Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lässt sich am 10.09.2015 nach dem Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Berlin-Spandau für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren.
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Zivilgesellschaftliches Engagement für Flüchtlinge und lokale "Willkommenskultur"


1.4.2016
Die Reaktionen auf die wachsende Zahl von Flüchtlingen[1] in Deutschland sind gespalten: Gewalt gegen Flüchtlinge nimmt zu, gleichzeitig steigt das zivilgesellschaftliche Engagement für Flüchtlinge an. In diesem Beitrag beleuchte ich die Rolle des zivilgesellschaftlichen Engagements für die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen. Insbesondere geht es um dessen Einfluss auf die lokale "Willkommenskultur", also die Offenheit und Akzeptanz, mit der Anwohnerinnen und Anwohner Flüchtlingen begegnen. Zivilgesellschaftliches Engagement verbessert nicht nur entscheidend Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen, sondern beeinflusst auch die Einstellungen gegenüber Flüchtlingen vor Ort positiv.

Länder und insbesondere Kommunen in Deutschland stehen vor großen Herausforderungen. Logistische und finanzielle Engpässe erschweren die Arbeit; es gibt weder genug Unterkünfte noch ausreichend Personal für die Betreuung von Flüchtlingen. Viele der Unterkünfte, die in den frühen 1990er Jahren genutzt wurden, wurden im Zuge des Rückgangs der Asylantragszahlen zwischen 1993 und 2008 geschlossen. Die Erschließung neuer Unterkünfte braucht Zeit, sodass vielerorts zu Behelfslösungen gegriffen wird. Das führt oft zu prekären Unterbringungsbedingungen – in Zelten, umfunktionierten Turnhallen oder Containern – sowie zu mangelnder Betreuung.[2]

Ehrenamtliche fangen einen Großteil der anfallenden Aufgaben auf und verbessern die Situation deutlich. Dies betrifft sowohl die Erstversorgung – wie Hilfe bei Aufbau und Einrichtung von Notunterkünften oder bei der Ausstattung mit den nötigsten Kleidungsstücken und Hygieneartikeln – als auch die längerfristige Betreuung. Gegenwärtig wird die Betreuung von Flüchtlingen zu einem großen Teil von Ehrenamtlichen getragen.[3]

Strukturen, Tätigkeiten, Motive



Was zeichnet die ehrenamtlichen Unterstützungsstrukturen in der Flüchtlingsarbeit aus?[4] Das Engagement für Flüchtlinge hat in den vergangenen Jahren zugenommen: Viele der derzeitig Aktiven haben nach 2011 begonnen, sich für Flüchtlinge zu engagieren.[5] In diesem Kontext wurden viele neue Initiativen gegründet. So sind 42 Prozent der Engagierten jenseits von Vereins- und Verbandsstrukturen und in Initiativen oder selbstorganisierten Gruppen engagiert – im Vergleich zu anderen Formen des zivilgesellschaftlichen Engagements ein hoher Anteil.[6] Diese werden zum Teil von Personen ins Leben gerufen, die zuvor weder politisch noch ehrenamtlich aktiv waren. Aber auch auf bestehende Strukturen wie antirassistische oder kirchlich-karitative Gruppen wird zurückgegriffen. Zudem verzeichnen auch etablierte Organisationen der Flüchtlingsarbeit einen Anstieg des ehrenamtlichen Engagements um bis zu 74 Prozent.[7] Eine Befragung von Ehrenamtlichen in München ergab, dass fast die Hälfte neben ihrem Engagement für Flüchtlinge auch in anderen Bereichen ehrenamtlich aktiv ist, vor allem in Politik, Kultur und Sport.[8] Im Vergleich zu anderen ehrenamtlichen Bereichen sind darüber hinaus mehr Frauen (über zwei Drittel) als Männer in der Flüchtlingsarbeit aktiv, weniger Menschen mittleren Alters und deutlich mehr Engagierte mit Migrationshintergrund (29 Prozent).[9]

Ehrenamtliche übernehmen eine Vielfalt an Tätigkeiten in der Flüchtlingsarbeit.[10] Zu den häufigsten gehören die Begleitung bei Behördengängen und die Kommunikation mit Behörden, besonders mit Ausländerbehörden, Sozialämtern und Schulen.[11] Einen weiteren wichtigen Bereich in der Flüchtlingsarbeit stellen Sprachunterricht und Übersetzungsarbeiten dar.[12] Zudem leisten Ehrenamtliche häufig Sozial- und Integrationsberatung und bieten praktische Hilfen an wie die Unterstützung bei der Wohnungssuche oder Fahrdienste. Aufgaben, die eine professionelle Ausbildung voraussetzen – wie medizinische und psychologische Betreuung – werden deutlich seltener übernommen.[13] Aufgrund des hohen Anteils kleiner Initiativen in der Flüchtlingsarbeit fließt zudem ein beachtlicher Teil der Zeit in die Selbstorganisation – vor allem in Verwaltungsaufgaben und Öffentlichkeitsarbeit.[14]

