Menschlicher Schatten in geöffneter Tür. Symbolbild für Angst.
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Gewalt erklären? - Essay


20.1.2017
Die Erwartungen der Öffentlichkeit an die Erklärungsleistungen der Sozialwissenschaften sind vor allem dann hoch, wenn es sich um ein Phänomen wie Gewalt handelt, das in einer weitgehend friedlichen (post)industriellen Gesellschaft gemeinhin als Ausnahme gilt. Welche Art der Erklärung die Gewaltforschung liefern kann, ist aber selbst unter Fachleuten nicht unumstritten. Kann man Gewalt sozialwissenschaftlich überhaupt erklären? Und wenn ja, wie? Zu reflektieren, was Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler tun, wenn sie über Gewalt sprechen oder schreiben, und vor allem, von welchem Standpunkt aus sie dies tun, könnte die Beantwortung dieser Fragen erleichtern.

Soziale Tatsache



Wie der Historiker Richard Bessel jüngst eindrucksvoll gezeigt hat, ist in den sogenannten westlichen Gesellschaften, wo die Menschen in vergleichsweise friedlichen Verhältnissen leben, insbesondere seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Sensibilität gegenüber Gewalt erheblich gestiegen.[1] Zugespitzt auf den Punkt gebracht wird Gewalt also im Alltagsgespräch, in den Medien, in der Wissenschaft oder in der Politik umso stärker thematisiert, je geringer die Erfahrung realer Gewalt tatsächlich ist. Jeder Gewaltforscher, der in jenem friedlichen "Westen" tätig ist, hat dies in Rechnung zu stellen – gerade auch, weil er als Wissenschaftler in der Regel aus einer gemeinhin als gewaltavers geltenden Mittelschicht kommt und damit selbst Gefahr läuft, diese "Obsession" in größerem Umfang zu teilen als beispielsweise Angehörige unterer sozialer Schichten.

Für eine nach Ursachen suchende Gewaltforschung ist dies deshalb von Bedeutung, weil anthropologisch ansetzende Analysen des Gewaltphänomens auf dessen eigentümlichen Doppelcharakter hingewiesen haben: Einerseits sind Gewalt oder zumindest bestimmte Formen von Gewalt in der Regel stark normiert, eingehegt oder gar verboten, weil sie das für zwischenmenschliche Interaktionen grundlegende Vertrauen zu zerstören drohen[2] und somit disruptive Wirkungen entfalten, die diese Handlungen von anderen deutlich abheben. Andererseits ist Gewalt jedoch auch eine stets gegebene Handlungsmöglichkeit des Menschen und daher immer zumindest als Drohung präsent. Als verletzendes und hochgradig verletzbares Wesen[3] ist der Mensch somit zu Gewalt ebenso fähig wie zu Liebe. Gewalt ist insofern nichts Ungewöhnliches.

Dieser Doppelcharakter lässt vermuten, dass dem Phänomen der Gewalt möglicherweise Eigenschaften innewohnen, die seine Erklärung besonders anspruchsvoll oder schwierig machen. Oft ist Gewalt einem Wissenschaftler nicht direkt zugänglich – welcher Sozialforscher nimmt schon als teilnehmender Beobachter an Kriegen oder Massakern teil? Zudem sind gewaltsame Situationen, sofern nicht organisiert, häufig von sehr kurzer zeitlicher Dauer und damit schwer fassbar.[4] Freilich sollte man Gewalt diesbezüglich auch nicht exotisieren, gerade angesichts des Standpunktes des wissenschaftlichen Beobachters in einer weitgehend friedlichen Gesellschaft. Denn bekanntermaßen sind auch andere "soziale Tatsachen" nur schwer kausal zu erschließen, ob es sich um soziale Ungleichheit oder um globale Migration handelt.

Also nicht nur die Gewaltforschung steht vor erheblichen Problemen, in anderen Analysefeldern sind diese nicht viel geringer. Was kann es also überhaupt heißen, wenn von der Sozialwissenschaft gefordert wird, Gewalt und andere soziale Tatsachen zu erklären? Nur wenige Forscherinnen und Forscher glauben noch, dass es ihnen gelingen könnte, etwa in Bezug auf das Gewaltphänomen zu Allaussagen à la "immer wenn x, dann Gewalt" zu kommen. Was aber heißt nun erklären, was heißt es, Gewalt zu erklären?[5]

