Festival für urbane Kunst und Kultur in Plauen 2015

13.5.2016 | Von:
Sabine Dengel

Kultur und politische Bildung

Annäherung an die kulturelle Bildung

Dennoch gibt es aufgrund der auf den vorangegangenen Seiten skizzierten Tendenzen seit der Jahrtausendwende ein sich steigerndes Interesse an der kulturellen Bildung, für die es konstitutiv ist, Menschen auch emotional zu tangieren und Position zu beziehen. Deren Angebote einer Weltaneignung über eine ganzheitliche, sowohl affektive als auch kognitive und sinnliche Auseinandersetzung mit Kunst birgt oftmals eine Anziehungskraft und Tiefe, mit der politische Bildung nicht konkurrieren kann. Das hat auch damit zu tun, dass Demokratie in der Regel wenig Faszination bietet, sondern sehr mühsam ist. Weltaneignung seitens der politischen Bildung könnte aber den Weg suchen, zeitgenössische Kunst dort, wo sie als gesellschaftspolitisch relevant intendiert ist, stärker als bisher in den Fokus zu rücken. Kunst will, Kunst soll überwältigen und kann in ihrer auratischen Wirkung erlebt werden, bevor Bildungsprozesse Distanzierung schaffen, analysieren, interpretieren und generalisieren.

Die Annäherung zwischen den Protagonistinnen und Protagonisten der politischen und der kulturellen Bildung lässt sich vor allem seit der zweiten Dekade beobachten. Diese hatte bisher vor allem das Ziel, die Ansätze, Methoden, Qualitätskriterien und Zielsetzungen der jeweils anderen Profession kennen zu lernen, um Aspekte daraus im Rahmen der eigenen Arbeit fruchtbar zu machen. Angesichts der hohen Zuwanderungszahlen hat sie in den vergangenen Monaten deutlich an Intensität zugenommen. Denn kulturelle und politische Bildung sind immer dann gefragt, wenn der Begriff der Gesellschaft in einen geistigen Zusammenhang mit dem der Krise gestellt wird. Beide Bildungsansätze versuchen ihre bisherigen, oftmals recht eng gefassten Bildungsziele zu transzendieren. Die Akteure möchten eine größere gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und öffentlich, wenn nicht politisch wirksam werden. In der Regel wird praxisorientiert innerhalb von gemeinsamen Projekten zusammengearbeitet, Theoriedebatten oder gemeinsame didaktische Fachdiskurse werden bisher kaum geführt. Metadiskurse, beispielsweise im Kontext der Kongressreihen "Kinder zum Olymp!" oder der Kulturpolitischen Bundeskongresse, orientieren sich meist an bestimmten Zielsetzungen, die für beide Richtungen relevant sind und sich aus veränderten gesellschaftlichen oder politischen Rahmenbedingungen ergeben, wie etwa die Öffnung der Häuser für nichtakademische Zielgruppen. Wie sich an den aktuellen Diskussionen um das Humboldtforum abzeichnet, wird es in Zukunft vermutlich stärker um Fragen der Denationalisierung von Kultur, um Vergangenheitsbewältigung und Neuorientierung im Feld des Postkolonialen sowie um transkulturelle Bildung gehen.

Charakteristisch für diese Debatten ist, dass noch kaum über Methoden oder Struktur diskutiert wird, sondern um Fragen der "Haltung", um welche angesichts gewachsener Systeme von Organisation und Autorität zunächst "gerungen" werden muss. Dies ist innerhalb der politischen Bildung leichter, weil hier – trotz der gewollt vielfältigen Landschaft der Anbieter – seit den 1950er Jahren ein inner- und außerschulischer Fachdiskurs geführt wird, der eine Bereitschaft zu Selbstreflexion, Strukturwandel und Orientierung an politischen Weichenstellungen begünstigt. Das Feld der Anbieter kultureller Bildung ist dagegen sehr viel größer und heterogener, und ihre Zielsetzungen sind weniger klar eingegrenzt. Je nachdem, ob Künstler Kunst diskutieren oder Mitwirkung bei der Entstehung anbieten, ob Kulturpädagogen Kunst diskursiv in Kultureinrichtungen vermitteln oder ob Anbieter kultureller Bildung in künstlerische Felder einführen und beispielsweise Musik-, Tanz oder Bildende Kunst unterrichten – vorwiegend geht es bei der kulturellen Bildung um eine Auseinandersetzung mit Kunst in ihren Kontexten.