Was motiviert die Ehrenamtlichen? Wie in anderen Bereichen des zivilgesellschaftlichen Engagements lassen sich auch bei Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit verschiedene Motive vorfinden.[15] Während einige Ehrenamtliche eher karitativ motiviert sind (Flüchtlingen helfen), steht bei anderen die gesellschaftspolitische Kritik und der Wunsch, Ungerechtigkeiten entgegenzuwirken, im Vordergrund.[16] In der Flüchtlingsarbeit sticht jedoch besonders das Motiv hervor, die Gesellschaft mitgestalten zu können.[17]

Nicht nur das Bewusstsein über den Krieg und seine Folgen in Syrien, sondern auch eine veränderte Sicht auf Deutschland als Einwanderungsland scheint sich auf die Zunahme des Engagements auszuwirken. Wie Umfragen zeigen, sind die Offenheit gegenüber Migrantinnen und Migranten und das Bewusstsein darüber, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, seit 2012 gestiegen.[18] Zudem wird zunehmend die Einsicht geteilt, dass gelingende Integration und erfolgreiche Teilhabe von Migrantinnen und Migranten Vorleistungen und Hilfestellungen vonseiten der Aufnahmegesellschaft erfordert, wie beispielsweise Hilfen beim Arbeitsamt.[19] Besonders gegenüber Flüchtlingen gibt es eine große Bereitschaft, zu helfen: Über die Hälfte der Befragten einer Umfrage 2014 gab an, zu Sachspenden im Prinzip bereit zu sein. Ein knappes Drittel zeigte sich grundsätzlich bereit, Flüchtlingen zu helfen, Deutsch zu lernen, und sie bei Behördengängen zu begleiten.[20]


Fußnoten

1.
In Anschluss an öffentliche Diskurse wird hier der Begriff "Flüchtling" verwendet, obwohl er kritisiert wird. Flüchtlinge werden in einem weiten Sinne definiert als Menschen, die Asyl suchen oder bereits erhalten haben, deren Antrag auf Asyl noch aussteht, noch läuft, bereits bewilligt oder abgelehnt wurde.
2.
Vgl. Jutta Aumüller/Priska Daphi/Celine Biesenkamp, Die Aufnahme von Flüchtlingen in den Bundesländern und Kommunen. Behördliche Praxis und zivilgesellschaftliches Engagement, Stuttgart 2015, S. 7.
3.
Vgl. ebd., S. 162f.
4.
Es gibt bisher wenig vergleichende Forschung zum Engagement in der Flüchtlingsarbeit. Der Freiwilligensurvey (1999, 2004, 2009) hat diesen Bereich des Engagements bisher nicht gesondert erfasst. Die Darstellung im Folgenden greift auf erste, nicht repräsentative Umfragen zurück.
5.
Vgl. Serhat Karakayalı/J. Olaf Kleist, Strukturen und Motive der Flüchtlingsarbeit in Deutschland. 1. Forschungsbericht: Ergebnisse einer explorativen Umfrage vom November/Dezember 2014, Berlin 2015, S. 21; Misun Han-Broich, Engagement in der Flüchtlingshilfe – eine Erfolg versprechende Integrationshilfe, in: APuZ, (2015) 14–15, S. 43–49, hier: S. 44.
6.
Vgl. S. Karakayalı/J.O. Kleist (Anm. 5), S. 24f.
7.
Vgl. ebd., S. 21.
8.
Vgl. Gerd Mutz et al., Engagement für Flüchtlinge in München, München 2015, S. 14.
9.
Vgl. S. Karakayalı/J.O. Kleist (Anm. 5), S. 15f., S. 19.
10.
Vgl. im Folgenden S. Karakayalı/J.O. Kleist (Anm. 5), S. 28.
11.
Begleitungen bei Behördengängen machen dabei fast 50 Prozent der Tätigkeiten aus, Kommunikation mit Behörden knapp 33 Prozent.
12.
Gut 44 Prozent Sprachkurse, knapp 36 Prozent Übersetzungsaufgaben.
13.
Nur etwa 11 Prozent der Tätigkeiten.
14.
43 Prozent Öffentlichkeitsarbeit, 22 Prozent Verwaltungsarbeit.
15.
Vgl. Thomas Gensicke/Sabine Geiss, Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009: Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftlichem Engagement, München 2010, S. 111–124.
16.
Vgl. G. Mutz et al. (Anm. 8), S. 15; Elène Misbach, "Sich für Gesundheit stark machen" – Solidarische Flüchtlingsarbeit als gemeinsamer sozialer Kampf um Rechte, in: Zeitschrift für Menschenrechte, 9 (2015) 2, S. 122–135.
17.
Vgl. S. Karakayalı/O.J. Kleist (Anm. 5); G. Mutz et al. (Anm. 8).
18.
Vgl. Bertelsmann Stiftung, Willkommenskultur in Deutschland: Entwicklungen und Herausforderungen. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage in Deutschland, Gütersloh 2015, S. 2f.
19.
Vgl. ebd.
20.
Die Bereitschaft, sich nicht nur in der Alltagshilfe, sondern auch politisch für eine Verbesserung der Situation von Flüchtlingen zu engagieren, ist jedoch deutlich geringer. Vgl. Bosch-Stiftung, Asyl und Asylbewerber: Wahrnehmungen und Haltungen der Bevölkerung 2014. Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage, Stuttgart 2014, S. 33.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Priska Daphi für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.