Mädchen einer Weddinger Grundschule stehen vor dem Mahnmal zum Gedenken an jüdische Mitbürger, die an dieser Stelle in einem Altenheim lebten und von den Nazis 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt wurden.

14.1.2016 | Von:
Astrid Messerschmidt

Geschichtsbewusstsein ohne Identitätsbesetzungen – kritische Gedenkstättenpädagogik in der Migrationsgesellschaft

In diesem Artikel werde ich Perspektiven für eine geschichtsbewusste Bildungsarbeit im Kontext der gegenwärtigen Migrationsgesellschaft diskutieren. Weil Migration nicht nur eine Tatsache ist, sondern zugleich diskursiv besetzt und eingesetzt wird, steht der Begriff "Migrationsgesellschaft" zumindest im deutschsprachigen Raum noch nicht für etwas Allgemeines, das alle angeht und mit dem alle gemeint sind. Mit dem Signalwort "Migration" bietet die Bezeichnung "Migrationsgesellschaft" immer noch die Gelegenheit, nicht über sich selbst, sondern über andere zu sprechen. Denn obwohl mit diesem Begriff eine Kennzeichnung gegenwärtiger gesellschaftlicher Erfahrungen und weltweiter Normalität angeregt wird, setzt sich eine personifizierende Sicht auf "Migrantinnen und Migranten", die national-kulturell ethnisiert und als "Migrationsandere"[1] positioniert werden, immer wieder durch. Ihr Anderssein wird durch Abgrenzung hergestellt und als Eigenschaft untersucht, anstatt die Perspektive zu wechseln und die Prozesse zu betrachten, die Gruppen konstituieren und Differenz vereindeutigen. Im Kontext der Auseinandersetzung mit den Folgen von Auschwitz bringen die sozialen Prozesse des Fremdmachens, solange sie nicht hinterfragt werden, einen Mangel an kritischem Geschichtsbewusstsein zum Ausdruck.

Ausgangsbedingungen gegenwärtiger Geschichtsbeziehungen

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Bundesrepublik zeichnet sich durch Diskontinuitäten aus. Für die Generation heutiger Jugendlicher und junger Erwachsener ist oft nicht mehr erkennbar, wie umkämpft der Weg zu einer öffentlich artikulierten Anerkennung der Relevanz der NS-Verbrechen gewesen ist. Nach 1990 hat sich der als "Erinnerungskultur" bezeichnete Modus des Geschichtsbezugs zu einem staatstragenden Element im Selbstverständnis und in der internationalen Repräsentation der Bundesrepublik Deutschland entwickelt. Bis weit in die 1980er Jahre dominierte demgegenüber eine Reserviertheit gegenüber der Thematisierung der Verbrechen und ihrer Akteurinnen und Akteure bei gleichzeitiger Präsenz vielfältiger Initiativen des Gedenkens vor Ort. Ein durchgehendes Motiv im Umgang mit den NS-Verbrechen in der Bundesrepublik besteht bis heute in der Abwehr eines vermuteten und stets befürchteten Schuldvorwurfs, der nicht ausgesprochen werden muss, um eine vorauseilende Beteuerung der Nichtschuld zu provozieren. Diese stark emotionale Komponente findet sich auch in den dritten und vierten Generationen nach 1945 wieder, deren Angehörige kein ernst gemeinter Schuldvorwurf treffen kann. Es ist weniger eine explizite Schuldabwehr, eher eine Sorge um ein unbeschädigtes und unbelastetes Nationalgefühl, ein Ausdruck des Wunsches, harmlos zu sein.

Die Etablierung eines öffentlich und parlamentarisch verantworteten Erinnerns an die NS-Verbrechen kann nicht unabhängig von diesen Distanzierungs- und Entlastungsmustern wahrgenommen werden. Sie ist mit ihnen verknüpft, was insbesondere dann zum Ausdruck kommt, wenn die Geschichtserinnerung dazu dient, ein unproblematisches Selbstbild der gegenwärtigen Gesellschaft zu zeichnen. Insbesondere die pädagogische Arbeit zur Auseinandersetzung mit der Geschichte und Wirkung des Nationalsozialismus neigt aufgrund ihrer normativen Aufladung leicht dazu, ihr kritisches Potenzial zu verlieren. Was Fragen an den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft aufwirft, wird dabei zu einem Reservoir von Antworten. Spätestens mit dem Stockholm International Forum of the Holocaust, das im Januar 2000 stattfand, wurde der Massenmord an den europäischen Juden, der hier mit der etablierten und kaum noch hinterfragten Bezeichnung "Holocaust"[2] repräsentiert wird, "zu einem europäischen Geschichtserbe erhoben".[3] Die damit verbundene Zukunftserwartung ist mit der gleichzeitig vollzogenen Institutionalisierung der "Holocaust Education" wiederum zu einem pädagogischen Projekt gemacht worden. Es bleibt offen, inwiefern aus diesem Projekt Impulse zu einer "kritischen Selbstreflexion" hervorgehen können, die Theodor W. Adorno als den einzig noch bleibenden Sinn von Erziehung nach der Erfahrung von Auschwitz verstanden hat.[4]

