Bocca della Verita (Mund der Wahrheit), ein Relief mit einem Gesicht in der Kirche Santa Maria in Cosmedin in Rom.
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Kleine Geschichte des politischen Faktenchecks in den Vereinigten Staaten


24.3.2017
In den vergangenen zehn Jahren ist vor allem in den Vereinigten Staaten, aber zunehmend auch in aller Welt, mit dem Faktencheck eine neue Medieninstitution entstanden. Immer mehr Organisationen spezialisieren sich darauf, Behauptungen von Politikerinnen und Politikern auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, sei es als unabhängige Website, als fester Bestandteil einer Zeitung oder im Rahmen von Nachrichtensendungen. Derzeit gibt es weltweit über Hundert Faktencheck-Websites, die fast alle nach 2010 online gegangen sind,[1] und während des US-Präsidentschaftswahlkampfs 2016 griff so gut wie jeder Nachrichtenanbieter auf politische Faktenchecks zurück. Wie ist diese rasche Verbreitung zu erklären?

Das neue Genre geht eindeutig über das hinaus, was der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Kevin Barnhurst anschaulich als new long journalism bezeichnet hat – den umfassend dokumentierten Wandel über das vergangene halbe Jahrhundert hin zu einer stärker interpretierenden, analytischen und kritischen Berichterstattung insbesondere bei politischen Themen.[2] Expertinnen und Experten verstehen diese noch stärkere Hinwendung zum Analytischen überwiegend als einen Kulturwandel im Journalismus, der ein verändertes gesellschaftliches Klima, aber auch das Streben der Reporterinnen und Reporter nach beruflichem Status und Autorität widerspiegelt. Gestützt wird diese Annahme davon, wie Journalistinnen und Journalisten über das Faktenchecken berichten, sowie von ihrer selbstbewussten Darstellung, dass es sich dabei um eine Innovation beziehungsweise Evolution der politischen Berichterstattung handelt. Die Faktencheck-Bewegung reproduziert die mit einem analytischeren Journalismus verknüpfte Berufsethik.

In diesem Umfeld hat sich eine Art Institutionengeschichte herausgebildet, in der die Faktenchecker die Wurzeln ihrer Vorgehensweise entlang von Ereignissen rekonstruieren, die bis in die 1980er Jahre zurückreichen. Diese Geschichte erzählt vom Versagen der herkömmlichen objektiven Berichterstattung und wie die Zunft mit neuen Ideen und Techniken darauf reagierte. Zugleich schafft sie einen gemeinsamen Bezugsrahmen, der die Selbstwahrnehmung der Faktenchecker als journalistische Reformerinnen und Reformer untermauert, und liefert damit einen weiteren Beleg für jenen "metajournalistischen" Diskurs, mit dem der Journalismus sich als Community reproduziert, Grenzen festlegt und berufliche Wertvorstellungen geltend macht oder infrage stellt – insbesondere die Objektivität.[3]

In diesem Beitrag möchte ich die Geschichte des politischen Faktenchecks im US-amerikanischen Journalismus beleuchten, die zur Gründung jener drei Organisationen führte, die zu den Leuchttürmen dieser mittlerweile globalen Bewegung gehören: FactCheck.org, PolitiFact sowie die Kolumne "Fact Checker" der Tageszeitung "Washington Post".

Sorgenkind Objektivität



Eine Berichterstattung, die Behauptungen von Politikern entlarvt, hat eine lange Tradition auf Meinungsseiten, im investigativen Journalismus oder in der alternativen Presse. So brachte beispielsweise ab Ende der 1950er Jahre der linksorientierte Journalist Isidor Feinstein Stone in seinem Skandalblättchen "I.F. Stone’s Weekly" Infokästen mit knappen Faktenchecks.[4] Dennoch war es im 20. Jahrhundert selten, dass Übertreibungen und Täuschungen durch Personen des öffentlichen Lebens in der Nachrichtenberichterstattung direkt kritisch hinterfragt wurden.

Immerhin bezeichneten Reporter dies bereits in den 1950er Jahren als eine Art Achillesferse des objektiven Journalismus. "Seit Jahrzehnten huldigt die amerikanische Presse dem Gott der Objektivität", schrieb ein Zeitungsredakteur 1951 auf dem Höhepunkt der antikommunistischen Hysterie, "das schien die Wähler umfassend zu informieren, bis zur Erfindung der Technik der großen Lüge".[5] Die Neutralitätsverpflichtung bedeutete mithin, dass sich skrupellose Politiker vom Schlage eines Senators Joseph McCarthy darauf verlassen konnten, dass die Medien auch die wildesten Behauptungen wortgetreu übermitteln würden. Wie ein anderer Zeitgenosse feststellte, "leistet die objektive Berichterstattung unter dem Druck von McCarthys Methoden schlichtweg skandalösen Unwahrheiten Vorschub".[6]

