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APuZ 8/2016 Syrien, Irak und Region

19.2.2016 | Von:
Björn Blaschke

360 Grad Damaskus: Zur Lage der Flüchtlinge in der Region

Jordanien

2015 lebten 633466 vom UNHCR registrierte Flüchtlinge in Jordanien. Die Regierung spricht allerdings von 1,3 Millionen: Bereits vor 2011 seien Syrer – unregistriert – im Land gewesen. Nur zehn Prozent der von den UN erfassten Menschen sind in Lagern untergebracht. Die restlichen 90 Prozent leben in Städten oder Dörfern.

In Jordanien ist in den zurückliegenden Jahren das größte Flüchtlingslager der Region entstanden: Zaatari. Ende 2015 wohnten hier um die 70.000 Syrer. Zeitweilig waren dort aber mehr als 155.000 Menschen untergekommen. Und dabei galt das Camp verglichen mit manchen "informellen" Flüchtlingslagern im Libanon für eine Weile als Paradies. Das war nicht immer so. Nach seiner Gründung im Sommer 2012 war Zaatari lange als kriminell verschrien: Prostitution, Waffenschiebereien und Hehlerei. Hier gab es alles. Nur keine ausreichende Lebensmittelversorgung und keine angemessenen Unterkünfte. Häufig demonstrierten die Bewohner für bessere Lebensbedingungen. Die Missstände waren auch darauf zurückzuführen, dass immer mehr Flüchtlinge über die Grenze kamen und das Lager nicht gleichermaßen mitwachsen konnte. So waren in dem halben Jahr seit der Eröffnung von Zaatari im Juli 2012 bereits im Januar 2013 65.000 Menschen registriert worden. Ausgerichtet worden war es ursprünglich auf 20.000.

Ab März 2013 verbesserten sich die Zustände zeitweilig. In diesem Monat übernahm auch der Deutsche Kilian Kleinschmidt die UNHCR-Leitung von Zaatari. Er organisierte alles neu und baute die Infrastruktur aus: Kindergärten, Schulen, Erste-Hilfe-Stationen. Er versuchte, die Flüchtlinge weitgehend mit fließendem Wasser und Elektrizität zu versorgen. Die Hütten und Zelte des Lagers wurden einigermaßen standfest, konnten Regen und Wind, aber auch der Sonne trotzen. Jedenfalls meistens.[7] Unter Kleinschmidts Leitung wurden aus Sandpisten Straßen mit Namen auf professionellen Schildern. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt wurden in Zaatari gut 2500 kleinere und größere Geschäfte gezählt: Restaurants, Frisöre, Teestuben und Cafés mit Wasserpfeifen-Services. Den Betreibern, die sich illegal aus den zentralen Oberleitungen Strom abzapften, schickte der gebürtige Essener Stromrechnungen. Mit der Lagerpost, denn er hatte jeder Unterkunft, jedem Shop auch Hausnummern zugewiesen. Ordnung schaffen, so seine Devise.

Zeitweilig empfing Kleinschmidt eine internationale Delegation nach der anderen: Politiker und Wirtschaftsvertreter aus aller Welt, dazu Stadtplaner und Architekten. Und alle brachten Ideen und Spenden mit. Sein offensichtlichster Erfolg war wohl, dass zwei internationale Supermarktketten in Zaatari Zweigstellen eröffneten. Zaatari sollte zu einem Vorzeigeflüchtlingslager werden. Kritiker nannten es "Fünf-Sterne-Camp" und meinten, dass Flüchtlinge, die einmal dort angekommen seien, nie wieder nach Syrien zurückkehren würden. Eine Furcht, die auch aus dem Libanon bekannt ist.

In den Spitzenzeiten kostete der Betrieb des Lagers fast eine halbe Million Euro täglich. Geld, das manch jordanischer Kommunalpolitiker sicher auch gerne aus der Kasse der Weltgemeinschaft bekommen hätte. Um Neidern den Wind aus den Segeln zu nehmen, versuchte Kleinschmidt die Nachbarkommune von Zaatari, Mafraq, durch eine Städtepartnerschaft einzubinden. In Mafraq lebten noch einmal gut 100.000 Flüchtlinge aus Syrien, was dort zu einer erheblichen Belastung führte. Kleinschmidt wollte, dass Zaatari zum Modell für andere Flüchtlingslager würde. Denn, so seine Meinung, in einem Lager, in dem die Menschen menschenwürdig leben, ist die Chance gegeben, dass sich weniger Flüchtlinge radikalisieren. Damit hatte er einigermaßen Erfolg, was zuständige jordanische Beamte bestätigten: Es gab zwar noch Kriminalität, doch nur mehr auf dem Niveau, das Städte mit vergleichbaren Einwohnerzahlen haben. Von politisch-religiösem Extremismus war kaum etwas zu spüren.

