APuZ 1-2/2016 Schulden

4.1.2016 | Von:
Andrea Braun
Vera Lanzen
Cornelia Schweppe

Junge Menschen, Geld, Schulden

Sinnlose Geldverschwendung? Oder: Teilhabebemühungen

Angesichts der vielfältigen Funktionen von Geld im Leben junger Menschen lässt sich auch Verschuldung aus diesen Bedeutungsgehalten erschließen. Das Beispiel Frau F. deutet dies an: Sie wollte vor ihrem finanziell bessergestellten Ex-Freund nicht "blöd dastehen". Das wäre die Folge, aufgrund mangelnder finanzieller Mittel an gemeinsamen Aktivitäten und Interaktionen nicht teilzunehmen. Dies kann mit Gefühlen von Scham oder Angst sowie mangelnden Partizipationserfahrungen einhergehen. Die wahrgenommene sozioökonomische Ungleichheit kann durch die Verausgabung von Geld beziehungsweise Verschuldung verdeckt werden und durch die hierdurch bedingten erweiterten Handlungsoptionen vor schmerzlichen Erfahrungen und Gefühlen schützen. In diesem Zusammenhang ist nicht nur der Hinweis des Arbeitsmarktforschers Andreas Hirseland wichtig, dass sozioökonomische Ungleichheiten durch eine "durch Kredit scheinbar gesteigerten individuellen Verfügbarkeit von Geld zumindest teilweise ‚unsichtbar‘ gemacht werden".[18] Insgesamt können Schulden neue Spielräume eröffnen und dazu beitragen, "mithalten zu können", Ausgrenzungsprozesse zu vermeiden oder "einem materiellen Stigma zu entgehen".[19]

Auch Frau F. versucht, durch die Teilnahme an kostenpflichtigen Freizeitangeboten gemeinsam mit ihrem Freund ihre soziale Eingebundenheit vor dem Hintergrund ihrer sozialen Benachteiligung aufrechtzuerhalten. Dafür nimmt sie Mietschulden in Kauf. Es ist bereits darauf hingewiesen worden, dass gesellschaftliche Teilhabe "(…) durch Schuldenanhäufung hervorgebracht (werden kann) und Personen durch die Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Teilhabe zu Schuldnerinnen und Schuldnern werden (können)".[20] Allerdings ist Verschuldung gleichzeitig risikobehaftet und birgt wiederum die Gefahr sozialer Exklusion.[21] Bei Frau F. zeigt sich dies am drohenden Wohnungsverlust aufgrund der nicht bezahlten Miete.Diese Risiken nehmen für junge Menschen aus "armen Verhältnissen" zu, denn sie haben weniger "Auffangmöglichkeiten" in Form einer Unterstützung durch die Eltern.[22]

Wichtig ist bei der Diskussion über die Risiken und Belastungen durch Schulden bei jungen Menschen das oben genannte Studienergebnis, dass Schulden meist mit vielfältigen Problembelastungen und Lebensschwierigkeiten verwoben sind. So schreibt die Sozialwissenschaftlerin Christa Schär, "dass bei (…) jungen Erwachsenen weniger die Schulden an sich destabilisierend wirken, sondern die Schulden im Zusammenhang oder am Ende einer kumulierten Problemlage in verschiedenen Lebensbereichen stehen und daraus destabilisierte kumulierte Lebenslagen hervorgehen, wobei Schulden ein Nebenproblem darstellen. Die Ergebnisse zeigen, dass besonders hohe Belastungen weniger mit den Schulden an sich im Zusammenhang stehen als vielmehr mit einer solchen kumulierten Problemlage in verschiedenen Lebensbereichen".[23] Insofern ist auch der Schlussfolgerung zuzustimmen, "dass junge Erwachsene oftmals insgesamt nicht nur vor der Bewältigung der Schulden an sich stehen, sondern auch davor, gesellschaftliche Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten, wiederherzustellen oder hin zur autonomen Lebensführung überhaupt herzustellen".[24]

