Liberty Island und die Freiheitsstatue im Nebel

28.4.2017 | Von:
Torben Lütjen

Die große Entzweiung. Wie Amerika in politische Echokammern zerfiel

Getrennte Welten

Amerikas tiefe Spaltung lässt sich also primär als historisch gewachsenes Phänomen interpretieren. Aber um die die fiebrige Intensität dieses Konflikts zu verstehen, der sich von inhaltlichen politischen Fragen längst gelöst hat und bisweilen eher an eine Fehde zwischen zwei Stämmen erinnert, die den ursprünglichen Konflikt längst vergessen und den Hass auf die Gegenseite zum Selbstzweck erhoben haben, braucht es eine weitere Erklärungsebene. Diese weist auch über den Fall der USA hinaus und hält einige allgemeine Schlüsse darüber bereit, wie und unter welchen Bedingungen moderne Gesellschaften sich ideologisch spalten können.

Seit Trumps Wahlsieg ist bekanntermaßen viel vom "postfaktischen Zeitalter" die Rede. Nicht zu Unrecht halten viele das Schlagwort für einen unglücklichen Begriff, der wenig erklärt. Schließlich wird in der Politik und nicht nur dort seit jeher gelogen und getäuscht. Ebenso ist es ein alter Hut, dass Menschen die Welt mit verschiedenen Augen sehen – je nach sozialem Standort, Lebenserfahrungen, bevorzugten Informationsquellen und sozialem Umfeld. Dennoch ist es mehr als nur die schamlose Dreistigkeit eines pathologisch lügenden US-Präsidenten, die dem Begriff Konjunktur verschafft hat. Damit man mit einem solchen Verhalten zumindest bei einem Teil der Bevölkerung durchkommt, muss der Boden auf bestimmte Weise bereitet sein.

Auch dieses Pflügen begann schon lange vor Donald Trump. Über die vergangenen Jahrzehnte haben sich die USA nicht nur politisch in ein konservatives und ein liberales Lager aufgeteilt, sondern auch gesellschaftlich in zwei entsprechende Lebenswelten, in denen ganz unterschiedliche Wahrnehmungen von Realität produziert werden – sogenannte Echokammern.[12] Insbesondere der amerikanische Konservativismus hat sich kulturell und sozial von dem losgelöst, was seine Vertreter als liberalen Mehrheitsdiskurs empfinden, und ist fast schon zu einer Welt für sich geworden.

Eine wichtige Rolle spielte dabei die amerikanische Medienlandschaft: Der Aufstieg des konservativen Nachrichtensenders Fox News und seines liberalen Pendants MSNBC hat das Auseinanderklaffen konträrer Realitätswelten besonders deutlich gemacht, ebenso wie die explosionsartige Zunahme eindeutig parteiischer Formate im Internet, wo gerade eine "zweite Welle" noch aggressiverer Medienformate wie die rechtsnationalistische Nachrichtenseite "Breitbart News" offenkundig an Boden gewinnt. Ein weiterer Faktor war, dass die Anhänger beider Parteien sich auch außerhalb der medialen Welt auseinanderlebten. Denn wirklich wirkungsmächtig werden auch medial vermittelte Weltbilder erst, wenn sie den Nexus zur physischen und sozialen Lebenswelt finden:[13] Wer den ganzen Tag Fox News sieht, aber in seinem Umfeld ständig mit Demokraten verkehrt, wird von der Weltsicht, die der Sender transportiert, zwangsläufig anders beeinflusst als ein Republikaner, der in einem geschlossen konservativen Milieu verkehrt. Erst dort, wo das eine zum anderen passt, ist das System der Echokammer perfektioniert.