Rückblick



In der Gewaltforschung, wie sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg in verschiedenen Disziplinen etabliert hat,[6] dominierte in einer zunächst oft im Zwischenfeld von Soziologie und Kriminologie angesiedelten Forschungsrichtung die Vorstellung, wonach man einer Erklärung des Phänomens insbesondere individueller Gewalt dann am nächsten komme, wenn man sorgfältig dessen soziale Hintergründe ausleuchte. Tatsächlich wurde mit hohem statistischen Aufwand versucht, den Zusammenhang zwischen Armut und Gewaltkriminalität, zwischen sozialer Ungleichheit und Mordraten, zwischen ethnischer oder religiöser gesellschaftlicher Versäulung und gesellschaftlichen Gewaltniveaus herauszuarbeiten. Dabei wurden durchaus interessante Einsichten gewonnen, etwa dass der Grad der sozialen Ungleichheit[7] oder derjenige der "racial segregation"[8] in einer Gesellschaft bessere Prädiktoren für Gewaltraten sind als das allgemeine Wohlstandsniveau, weil sich arme und wohlhabende Gesellschaften hinsichtlich ihrer Gewaltraten oft gar nicht so sehr unterscheiden.

Die genannten Analysen zeigten freilich nicht mehr auf als bloße Zusammenhänge zwischen aggregierten Datensätzen. Kausale Aussagen waren und sind aus einem solchen Untersuchungsdesign nicht zu gewinnen. Wie genau soziale Ungleichheit oder Segregation Gewalt produzieren, blieb also im Unklaren, zumal selbstverständlich nicht alle Menschen, die in hochgradig ungleichen Gesellschaften leben, auch gewalttätig werden. Hinzu kam, dass mit dieser Forschungsstrategie das eigentlich interessante Phänomen, nämlich die Gewalt, kaum ausgeleuchtet wurde: Man suchte nach den sozialen Hintergründen von Gewaltverhältnissen, die Gewalt selbst aber wurde dabei nicht zum Untersuchungsgegenstand und blieb vielmehr eine Art Blackbox.[9] In Teilen der Gewaltforschung wurden die erzielten Ergebnisse zunehmend als enttäuschend betrachtet.

Dies war der Ansatzpunkt für die etwa um 1990 aufblühende, oft "phänomenologisch" genannte "neue" Gewaltforschung, die gerade diese Blackbox ausleuchten und einen genauen Blick auf die Gewalthandlungen selbst werfen wollte, ohne dabei militärische oder anderweitig organisierte kollektive Gewalt wie etwa Massaker auszusparen. Darüber, ob mit dieser Strategie immer schon Erklärungsansprüche verbunden sein sollten, bestand bei den hier maßgeblichen Autorinnen und Autoren nicht immer Einigkeit.[10] Klar war aber, dass man dem Gewaltphänomen sehr viel näher kommen wollte, als dies in der bisherigen und gelegentlich als "traditionell" bezeichneten und auf Korrelationen abhebenden Gewaltforschung der Fall gewesen war.

In diesem neuen Forschungsstrang wurde eine ganze Reihe von Einsichten gewonnen, hinter die man kaum mehr zurückgehen kann. Mindestens zwei davon sind hervorzuheben: Erstens machte der unverstellte Blick auf das Gewaltgeschehen deutlich, dass mit Ausnahme von Auftragsmord und der industriellen Tötung von Menschen wie im Holocaust eher selten von zweckrationalen und planvollen Überlegungen der Täter auszugehen ist. Der Schritt in die Gewalt hinein ist oft von Zufällen, häufig von Emotionen geprägt, für Täter kann Gewalt im Sinne eines Thrills oder Kicks durchaus auch attraktiv sein. Dieser Gewalt wohnt also kein weiteres Ziel inne, sie wird vielmehr um ihrer selbst Willen ausgeübt. Der Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma hat diesbezüglich von "autotelischer Gewalt" gesprochen,[11] und schon sehr früh erinnerte der Soziologe Jack Katz seine Fachkolleginnen und Fachkollegen daran, dass ein hochgradig rationalistischer Zugang zu Gewalt insofern irreführend sei, als er doch nur die Vorurteile progressiver Reformer widerspiegele, die in Verbrechen und Gewalt eine irgendwie rationale Antwort auf schlimme soziale Verhältnisse sehen.[12]

Zweitens arbeitete insbesondere der Soziologe Randall Collins heraus,[13] dass abgesehen von den vergleichsweise wenigen Gewalttätern die meisten Menschen vor Gewaltanwendung zurückschrecken, obwohl bei vielen von ihnen durchaus auch Gewaltmotive und -absichten zu entdecken sind. Sie setzen aber ihre Fantasien nie in die Realität um. Dies bedeutet Collins zufolge, dass nicht Motive oder Absichten Gewalt erklären, sondern dass die unmittelbare Interaktionssituation darüber entscheidet, ob es zur Gewalteskalation kommt und wie massiv der Gewalteinsatz dann tatsächlich ist.

