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Bocca della Verita (Mund der Wahrheit), ein Relief mit einem Gesicht in der Kirche Santa Maria in Cosmedin in Rom.

24.3.2017 | Von:
Lucas Graves

Kleine Geschichte des politischen Faktenchecks in den Vereinigten Staaten

"Jahr des Faktenchecks"

Als eine Art Begleiterscheinung des adwatching entstand die Website FactCheck.org. Brooks Jackson, damals Politikredakteur bei CNN, wurde 1991 von der Sendergruppe mit der Erstellung von Adwatch-Beiträgen betraut. "Ich tat es nur ungern", blickt er zurück, "denn es passte nicht zu dem, was ich nach meiner Ausbildung und meiner langen Erfahrung bei Associated Press und dem ‚Wall Street Journal‘ mit objektiver journalistischer Arbeit verband, da es mehr oder weniger notwendig war, seine persönliche Meinung einzubringen, falsche oder irreführende Dinge auch als solche zu benennen und Schlussfolgerungen zu ziehen".[27] Dennoch machte er sich das neue Format zu eigen, das in der Sendergruppe rasch beliebt wurde. Bald stellten die Beiträge Behauptungen infrage, die über politische Werbung hinausgingen, und wurden als "Faktenchecks" bezeichnet.

Um das Format weiterzuentwickeln, arbeitete Jackson eng mit Kathleen Hall Jamieson zusammen. Deren Forschung legte nahe, dass schlecht konzipierte Faktenchecks die Botschaften, die sie eigentlich widerlegen wollten, noch verstärken konnten.[28] Das Interesse von CNN an dem Format ebbte jedoch wieder ab, sodass Jackson und Jamieson 2003 mit Mitteln der Annenberg-Stiftung FactCheck.org gründeten. In einem Radiointerview vor den Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl in Iowa 2004 präsentierte Jackson die Website als eine Kurskorrektur des politischen Journalismus: "Seit Teddy White dieses wunderbare Buch ‚The Making of the President 1960‘ geschrieben hat, haben sich Berichterstatter meiner Meinung nach zu sehr in die Richtung bewegt, über Wahlkampagnen zu berichten wie über Pferderennen. Sie haben Insiderinformationen darüber gebracht, was die Kampagnen bezwecken, wie sie Umfragen nutzen, wie sie Gelder beschaffen, wer noch im Rennen ist und wer nicht. Ich glaube, das Pendel ist vor einer oder sogar vor zwei Generationen ein bisschen zu weit in die Richtung ausgeschlagen, dass über Abläufe berichtet wird. Wenn FactCheck.org ein wenig dazu beitragen kann, dass dieses Pendel wieder zurück zu einer substanziellen Berichterstattung schwingt, dann, denke ich, werden wir etwas erreicht haben, das es wert ist, erreicht zu werden."[29]

Mit dem Start von FactCheck.org ging eine Welle von Faktenchecks bei Zeitungen und TV-Sendern einher, sodass 2004 bald als das "Jahr des Faktenchecks" bezeichnet wurde. Journalisten beschrieben diese Entwicklung als eine Reaktion auf die ungewöhnlich raue Kampagnenführung in jenem Jahr. Verkörpert wurde diese durch die "Swift Boat"-Spots, die die Vergangenheit des Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, John Kerry, im Vietnamkrieg infrage stellten.[30] Was mit der Untersuchung der "Swift Boat"-Kampagne begann, etablierte sich bald als festes Format.

Eine Episode, der im Umfeld der Faktenchecker für diesen Prozess große Bedeutung zugeschrieben wird, ist die theatralische Rede des Gouverneurs von Georgia, Zell Miller, auf dem Parteitag der Republikaner 2004.[31] Miller spulte eine Liste militärischer Programme herunter, gegen die John Kerry als Senator gestimmt hatte, um damit zu suggerieren, dessen Schwachpunkt liege in der Verteidigungspolitik. Dabei hatte es sich überwiegend um verfahrensrechtliche Abstimmungen gegen Gesetzesvorlagen gehandelt, die Kerry letztlich unterstützte – und das wussten auch die Journalisten. "Die Rede von Zell Miller war für mich eine Art Offenbarung. Ich schrieb nichts anderes als eine Pferderennen-Story und fühlte mich dabei echt schuldig", blickt Bill Adair zurück, der in der Folge PolitiFact gründete.[32] "Die Sache entwickelte sich aus einem Schuldgefühl heraus. (…) Ich war ein passiver Mitverschwörer gewesen, indem ich ungenaue Informationen weitergegeben hatte, ohne sie auf die Art und Weise einem Faktencheck zu unterziehen, wie ich es hätte tun sollen. Daher trat ich mit dem Vorschlag an meine Redaktion heran, wir sollten eine Website aufbauen, auf der wir rund um die Uhr Faktencheck betreiben würden."[33]

Eine ähnliche Vorgeschichte hat auch die Kolumne "Fact Checker" in der "Washington Post". Die Recherche unter anderem zu den "Swift Boat"-Vorwürfen während des Präsidentschaftswahlkampfs 2004 überzeugte Michael Dobbs von der Notwendigkeit, den Faktencheck in der Zeitung für die nächsten Präsidentschaftswahlen zu institutionalisieren.[34] Glenn Kessler, der 2011 Dobbs Nachfolge als Faktenchecker der Zeitung antrat, verweist ebenfalls auf den Wahlkampf 2004: "Das Niveau der Attacken während des Parteitages der Republikaner ließ uns die Notwendigkeit erkennen, die Dinge für unsere Leser in den Kontext zu stellen."[35]

