Bocca della Verita (Mund der Wahrheit), ein Relief mit einem Gesicht in der Kirche Santa Maria in Cosmedin in Rom.

24.3.2017 | Von:
Vincent F. Hendricks
Mads Vestergaard

Verlorene Wirklichkeit? An der Schwelle zur postfaktischen Demokratie

Aufmerksamkeit um jeden Preis

Hinzu kommt das Ungleichgewicht zwischen der überwältigenden Menge an verfügbaren Informationen und der begrenzten Aufmerksamkeit, das dem Postfaktischen ebenfalls Vorschub leistet. Im Informationszeitalter ist die Masse an zugänglichen Daten schlicht unvorstellbar. Individuen verfügen täglich aber nicht über unendlich viel Zeit und intellektuelle Kapazität.[16] Gleiches gilt für die Makroebene: Die Agenda eines Gemeinwesens ist beschränkt. Die kumulierte Aufmerksamkeit individueller politischer, medialer oder ziviler Akteure hat Grenzen, ebenso die Fähigkeit des politischen Systems als solches, Informationen aufzunehmen. Auch die großen medialen Nachrichtenkanäle haben jeden Tag ein limitiertes Programm. Diese Kapazitäten stecken die Grenzen ab, innerhalb derer die verbreiteten Informationen kursieren, sowie dafür, was öffentliche und politische Aufmerksamkeit erfährt.

Die Aufmerksamkeitsknappheit macht die Informationsselektion zum entscheidenden Moment. Ob individuelle Akteure sachgemäß informiert sind, hängt davon ab, wie sie ihre Aufmerksamkeit einsetzen: Wer sie auf unzuverlässige Informationen und aus erkenntnistheoretischer Sicht bedenkliche Quellen wie konspirative, pseudowissenschaftliche, politische oder religiöse Propagandaplattformen richtet, wird weniger sachlich informiert, als wenn er Fakten und Informationen aus zuverlässigen Quellen bezieht. Gleiches gilt für Akteure, die statt politisch relevanter Informationen Unterhaltungsmedien konsumieren. Wer die Aufmerksamkeit auf die Sportseiten richtet, liest in dieser Zeit keinen politisch relevanten oder informativen Zeitungsartikel. Informationsselektion führt auch zu Echokammern und Filterblasen sowie zur daraus unter Umständen resultierenden gesellschaftlichen Fragmentierung. Solche Phänomene sind zum Teil also tatsächlich als Ausdruck von (suboptimaler) Aufmerksamkeitsverteilung zu verstehen.[17]

Für die sachliche Qualität des öffentlichen Diskurses ist die Qualität der verbreiteten Information ausschlaggebend. Erhalten politisch unbedeutende Themen, unbrauchbare Belege und einseitige Berichte große Aufmerksamkeit, dann erfahren relevante Beiträge und fundierte Informationen gegebenenfalls nicht genügend Interesse, um den demokratischen Diskurs mit ausreichenden Kenntnissen zu unterfüttern. Umgekehrt dominieren auf diese Weise Narrative statt Tatsachen die öffentliche Agenda, Meinungen statt Kenntnisse, Stereotype statt repräsentative Beispiele, politische Blasen statt politische Substanz. Eine Folge ist der postfaktische demokratische Diskurs – in dem Fakten und Belege von zweitrangiger Bedeutung sind, da sie, verglichen mit unsachlichen Narrativen, nicht genügend Aufmerksamkeit erhalten.

