APuZ 1-2/2016 Schulden

4.1.2016 | Von:
Thomas Macho

Schuld und Schulden. Wie moralisch ist die Ökonomie? - Essay

Wem gehören wir?

Gewöhnlich würden auch energische Kritikerinnen und Kritiker des Liberalismus im Einklang mit John Locke antworten: "Every Man has a Property in his own Person" – jeder Mensch gehört sich selbst. Der Satz Lockes zielte allerdings auf eine andere Pointe, wie seine Fortsetzung verrät: "This no Body has any Right to but himself. The Labour of his Body, and the Work of his Hands, we may say, are properly his."[4]

Darum formulierte Locke verschiedene Einschränkungen: Das Verbot der Tötung anderer Menschen wird beispielsweise nicht daraus abgeleitet, dass wir die self-ownership anderer Menschen respektieren müssen, sondern dass wir die Eigentumsrechte des göttlichen Schöpfers nicht verletzen dürfen. Aus dieser Bestimmung kann übrigens auch das Verbot der Selbsttötung abgeleitet werden. Eine andere Einschränkung betrifft die Kinder, die von ihren Eltern gezeugt wurden; Locke differenziert hier zwischen "born in" und "born to" und betont die "Bonds of Subjection" als die mentalen Windeln der Kinder, die noch nicht für sich selbst sorgen können. Offenbar kann self-ownership durch workmanship – in Theologie oder Pädagogik – zumindest temporär außer Kraft gesetzt werden.

Diese Rangordnung lässt sich freilich auch umkehren, wie Immanuel Kant demonstriert hat: In der Rechtslehre seiner Metaphysik der Sitten hielt er fest, dass self-ownership die workmanship-Prinzipien relativiert, sofern "das Erzeugte eine Person ist", und dass es "eine in praktischer Hinsicht ganz richtige und auch notwendige Idee" sei, "den Akt der Zeugung als einen solchen anzusehen, wodurch wir eine Person ohne ihre Einwilligung auf die Welt gesetzt, und eigenmächtig in sie herüber gebracht haben; für welche Tat auf den Eltern nun auch eine Verbindlichkeit haftet, sie, so viel in ihren Kräften ist, mit diesem ihrem Zustande zufrieden zu machen. – Sie können ihr Kind nicht gleichsam als ihr Gemächsel (denn ein solches kann kein mit Freiheit begabtes Wesen sein) und als ihr Eigentum zerstören oder es auch nur dem Zufall überlassen".[5] Kant folgerte daher, dass "Kinder nie als Eigentum der Eltern angesehen werden können", auch und obwohl sie "zum Mein und Dein derselben gehören".[6]

Wem gehören wir also? Den Eltern und Vorfahren, die unsere Existenz ermöglicht haben? Einem Gott, der uns geschaffen hat? Und einer Institution, die diesen Gott vertritt? Oder dem Staat, der unsere Identität beglaubigt und auf allen Geburts-, Heirats-, Reise- und Sterbedokumenten vermerkt, wann und wo wir auf diesem Planeten gelandet oder wieder aufgebrochen sind? Oder uns selbst, in merkwürdiger Aufspaltung zwischen Besitzenden und Besitz?

In solchem Sinne verfocht Max Stirner die These, er selbst sei "das schöpferische Nichts, das Nichts, aus welchem Ich selbst als Schöpfer Alles schaffe".[7] Wollten wir Lockes Liberalismus oder Stirners Anarchismus ans Ende einer Entwicklungsreihe stellen, so müssten wir behaupten, die Vorstellung, der Mensch gehöre sich selbst, sei modern. Und wir könnten eine Art von Fortschritt postulieren, der sich in der skizzierten Entwicklungsreihe – von der Familie zur Religion, vom Staat zum Individuum – abbildet: ein Fortschritt, der durch signifikante Umstürze und Revolutionen erkämpft wurde.

