Statue von Mao Zsedong in Henan kurz vor der Fertigstellung
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Die Kulturrevolution und die weltpolitische Dreiecksbeziehung Beijing, Moskau, Washington


3.6.2016
Die Kulturrevolution war innenpolitisch wie außenpolitisch ein Selbstmord für China. Schon Ende der 1960er Jahre, als der Höhepunkt der Kampagne erreicht war, zeichnete sich eine dramatische Doppelkrise im "Reich der Mitte" ab: ein innenpolitischer Kollaps und die außenpolitische Isolierung. Während die innenpolitische Krise erst durch den Tod des langjährigen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) Mao Zedong am 9. September 1976 und vor allem durch die Entmachtung der "Viererbande"[1] am 6. Oktober im gleichen Jahr entschärft werden konnte, wurde ein außen- und sicherheitspolitisches Desaster noch durch Mao selbst abgewendet. Die Hinwendung zu den USA, die von dem Vorsitzenden angeordnet und von seinem Premierminister Zhou Enlai ausgeführt wurde, befreite die Volksrepublik China aus der gefährlichen Doppelkonfrontation mit den beiden Supermächten USA und UdSSR.

Die unmittelbare Konsequenz dieser außenpolitischen Positionierung war eine tektonische Verschiebung des weltpolitischen Gleichgewichts, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Konfrontation zwischen dem westlichen Lager unter Führung der USA und dem kommunistischen Lager unter Führung der UdSSR geprägt war. Chinas Ausscheren aus dem "sowjetisch-kommunistischen" Lager und seine Versöhnung mit den USA führten zu einer neuen weltpolitischen Konstellation: Die strategischen Dreiecksbeziehungen zwischen Beijing, Moskau und Washington ermöglichten nicht nur Chinas Rückkehr auf die weltpolitische Bühne, sondern brachten auch neue Dynamik in die US-amerikanisch-russischen Beziehungen.

Geburt einer neuen Strategie



Nach außen trug die Kulturrevolution einen stark antisowjetischen Charakter. Für Mao und seine Anhänger stand die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) für eine revisionistische Haltung, die Marx und Lenin verrate und den Weltkommunismus letztlich untergrabe. So bediente sich die chinesische Parteiführung auch zahlreicher antisowjetischer Parolen, um die Massen für die Beteiligung an der Kulturrevolution zu mobilisieren. Dieser Kurs führte zu einer dramatischen Verschlechterung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern, die 1969 ihren Höhepunkt in einem bewaffneten Grenzkonflikt am Ussuri erreichte. Durch dieses "Schisma des Weltkommunismus" sah Beijing seine kommunistischen "Genossen" schließlich als noch gefährlicher an als die "US-Imperialisten". Insbesondere der sowjetische Versuch im Sommer 1969, die Unterstützung der USA für einen Präventivschlag gegen die chinesischen Atomanlagen zu gewinnen, alarmierte die chinesische Staatsführung. Um sich der heraufziehenden Gefahr zu entziehen und Moskaus Versuchen, China international zu isolieren, entgegenzuwirken, beschloss Mao zu handeln.

Schon länger gab es in Beijing Gedankenspiele, die Interessengegensätze zwischen Washington und Moskau auszunutzen, um sich selbst aus der Doppelkonfrontation und Isolation herauszuführen. Offenbar spürte die Staatsführung bereits 1968 subtile Änderungen in der amerikanischen Haltung gegenüber China. Zhou Enlai war fest davon überzeugt, dass sich die USA unter Präsident Richard Nixon – nicht zuletzt angesichts der Schwierigkeiten in Vietnam – gegenüber China öffnen würden. "Wir haben", so Zhou, "Nixon vor und nach seiner Machtergreifung drei Jahre beobachtet. Wir haben genau erkannt, dass Nixon nichts anderes übrig bleibt, als mit China in Kontakt zu kommen, wenn er sein Asienproblem lösen möchte."[2]