Aufmerksamkeit steht aber nicht nur in begrenztem Maß zur Verfügung – sie ist zugleich äußerst gefragt und gerade im Netz das wertvollste Gut. Medienanstalten und -akteure buhlen um Aufmerksamkeit in Form von Leserinnen, Zuhörern, Betrachterinnen und "Klicks" und investieren immense Summen in Werbung und Marketing. Aufmerksamkeit ist ihre Währung, und als "Aufmerksamkeitshändler" im Netz lässt sich sehr viel Geld verdienen.[18] Das Ergebnis ist ein ökonomischer Anreiz, auf allen nur erdenklichen Wegen Aufmerksamkeit zu erzeugen. In finanzieller Hinsicht ist die Sachlichkeit von Information dabei nicht von Belang. Ein Klick ist ein Klick und lässt sich in Euros und US-Dollar einlösen. Die Produktion von Fake News wird in dieser Umgebung zum zukunftsträchtigen Geschäftsmodell. Wenn die Öffentlichkeit zum Aufmerksamkeitsmarkt wird und das virale Narrativ zum Goldesel, kann es für politische Akteure erfolgreich sein, auf Polarisierung zu setzen.

Virale Narrative als politische Strategie

So zeichnet sich etwa der Populismus, der derzeit in vielen westlichen Demokratien immer mehr Wählerinnen und Wähler mobilisieren kann, durch den Gebrauch ausgrenzender und polarisierender Narrative aus. Seine Argumentationsmuster folgen dem Schema "Wir gegen die Anderen", das in der gegenwärtigen Medienlandschaft regelrecht darauf zugeschnitten ist, Aufmerksamkeit zu erregen und Themen zu setzen.

Populisten behaupten, sie – und nur sie allein – vertreten den wahren Willen des Volkes.[19] Konzeptionell teilen sie zum einen die Bevölkerung in das "echte Volk" und die "Anderen" auf und zum anderen die politischen Akteure in Repräsentantinnen und Repräsentanten des "echten Volkes" und der "Anderen". Mit den "Anderen" können Einwanderer gemeint sein, die angeblich nationale Sicherheit, Identität und Werte bedrohen, oder auch politische Eliten in Brüssel oder Washington, die "das Volk" hintergehen. Der Begriff kann aber auch auf die etablierten Massenmedien zielen, die regelmäßig beschuldigt werden, die Wahrheit zu verbergen, um das Volk zum Schweigen zu bringen. Wer gegen die Populisten ist, so das Metanarrativ, ist gegen das Volk und entbehrt daher einer demokratischen Legitimität.

Diese narrative Struktur des "Wir gegen die Anderen" erzeugt effektiv Empörung, Wut und Angst. Berichte, die solchen Gefühlen Vorschub leisten, haben eine starke Tendenz, sich auszubreiten, und erzeugen daher große Aufmerksamkeit.[20] Stimmungslagen aus negativen Empfindungen wie Wut und Angst in Kombination mit positiven Gefühlen der Ehrfurcht und Faszination motivieren zum Handeln, anders als etwa Trauer oder Geborgenheit, die als Gefühle gelten, die Aktivität hemmen. In einer Onlineumgebung bedeutet Handeln auch Teilen, Retweeten, Liken und andere Aktivitäten, die die Verbreitung von Medieninhalten beschleunigen. Wer möchte, dass sich ein Content viral verbreitet, muss also auf Verärgerung und/oder Beängstigung setzen. Ob dabei Tatsachen und die dazu verfügbaren relevanten Fakten adäquat wiedergegeben werden, ist für die politischen Auswirkungen nachrangig.

Es wird hier nicht behauptet, populistische Narrative und Kommunikation hätten keinerlei Realitätsbezug. Bürgerinnen und Bürger, die Populisten unterstützen, können aus guten Gründen empört oder besorgt sein, die auf harten Tatsachen wie etwa wachsender Ungleichheit basieren. Für sich genommen, können zahlreiche Fakten und Nachrichten die Position der Populisten stützen. Doch gehört es zum Populismus, zu vereinfachen und einzelne Tatsachen sowie Randaspekte und -informationen im Sinne der Dichotomie "Wir gegen die Anderen" herauszugreifen. Häufig werden dabei Fakten durch Stereotype und die Komplexität kausaler Beziehungen durch die Benennung von Schuldigen ersetzt.