Die Zahl der Counties – in etwa vergleichbar mit deutschen Landkreisen –, die von einer der beiden Parteien mit einem Vorsprung von 20 Prozent oder mehr gehalten werden, hatte sich bereits 2008 im Vergleich zu den 1970er Jahren annährend verdoppelt. Bei der Wahl 2016 waren es sogar acht von zehn Counties, in denen kein spannender Wettbewerb mehr gegeben und politische Monokulturen entstanden waren.[14] Diese rasche Ausbreitung politischer Hochburgen ist das Resultat eines gewaltigen inneramerikanischen Migrationsprozesses: Immer mehr Amerikaner entscheiden sich bei einem Umzug, fortan in der Nachbarschaft von Gleichgesinnten zu leben: Demokraten ziehen in die Nähe anderer Demokraten, Republikaner dorthin, wo viele Republikaner wohnen. Dieser Prozess, den der Publizist Bill Bishop und der Soziologe Robert Cushing als big sort bezeichnet haben, muss nicht direkt aus politischen Gründen geschehen und kann vielmehr die Nebenfolge voneinander abweichender Lebensstilpräferenzen sein, die allerdings stark mit ideologischen Orientierungen korrelieren.[15]

Ein ganzes Land hat sich auf diese Art und Weise entlang ideologischer Spaltungslinien sortiert. In Amerikas Kirchen beten Demokraten und Republikaner heute in verschiedenen Gemeinden.[16] Sie heiraten weniger untereinander und drücken in Umfragen ein wachsendes Unbehagen über die Möglichkeit aus, eines ihrer Kinder könnte einen Republikaner beziehungsweise eine Demokratin heiraten.[17] Sie schauen unterschiedliche Fernsehsendungen und präferieren andere Helden: Demokraten die gebrochenen, postmodernen, moralisch ambivalenten Borderliner aus Serien wie "Dexter" und "Mad Men", Republikaner hingegen die "echten" Amerikaner aus dem Reality-TV wie "Duck Dynasty" und Castingshows, in denen es klare Gewinner und Verlierer gibt.[18] Um den Preis der Zuspitzung ließe sich hinzufügen: Sie kaufen tendenziell sogar in unterschiedlichen Geschäften ein und besuchen verschiedene Restaurants, interessieren sich für andere Sportarten und treten nicht den gleichen Vereinen bei. College-Ratgeber wie die "Princeton Review" informieren angehende Studenten und deren Eltern mittlerweile über die politischen Tendenzen der Colleges, was angesichts des Übergewichts liberaler Hochschulen vor allem für Konservative orientierend wirken dürfte.

So haben sich die Lebenswelten des liberalen und konservativen Amerika immer stärker auseinanderentwickelt, womit sich auch die Berührungspunkte zwischen Demokraten und Republikanern reduziert haben. Bereits Mitte der 1990er Jahre zeigten vergleichende Untersuchungen, dass US-Amerikaner weniger mit Mitbürgern mit anderen politischen Orientierungen sprachen als die Bürgerinnen und Bürger anderer Länder, ihre personalen Netzwerke also weitaus homogener sind.[19] Man darf vermuten, dass die Gräben nach zwei weiteren Jahrzehnten der Hyperpolarisierung nicht weniger tief sind.

Das ist deshalb relevant, weil eine Vielzahl sozialwissenschaftlicher Studien eindeutig den Schluss nahelegen, dass soziale Gruppen, die ideologisch homogen sind und in denen der Dissens fehlt, sich in Richtung ihres ideologischen Poles bewegen: Das ist die Logik der Echokammer, in die keine fremden Stimmen mehr eindringen, die bereits existierenden jedoch um ein Vielfaches verstärkt werden.[20] Amerikas Abgeordnete werden so aus sozialen Räumen nach Washington entsandt, in denen "Supermehrheiten" dominieren und politischer Zentrismus oder Konsensorientierung nicht länger prämiert werden.

Im vergleichend-historischen Maßstab ist dieser politische Segmentierungsprozess in der Tat höchst erstaunlich. Als in den 1950er und 1960er Jahren zahlreiche Sozialwissenschaftler zu verstehen versuchten, warum die angelsächsischen im Gegensatz zu den kontinentaleuropäischen Demokratien so stabil schienen, war eine der zentralen Erklärungen, dass insbesondere die USA bei aller ethnischen Fragmentierung eben nicht jene geschlossenen politisierten Subkulturen kannten, die sich in Europa um die politischen Parteien gebildet hatten.[21] Der Soziologe Seymour Lipset schrieb 1960 mit Blick auf Europa: "Wherever the social structure operates so as to isolate individuals or groups with the same political outlook from contact with those who hold different views, the isolated individuals or groups tend to back political extremists."[22] Amerikas vergleichsweise gemäßigte politische Kultur hingegen, so etwa der Politikwissenschaftler David Truman oder der Soziologe Talcott Parsons, sei gerade darin begründet, dass seine Bürgerinnen und Bürger über viele sich überlappende Mitgliedschaften in zivilgesellschaftlichen Organisationen verfügten und dadurch ein breites, heterogenes Kontaktumfeld besäßen.[23]

