Statue von Mao Zsedong in Henan kurz vor der Fertigstellung

3.6.2016 | Von:
Daniel Leese

Kulturrevolution in China: Ursachen, Verlauf und Folgen

Lin Biao-Affäre und langsames Ende der Kulturrevolution

Mit dem 9. Parteitag im April 1969 kehrte die KPCh formell wieder zu ihren regulären Organisationsprinzipien zurück, und die Kulturrevolution wurde für erfolgreich beendet erklärt. Gelegentliche Anspielungen Maos auf die weiterhin existierende Bewegung in der Folgezeit führten zu bis heute andauernden Debatten, ob die Kulturrevolution mit dem Ende der Massenphase oder erst mit Maos Tod endete. Es kann jedoch kein Zweifel darüber bestehen, dass mit der teils gewaltsamen Unterdrückung der Massenbewegung und der Rückkehr zu Formen parteistaatlich organisierter Teilhabe am politischen Gemeinwesen Kernanliegen der frühen Kulturrevolution negiert wurden. Allerdings blieben andere kennzeichnende Aspekte einstweilen bestehen, etwa die Personalisierung der Politik und die relative Schwäche der Institutionen. Vielen Aktivisten der frühen Phase wurde nun der Prozess gemacht. Rebellenführer und Parteikritiker wurden landverschickt, inhaftiert oder hingerichtet.

Lin Biao wurde auf dem 9. Parteitag offiziell zum Nachfolger Mao Zedongs ausgerufen, aber nur ein Jahr später ließen sich Spannungen an der Parteispitze nicht mehr übersehen. Diese sind nach heutigem Forschungsstand insbesondere auf Maos permanentes Misstrauen zurückzuführen und entzündeten sich an der Frage, wer dem 1969 verstorbenen Liu Shaoqi im Amt als Staatspräsident nachfolgen solle. Vertreter der radikalen Linken und des Militärs gerieten hierüber in einen scharfen Konflikt, wobei sich beide Seiten der Unterstützung durch Mao sicher wähnten. Letztlich stärkte Mao die Position der Linken und begann gezielt, die Stellung Lin Biaos zu unterminieren.

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Lin Biao persönlich auf eine vorzeitige Machtübernahme drängte. Die enorm gewachsene Macht des Militärs wurde Mao Zedong allerdings spätestens deutlich, als Lin Biao im Herbst 1969 im Gefolge der Grenzscharmützel mit der Sowjetunion die Truppen landesweit in Alarmbereitschaft versetzen ließ, ohne dass Mao hierfür offiziell seine Zustimmung gegeben hatte. Letztlich strebte er in dieser Phase eine Situation permanenter Rivalität unter seinen Untergebenen an, die er je nach seinen Erfordernissen zu nutzen imstande war. Unabhängige Machtquellen nahm er hingegen als Bedrohung wahr. Lin Biaos Sohn schmiedete angesichts des sich verschlechternden Verhältnisses seines Vaters zu Mao bereits Attentatspläne, die jedoch nicht umgesetzt wurden. Während eines überhasteten Fluchtversuchs im September 1971 starb Lin Biao bei einer Notlandung in der Äußeren Mongolei.

Der in den Staatsmedien lange verschwiegene Tod des offiziellen Nachfolgers führte zu zahlreichen Krisensymptomen. Nicht nur Mao Zedong persönlich fiel gemäß der Erinnerungen seines Leibarztes zeitweilig in Depressionen, auch das Vertrauen der Bevölkerung in die Richtigkeit der propagierten Wahrheiten sank in Anbetracht der zahlreichen Kurswechsel rapide. Der sich zeitgleich zu den innenpolitischen Konflikten vollziehende außenpolitische Wandel, sichtbar vor allem in der Annäherung an die Vereinigten Staaten mit dem Nixon-Besuch 1972 sowie in der Aufnahme in den UN-Sicherheitsrat im Oktober 1971, hatte neben dem Aufbrechen der außenpolitischen Isolation nicht zuletzt auch den Hintergrund, dass der Einfluss des Militärs geschwächt werden sollte. Durch die Stärkung des zivilen Staatsapparates unter Premierminister Zhou Enlai verschoben sich die innenpolitischen Machtverhältnisse. Ein erheblicher Teil der auf rund sechs Millionen Soldaten angeschwollenen Volksbefreiungsarmee wurde demobilisiert und 1973 mit Deng Xiaoping ein wesentliches Kritikopfer der Kulturrevolution als Hilfe für den an Krebs erkrankten Zhou Enlai rehabilitiert.