Mit diesen beiden keineswegs deckungsgleichen Einsichten ergibt sich ein erhebliches Problem: Wie ist Gewalt zu erklären? Herkömmlicherweise wurden und werden sowohl in der Geschichtsschreibung als auch in den Sozialwissenschaften (Gewalt-)Handlungen über Motive erklärt: Das Motiv einer Person erklärt seine (späteren) Handlungen, lautet die Prämisse, etwa wenn man fragt, warum Stalin den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt mit Hitler eingegangen ist oder warum ein Angeklagter zu Gewalt gegriffen hat. Freilich haben die soeben genannten Gewaltforscherinnen und -forscher das Ungenügen der Motivanalyse aufgezeigt und damit auf eine in bestimmten Teilen der Soziologie schon länger bekannte Tatsache aufmerksam gemacht: Motive sind, sofern man als Sozialforscher an sie überhaupt herankommt, hochgradig volatil und erhalten ihre vermeintliche Konstanz zumeist erst durch nachträgliche Rationalisierungen; über die tatsächliche Handlungsdynamik geben sie keine Auskunft, und deshalb vermögen sie Handlungen auch nicht wirklich zu erklären.[14]

Kann man Gewalt also überhaupt nicht erklären, sondern allenfalls genau beschreiben, im Hinblick auf die Situation der Gewalt und/oder die unter bestimmten Umständen zu konstatierende autotelische Qualität von Gewalthandlungen?


Fußnoten

1.
Vgl. Richard Bessel, Violence. A Modern Obsession, London u.a. 2016.
2.
Vgl. Jan Philipp Reemtsma, Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, Hamburg 2008.
3.
Vgl. Heinrich Popitz, Phänomene der Macht. Autorität, Herrschaft, Gewalt, Technik, Tübingen 1992.
4.
Vgl. Randall Collins, Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie, Hamburg 2012.
5.
Zur Frage der Erklärung in den Sozialwissenschaften vgl. etwa Margaret Mooney Marini/Burton Singer, Causality in the Social Sciences, in: Sociological Methodology 18/1988, S. 347–409.
6.
Für einen Überblick über Gewaltforschung siehe auch den Beitrag von Michaela Christ in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
7.
Vgl. etwa Miles D. Harer/Darrell Steffensmeier, The Differing Effects of Economic Equality on Black and White Rates of Violence, in: Social Forces 4/1992, S. 1035–1054.
8.
Siehe etwa Ruth D. Peterson/Lauren J. Krivo, Racial Segregation and Black Urban Homicide, in: Social Forces 4/1993, S. 1001–1026.
9.
Vgl. zur Debatte Peter Imbusch, "Mainstreamer" versus "Innovateure" der Gewaltforschung: Eine kuriose Debatte, in: Wilhelm Heitmeyer/Hans-Georg Soeffner (Hrsg.), Gewalt, Frankfurt/M. 2004, S. 125–148.
10.
Vgl. Reemtsma, Popitz und Collins (Anm. 2, 3 und 4); Birgitta Nedelmann, Gewaltsoziologie am Scheideweg. Die Auseinandersetzung in der gegenwärtigen und Wege der künftigen Gewaltforschung, in: Trutz von Trotha (Hrsg.), Soziologie der Gewalt, Wiesbaden 1997, S. 59–85; ders., Koloniale Herrschaft. Zur soziologischen Theorie der Staatsentstehung am Beispiel des "Schutzgebietes Togo", Tübingen 1994; Jack Katz, Seductions of Crime. Moral and Sensual Attractions of Doing Evil, New York 1988.
11.
Reemtsma (Anm. 2), S. 116ff.
12.
Vgl. Jack Katz, Criminal’s Passions and the Progressive’s Dilemma, in: Alan Wolfe (Hrsg.), America at Century’s End, Berkeley–Los Angeles–Oxford 1991, S. 396–417.
13.
Vgl. Collins (Anm. 4), S. 27ff.
14.
Vgl. C. Wright Mills, Situated Actions and Vocabularies of Motive, in: American Sociological Review 6/1940, S. 904–913.
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Autor: Wolfgang Knöbl für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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