Individuelles Problem? Oder: Komplexes soziales Phänomen

Mit diesem Ergebnis werden die sozialen Zusammenhänge von Verschuldungsprozessen junger Menschen nochmals pointiert. Auch bei der Schuldenproblematik von Frau F. wurde deutlich, dass diese sich vor dem Hintergrund gesellschaftspolitischer Problemlagen wie Arbeitslosigkeit und Armut sowie kritischer Lebensereignisse (frühe Schwangerschaft) aufspannt. Das Problem bei Frau F. ist nicht, dass sie nicht mit Geld "umgehen" kann und ihr Wissen in finanziellen Fragen fehlt. Frau F. erliegt auch keinem "Shoppingrausch". Sie verschuldet sich zu einem wesentlichen Teil auch für andere, für ihre Mutter. Insgesamt versucht sie, vor dem Hintergrund sozialer Ungleichheit und unter Bedingungen knapper finanzieller Ressourcen ihr Leben zu gestalten, dabei Teilhabe zu sichern und auch Verantwortung für andere zu übernehmen.

Das Konzept der Finanzkompetenz erweist sich in seinen Annahmen individueller Defizite als Ursache von Verschuldung als Umdeutung einer sozialen Problemlage. Die Verschuldung junger Menschen ist als sozialer Prozess in gesellschaftliche Bezüge, sozioökonomische Strukturen und in die Bewältigungskonstellationen sich verändernder Lebenswelten des jungen Erwachsenenalters einzubetten. Fragen zunehmender sozialer Ungleichheiten, prekärer Arbeitsverhältnisse, Armut und kritische Lebensereignisse sind dabei ebenso zu berücksichtigen wie die jeweils konkreten und lebensweltlichen Erfahrungen junger Menschen. Diese Strukturen und Erfahrungen werden auf der biografischen Ebene virulent und betten Verschuldungsprozesse in ganz spezifische biografische Verläufe ein.

Die bisherigen Ausführungen geben einen Einblick darin, wie vielfältig und komplex die Hintergründe jugendlicher Verschuldung sein können. Junge Menschen erweisen sich dabei nicht als "inkompetente" Personen, denen der "richtige Blick" aufs Geld verloren gegangen ist, sondern als Akteurinnen und Akteure, die Antworten auf Zumutungen, prekäre Lebensverhältnisse oder eingeschränkte Handlungsoptionen zu finden versuchen.

Fußnoten

18.
Andreas Hirseland, Schulden in der Konsumgesellschaft. Eine soziologische Analyse, Amsterdam 1999, S. 83.
19.
Elias Scotson, zit. nach: Christoph Mattes, Schuldnerberatung als Antwort auf Verschuldung? Ein Beitrag zum Methodendiskurs in der Sozialen Arbeit, in: BAG-SB Informationen 2/2012, S. 113–120, hier: S. 116.
20.
Désirée Bender et al., Gesellschaftliche Teilhabe trotz Schulden – Gesellschaftliche Teilhabe aufgrund von Schulden? Sozialpädagogische Perspektiven für ein diskursives Verständnis von gesellschaftlicher Teilhabe, in: Forschungscluster "Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke" (Hrsg.), Gesellschaftliche Teilhabe trotz Schulden? Perspektiven interdisziplinären Wissenstransfers, Wiesbaden 2012, S. 35 (Herv.i.O.).
21.
Vgl. ebd.
22.
Vgl. Christoph Mattes, Gute Schulden – schlechte Schulden? Jugendverschuldung zwischen Problematisierung und Banalisierung, in: Jugendsozialarbeit aktuell, (2010) 95, o.S.
23.
Ch. Schär (Anm. 12), S. 125.
24.
Ebd., S. 10.
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Autoren: Andrea Braun, Vera Lanzen, Cornelia Schweppe für bpb.de
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