Das größte Missverständnis zwischen den Vertretern der kulturellen und der politischen Bildung besteht bei den sogenannten Sekundäreffekten der kulturellen Bildung: Kunst schafft nach Auffassung der kulturellen Bildner "Weltzugänge sui generis", die sich etwa von diskursiv-normativen Weltzugängen unterscheiden,[26] und bildet unvermittelt durch das Erlebtwerden. Aufgrund des historisch gewachsenen autonomen Charakters der Kunst ist dieser Vorgang als freigestellt von Zwecken zu denken. Bestrebungen der Bildungspolitik, die mit Losungen wie Kultur "macht stark", "verbessert Soft Skills", "fördert mathematisches Denken" verbunden sind, werden daher abgewehrt. Politische Bildung interessiert sich jedoch nur in klar abgesteckten Zusammenhängen für Kunst und kulturelle Bildung: Dort etwa, wo Künstler selbst gesellschaftspolitisch wirken wollen, Kritik formulieren, provozieren oder Handlungsoptionen aufzeigen, wird dies aufgegriffen, zur Diskussion gestellt und gegebenenfalls in Kontexte eingeordnet. Dort wo Kultureinrichtungen gesellschaftspolitische Fragestellungen wie etwa Zuwanderung bearbeiten, kann politische Bildung methodisch beraten, würde aber keinesfalls Einfluss auf das Kuratorische geltend machen. Möchten Anbieter Kunst "generieren", indem sie beispielsweise einen Film mit Geflüchteten erarbeiten, würde politische Bildung auf den Bildungsprozess blicken: Werden bestimmte Personen ausgegrenzt? Wird eine Meinung unterdrückt oder beeinflusst? Wird jemand überfordert? An diesem Beispiel verdeutlicht sich ein zweites Missverständnis zwischen den Professionen: Während politische Bildung ausschließlich "Bildung" im Auge hat und diese zunächst einmal frei von anderen "politischen" Zwecken stellt, haben die Anbieter kultureller Bildung oftmals noch andere drängende Aufgaben: Eine Ausstellung muss zu einem bestimmten Termin fertig werden; ein Stück muss auf die Bühne.

Möchte man das Trennende zwischen den Ansätzen akzentuieren, wie es die Mehrzahl der dazu publizierenden Autoren tut, dann ist die Liste deutlich länger als die der Gemeinsamkeiten. Die Gunst der Stunde sollte dennoch unbedingt genutzt werden, um die Potenziale einer Zusammenarbeit weiter zu erproben. Wesentlich wären gemeinsame Fachdiskurse, die eine Überarbeitung der Bildungskonzeptionen und deren Verbindung mit sozialen Integrationskonzeptionen verstetigen. Die gemeinsame Präsenz der demokratischen Akteure, Vereine, Verbände und Institutionen im öffentlichen Raum und ihre Beteiligung am und Einladung zum – kontrovers geführten – öffentlichen Diskurs könnte für Menschen aus anderen kulturellen und politischen Kontexten ein starkes Symbol für die Demokratie sein. Gelänge es darüber hinaus, gemeinsame Räume für eine kreative und auch künstlerische Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Zeitfragen zu schaffen und zu institutionalisieren, könnte die Frage nach dem "Wir", welche auch eine Frage nach der Substanz der Demokratie ist, möglicherweise anders gestellt werden als bisher: Es müssten vielleicht weder Feste oder Events lanciert werden, um der Demokratie zu Glanz zu verhelfen, noch Sinn erzeugt werden – sondern es wäre einfach Sinn da.

Fußnoten

26.
Vgl. Rat für Kulturelle Bildung (Hrsg.), Zur Sache. Kulturelle Bildung: Gegenstände, Praktiken und Felder, Essen 2015, S. 99.
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