Beide betonen, dass sie zuvor über Diplomatie und internationale Angelegenheiten berichtet hatten.[36] "Ich schrieb diese außergewöhnliche Story über den Zusammenbruch des Kommunismus", erzählte Dobbs 2007 im Kreis anderer Faktenchecker: "Als wir diese Story schrieben, versuchten wir nicht, fair und ausgewogen zu sein. Wir versuchten zwar fair zu sein, aber wir versuchten nicht, ausgewogen zu sein. (…) Wir versuchten die Wahrheit zu erzählen, wie sie sich uns darstellte. Hätten wir uns an die strengen Gepflogenheiten des amerikanischen Journalismus gehalten, wären wir nicht in der Lage gewesen, diese unglaubliche Geschichte zu beschreiben, die sich da sehr wahrhaftig vor unseren Augen abspielte."[37]

Fazit

Auf die geschilderte Weise sehen Praktiker den Faktencheck als Teil des fragilen Machtgleichgewichts zwischen Journalisten und Politikern. Eine gemeinsame Erzählung von Erfolgen und Misserfolgen in der politischen Berichterstattung verfestigt ihre Wahrnehmung des Faktenchecks als professionelle Antwort auf neue Taktiken und Techniken in der Politik.

Wirklich neu ist diese Art historiografisches Projekt natürlich nicht. Auf die kulturelle Leistung ist bereits hingewiesen worden, die es bedeutet, wenn Reporter miteinander über heroische und weniger heroische Episoden in der Geschichte des Journalismus sprechen.[38] Journalisten "finden zueinander, indem sie Geschichten über ihre Vergangenheit erzählen, die routinemäßig und informell unter ihnen zirkulieren", argumentiert etwa die Kommunikationswissenschaftlerin Barbie Zelizer. Dieses "Storyrecycling" diene dazu, sich gemeinsamer Werte und Praktiken zu versichern und neue zu legitimieren, um "den Praktiken Geltung zu verschaffen, denen traditionelle Auffassungen von Journalismus keine Bedeutung einräumen".[39] So hätten Reporter im Rückblick auf die höchst unkritische Berichterstattung auf dem Höhepunkt des McCarthyismus diese peinliche Geschichte zu einem moralischen Lehrstück gemacht, das einen Wandel hin zu einem kritischeren, interpretierenden Journalismus rechtfertigte.

Daher überrascht nicht, dass häufig noch eine andere Geschichte zur Sprache kommt, wenn Faktenchecker über ihre Bewegung sprechen: der Irak-Krieg 2003. Immer wieder weisen Journalisten auf Faktenchecks als Mittel gegen die wortgetreue Berichterstattung hin, die der Administration von US-Präsident George W. Bush half, für den Krieg zu argumentieren. In praktischer Hinsicht ergibt diese Verbindung wenig Sinn, denn politische Faktenchecker dürften kaum über die entsprechenden Ressourcen verfügt haben, um die Angaben des Weißen Hauses zum irakischen Waffenprogramm zu widerlegen.[40] Sie ergibt hingegen durchaus Sinn, wenn wir den Faktencheck als eine Reaktion auf die leichtgläubige Insiderkultur verstehen, die die Leistung der Medien beeinflusst – als einen selbstbewussten Versuch, das Machtgleichgewicht zwischen Journalisten und Amtsträgern wiederherzustellen.


Übersetzung aus dem Englischen: Peter Beyer, Bonn.

Dieser Beitrag basiert auf Lucas Graves, Deciding What‘s True. The Rise of Political Fact-Checking in American Journalism, New York 2016.

Fußnoten

27.
Brooks Jackson im Interview mit dem Autor, Washington D.C. 3.12.2012.
28.
Siehe etwa Joseph N. Cappella/Kathleen Hall Jamieson, Broadcast Adwatch Effects: A Field Experiment, in: Communication Research 21/1994, S. 342–365.
29.
Zit. nach WNYC, On the Media, Sendung vom 16.1.2004.
30.
Vgl. Robertson (Anm. 15).
31.
Jake Tapper auf dem Treffen "Pants on Fire: Political Mendacity and the Rise of Media Fact-Checkers" des Annenberg Public Policy Center, Washington D.C. 9.11.2007.
32.
Bill Adair auf dem Treffen "Fact-Checking in the News" der New America Foundation, Washington D.C. 14.12.2012.
33.
Ders. während der Podiumsdiskussion "The Facts of Political Life" der New America Foundation, Washington D.C. 28.2.2012.
34.
Vgl. Dobbs (Anm. 9), S. 4.
35.
Zit. nach Thomas Lang, Glenn Kessler on Fact-Checking Candidates, Getting Off the Bus, and Reporters Who Are Ahead of the Curve, 17.9.2004, http://www.cjr.org/the_water_cooler/glenn_kessler_on_factchecking.php«.
36.
Glenn Kessler in einem Telefoninterview mit dem Autor, 18.4.2012.
37.
Michael Dobbs auf dem Treffen "Pants on Fire: Political Mendacity and the Rise of Media Fact-Checkers" des Annenberg Public Policy Center, Washington D.C. 9.11.2007.
38.
Vgl. etwa Michael Schudson, Watergate in American Memory: How We Remember, Forget, and Reconstruct the Past, New York 1992.
39.
Barbie Zelizer, Journalists as Interpretive Communities, in: Critical Studies in Mass Communication 10/1993, S. 219–237, hier S. 223f.
40.
Professionelle Faktenchecker stützen sich ausschließlich auf öffentlich zugängliche Dokumente und Quellen. Die beste skeptische Berichterstattung im Vorfeld der US-Invasion des Irak basierte auf anonymen Abweichlern innerhalb des Verteidigungssektors und der Geheimdienste. Vgl. Michael Massing, Now They Tell Us, 29.1.2004 , http://www.nybooks.com/articles/2004/02/26/now-they-tell-us«.
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Autor: Lucas Graves für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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