Diese Art der politischen Kommunikation bleibt durchaus nicht allein Populisten vorbehalten.[21] Ihr ideologischer Antipluralismus lässt sie allerdings viel unbefangener auf solche klar umrissenen Narrative zurückgreifen, die entlang der Ausgrenzung des stereotypisierten "Anderen" strukturiert sind, als politische Akteure, die Grundwerte der liberalen Demokratie wie Pluralismus und Individualismus hochhalten. Durch den selektiven Gebrauch von Fakten und vereinfachende Schuldzuweisungen, die sich beide hervorragend für die massenhafte Verbreitung eignen und als Aufmerksamkeitsmagnet wirken, kann der Populismus gerade zur gewinnenden politischen Strategie in der postfaktischen Demokratie werden. In diesem Fall steht die Demokratie vor einer tiefen Krise.

(Post-)Faktizität und demokratische Legitimität

Wenn auch in einer postfaktischen Demokratie der Populismus mit der Behauptung gedeihen mag, ihm widersprechende Meinungen und Parteien entbehrten der demokratischen Legitimität, so kann die Legitimität der postfaktischen Demokratie doch selbst infrage gestellt werden. Zwar kommt je nach Demokratiemodell der Wahrhaftigkeit der verbreiteten Informationen mit Blick auf die Frage der demokratischen Legitimität ein unterschiedlicher Stellenwert zu. Aber in jedem Fall untergräbt der Mangel an Faktizität die demokratische Legitimität.

So müssen in deliberativen Demokratien legitime politische Entscheidungen einen Prozess rationaler Beratung in der Öffentlichkeit und im Parlament durchlaufen. Von den Bürgerinnen und Bürgern wird erwartet, dass sie sich eine sachlich informierte Meinung bilden und rational motivierte Haltungen zu politischen Vorschlägen entwickeln.[22] Eine auf sachlichen Informationen beruhende Deliberation stellt eine notwendige Bedingung für demokratische Legitimität dar. In der postfaktischen Demokratie, in der Fakten in der politischen Auseinandersetzung zwischen politischen Lagern untergehen, ist die deliberative Legitimität nicht zu erreichen, da das unabdingbare Kriterium des rationalen Diskurses nicht erfüllt wird.

Weniger anspruchsvolle Demokratiekonzepte sehen den Kern der Demokratie im Prozess einer friedlichen Zusammenführung von Einzelinteressen. Ohne jeglichen Bezug zu Tatsachen oder Wahrheiten geraten diese Demokratievorstellungen jedoch in Konflikt mit dem, was der Prozess der Wahl sicherstellen soll: eine verantwortungsvolle Regierungsführung bei Gewaltenteilung und einem System von checks and balances.

Minimalistischen Demokratietheorien zufolge speist sich die demokratische Legitimität aus der Fähigkeit des Volkes, seine Repräsentanten in einem fairen Verfahren zu wählen. Wahlen stellen den Mechanismus dar, der Regierungen und Regierende verantwortlich macht und gegebenenfalls auf friedlichem Wege ersetzt. Doch ohne ein Minimum an korrekter und wahrheitsgemäßer Sachinformation ist es unmöglich, die Leistungsfähigkeit einer Regierung zu kennen und zu beurteilen. Wenn die Beurteilung von Politik selbst eine Sache der Politik wird, geht die Tatsachenbasis verloren, auf deren Grundlage sich beurteilen lässt, ob eine Politik gut oder überhaupt funktioniert. Umgekehrt kann eine Politik, die von der Wirklichkeit losgelöst ist, unmöglich reale Probleme angehen und effektive Lösungen entwickeln. Notwendige Bedingung demokratischer Legitimität ist daher ein Minimum an Faktizität.

Autorität den Fakten

Fakten gebührt in einer Demokratie also Autorität – und damit auch den Instanzen, die mit verlässlichen Methoden Faktenwissen produzieren und vermitteln: Wissenschaft und Journalismus. In einer Demokratie, in der Fakten respektiert werden, ist die erkenntnistheoretische Autorität in Tatsachenfragen an diese Akteure delegiert.