Es kam jedoch bis zu Maos Tod zu keiner Stabilisierung der politischen Verhältnisse. Sein Versuch, eine Balance zwischen ideologischer Radikalität und effizienter Organisation zu finden, erwies sich als Schimäre. Der kurzzeitig als Mao-Nachfolger auserkorene Shanghaier Arbeiterführer Wang Hongwen erwies sich als inkompetent und beeinflussbar. Die Gräben zwischen den Radikalen um Jiang Qing auf der einen und Deng Xiaoping auf der anderen Seite waren nicht überbrückbar und führten zu teilweise absurd anmutenden ideologischen Kampagnen, die mithilfe historischer Figuren erneut gegenwärtige Zustände kritisieren sollten. Anlässlich des Todes Zhou Enlais entlud sich die angestaute öffentliche Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen in Form direkter Kritik an den Radikalen und öffentlichen Sympathiebekundungen für Zhou und Deng am Totengedenktag im April 1976. Der schwer kranke Mao Zedong ließ sich davon überzeugen, dass Deng Xiaoping als Drahtzieher hinter den Protesten stecke. Diese Ansicht hatte bereits einige Monate zuvor Nahrung erhalten, als sich Deng geweigert hatte, sich der von Mao vorgeschlagenen Bewertung der Erfahrungen der Kulturrevolution als 70 Prozent gut und 30 Prozent schlecht anzuschließen. Die Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens wurden als "konterrevolutionär" gebrandmarkt, Deng ein weiteres Mal gestürzt und mit Hua Guofeng ein weitgehend unbekannter Politiker aus Maos Heimatprovinz Hunan in die Nachfolgeposition gehoben. Der Rückhalt der Radikalen in Partei, Militär und Bevölkerung war allerdings zu gering, als dass sie den Verlust von Maos Unterstützung hätten überstehen können. Nur einen Monat nach Maos Tod am 9. September 1976 wurden ihre führenden Vertreter, die nunmehr als "Viererbande" bezeichnet wurden, in einem Putsch gefangengenommen und fünf Jahre später von einem Sondergerichtshof für den Versuch der Usurpierung der Staatsgewalt zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Erbe und Deutungsstreit

Das Erbe der Kulturrevolution stellte die KPCh vor eine schwere Belastungsprobe. Die Bewegung hatte in ihrem Verlauf beinahe alle Beteiligten in einen Strudel aus Gewalt, politischen Verdächtigungen und ideologischen Kämpfen gezogen. Täter der frühen Phase waren in späteren Abschnitten selbst verfolgt worden, sodass die Verantwortung nur schwer lokalisierbar schien und fast alle sich als Opfer darstellen konnten. Nachdem sich Deng Xiaoping, gestützt auf seine politischen und militärischen Netzwerke, bis Ende 1978 wieder als maßgeblicher politischer Akteur etabliert hatte, entschied sich die vorwiegend aus rehabilitierten Altkadern und damit aus Opfern der Kulturrevolution bestehende Parteiführung dazu, eine strikte Trennlinie zwischen politischen Fehlern und kriminellen Taten zu ziehen. In Anbetracht des Negativbeispiels der Entstalinisierungspolitik Chruschtschows wurden Mao Zedong zwar schwere politische Fehlentscheidungen vorgeworfen, jedoch unterblieb eine Generalabrechnung. Vielmehr wurde Maos Rolle als zentraler Akteur der Parteigeschichte in einer Resolution festgeschrieben. Als Verantwortliche für die Gewalt und Exzesse der Bewegung wurden hingegen Vertreter der Radikalen sowie einige Getreue Lin Biaos abgeurteilt. Das Instrument eines juristischen, auf klaren Regeln basierenden Verfahrens diente dabei auch didaktischen Zwecken und sollte den Bruch mit der Willkürherrschaft verdeutlichen.

