Karl Marx verkündet "Das Kapital"
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"Dies ewig unfertige Ding". "Das Kapital" und seine Entstehungsgeschichte


5.5.2017
Beim Erscheinen des ersten Bandes des "Kapital" 1867 war die ökonomische Arbeit von Karl Marx im Wesentlichen abgeschlossen, auch wenn diese erste größere Veröffentlichung bestenfalls ein Viertel dessen umfasste, was Marx sich vorgenommen hatte. Nach seinem Tod erschienen die weiteren Stücke, und zwar der zweite Band 1885, der dritte Band 1894 sowie ab 1905 die Theorien über den Mehrwert. Nach 1867 hat Marx allerdings die eigentliche Arbeit am Manuskript systematisch nicht wieder aufgenommen, sondern lediglich den erschienenen ersten Band für die zweite deutsche Auflage und für die französische Übersetzung überarbeitet.[1] Das Material, das in die Bände zwei und drei einfloss, blieb unverändert. Erst Friedrich Engels hat es nach Marx’ Tod publikationsfertig gemacht.[2]

Marx sei anfänglich, bemerkte Engels am 28. September 1892 gegenüber Franz Mehring, als Student in Bonn und Berlin "Hegelianer" gewesen; "von Ökonomie wußte er absolut nichts".[3] Das sollte sich gründlich ändern. Joseph Schumpeter, für seine strengen Urteile berühmt, beginnt seine Überlegungen zur marxschen Ökonomie mit dem bemerkenswerten Satz: "Als Wirtschaftstheoretiker war Marx in allererster Linie ein sehr gelehrter Mann. (…) Nichts in Marxens Wirtschaftslehre ist auf irgendwelchen Mangel an Gelehrsamkeit oder Ausbildung in der Technik der theoretischen Analyse zurückzuführen. Er war ein unersättlicher Leser und ein unermüdlicher Schaffer."[4] In der Tat: Ende der 1860er Jahre war Marx zweifellos einer der besten Kenner der politischen Ökonomie des frühen Kapitalismus, dem freilich, der Historiker Jonathan Sperber weist zu Recht darauf hin, das Erbe der klassischen Nationalökonomie von Adam Smith bis zu John Stuart Mill unendlich viel vertrauter war als die sich in seinem letzten Lebensabschnitt erst abzeichnenden neueren Strömungen des Marginalismus und des ökonomischen Historismus.[5]

Zwischen Engels’ früher Beobachtung und dem Marx der späten 1860er Jahre lag also eine Zeit intensiven Studiums, allerdings immer wieder unterbrochen von Phasen eines vorrangig politischen beziehungsweise journalistischen Engagements und überdies geprägt von einer schwierigen materiellen Situation, gesundheitlichen Problemen und einer wenig systematischen Arbeitsweise. Wenn auch geradezu enzyklopädisch interessiert, war Marx keineswegs ein zielgerichteter Arbeiter. Arnold Ruge hatte das schon in der gemeinsamen Pariser Zeit Anfang der 1840er Jahre bemerkt: "Alsdann ist er eine eigene Natur, die ganz zum Gelehrten und Schriftsteller geeignet, aber zum Journalisten vollständig verdorben ist. Er liest sehr viel; er arbeitet mit ungemeiner Intensivität und hat ein kritisches Talent, das bisweilen in Uebermuth ausartende Dialektik wird, aber er vollendet nichts, er bricht überall ab und stürzt sich immer von neuem in ein endloses Büchermeer."[6] Das traf es.

Schon der junge Marx war, nachdem er sich auf Anregung von Engels, der sich frühzeitig mit der englischen Ökonomie befasst hatte,[7] intensiver der Ökonomie zugewandt hatte, ein geradezu atemloser Leser geworden,[8] der umfangreiche Steinbrüche an Exzerpten und Notizen anfertigte, sich aber mit deren literarischer Fassung erkennbar schwertat. Die Durchsicht des schriftlichen Nachlasses ließ Engels daher fast sprachlos zurück: "Neben vollständig ausgearbeiteten Stücken andres rein skizziert, alles Brouillon mit Ausnahme etwa von 2 Kapiteln. Die Belegzitate ungeordnet, haufenweise zusammengeworfen, bloß für spätere Auswahl gesammelt. Dabei die platterdings nur mir lesbare – und das mit Mühe – Handschrift. Du [August Bebel] fragst, wie es kam, daß gerade mir geheimgehalten wurde, wie weit das Ding ["Das Kapital"] fertig war? Sehr einfach: hätte ich das gewußt, ich hätte ihm bei Tag und Nacht keine Ruhe gelassen, bis es ganz fertig und gedruckt war. Und das wußte M besser als jeder andere; er wußte daneben, daß das Ms. im schlimmsten, jetzt eingetretenen Fall von mir herausgegeben werden konnte, was er auch Tussy [Eleanor Marx] sagte."[9]