Das bedeutet indes nicht, dass Expertinnen und Experten immer Recht haben oder dass das, was zu einem bestimmten Zeitpunkt als Tatsache gilt, sich nicht ändern kann. Sich auf Fakten zu verständigen, ist häufig qualvoll. Wissenschaft funktioniert nicht nach absoluter, kartesianischer Sicherheit, sie ist immer auch ein historisches, kulturelles und gesellschaftliches Unterfangen.[23] Sowohl der Journalismus als auch die Wissenschaft können irren und bringen bisweilen falsche Annahmen, unzulängliche Theorien und unbrauchbare Beweise hervor. Aber mehr und besserer Journalismus und weiterführende Forschung müssen diese Fehler korrigieren können. Daher besteht auch ein großer Unterschied zwischen der Ablehnung von Wissenschaft und Journalismus als unseriöse Arme der Elite einerseits und der Kritik an schlechter Wissenschaft und schlechtem Journalismus aus den eigenen Reihen andererseits. So gelang es etwa Klimaskeptikern größtenteils nicht, der Begutachtung durch andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Rahmen eines Peer-review-Prozesses standzuhalten, um ihre "Ergebnisse" in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlichen zu können.

Die Demokratie, die Fakten Autorität einräumt, ist allerdings keine Technokratie. Wissenschaft ist nicht unfehlbar und liefert keine normativen Regeln dafür, was individuell oder kollektiv getan werden sollte. In einer Demokratie gibt es unterschiedliche Visionen für ein gutes Leben und die Gesellschaft, und es herrscht eine Vielfalt an kulturellen Traditionen, moralischen Standpunkten und religiösen Doktrinen. Man vergesse den antiken Gedanken, platonische Philosophenkönige sollten herrschen, da sie die eine "Wahrheit" kennen – in der Demokratie ist die fundierte Meinungsverschiedenheit eine conditio sine qua non. Demokratie heißt Pluralismus.

Doch wenn in politischen Debatten sachbezogene Fragen auftauchen, kommt es auf Fakten an, die aus verlässlichen Quellen und durch solide Methoden erhoben wurden. Es muss eine Teilung geben zwischen der geistigen und der deliberativen Arbeit – ähnlich der zwischen Tatsachen und Werten. Nur durch eine solche Arbeitsteilung und durch die Berücksichtigung des Unterschieds zwischen Tatsachen und Werten, wenn also Fakten, die durch solide und modernste Untersuchungsmethoden erhoben wurden, nicht selbst zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden, ist es möglich, einen rationalen und transparenten Dialog zu führen, der die Grundlage für aufgeklärte kollektive Entscheidungen und demokratische Kontrolle schafft. Wenn Tatsachen politisiert werden, leben wir im Postfaktischen, wenn Politik auf Sachfragen und Expertenlösungen reduziert wird, enden wir in einer Technokratie. Beide Extreme untergraben die Demokratie.

Übersetzung aus dem Englischen: Kirsten E. Lehmann, Köln.

Fußnoten

16.
Vgl. Herbert A. Simon, Designing Organizations for an Information-Rich World, in: Martin Greenberger (Hrsg.), Computers, Communications, and the Public Interest, Baltimore 1971, S. 38–52.
17.
Vgl. Vincent F. Hendricks/Pelle G. Hansen, Infostorms, New York 2016.
18.
Vgl. Tim Wu, The Attention Merchants, New York 2016.
19.
Vgl. Jan-Werner Müller, What is Populism?, Philadelphia 2016.
20.
Vgl. hier und im Folgenden Jonah Berger, What Makes Online Content Viral?, in: Journal of Marketing Research 2/2012, S. 192–205.
21.
Vgl. Claudia Alvares/Peter Dahlgren, Populism, Extremism and Media, in: European Journal of Computing 1/2016, S. 46–57.
22.
Vgl. Jürgen Habermas, Political Communication in Media Society, in: Communication Theory 16/2006, S. 411–426.
23.
Siehe auch den Beitrag von Peter Weingart in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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Autoren: Vincent F. Hendricks, Mads Vestergaard für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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