Vielleicht bewirkte die "neolithische Revolution"[8] nicht allein Sesshaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht, sondern auch die Durchsetzung neuer Zugehörigkeitsregeln, die in Abstammungs- und Verwandtschaftssystemen etabliert wurden;[9] vielleicht zielte die achsenzeitliche Gründung der Hochreligionen auf eine Kritik des Ahnenkults, auf eine Relativierung genealogischer Imperative,[10] etwa im Sinne der Predigt im Buch Matthäus, Kapitel 10, Vers 34 und 35 der Bibel, die nicht nur Nächsten- und Feindesliebe fordert, sondern auch den Krieg gegen die Prinzipien der Verwandtschaft: "Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter."[11] Vielleicht triumphierten Nationalstaaten erst über Religionen und Kirchen, sobald sie als "Vorsorgestaaten" – in Verwaltung und statistisch fundierter Bevölkerungspolitik – alternative Formen der Patenschaft und Zugehörigkeit organisieren konnten; und vielleicht verhalf erst die moderne Ökonomie den Individuen zu wachsender Unabhängigkeit von staatlicher Patronanz: als Selfmademen, die behaupten durften, nur sich selbst – in self-ownership und workmanship zugleich – zu gehören.

Schon die Kurzfassung einer solchen Fortschrittserzählung impliziert – ebenso wie ihre Umkehrung zur Verfallsgeschichte – eine Kritik, die sich auf eine erweiterte Theorie des Ungleichzeitigen (im Sinne Ernst Blochs)[12] berufen könnte. Im Horizont solcher Kritik ist evident, dass der Selfmademan "nicht Herr sei in seinem eigenen Haus".[13] Wie viele Opfer werden nach wie vor den Haus-, Ahnen- und Familiengeistern gebracht! Freud wusste, dass Ödipus und Antigone oder Romeo und Julia in unserer Mitte leben und nicht einmal davon träumen, sich selbst zu gehören. Ihre tragischen Geschichten werden vielmehr umringt von konkurrierenden Befehlen der Väter, Götter, Herrscher und Händler, erschüttert von der Lautstärke, mit der die polyglotte Forderung zitiert wird, im Krisenfall auf das eigene Leben zu verzichten. Das Axiom Lockes – "every Man has a Property in his own Person" – ist lachhaft hilflos gegenüber den Eigentumsvorbehalten – "Bonds of Subjection" – der Familien, Kirchen, Staaten, Armeen, Konzerne oder Syndikate. Gegenwärtig arbeiten weltweit mehr als 190 Millionen Kinder (im Alter von 5 bis 14 Jahren) in der Landwirtschaft, in Steinbrüchen und Bergwerken, in der Textilindustrie, als Dienstpersonal in Haushalten und im Tourismus, als Straßenhändler, Bettler, Prostituierte und Soldaten. Niemals zuvor gab es so viele Sklaven wie heute, behaupten die Journalisten Lydia Cacho oder Benjamin Skinner.[14]

Die Frage, wem wir gehören – und daher Gehorsam schulden –, verdankt ihr Gewicht einer Vorstellung von Eigentum. Erst mithilfe dieser Vorstellung konnten Dinge und Stoffe, Lebewesen und Personen den Prozessen der Zirkulation, des Austauschs, der Kommunikation und des Stoffwechsels gleichsam entzogen werden. Jäger und Sammlerinnen kannten noch kein Eigentum. Als Menschengruppen vor mehr als zehntausend Jahren begannen, Städte zu gründen, Böden zu bewässern und Getreide anzubauen, stießen sie daher häufig auf Widerstand. Wieso sollte jemand Land und dessen Früchte exklusiv aneignen und besitzen dürfen? Nach prähistorischer Evidenz stehen Felder, Wiesen, Seen, Meere oder Wälder und deren Erträge allen Lebewesen zur Verfügung, übrigens nicht nur den Menschen, sondern auch den Tieren. Dass Boden in Besitz genommen und zum Eigentum erklärt werden kann, muss unseren fernen Vorfahren wie eine Art von Raub erschienen sein, beinahe im Sinne Proudhons, der behauptete, Eigentum sei Diebstahl.[15]

Noch Kant hatte zwischen Sitz und Besitz differenziert: "Alle Menschen sind ursprünglich (d.i. vor allem rechtlichem Akt der Willkür) im rechtmäßigen Besitz des Bodens, d.i. sie haben ein Recht, da zu sein, wohin sie die Natur, oder der Zufall (ohne ihren Willen) gesetzt hat. Dieser Besitz (possessio), der vom Sitz (sedes), als einem willkürlichen, mithin erworbenen, dauernden Besitz unterschieden ist, ist ein gemeinsamer Besitz, wegen der Einheit aller Plätze auf der Erdfläche, als Kugelfläche". Die Utopie globaler Gemeinschaft – Kants Postulat eines ursprünglichen, durch Natur konstituierten Gesamtbesitzes, "communio possessionis originaria"[16] – wirkt indes ebenso hilflos wie Lockes Axiom oder das Projekt des ewigen Friedens.

