APuZ 1-2/2016 Schulden
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Junge Menschen, Geld, Schulden


4.1.2016
Jugendliche und junge Erwachsene werden im öffentlichen, medialen und zuweilen auch fachlichen Diskurs oft als "Konsumidioten" dargestellt.[1] Glaubt man diesen Schilderungen, ist Jugendverschuldung ein verbreitetes und alarmierendes Phänomen, dessen Ursachen schnell identifiziert sind: Der "falsche" Umgang mit Geld, das mangelnde Wissen über Finanzen, eine geringe Planungskompetenz und die unkontrollierte Erfüllung von Konsumwünschen sind die gängigen Erklärungen für finanzielle Schwierigkeiten bis hin zur Überschuldung bei jungen Menschen. So dominieren in den Medien Fotos von Jugendlichen mit Einkaufstüten auf Shoppingmeilen, mit Handys oder teurer Markenkleidung sowie beim Zücken der goldenen Kreditkarte.

Diese Haltung liegt auch vielen Erhebungen zum Thema zugrunde. Laut dem Überschuldungsreport des Instituts für Finanzdienstleistungen (iff) sind beispielsweise eine "fehlende finanzielle Allgemeinbildung", "unwirtschaftliche Haushaltsführung" und "Konsumverhalten" relevante Auslöser für Überschuldung.[2] Noch eindrücklicher sind die vielfach zitierten Ergebnisse der Erhebung des Bundes Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU), die sich explizit auf die Gruppe der jungen Erwachsenen beziehen: "Zu hohe Konsumausgaben", "schlechtes Vorbild des Elternhauses", "zu wenig Eigenverantwortung" und "zu wenige Kenntnisse über wirtschaftliche Zusammenhänge" sind hier als maßgebliche Gründe für die Verschuldung bei jungen Erwachsenen aufgeführt.[3]

Aus wissenschaftlicher Sicht sind diese Daten allerdings nur wenig verlässlich. So beruhen die Ergebnisse des iff-Überschuldungsreports auf Erhebungen bei Schuldnerberatungsstellen, wobei bereits im Vorfeld in Form vorgegebener Antwortkategorien "unwirtschaftliche Haushaltsführung" oder "fehlende Finanzkompetenz" als mögliche Erklärungen festgelegt werden.[4] Die Studie des BDIU ist gläubigerorientiert und basiert auf Einschätzungen von Angestellten der beteiligten Inkassounternehmen. Insofern spiegeln die Daten dieser Studien im Wesentlichen Meinungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der entsprechenden Organisationen über Verschuldungszusammenhänge wider.

Aus dieser Perspektive ist im Umkehrschluss auch die Vorbeugung und Bearbeitung von finanziellen Schwierigkeiten beziehungsweise Verschuldung bei jungen Menschen relativ klar: Gefördert werden muss die Finanzkompetenz. Sie steht mittlerweile im Fokus vieler (pädagogischer) Programme. Angesichts des angenommenen "falschen" Umgangs mit Geld als Ursache finanzieller Schwierigkeiten und Überschuldung möchten diese zum "richtigen" Umgang mit dem zur Verfügung stehenden Geld befähigen und "sinnvollen" Konsum vermitteln. Dieses "vernünftige" Handeln in Bezug auf die eigenen Finanzen soll den Jugendlichen beispielsweise durch das Erstellen von Finanzplänen für den eigenen Haushalt, die dauerhafte Überwachung von Ein- und Ausgaben, den ständigen Preisvergleich sowie die Vermittlung von Wissen im Umgang mit Finanzdienstleistungen oder Informationen über Finanzfallen beigebracht werden. Die Erfüllung materieller Wünsche ist hierbei nur insofern gestattet, als sie mit dem Haushaltsplan vereinbar ist.

Somit wird Verschuldung bei jungen Menschen im Rahmen des Konzepts der Finanzkompetenz als personenbezogenes und wachsendes Problem verortet, das im Wesentlichen durch problematische beziehungsweise fehlende individuelle Fähigkeiten und Fertigkeiten entsteht und dem durch die Förderung dieser Fähigkeiten entsprechend entgegengewirkt werden soll. Der in der Kognitionspsychologie beziehungsweise der pädagogischen Psychologie verankerte Begriff "Kompetenz", weist auf die individuumsbezogene Fokussierung hin. Nach der Definition des Psychologen Franz Weinert bedeutet Kompetenz "die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können". [5]

Im Folgenden werden wir diese Annahmen diskutieren und einen Blick auf finanzielle Schwierigkeiten von jungen Menschen werfen, der Verschuldung in lebensweltliche Zusammenhänge einbettet und sie aus der Bedeutung von Geld und Verschuldung für junge Menschen heraus erschließt.

Jugendverschuldung – ein alarmierendes Problem?



Wirtschaftsunabhängige Daten zum Ausmaß der Verschuldung junger Erwachsener liefert das Statistische Bundesamt. Demnach gehören 0,2 Prozent der Klientinnen und Klienten der Schuldnerberatungsstellen der Altersgruppe der 18- bis 19-Jährigen an, und 6,5 Prozent der Ratsuchenden sind zwischen 20 und 25 Jahre alt.[6] Da diese Daten auf Angaben der Schuldnerberatungsstellen basieren, sind auch sie allerdings in mehrerer Hinsicht begrenzt: Zum einen sind die Auskünfte der Schuldnerberatungsstellen freiwillig und die Weitergabe der anonymisierten Daten bedarf der Zustimmung der beratenen Personen; zum anderen können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Schuldnerberatungsstellen nur Auskunft über diejenigen jungen Menschen geben, die eine Beratung aufsuchen; weiterhin bleibt neben der "Dunkelziffer" verschuldeter Jugendlicher in den genannten Daten die Situation Minderjähriger mit finanziellen Problemen ebenfalls unberücksichtigt.