In den 1980er Jahren begannen Journalisten, Behauptungen von Politikern selbstbewusster anzuzweifeln. Dies war zum Teil auch eine Reaktion auf die wachsende Kritik am Versagen der wortgetreuen Berichterstattung früherer Jahrzehnte. Mit der Wahl Ronald Reagans zum US-Präsidenten 1980 trat ein Vorläufer des modernen Faktenchecks in Erscheinung. Reagans späterer Ruf als "Großer Kommunikator" lässt leicht in Vergessenheit geraten, dass er bereits bei seinem Einzug ins Weiße Haus für Fehler und Übertreibungen bekannt war.[7] Auf seiner Wahlkampftour hatte er behauptet, Bäume verursachten mehr Luftverschmutzung als Autos und in Alaska gebe es mehr Öl als in Saudi-Arabien. Immer wieder stellte er Einzelheiten jener staatlichen Programme falsch dar, die er abschaffen wollte. Dieses Motiv zog sich durch seine gesamte Präsidentschaft. "Ronald Reagan hat aus der Pressekonferenz im Weißen Haus ein Forum für Ungenauigkeit, Verfälschung und Unwahrheit gemacht", hieß es gegen Ende seiner Amtszeit.[8]

Zu den Zeitungen, die vom Präsidenten vorgelegte Fakten kritisch hinterfragten, gehörte die "Washington Post". Als Reagan sein Amt antrat, begann sie, mit kurzen Analysebeiträgen zu experimentieren, die als Zusatzinformationen zu den Nachrichtenbeiträgen fungierten und seine falschen Behauptungen hervorhoben.[9] Als Rechtfertigung für diese Genauigkeit wies die Zeitung auf die Vorgeschichte des Präsidenten hin: "Reagans Pressekonferenz folgt bekanntem Muster" lautete etwa die Schlagzeile eines Artikels im September 1982, der Reagans "zahlreiche sachliche Fehler" in einer Wirtschaftsdebatte auflistete.[10] Ein eindrucksvolles Beispiel lieferte auch 1985 die Auswertung eines Radiointerviews, in dem Reagan den Fortschritt verteidigt hatte, den das Regime in Südafrika beim Abbau der Apartheid gemacht habe: Die "Washington Post" widmete Reagans Ausführungen einen sehr kritischen Aufmacher, und ein Infokasten des Johannesburger Korrespondenten der Zeitung unterzog vier wesentliche Behauptungen einem Faktencheck.[11]

Der ehemalige Herausgeber der "Washington Post", Len Downey, erklärte später, Reagans Reputation habe die Zeitung praktisch zu diesem neuen Konzept gezwungen: "Ich hielt es für wichtig, dass die Leser wussten, wann er ungenau war."[12] Doch nach Protesten seitens der Leserschaft wurde das Format wieder aufgegeben. "Wir hörten damit auf, jede Pressekonferenz einer Wahrheitsprüfung zu unterziehen und überließen es nun den Demokraten. (…) Wir zitierten dann beide Seiten", erinnert sich der ehemalige Reporter Walter Pincus.[13] Auch insgesamt nahm die Zahl solcher Faktenchecks in den späteren Jahren von Reagans Präsidentschaft stark ab. "Diese Praxis ließ nach, als deutlich wurde, dass es die meisten Amerikaner nicht sonderlich interessierte", so der Medienkritiker Howard Kurtz.[14]


Fußnoten

1.
Vgl. Lucas Graves/Federica Cherubini, The Rise of Fact-Checking Sites in Europe, Oxford 2016.
2.
Kevin G. Barnhurst, The Makers of Meaning: National Public Radio and the New Long Journalism, 1980–2000, in: Political Communication 1/2003, S. 1–22.
3.
Vgl. Matt Carlson, "Where Once Stood Titans": Second-Order Paradigm Repair and the Vanishing US Newspaper, in: Journalism 13/2012, S. 268f.
4.
Vgl. Lucas Graves, Blogging Back Then: Annotative Journalism in I.F. Stone’s Weekly and Talking Points Memo, in: Journalism 16/2015, S. 99–118.
5.
Houston Waring, zit. nach Ronald May, Is the Press Unfair to McCarthy?, in: New Republic, April 1953, S. 10ff.
6.
Vgl. die Diskussion bei Barbie Zelizer, Journalists as Interpretive Communities, in: Critical Studies in Mass Communication 10/1993, S. 230–233.
7.
Vgl. Michael Schudson, The Power of News, Cambridge MA 1995, S. 137.
8.
Christopher Hanson [William Boot], Iranscam: When the Cheering Stopped, in: Columbia Journalism Review 2/1987, S. 20.
9.
Vgl. Michael Dobbs, The Rise of Political Fact-Checking, Washington D.C. 2012.
10.
David Hoffman, Press Conference By Reagan Follows Familiar Pattern, in: Washington Post, 30.9.1982, S. A20.
11.
Vgl. Lou Cannon, Reagan Calls South Africa "Reformist", in: Washington Post, 27.8.1985, S. A1.
12.
Zit. nach Dobbs (Anm. 9), S. 4f.
13.
Zit. nach Buying the War, in: Bill Moyers Journal, PBS, Sendung vom 25.4.2007.
14.
Howard Kurtz, 15 Years Later, the Remaking of a President, in: Washington Post, 7.6.2004, S. C1. Siehe auch Dobbs (Anm. 9), S. 4f.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Lucas Graves für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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