In Vergils "Aeneis" warnt der trojanische Priester Laokoon vor einem hölzernen Ross, einem Geschenk in Tiergestalt, mit den Worten: "Traut nicht dem Pferde, Trojaner! Was immer es ist, ich fürchte die Danaer, selbst wenn sie Geschenke bringen."[17] Heute behaupten die Nachfahren der Danaer selbst, sie hätten gute Gründe, manchen Gaben zu misstrauen. Denn die meisten Gaben sind Anleihen; sie müssen erwidert werden, durch Gegengaben in der Zukunft. "Gabe schielt stets nach Entgelt", heißt es in einem Vers aus dem "Hávamál", einer Spruchdichtung der skandinavischen Edda, der Marcel Mauss das Motto für seinen "Essai sur le don" von 1950 entnommen hat.[18]

Gaben verlangen Vertrauen; sie erzeugen Bindungen, und sie wirken als Verpflichtungen, die rasch in Drohungen verwandelt werden können. "I’ll make him an offer he can’t refuse", erläutert Don Vito Corleone seine Technik der Machtausübung. Er ist der "Godfather", der Pate, der Gönner, der zu Beginn des Romans dem Bittsteller Amerigo Bonasera das Entgelt für dessen Vergeltungswunsch diktiert: "You shall have your justice. Some day, and that day may never come, I’ll call upon you to do me a service in return. Until that day, consider this justice a gift from my wife, your daughter’s godmother."[19]

Gaben werden ausgehandelt; sie fungieren als Zukunftsaussichten einer Freundschaft, die auf dem Hochzeitsfest der Tochter Don Vitos mit Verbeugung, Handkuss und der Anrede als Pate besiegelt werden müssen. Gaben werden gleichsam in Schulden übersetzt. Begleitet werden diese Übersetzungen von Anklagen, Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen, Rechthaberei und heftigen Streitigkeiten auf dem Markt der Vorwürfe und Verteidigungen. Wer ist schuld? Wer trägt Verantwortung und wird schuldig, beispielsweise durch Gier, Respektlosigkeit, Rachsucht, Dummheit oder Trägheit? Wer erzeugt die Schuld, die sich zu veritablen Schuldenkrisen steigern kann?

Fußnoten

4.
John Locke, The Second Treatise of Government/Über die Regierung, Stuttgart 2012, S. 48 (§27).
5.
Immanuel Kant, Werkausgabe in 12 Bänden, Bd. 8: Die Metaphysik der Sitten, Frankfurt/M. 1978, S. 393f. (§28).
6.
Ebd., S. 395 (§29).
7.
Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart 1972 (1945), S. 5.
8.
Vgl. Vere Gordon Childe, Der Mensch schafft sich selbst, Dresden 1959.
9.
Vgl. Jost Herbig, Nahrung für die Götter. Die kulturelle Neuerschaffung der Welt durch den Menschen, München–Wien 1988, S. 202–207.
10.
Vgl. Thomas Macho, So viele Menschen. Jenseits des genealogischen Prinzips, in: Peter Sloterdijk (Hrsg.), Vor der Jahrtausendwende. Berichte zur Lage der Zukunft, Frankfurt/M. 1990, S. 29–64.
11.
Vgl. ders., Künftige Generationen. Zur Futurisierung der Ethik in der Moderne, in: Sigrid Weigel et al. (Hrsg.), Generation. Zur Genealogie des Konzepts – Konzepte von Genealogie, München 2005, S. 315–324.
12.
Vgl. Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit, Frankfurt/M. 1962.
13.
Sigmund Freud, Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse, in: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften, 5 (1917) 1, S. 1–7, hier: S. 7.
14.
Vgl. Lydia Cacho, Sklaverei. Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel, Frankfurt/M. 2011; E. Benjamin Skinner, Menschenhandel. Sklaverei im 21. Jahrhundert, Bergisch Gladbach 2010.
15.
Pierre Joseph Proudhon, Was ist das Eigentum? Erste Denkschrift. Untersuchungen über den Ursprung und die Grundlagen des Rechts und der Herrschaft, Berlin 1896, S. 1.
16.
I. Kant (Anm. 5), S. 373 (§13).
17.
Vergil, Aeneis, Stuttgart 2008, S. XXX (II, 48f.).
18.
Vgl. Marcel Mauss, Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Frankfurt/M. 1984 (1950), S. 17.
19.
Mario Puzo, The Godfather, New York 2002, S. 37, S. 42.
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