Nach einem Bombenattentat in Jableh, Syrien, versammeln sich die Menschen um die Schäden zu inspizieren.
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Terrorbilder


10.6.2016
Ein Mann in orangefarbenem Overall kniet im Staub einer wüstenartigen Landschaft. Neben ihm steht ein Mann in Schwarz mit verhülltem Gesicht. Er hält ein Messer in seiner linken Hand, das er einer Kamera entgegenstreckt. Es ist die Szene einer bevorstehenden Hinrichtung. Das Standbild aus dem Enthauptungsvideo, das der sogenannte Islamische Staat von der Ermordung des US-amerikanischen Fotojournalisten James Foley hergestellt hat, ging im August 2014 um die Welt. Es verbreitete sich in sozialen Netzwerken und klassischen Medien und wurde zu einem Schlüsselbild für das grausame Vorgehen der Terrormiliz.

Sichtbarkeit ist ein zentraler strategischer Faktor des Terrors und "ein wesentliches Element des terroristisch erzeugten Horrors".[1] Unter den Bedingungen asymmetrischer Gewaltkonflikte werden Bilder immer stärker zu Mitteln der Auseinandersetzung und zu Waffen, die Konflikte über die Augen zunächst Unbeteiligter entgrenzen.[2] Nicht erst seit der bildmächtigen Anschläge vom 11. September 2001 versuchen Terroristen, Medien "als Resonanzkörper für ihre kriminellen Botschaften zu instrumentalisieren".[3] Denn Terrorbilder folgen einer kalkulierten Wirkungsabsicht. Ihr Ziel liegt in der Verbreitung von Angst und in einer damit verbundenen Veränderung der vom Terror betroffenen Gesellschaften. Besondere Bedeutung im Rahmen terroristischer Bildstrategien können sogenannte strategische Ikonisierungen erlangen, die Bilder mit symbolischem Gehalt hervorbringen und als Medienikonen massenhafte Verbreitung finden.[4] Ihre Bedeutung geht weit über die Berichterstattung in zeitlicher Nähe eines Terroranschlags hinaus und führt dazu, dass die häufig durch auffällige Kompositionen charakterisierten Bilder auch Jahre später in unterschiedlichen Medien gezeigt werden.[5] In der jüngeren Geschichte haben politische Akteurinnen und Akteure vor allem im Rahmen historischer Umbrüche versucht, solche ikonischen Bilder zu produzieren.[6] Die Terroranschläge von 9/11 und insbesondere der live übertragene und in Endlosschleife wiederholte Einschlag des zweiten Flugzeugs in den Südturm des World Trade Centers (Abbildung 1) lassen sich als Herstellung strategischer Terror-Ikonen beschreiben, die an apokalyptische Szenarien aus Action- und Katastrophenfilmen erinnerten.[7] Die Terroristen initiierten vertraute Bilder, die "das Ereignis nur schwerlich der Fiktion entreißen und als real begreifen" ließen.[8]

Abbildung 1: Anschlag auf das World Trade Center (2001)Abbildung 1: Anschlag auf das World Trade Center (2001) (© picture-alliance/dpa)
Durch ihre Bezugnahme auf andere Bilder sind Terrorbilder oft durch "Mehrfachcodierungen"[9] charakterisiert: So sind die Terroranschläge von 9/11 nicht nur durch populäre Bildtraditionen vorgeprägt, sondern lassen sich auch als Bildersturm gegen ein Symbol der USA beziehungsweise des westlichen Kapitalismus interpretieren. Einmal veröffentlicht, entwickeln Terrorbilder eine "Eigendynamik",[10] die ihre politische und mediale Instrumentalisierung begünstigt. Denn das "Terrorbild existiert nicht nur in einer Kultur, die sich nicht mehr über eine Erzählung definiert, es existiert auch auf einem Markt, der nur noch durch die Hysterisierung der Nachfrage in Bewegung gehalten werden kann".[11] Die Instrumentalisierung von Terrorbildern wiederum kann eine "visuelle Gewaltspirale"[12] auslösen, in der immer neue Gewaltbilder auf Gewaltbilder antworten. Bildern aus dem US-amerikanischen Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba und den Folterbildern aus dem Militärgefängnis Abu Ghraib im Irak folgten Reaktionen in Form von Exekutionsvideos westlicher Geiseln.[13] Bilder sind "Teil des zentralen, öffentlichen Themenrepertoires einer Gesellschaft",[14] an die sich kollektive Erwartungen und Erinnerungen binden und die stellvertretend für politische Ereignisse stehen können. Das macht sie zu einem wichtigen Faktor für die Wahrnehmung und Einordnung terroristischer Ereignisse.


Fußnoten

1.
Marion G. Müller, "Burning Bodies". Visueller Horror als strategisches Element kriegerischen Terrors – eine ikonologische Betrachtung ohne Bilder, in: Thomas Knieper/dies. (Hrsg.), War Visions. Bildkommunikation und Krieg, Köln 2005, S. 405–423, hier: S. 408.
2.
Vgl. Horst Bredekamp, Theorie des Bildakts, Berlin 20133, S. 224.
3.
Stephan A. Weichert, Aufmerksamkeitsterror 2001. 9/11 und seine Inszenierung als Medienereignis, in: Gerhard Paul (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder. 1949 bis heute, Göttingen 2008, S. 686–693, hier: S. 688.
4.
Zu strategischen Ikonisierungen und Medienikonen siehe Kathrin Fahlenbrach/Reinhold Viehoff, Medienikonen des Krieges. Die symbolische Entthronung Saddams als Versuch strategischer Ikonisierung, in: T. Knieper/M.G. Müller (Anm. 1), S. 356–387.
5.
Vgl. Elke Grittmann/Ilona Ammann, Ikonen der Kriegs- und Krisenfotografie, in: dies./Irene Neverla (Hrsg.), Global, lokal, digital. Fotojournalismus heute, Köln 2008, S. 296–325, hier: S. 299.
6.
Vgl. K. Fahlenbrach/R. Viehoff (Anm. 4), S. 360.
7.
Vgl. Ulrike Gehring, Der Angriff auf das singuläre Bild. Zur Medialisierung von Katastrophen im Zeitalter der modernen Zivilisation, in: Kritische Berichte, 33 (2005) 1, S. 12–20, hier: S. 13. Zum Verweiszusammenhang der Bilder von 9/11 siehe u.a. Otto Karl Werckmeister, Ästhetik der Apokalypse, in: Bazon Brock/Gerlinde Koschik (Hrsg.), Krieg + Kunst, München 2002, S. 195–207.
8.
U. Gehring (Anm. 7), S. 14.
9.
Rolf Sachsse, Die Entführung. Die RAF als Bildermaschine, in: G. Paul (Anm. 3), S. 466–473, hier: S. 469.
10.
M.G. Müller (Anm. 1), S. 406.
11.
Georg Seeßlen, Die Bilderfalle, 23.10.2014, jungle-world.com/artikel/2014/43/50791.html (18.5.2014).
12.
M.G. Müller (Anm. 1), S. 409.
13.
Vgl. ebd.
14.
E. Grittmann/I. Ammann (Anm. 5), S. 319.
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Autor: Petra Bernhardt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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