Die wenigen aus wissenschaftlicher Sicht seriösen Studien weisen insgesamt zwar auf die Relevanz der Verschuldungsthematik bei jungen Menschen hin. Sie zeigen aber auch, dass es sich um ein weniger verbreitetes Phänomen handelt als oftmals angenommen. 2005 wurden im Rahmen der repräsentativen Studie des Soziologen Elmar Lange und der Psychologin Karin Fries 1003 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 17 Jahren zu Verschuldung befragt. Dabei wurde Verschuldung folgendermaßen definiert: "(Wir) wollen von einer Verschuldung der Kinder und Jugendlichen sprechen, wenn sie sich Geld geliehen haben, das sie nicht gleich wieder zurückzahlen können."[7] Dieser recht breit gefassten Definition folgend sind 6 Prozent der 10- bis 17-Jährigen verschuldet, wobei die durchschnittliche Verschuldungshöhe bei 72 Euro liegt. Berechnet man die Verschuldungshöhe im Median, so verringert sie sich auf 10 Euro.[8]

Aufschlussreich hinsichtlich des Ausmaßes von Verschuldung unter 18- bis 24-Jährigen ist eine Studie aus der deutschsprachigen Schweiz.[9] Sie umfasst 537 junge Menschen aus vier unterschiedlichen Schul- beziehungsweise Ausbildungstypen: Teilnehmende eines arbeitsmarktbezogenen Brückenangebots (SEMO), Lehrlinge, Diplomschülerinnen und -schüler sowie Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Die Ergebnisse zeigen, dass rund 62 Prozent der 18- bis 24-Jährigen keine Schulden haben. Von den 38 Prozent der verschuldeten Jugendlichen haben jeweils rund ein Viertel Schulden bis 100 Franken, zwischen 100 und 1000 Franken, zwischen 1000 und 2400 Franken und 2500 Franken und mehr.

Insgesamt kommen die Autorinnen und Autoren zu dem Ergebnis, dass einerseits die informelle Verschuldung, also das Leihen von Geld im Wesentlichen von Eltern, mit in der Regel geringen Beträgen und einer recht kurzfristigen Rückzahlung (meist innerhalb weniger Tage), "zur ‚normalen‘ Organisation des Alltags von Minderjährigen (gehört), mit der viele gut zurechtkommen".[10] Andererseits identifizieren sie eine kleine Gruppe junger Menschen, die über mehrere Tausend Franken verschuldet sind und kaum eine Aussicht auf eine fristgerechte Rückzahlung haben. Hierbei handelt es sich um junge Erwachsene, die mehrheitlich aus sozial benachteiligten Familien kommen, über keine weiterführende Ausbildung verfügen und häufig mit kritischen Lebensereignissen wie etwa einem frühen Auszug aus dem Elternhaus, Arbeitslosigkeit oder Schul- beziehungsweise Lehrabbruch einschließlich (erheblicher) finanzieller Kostenfolgen konfrontiert sind. Diese Jugendliche erfahren zudem kaum Unterstützung aus ihrem sozialen Umfeld – weder bei den herannahenden Krisensituationen noch bei deren Bewältigung. Die Autorinnen und Autoren folgern: "Eine problematische Verschuldungssituation mit mehreren Tausend oder Zehntausend Franken steht meist am Ende einer Kette von sozialen und gesundheitlichen Problemen."[11] Andere Studien bestätigen dieses Ergebnis.[12]


Fußnoten

1.
Vgl. Hans Ebli, Über Konsumentenkredite, Überschuldung, "jugendliche Konsumidioten" und "Schuldenprävention" in der "Kreditgesellschaft", in: Unsere Jugend, (2005) 6, S. 243–253.
2.
Institut für Finanzdienstleistungen e.V. (iff), iff-Überschuldungsreport 2014. Überschuldung in Deutschland, S. 9, http://www.iff-ueberschuldungsreport.de/media.php?id=4874« (14.12.2015).
3.
Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V., Mitgliederbefragung 1. Halbjahr 2015, S. 10, http://inkasso.de/sites/default/files/downloads/06%20-%20Grafiken%20Jun15.pdf« (14.12.2015)
4.
Vgl. iff (Anm. 2), S. 9.
5.
Franz E. Weinert, Leistungsmessung in Schulen – eine umstrittene Selbstverständlichkeit, in: ders. (Hrsg.), Leistungsmessung in Schulen, Weinheim–Basel 20022, S. 17–32, hier: S. 27.
6.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Statistik zur Überschuldung privater Personen, Wiesbaden 2014.
7.
Elmar Lange/Karin R. Fries, Jugend und Geld 2005. Eine empirische Untersuchung über den Umgang von 10–17-jährigen Kindern und Jugendlichen mit Geld, München–Münster 2006, S. 67.
8.
Vgl. ebd., S. 67.
9.
Vgl. Elisabeth Streuli et al., Eigenes Geld – Fremdes Geld. Jugendverschuldung in Basel-Stadt, Olten–Basel 2008.
10.
Ebd., S. 4.
11.
Ebd., S. 5.
12.
Vgl. etwa Christa Schär, Verschuldung in der Lebensphase Jugend bewältigen. Eine qualitative Forschungsarbeit über das Bewältigungshandeln junger Erwachsener vor dem Hintergrund ihrer sozialstrukturellen Herkunfts- und Lebenslagebedingungen, Masterarbeit, Universität Freiburg (CH) 2014.
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Autoren: Andrea Braun, Vera Lanzen, Cornelia Schweppe für bpb.de
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