Auf Zhous Vorschlag hin befahl Mao im März 1969 den Marschällen Chen Yi, Ye Jianying, Xu Xiangqian und Nie Rongzhen, sich wöchentlich zum Gedankenaustausch über internationale Fragen zu treffen und die Parteiführung bei außenpolitischen Entscheidungen zu beraten. Zhou beauftragte Marschall Chen Yi, diesen "Workshop" zu leiten. Chen Yi, der schon beim Bruch der chinesisch-sowjetischen Allianz die Notwendigkeit der Verständigung mit dem Westen erkannt hatte, schlug der Parteiführung wenige Tage nach Aufnahme der Arbeit vor, sich gegenüber den USA zu öffnen. Der Marschall begründete seinen Vorschlag damit, dass es überwiegend von der amerikanischen Haltung abhinge, ob Moskau einen Angriff auf China wage: Ohne das Einverständnis der USA würde die Sowjetunion keinen Angriff auf China riskieren. China solle die sowjetische Angst vor einer Verständigung mit den USA ausnutzen und einen Versöhnungsprozess mit Washington einleiten. Hierzu schlug er einen Dialog auf Ministerebene vor – nur so könne sich die strategische Wirkung entfalten, die China benötige, um die Sowjetunion im Zaum zu halten.[3]

Chen Yis strategische Vorstellung zur Annäherung an die USA fand bei Zhou Enlai volle Unterstützung. Der Premierminister glaubte, dass ein von der Sowjetunion gezähmtes China nicht im US-Interesse liegen könne, weil dies die globale Machtbalance zugunsten der UdSSR verändern würde. "China", so Zhou Enlai metaphorisch, "ist ein ebenso großes wie fettes Stück Fleisch, um das sie (die Supermächte) miteinander kämpfen. Aber dieses Stück ist zu groß, so dass sie es nicht schlucken können."[4] Die Konkurrenz der Supermächte um Interessensphären und Einflussgebiete sei so stark, dass es möglich sei, das weniger aggressive Washington durch strategische Kooperation als Partner zu gewinnen und die Kraft der USA in ein Gegengewicht zum Hauptfeind – die Sowjetunion – umzuwandeln.

Zu den Gegnern der chinesisch-amerikanischen Annäherung gehörte Verteidigungsminister Lin Biao, der zweite Mann in der Parteihierarchie. Vorwürfe, dass durch die Öffnung zu Washington Prinzipien, Revolution und Vietnam verraten würden, wies Zhou Enlai jedoch entschieden als "Verleumdungen gegen die Partei" zurück: "Die Hauptaufgabe bei der Konfrontation gegen die zwei Hegemone liegt gegenwärtig darin, den direktesten, gefährlichsten und realsten Feind – den sowjetischen sozialistischen Imperialismus – zu bekämpfen. Das ist eine vom Vorsitzenden bestimmte Richtlinie. Der Vorsitzende sagte: ‚Wir dürfen keinen Zweifrontenkrieg führen. Es ist besser, an einer Front zu kämpfen‘."[5] Bei der Bekämpfung seiner innerparteilichen Feinde berief sich Zhou sogar auf Lenin: "Lenin lehrte uns, (wir) müssen sorgfältig und vorsichtig alle Widersprüche und Schwächen im feindlichen Lager ausnutzen. Das ist sowohl eine Strategie als auch eine Frage der revolutionären Prinzipien." Mit der Lehre des unumstrittenen Führers des Weltkommunismus im Rücken bekräftigte er: "Wir müssen die Widersprüche zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten in vollem Maße ausnutzen und erweitern."[6] Auch Mao, selbst ein Meister im Ausspielen politischer Gegner, begrüßte die Empfehlungen Zhou Enlais. Als der US-Botschafter in Polen, Walter Stoessel, im Dezember 1969 der chinesischen Botschaft in Warschau vorschlug, die bilateralen Gespräche auf Botschafterebene wieder aufzunehmen, genehmigte Mao den entsprechenden Antrag von Zhou Enlai sofort und ohne Vorbedingungen.[7] Damit leitete Mao den ersten Schritt ein, der China aus dem Zweifrontenkampf gegen die Supermächte befreien sollte.