Heute aber scheinen sich die Lebenswelten des konservativen und liberalen Amerika weit auseinanderentwickelt zu haben. Natürlich waren die USA historisch stets in mannigfaltiger Weise segmentiert: regional, ethnisch, konfessionell, sozial, kulturell.[24] Aber neben dem Fortbestehen dieser Spaltungen scheint das primäre Differenzkriterium gesellschaftlicher Segmentierung heute Ideologie zu sein. Konservativ oder liberal zu sein, Demokrat oder Republikaner – damit korrelieren heute eine Vielzahl anderer sozialer Merkmale.

Paradoxe Individualisierung

Amerikas Polarisierung ist daher nicht allein an politischen Gegensätzen zu messen – und vielleicht nicht einmal primär. Tatsächlich gab es in den 2000er Jahren eine durchaus einflussreiche Strömung innerhalb der amerikanischen Politikwissenschaft, die die politische Polarisierung als Mythos abtat.[25] Das klang zwar stets kontraintuitiv, aber es gab durchaus empirische Belege. Denn tatsächlich waren die Unterschiede in Bezug auf ideologisch konsistente Positionen in Sachfragen über die Jahre nicht wirklich beträchtlich gewachsen, was einige Politologen zu dem Schluss verführte, dass es noch immer eine breite politische Mitte gebe, deren Interessen von radikalisierten politischen Eliten und einer kleinen Minderheit von Parteiaktivisten nicht ernst genommen würden.

Mittlerweile aber scheint sehr viel klarer, dass sich Polarisierung eben nicht allein an Sachpositionen messen lässt, sondern sie auch ein stark affektives Element besitzt. Demokraten und Republikaner können sich buchstäblich nicht ausstehen, weil ihnen die Lebensweisen der jeweils anderen Seite fremd und zuwider sind und sie als Konsequenz homogener und einseitiger Informationsflüsse diese Gegenseite auch für radikaler halten, als sie tatsächlich ist.[26] Gesellschaften, in denen sich Lager gegenüberstehen, die sich nicht nur politisch markant unterscheiden, sondern auch lebensweltlich voneinander getrennt sind und zwischen denen es nur noch wenige oder keine diskursiven Brückenköpfe gibt, bekommen jedoch irgendwann unweigerlich ein demokratisches Legitimitätsproblem. Davon zeugt nicht zuletzt der Niedergang europäischer Demokratien in der Zwischenkriegszeit.

Ein wichtiger Unterschied freilich besteht zwischen Amerikas Echokammern und den subkulturell extrem segmentierten Gesellschaften Europas, deren soziokulturelle Milieus vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts Takt und Rhythmus dieser Gesellschaften bestimmten. Denn während Letzteren stets ein Element des Zwanges beiwohnte und die Zugehörigkeit intergenerationell vererbt wurde, sind Erstere Orte der selbst gewählten Ghettoisierung. Sie handeln von einem Paradox: Je mehr Entscheidungsmöglichkeiten Menschen haben, desto mehr entscheiden sie sich für ein Leben in Eindeutigkeit und optieren dafür, bloß nicht zu sehr mit abweichenden Werthaltungen konfrontiert zu werden. Niemand wird dazu gezwungen, immer nur MSNBC oder Fox News zu schauen. Im Gegenteil: Niemals zuvor in der Geschichte waren in Bezug auf alternative Informationsquellen die Wahlmöglichkeiten so groß; und selten wurde davon so wenig Gebrauch gemacht. Tatsächlich sind es – auf beiden Seiten der Barrikade – gerade die wohlhabenderen und besser gebildeten Segmente der amerikanischen Gesellschaft, also jene, die auch in stärkerem Maße überhaupt die Möglichkeit und die Ressourcen haben, nach Lebensstilkriterien zu entscheiden, die besonders eifrige Kombattanten in Amerikas Kulturkriegen sind.[27]