Wie lässt sich in dieser Situation etablierten Erinnerns noch irgendetwas anderes aus der zeitgeschichtlichen Thematisierung gewinnen als die Abgrenzung von einer monströsen Gewaltgeschichte und eine Bestätigung der gegenwärtigen Demokratie? Erfahrungen aus der Gedenkstättenpädagogik zeigen, dass "die Konfrontation mit der Monstrosität der nationalsozialistischen Verbrechen" die meisten Besucherinnen und Besucher nicht dazu anregt, "die eigene (demokratisch verfasste) Gegenwartsgesellschaft auf uneingelöste Versprechen und Rechte hin kritisch zu befragen. Heutige Verletzungen von Menschen- und Grundrechten werden im Vergleich als nicht so dramatisch angesehen."[5] In der Gedenkstättenpädagogik, die sich auf die Tatorte der NS-Massenverbrechen bezieht, stellt sich ein analytischer und reflexiver Geschichtszugang als besonders herausfordernd dar. Werden doch die früheren Konzentrationslager im Kontext schulischer Bildung häufig aufgesucht, um an ihnen das Andere der Gegenwart, den Kontrast zu Demokratie und Menschenrechten zu demonstrieren. Die NS-Gedenkstätten sind zu "staatstragenden Lernorten" geworden.[6] In der Folge entsteht an den "moralisch hoch aufgeladenen Gedenkorten" ein "Konformitätsdruck",[7] so als stünde am Tiefpunkt der Zivilisation die Orientierung für das richtige und angemessene Verhalten zur Verfügung. Gedenkstättenpädagoginnen und -pädagogen sind in der Folge dieser Entwicklungen zunehmend herausgefordert, den kritischen Gehalt ihrer Arbeit gegen die selbstbestätigenden Funktionalisierungen der NS-Gedenkstätten erfahrbar zu machen. Dies geschieht durch vielfältige methodische Zugänge, die eine Verbindung zwischen dem Ort der Gedenkstätte und ihrer Nachbarschaft und zwischen den historischen Mustern rassistischer und antisemitischer Ideologie und ihren Auswirkungen in der Gegenwart verdeutlichen. Wenn diese Gegenwart mit dem Begriff der "Migrationsgesellschaft" beschrieben wird, dann regt das dazu an, über Selbstbilder und Zugehörigkeiten nachzudenken.

Fußnoten

1.
Paul Mecheril, Einführung in die Migrationspädagogik, Weinheim–Basel 2004, S. 36.
2.
Dass diese Bezeichnung auf die 1979 in der Bundesrepublik Deutschland ausgestrahlte US-Fernsehserie zurückgeht, ist vielen heute nicht mehr bewusst und spiegelt zugleich die Problematik der medialen Repräsentation und Verwertung des Geschehens wider.
3.
Claudia Lenz, Mind the gap! Sprechen über den Holocaust zwischen nationalen und universellen Narrativen, in: Zeitschrift für Genozidforschung, 7 (2006) 2, S. 45–66, hier: S. 46.
4.
Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz, in: ders., Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959–1969, Frankfurt/M. 1971, S. 88–104, hier: S. 90.
5.
Imke Scheurich, NS-Gedenkstätten als Orte kritischer historisch-politischer Bildung, in: Barbara Thimm/Gottfried Kößler/Susanne Ulrich (Hrsg.), Verunsichernde Orte. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik, Frankfurt/M. 2010, S. 38–44, hier: S. 41f.
6.
Verena Haug, Staatstragende Lernorte. Zur gesellschaftlichen Rolle der NS-Gedenkstätten heute, in: ebd., S. 33–37, hier: S. 35.
7.
Ebd.
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Autor: Astrid Messerschmidt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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