Unterhalb der Ebene der politischen Führung wurden Millionen von kulturrevolutionären Fällen neu aufgerollt und bewertet. Auch wenn es sich meist nur um symbolische Rehabilitationen handelte und Wiedergutmachungszahlungen oder die Rückerstattung von entwendeten Gütern nur in begrenztem Umfang stattfanden, so wandte die Parteiführung um Deng doch erhebliche Zeit und Mittel dafür auf, das Protestpotenzial aufgrund historischer Unrechtsfälle gering zu halten. Mit der Festschreibung einer einzigen korrekten Version der Geschichte wurden weitere Debatten über die Vergangenheit weitgehend unterbunden und auch der künstlerischen Verarbeitung entsprechender Themen enge Grenzen gesetzt.

Gleichzeitig richtete sich der Blick auf die Zukunft und die ökonomische Modernisierung Chinas. Die sozialen und politischen Folgen der Reformpolitik hingegen schienen, insbesondere aus der Warte getreuer Anhänger Mao Zedongs, dessen düstere Prognosen hinsichtlich einer Wiederkehr des Kapitalismus in China zu bestätigen. Der oftmals obszön anmutende Reichtum hochrangiger Parteikader und ihrer Familien, der primär auf der Verfügungsmacht über staatliche Ressourcen basiert, sowie die wachsenden sozialen Unterschiede, haben dazu geführt, dass der von der Partei vorgegebene Deutungsrahmen der "umfassenden Verneinung" der Kulturrevolution keinen uneingeschränkten Zuspruch mehr findet. Die politische Instrumentalisierung der Kulturrevolution zieht sich somit bis in die Gegenwart fort. Der vormalige Ministerpräsident Wen Jiabao warnte noch 2012 angesichts eines wachsenden Personenkults um den später verurteilten Parteisekretär der Metropole Chongqing Bo Xilai vor einer Wiederkehr kulturrevolutionärer Zustände in China. Der aktuelle Parteichef Xi Jinping untersagte Ende 2013 kritische Forschungen zur maoistischen Vergangenheit, stützt sich aber andererseits zunehmend auf ein Arsenal an Herrschaftstechniken, die eng mit Mao Zedong verbunden sind. Letztlich greift jede Seite willkürlich die Aspekte der Kulturrevolution heraus, die die jeweiligen politischen Ziele zu untermauern scheinen. Die dringend gebotene Historisierung und Aufarbeitung dieses zentralen Abschnitts der neueren chinesischen Geschichte wird hierdurch erheblich erschwert.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Daniel Leese für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Publikationen zum Thema

Länderbericht China

Länderbericht China

Die Volksrepublik China ist zur Weltmacht aufgestiegen. Kenntnisse der geschichtlichen, politischen,...

Coverbild Maos Großer Hunger

Maos Großer Hunger

Der von Mao Zedong initiierte "Große Sprung nach vorne" sollte China zu den großen Industrienation...

Zum Shop

Eine Menge von Menschen sind zu Fuß in Fußgängerzone von Shanghai unterwegs. Chinas jährliches patriotisches Fest, die Feier des 52. Jahrestag des National Day startete in China am Montag.
Dossier

China

Zum 60. Jahrestag der Volksrepublik zeigt sich das bevölkerungsreichste Land der Erde im Spannungsfeld zwischen Menschenrechtsverletzungen, Zensur, umstrittener Minderheitenpolitik und einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte.

Mehr lesen