Die strategischen Vorstellungen von Mao und Zhou, durch Annäherung an die USA sowohl ein Gegengewicht zur Sowjetunion zu gewinnen als auch eine absolute Übermacht der Supermächte zu verhindern, wurden später besonders deutlich von General Geng Biao, seinerzeit Chef der Abteilung für internationale Beziehungen des Zentralkomitees der KPCh, zum Ausdruck gebracht. Im August 1976 erklärte er in einer internen Rede vor Parteikadern den Zusammenhang zwischen der Annäherung an Washington und dem Gewinn von außenpolitischem Spielraum: "Die Vereinigten Staaten und die UdSSR ringen bei manchen Angelegenheiten miteinander um Vorherrschaft und machen gegenseitig keine Zugeständnisse; sie arbeiten sich aber bei manchen Angelegenheiten auch in die Hände, machen Geschäfte hinter den Kulissen und teilen Profite unter sich auf. Wenn wir diese zwei Hegemone (durch Doppelkonfrontation) zum Zusammenschließen zwingen würden, müssten wir allein mit diesen beiden fertig werden; und die Konsequenzen daraus wären verhängnisvoll. Daher müssen wir – um zu überleben – einen (Feind) loslassen und den anderen fest greifen. Unter dem strategischen Aspekt kann das Beiseitelegen des sino-amerikanischen Konfliktes uns ermöglichen, die andere Seite (die Sowjetunion) mit voller Kraft zu bekämpfen."[8]


Fußnoten

1.
Die "Viererbande" um Jiang Qing (Maos Frau), Zhang Chunqiao, Yao Wenyuan und Wang Hongwen war eine radikale Gruppe innerhalb der KPCh, die als eine Speerspitze der Kulturrevolution gilt.
2.
Zit. nach: Wang Li/Qiu Shengyun, Lishi de Gongxun. Zhou Enlai yu Dakai Zhongmei Guanxi Damen de Jincheng (Die historischen Leistungen. Zhou Enlai und der Öffnungsprozess der sino-amerikanischen Beziehungen), in: Lu Xingdou (Hrsg.), Zhou Enlai he tade Shiye (Zhou Enlai und sein Werk), Beijing 1990, S. 265–278, hier: 268ff.
3.
Vgl. Wang Jingke, Chen Yi de Waijiao Yishu (Die Diplomatiekunst von Chen Yi), Jinan 1994, S. 56ff.; Chen Yi Zhuan (Biografie von Chen Yi), Beijing 1991, S. 614f.; Robert S. Ross, Negotiating Cooperation. The United States and China 1969–1989, Stanford 1995, S. 30ff.
4.
Zhou Enlai, Interne Rede, März 1973, in: Guoli Zhengzhi Daxue Guoji Guanxi Yanjiusuo (Forschungsinstitut für Internationale Beziehungen der Zhengzhi Universität), Zhonggong Mimi Wenjian Huibian (Sammlung der Geheimdokumente der KPCh), Taibei 1978, S. 354–360, hier: S. 354.
5.
Ders., Interne Reden, Dezember 1971 und März 1973, in: ebd.
6.
Ebd.; vgl. auch John W. Garver, Foreign Relations of the People’s Republic of China, Englewood 1993, S. 76f.
7.
Vgl. Chen Yi Zhuan (Anm. 3), S. 614. Zur geheimen Kontaktaufnahme zwischen Stoessel und Lei Yang, dem Gesprächspartner in der chinesischen Botschaft in Warschau, vgl. Henry Kissinger, Memoiren der Jahre 1968–1973, München 1979, S. 204f.
8.
Geng Biao, Rede über die Beziehungen zu den USA, 24.8.1976, in: Sammlung Geheimdokumente (Anm. 4), S. 412ff.
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Autor: Xuewu Gu für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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