2014 verließ Kleinschmidt Zaatari und das Lager geriet wieder in die Negativschlagzeilen: Im April desselben Jahres kam es zu Unruhen. Zelte und Container gingen in Flammen auf, ein Syrer verlor sein Leben. Die Umstände sind nach wie vor ungeklärt.

Als die UN Anfang 2015 ihre Finanzierung für die Flüchtlinge aus Syrien in der gesamten Region drastisch kürzten, kippte die Situation auch in Jordanien. Mit der Konsequenz, dass einige Tausend Flüchtlinge Zaatari verließen. Einige wenige kehrten nach Syrien zurück, andere tauchten in Jordanien ab. Sie wollten versuchen, außerhalb des Lagers zu überleben. Doch das gestaltete sich schwierig. Zusätzlich zu den vielen Syrern im Land waren nach dem Krieg im Irak, 2003, auch hunderttausende Iraker nach Jordanien geflohen. Das Königreich kann nicht allen alles bieten: Es ist arm. Reich ist es lediglich an Flüchtlingen.[8]

Die Jordanier haben sich bisher überwiegend solidarisch mit den Flüchtlingen gezeigt; manche haben ganzen Familien kostenfreie Unterkunft gewährt. Doch es gab auch das Gegenteil: Viele Syrer müssen in Jordaniens Städten und Dörfern zu völlig überteuerten Mieten unter teilweise menschenunwürdigen Bedingungen hausen. Auch erhalten syrische Flüchtlinge in Jordanien nur in Ausnahmefällen eine Arbeitserlaubnis, weshalb die Familien ohne gesichertes Einkommen überleben müssen. Viele versuchen, sich mit illegaler Arbeit durchzuschlagen. Doch weil die jordanische Regierung dagegen inzwischen verschärft vorgeht, werden häufig minderjährige und damit nicht strafmündige Kinder von ihren Eltern zu Gelegenheitsjobs losgeschickt. Gleichzeitig bemüht sich die jordanische Regierung um die Syrer, indem sie versucht, Gesundheitsversorgung und Schulplätze für Kinder, die etwa die Hälfte der Flüchtlinge ausmachen, sicherzustellen. Allerdings ist beides außerhalb der Lager nicht kostenlos. Deshalb, so heißt es, könnten fast 80000 Flüchtlingskinder nicht zur Schule gehen. Das größte Problem besteht darin, dass die Flüchtlinge mittlerweile all ihr Erspartes aufgebraucht haben. Sie müssen sich verschulden, um über die Runden zu kommen, verfallen in zunehmende Armut. Es stellt sich außerdem das Gefühl ein, dem Kilian Kleinschmidt in Zaatari entgegenwirken wollte: Perspektivlosigkeit.

Syrien

Die meisten Menschen, die vor den Kämpfen in Syrien geflohen sind, haben ihr Heimatland gar nicht verlassen. Denn deutlich mehr als sieben Millionen Menschen sind innerhalb Syriens auf der Flucht.[9] Im Dezember 2015 gab die Ägypterin Hana Singer, UNICEF-Repräsentantin für Syrien, dem Autor dieses Artikels in Damaskus ein Interview. Hier einige Auszüge:

Frau Singer, Sie sind seit mehr als einem Jahr hier in Syrien: Welche Erwartungen haben Sie an das Jahr 2016?

Hana Singer: Wenn man in Syrien arbeitet, braucht man wenigstens einen kleinen Funken Hoffnung – trotz der Probleme!

Sind Sie also optimistisch gestimmt?

Hana Singer: Die unglaublichen Herausforderungen in Syrien sind nicht aus der Welt; sie bleiben, und das täglich. Allein hier in Damaskus: In einigen Vierteln gibt es nur für eine halbe Stunde am Tag Trinkwasser, weil die Leitungen sabotiert werden. Und das ist Damaskus … Da können Sie sich vorstellen, wie es um den Rest des Landes bestellt ist. Wasser wurde hier fortwährend als Waffe eingesetzt. In ganz Syrien, aber besonders in Aleppo. In Aleppo hatten wir 2015 an 42 Tagen einen kompletten Wassernotstand; 42 Tage, an denen bewaffnete Gruppen die Wasserversorgung sabotiert hatten. Einmal hatten die Menschen zwölf Tage lang kein Wasser. Am Stück! Da hat UNICEF dafür gesorgt, dass täglich um die 700.000 Menschen mit zehn Millionen Kubikmetern Wasser versorgt wurden. Weltweit war das eine unserer größten Operationen.

Wassernot ist ein Fluchtgrund. Ein anderer Fluchtgrund ist die Angst von Eltern um ihre Kinder. Oder die Angst davor, dass sie keine Schulbildung mehr erhalten. Neben der Wasserversorgung ist das ein Thema, in dem UNICEF sehr aktiv ist.

