Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.

22.7.2016 | Von:
John David Seidler

"Lügenpresse!". Medien als Gegenstand von Verschwörungstheorien

Medienverschwörung: notwendiges Strukturmerkmal

Die Medienverschwörungstheorie, die den Medien im großen Stil Fälschung und Irrtum, Manipulation und Verrat unterstellt, ist dabei kein Sonderfall moderner Verschwörungstheorie, sondern deren zentrales und notwendiges Strukturmerkmal. Die "Erzählform Verschwörungstheorie" profitiert dabei nicht nur von der oben angesprochenen besonderen Anschlussfähigkeit dieser Rahmung, sie konstruiert auf dieser Basis auch weitestgehend ihre gesamte "Realität". Verschwörungstheorien operieren in einem Modus des Verdachts, der voraussetzt, dass den Medien nicht zu trauen sei, wobei ihnen trotzdem beziehungsweise gerade deswegen verborgene "Wahrheiten" zu entreißen seien. Die geheime Verschwörung verrät sich wie von selbst, so die Logik der Verschwörungstheorie, wenn man den Informations- und Bilderstrom der Massenmedien nur "scharfsinnig" genug ausliest. Auch dieser Prozess der verschwörungstheoretischen Medienlektüre ist mit dem Goffman’schen Rahmen-Begriff gut beschreibbar. Meint dieser doch nichts anderes, als eine gegebene (hier: medial vermittelte) Situation auf eine bestimmte Weise zu betrachten und dann jeweilige "Fakten" gemäß des gewählten Rahmens wahlweise zu betonen, zu vernachlässigen oder zu ignorieren. Die "Wahrheit" der Verschwörungstheorie entsteht vor allem dadurch, dass man mediale Angebote insgesamt in den Rahmen "Verschwörung" setzt, und dann je einzelne Informationen – Bildausschnitte, Textmeldungen und anderes mehr – im Sinne dieser Rahmung neue, "eigentliche" Bedeutung erhalten. So lassen sich fortlaufend "alternative Wahrheiten" herstellen, ohne dabei auch nur ansatzweise mit einer Realität jenseits des Medialen in Berührung zu kommen. Feldforschung ist nicht die Sache der Verschwörungstheorie. Sie entsteht am Schreibtisch, beim Beobachten von Beobachtungen.

Natürlich nutzen Verschwörungstheorien beizeiten auch schlicht die Option der Fälschung oder Manipulation. Ebenso können sie sich problemlos mit angeblichen wissenschaftlichen Studien und ähnlichen "Rationalitätsfiktionen" ausstatten.[6] Die entscheidende Grundlage für das detektivisch anmutende Rätsel und die "spannenden Enthüllungen" in Verschwörungstheorien bildet aber typischerweise die Beobachtung zweiter Ordnung. Es ist erkenntnistheoretisch gar nicht auszuschließen, dass derartig hergestellte Spekulationen zumindest als Vorstudien für den empirischen Nachweis konspirativer Vorgänge erfolgreich sein können. Es ist allerdings – zumal bei Unterstellung einer gewieften wie mächtigen Verschwörung – auch nicht wahrscheinlich. Mit einer wissenschaftlichen Methode, die Beweise produzieren soll, hat dieses Vorgehen jedenfalls nichts gemein.

Die an den verschwörungstheoretischen Erzählungen gut abzulesende Gefahr bei einer solchen Suche nach verborgenen "Wahrheiten" ist, dass in diesem Modus der paranoischen Beobachtung prinzipiell alles möglich wird:[7] "Jeder Klartext-Satz kann geheime Botschaften enthalten, jedes Bild eine Tiefendimension oder zumindest einen Teil ihrer Koordinaten kreieren, die allein schon deswegen interessant und verdächtig zugleich ist, weil sie dem größten Teil der über das Medium hergestellten Öffentlichkeit verborgen bleibt. (…) Tatsächlich ist nichts mehr, was es scheint, wenn die Medien selbst mit Verdacht beobachtet werden."[8]

Die Verschwörungserzählungen, die auf Grundlage solcher Rahmungen entstehen, sind dabei tatsächlich nicht selten "gut gemachte Geschichten", die alles aufbieten können, was es braucht, um glaubwürdiger, überzeugender und deutlich unterhaltsamer zu sein als jede offiziell beglaubigte Version. Diese spannenden Enthüllungsgeschichten fungieren, mit dem Medientheoretiker Marshall McLuhan gesprochen, wie das saftige Steak, das ein Einbrecher mit sich führt, um den Wachhund abzulenken. Wäre der geistige Wachhund hier etwas wachsamer und weniger geblendet vom gleißend hellen Licht einer aufgeblasenen Aufklärungsrhetorik, könnte er klar sehen, dass die Verschwörungstheorie weit weniger ein Erleuchtungsmedium ist, als eine Hinführung zu politischen Hexenjagden und zur Deformation des politischen Klimas.

Fußnoten

6.
Vgl. Uwe Schimank, Rationalitätsfiktionen in der Entscheidungsgesellschaft, in: Dirk Tänzler/Hubert Knoblauch/Hans-Georg Soeffner (Hrsg.), Zur Kritik der Wissensgesellschaft, Konstanz 2006, S. 67.
7.
Vgl. John David Seidler, Digitale Detektive. Verschwörungstheorie im Internet, in: Henning Lobin/Regine Keitenstern/Jana Klawitter (Hrsg.), Lesen, Schreiben, Erzählen. Kommunikative Kulturtechniken im digitalen Zeitalter, Frankfurt/M. 2013, S. 211–233.
8.
Torsten Hahn, Medium und Intrige. Über den absichtlichen Missbrauch von Kommunikation, in: Claudia Liebrand/Irmela Schneider (Hrsg.), Medien in Medien, Köln, 2002, S. 95f.
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Autor: John David Seidler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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