Es handelt sich um einen Prozess, der sich als "paradoxe Individualisierung" bezeichnen lässt, da die gewonnenen Freiheiten zum Rückzug in die Echokammer eingesetzt werden: Man wählt, nicht ständig die Wahl haben zu müssen.[28] Aus dieser Perspektive erscheinen die USA dann vielleicht auch nicht so sehr als Nachzügler auf dem Gebiet der extremen ideologischen Polarisierung – sondern angesichts ihres Status als besonders stark individualisierte, fragmentierte Gesellschaft und ihrer Vorreiterrolle insbesondere bei der Pluralisierung des Medienmarktes eher als Vorbote einer generellen (Re-)Ideologisierung moderner Gesellschaften.

Fußnoten

12.
Vgl. auch Torben Lütjen, Die Politik der Echokammer. Wisconsin und die ideologische Polarisierung der USA, Bielefeld 2016.
13.
Vgl. Russell W. Neuman/Marion R. Just/Ann N. Crigler, Common Knowledge: News and the Construction of Political Meaning, Chicago 1992; Kathrin Cramer-Walsh, Talking Politics. Informal Groups and Social Identity in American Life, Chicago 2004, S. 23–27.
14.
Vgl. Gregor Aisch/Adam Pearce/Karen Yourish, The Divide Between Red and Blue America Grew Even Deeper in 2016, 10.11.2016, http://www.nytimes.com/interactive/2016/11/10/us/politics/red-blue-divide-grew-stronger-in-2016.html?_r=0«.
15.
Vgl. Bill Bishop/Robert Cushing, The Big Sort. How the Clustering of Like-Minded Americans Is Tearing Us Apart, New York 2008.
16.
Vgl. Robert D. Putnam/David E. Campbell, American Grace: How Religion Divides and Unites Us, New York 2010.
17.
Vgl. Shanto Iyengar/Sean J. Westwood, Fear and Loathing Across Party Lines. New Evidence of Group Polarization, in: American Journal of Political Science 3/2014, S. 690–707.
18.
Vgl. etwa Paul Hiebert, How Our Television Reinforces Our Politics, 13.2.2014, https://psmag.com/-bf9ed7bfd80a«.
19.
Vgl. Vgl. Diana C. Mutz, Hearing the Other Side. Deliberative Versus Participatory Democracy, Cambridge 2006, S. 49–54.
20.
So jedenfalls die Theorie der "Gruppenpolarisierung", zuerst eingeführt durch Serge Moscovi/Marisa Zavalloni, The Group as a Polarizer of Attitudes, in: Journal of Personality and Social Psychology 2/1969, S. 125–135; vgl. auch Cass S. Sunstein, Going to Extremes – How Like Minds Divide and Unite, Oxford 2009.
21.
Vgl. Gabriel A. Almond, Comparative Political Systems, in: Journal of Politics 3/1956, S. 391–409, insb. S. 406ff.
22.
Seymour Martin Lipset, Political Man. The Social Base of Politics, New York 19632, S. 76.
23.
Vgl. David B. Truman, The Governmental Process. Political Interests and Public Opinion, New York 1951; Talcott Parsons, Voting and the Equilibrium of the American Political System, in: Eugene Burdick/Arthur J. Brodbeck (Hrsg.), American Voting Behavior, Glencoe 1959, S. 90–112.
24.
Vgl. Claude Fischer/Greggor Mattson, Is America Fragmenting?, in: Annual Review of Sociology 35/2009, S. 435–455.
25.
Am prominentesten Morris P. Fiorina/Samuel J. Abrams/Jeremy C. Pope, Culture War? The Myth of a Polarized America, New York 2005.
26.
Vgl. Iyengar/Westwood (Anm. 17).
27.
Vgl. Alan I. Abramowitz, The Disappearing Center – Engaged Citizens, Polarization, & American Democracy, New Haven 2010.
28.
Vgl. hierzu ausführlicher Lütjen (Anm. 12).
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Autor: Torben Lütjen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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