Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.

22.7.2016 | Von:
John David Seidler

"Lügenpresse!". Medien als Gegenstand von Verschwörungstheorien

Glaubwürdigkeitslücke der Massenmedien

Mit der Einsicht, dass wir es mit einer historischen Konstante zu tun haben, stellt sich auch die Frage nach den tieferen Gründen des Misstrauens gegenüber den Medien. Dass man den Journalismus und das mediale System nur "besser" machen müsse, und schon sei das Problem gelöst, ist eine Beteuerungsformel, an die vermutlich die Vertreter journalistischer Verbände selbst nicht glauben (was selbstredend nicht heißt, man solle nicht genau daran arbeiten: sowieso und immer).

Für das Misstrauen und die Manipulationsvorwürfe gegenüber den Medien lassen sich nämlich grundsätzlich zweierlei Motive benennen, und erst das zweite hat mit dem tatsächlichen journalistischen Angebot zu tun. Das erste Motiv, das auch in der aktuellen Vertrauenskrise der Medien Beachtung verdient, lässt sich als strukturell bedingte Glaubwürdigkeitslücke bezeichnen. Das Misstrauen der Menschen begleitet die Medien seit jeher: Die Ablösung der Face-to-face-Kommunikation durch Schrift und insbesondere durch den Buchdruck, so Niklas Luhmann, erzwang erstmalig die Unterscheidung von Information und deren Mitteilung – mit der Folge, dass der Mitteilung seither misstraut wird. Denn seit man der Mitteilung nicht mehr direkt (am Gesicht des Gegenübers) ablesen kann, was es mit ihr auf sich hat, verstärkt sich der Verdacht, dass die Informationsseite anderen Motiven folgt, als sie glauben machen will.[15]

Dies ist ein Manipulationsvorwurf, für den die mediale Kommunikation also gar nichts kann. Und schlimmer: Sie kann den Verdacht kaum entkräften. Es ist nämlich ein logischer Effekt medialer Kommunikation, dass sie uns nicht eine Information mitteilen und gleichzeitig auch darüber informieren kann, wie sie diese Information produziert. Natürlich können Journalisten sich bemühen, ihre Arbeit transparenter zu machen. Aber auch diese Transparenzbemühungen sind dann ja Teil einer medialen Inszenierung, über deren Produktion wiederum Transparenz herzustellen wäre, was ebenso nur als mediale Vermittlung vonstattenginge, und so geht es weiter und weiter. "Keine Vermittlung vermag ihre eigenen Bedingungen, sowenig wie ihre Materialitäten und Strukturen mitzuvermitteln", hält der Philosoph Dieter Mersch das Paradoxon des Medialen fest.[16] Und auch die digitale Revolution mit ihren Transparenzversprechen wird daran nichts ändern können. Wenn wir also letztlich nicht wissen, warum wir mit medialen Erzeugnissen, "mit Texten und Bildern konfrontiert werden, dann ist das Einzige, was wir erwarten können, eine dunkle Verschwörung, eine verborgene Manipulation". So jedenfalls die Annahme des Philosophen Boris Groys, der entsprechend schlussfolgert: "Die einzige Theorie, die unser reales Verhältnis zu den Medien beschreibt, ist die Verschwörungstheorie."[17]

Man muss dieser These gar nicht widerspruchslos folgen, um anzuerkennen, dass der Verdacht von Manipulation und Verschwörung in den Medien zumindest stets plausibel und abrufbar ist. Dazu gehört allerdings auch die Einsicht, dass der Manipulationsverdacht gar kein Affekt sein muss, sondern ebenso gut strategische Entscheidung sein kann. Und was sich vom Zweifel nährt, das will vom Zweifel auch nicht lassen. Unter den Bedingungen einer derzeit lebensweltlich erfahrbaren Welle des Verdachts sind diese medientheoretischen Beobachtungen mehr als ein akademisches Gedankenspiel. Sie machen plausibel, dass der Verdacht auch ohne akut benennbare Manipulationen und journalistische Irrtümer – die das zweite Misstrauensmotiv bilden, das dem ersten seine Nachweise liefert – und auch unter Bemühung und Verbesserung sämtlicher journalistischer Standards immer seine Gründe hat, sich seiner Existenzberechtigung zu versichern.

Die Glaubwürdigkeitslücke der Massenmedien ist tatsächlich "nicht Folge eines irgendwie abstellbaren Missbrauchs dieser Einrichtungen. Sie ist vielmehr ein Effekt der normalen Operationen dieser Medien".[18] Dass die Klage über den Missbrauch dieser Einrichtungen, die Warnung vor verzerrten Nachrichten und Berichten wie auch der Tadel an der Vermüllung des Unterhaltungssektors außerdem selbstredend fortlaufend ihre Berechtigung finden, macht den Manipulationsverdacht umso eingängiger. Wer die Medien in diesem Sinne kritisieren möchte, erwirbt sich ein Abonnement fürs Rechthaben. Die Suche nach passenden Beispielen ist immer vielversprechend. Wer aber an eine finale Abstellung der beklagten Erscheinungen glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen. Verzerrungen und Quotenschrott gehören nicht erst seit der Einführung des Privatfernsehens zu den Zumutungen einer freien und pluralen Medienkultur. Auch die aufgeklärteste Kritik an diesen Erscheinungen täte allerdings gut daran, sich zuallererst selbst unter Verdacht zu stellen.

Fußnoten

15.
Vgl. Niklas Luhmann, Soziale Syteme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt/M. 1987, S. 223ff.
16.
Dieter Mersch, Posthermeneutik, Berlin 2010, S. 105.
17.
Boris Groys, Der Verdacht ist das Medium, in: Carl Hegemann (Hrsg.), Endstation Sehnsucht. Kapitalismus und Depression, Berlin 20002, S. 86.
18.
Nikolaus Wegmann, Literarische Autorität: Common Sense oder literaturwissenschaftliches Problem? Zum Stellenwert der Literatur im Feld der Medien, in: Georg Stanitzek/Wilhelm Voßkamp (Hrsg.), Schnittstelle. Medien und Kulturwissenschaften, Köln 2000, S. 88f.
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Autor: John David Seidler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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