Hana Singer: Ja, 2015 hatten wir etwa zwei Millionen Kinder hier im Land, die nicht zur Schule gehen konnten. Und noch einmal gut 400.000, denen dasselbe Schicksal drohte. Fürchterlich, ja! Aber immerhin: Zwei Millionen Kinder haben noch Unterricht. Trotz der Unsicherheit, trotz der Gefahren. Selbst in belagerten Gebieten gehen immer noch Kinder zur Schule. Und wir sprechen hier von traumatisierten Kindern. Können Sie sich vorstellen, wie die Kinder hier leiden? Jedes dritte Kind – jedes Dritte! – steht davor, eine krankhafte psychische Störung zu entwickeln – wegen traumatischer Erlebnisse. Das ist der pure Horror.

Obendrein bauen Sie Schulen wieder auf?

Hana Singer: Das ist richtig. Oder wir ergänzen bestehende Schulen durch Container-Klassenzimmer, insbesondere in den Gebieten mit vielen Binnenflüchtlingen. Immerhin haben wir es in Syrien mit mehr als sieben Millionen Flüchtlingen zu tun. Das führt in den nicht umkämpften Gebieten, wie hier im Zentrum von Damaskus, zu einer Überfüllung der Schulen.

Das ist alles sehr teuer – welche Summe haben Sie für 2016 bei der Weltgemeinschaft nachgefragt?

Hana Singer: Mehr als eine Milliarde Euro – es ist eine der größten Operationen, die wir jemals hatten. Und dabei sprechen wir nicht nur über Syrien, sondern auch über die Nachbarländer, die syrische Flüchtlinge aufgenommen haben.

Wie steht es um die Zahlungsmoral der Geberstaaten?

Hana Singer: 2015 wurde das Geld für alle Syrienprojekte der UN zusammengenommen nur zu etwa 35 Prozent bereitgestellt. Bei UNICEF waren die Geber etwas großzügiger. Wir haben gut 60 Prozent dessen erhalten, was wir erbeten hatten. Das ist gut. Aber nicht sehr gut.

Meinen Sie, dass die internationale Staatengemeinschaft noch nicht verstanden hat, dass Schüler, die als Flüchtlinge aufwachsen – zum Beispiel in Lagern – Gefahr laufen, radikalisiert zu werden?

Hana Singer: Na, ich will sehr hoffen, dass sie das mittlerweile verstanden hat. Wir müssen die Kinder und Jugendlichen unterstützen, sie schützen und erziehen … Darum haben wir unser ‚No Lost Generation‘-Programm entworfen.[10] Das ist die einzige Möglichkeit, die Kinder einzubinden. Damit sie hoffentlich nicht von IS oder al-Qaida rekrutiert werden. Was wiederum die Welt schützen wird. Und darum sollte die Weltgemeinschaft dafür etwas tun: Die Staaten sollten alles daran setzen, dass ein Frieden möglich wird. Und sie sollten unsere Programme finanzieren. Wir sprechen von 13,5 Millionen Menschen, die Hilfe brauchen. Das ist eine große Zahl, aber sie kann bewältigt werden! Ihr in Europa habt mittlerweile vielleicht eine Million Flüchtlinge; wir hier in Syrien haben mehr als sieben Millionen. Wir müssen die Menschen hier unterstützen, damit sie nicht auch noch fliehen! Gewalt ist ein Fluchtgrund; ein anderer ist Mangel, Mangel an Wasser, Strom, Nahrungsmitteln, Zukunftsaussichten. Die Krise ist keine Syrienkrise mehr. Oder eine des Nahen Ostens. Nein, die Krise ist global; sie betrifft uns alle.

Fußnoten

7.
Im Herbst 2015 wurde Jordanien von starken Unwettern heimgesucht, die zu Überschwemmungen im Land führten. Auch Zaatari war davon betroffen.
8.
Jordaniens Gesellschaft besteht mindestens zur Hälfte aus ursprünglichen Flüchtlingen: Im Zuge der Staatsgründung Israels 1948 sowie des "Sechs-Tage-Krieges" 1967 hat Jordanien mehr als eine Million Palästinenser aufgenommen und integriert.
9.
7,5 Millionen waren es im Juli 2015, vgl. http://www.internal-displacement.org/middle-east-and-north-africa/syria/figures-analysis« (19.1.2016).
10.
Die UNICEF-Initiative "No Lost Generation" will durch Bildungsangebote und psychosoziale Hilfe verhindern, dass in Syrien eine "verlorene Generation" heranwächst, die nur Krieg und Zerstörung erlebt, vgl. http://nolostgeneration.org«. Laut einer Pressemitteilung vom 26.11.2015 hat die Bundesregierung "für die UNICEF-Hilfe in den drängendsten Kriegs- und Krisenregionen erheblich mehr Mittel zugesagt. 2015 waren insgesamt mehr als 250 Millionen Euro zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in Krisenregionen eingeplant; eine Steigerung zu 2014 von etwa 100 Millionen Euro. Schwerpunkte waren vor allem Syrien und der Irak sowie deren Nachbarländer Jordanien, Libanon und die Türkei.", http://www.bmz.de/20151126-1« (11.1.2016).
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Autor: Björn Blaschke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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