiligung an dem außereuropäischen kolonialen Unterfangen auf die Definitionsmacht, die sich aus der strukturellen Position einer Region innerhalb des Weltsystems im Allgemeinen und innerhalb Europas im Besonderen ergibt, zu beleuchten.

Fußnoten

10.
Vgl. Immanuel Wallerstein, The Capitalist World-Economy, Cambridge 1979.
11.
Vgl. Aníbal Quijano, Colonialidad del poder, eurocentrismo y América Latina, in: Edgardo Lander (Hrsg.), La colonialidad del saber: eurocentrismo y ciencias sociales. Perspectivas latinoamericanas, Buenos Aires 2000, S. 201–246.
12.
Vgl. Maria Todorova, Imagining the Balkans, New York–Oxford 1997.
13.
Vgl. ebd.
14.
Vgl. W. Mignolo (Anm. 7), S. 36f.
15.
Vgl. Boaventura de Sousa Santos, Between Prospero and Caliban. Colonialism, Postcolonialism and Interidentity, in: Review, 2 (2006), S. 143–166.
16.
Vgl. Walter Mignolo, Introduction, in: South Atlantic Quarterly, 3 (2006), S. 479–499, hier: S. 487.
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