Dass Engels wirklich so ahnungslos war, wie er es August Bebel gegenüber andeutete, ist mehr als unwahrscheinlich. Wer näher mit Marx in Kontakt kam, wusste um seine Arbeitsweise, und Engels war für Marx gerade in den 1850er und 1860er Jahren der engste Freund. Marx’ Schwiegersohn Paul Lafargue jedenfalls entging dessen zugleich chaotische wie enzyklopädische Arbeitsweise nicht: "Seine Arbeitsmethode stellte ihm oft Aufgaben, deren Größe der Leser seiner Schriften sich kaum vorstellt. So hatte er, um die ungefähr zwanzig Seiten im Kapital über die englische Arbeiterschutzgesetzgebung zu schreiben, eine ganze Bibliothek von Blaubüchern durchgearbeitet."[10]

Diese Art, sich mit der Ökonomie, ihrer Geschichte und Theorie auseinanderzusetzen, war indes nicht allein Folge von Marx’ Lesehunger. Sie korrespondierte auch stark mit seinem Selbstbild,[11] der zeitgenössischen Gesellschaftskritik überlegen zu sein, ja sie durch eine endgültige Anatomie der gegenwärtigen Gesellschaft und ihres historischen Wandels ersetzen zu müssen, ein Anspruch, der mit dem Ende 1847 formulierten "Manifest der Kommunistischen Partei" ein unglaubliches Pathos bekommen hatte.[12] Nach dem Historiker Stedman Jones handelte es sich beim Kommunistischen Manifest um nichts mehr als um einen "religiösen Text", der gesellschaftskritisch bestenfalls camoufliert war.[13]

Die ökonomische Analyse, also "Das Kapital", hatte dem im Kommunistischen Manifest formulierten programmatischen Anspruch zu genügen; und neben allen anderen Faktoren dürfte gerade in dieser überaus hohen Barriere einer der wesentlichen Gründe dafür gelegen haben, weshalb Marx sie streng genommen nie überwunden hat, vielmehr dem Sprung wieder und wieder ausgewichen ist. "Diese Lettern- und Tintengier war auch: Flucht", so Fritz J. Raddatz. "Die Arbeit an ‚dem Buch‘ war Zentrum, aber Marx suchte immer und immer wieder die Bögen zu ziehen, die ihn von eben diesem Zentrum entfernten." Für Raddatz ist das Ergebnis daher eher ein letztlich unabgeschlossenes "Kunstwerk" als eine theoretische Programmschrift.[14]

Wie konnte es dazu kommen? Im Folgenden geht es nicht unmittelbar um eine Würdigung der theoretischen Leistung von Marx auf dem Gebiet der politischen Ökonomie, sondern darum, die Hauptphasen der Entstehung des Manuskriptes zu den vier Bänden des "Kapital" historisch nachzuvollziehen.

1840er Jahre



Die Wende des jungen Marx zur Gesellschafts- und Zeitkritik, die er nach seinem Wechsel an die Berliner Universität 1836 vollzog, überrascht zunächst wenig. Ein junger Mann aus der rheinischen Provinz, die erst wenige Jahre zuvor zu Preußen gekommen war, hatte wenig Gründe, mit der Ära der Restauration und insbesondere der wenig liberalen preußischen Politik der Zeit zufrieden zu sein.[15] Marx’ Tätigkeit für die "Rheinische Zeitung", sein öffentliches Eintreten für radikalliberale Positionen und schließlich das Verbot der Zeitung und die Emigration nach Paris brachten zudem ein Milieu zusammen, in dem die Wendung zum Kommunismus sowohl von den individuellen Attitüden wie vom theoretischen Konzept her gut nachvollziehbar ist.[16]

Der in Paris mögliche und auch gesuchte Kontakt zu anderen Emigranten, zu russischen und französischen Anarchisten wie Michail Bakunin und Pierre-Joseph Proudhon, zu deutschen Handwerkern und Theoretikern, vor allem zu den im Exil lebenden Vertretern des "Jungen Deutschland" wie Arnold Ruge und Heinrich Heine, schuf zugleich ein aggressives Klima der Debatten wie ein Forum der intellektuellen Selbstbehauptung, das überaus herausfordernd war. Die gemeinsam mit Ruge herausgegebenen Deutsch-Französischen Jahrbücher waren dabei eine Art institutionelles Forum, in dessen Rahmen auch der Kontakt zu Engels enger wurde, der Marx auf die zentrale Bedeutung der Ökonomie zum Verständnis der modernen Gesellschaft hinwies.[17] Im Vorwort zur "Kritik der politischen Ökonomie" von 1859 sprach Marx jedenfalls von Engels’ "genialer Skizze zur Kritik der ökonomischen Kategorien", mit dem er seither in engem schriftlichen Gedankenaustausch gestanden habe.[18]

In der Auseinandersetzung mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel, von dem Marx herkam, und mit Ludwig Feuerbach, den er zunächst bewundert hatte, begann Marx 1844 eigene ökonomisch-philosophische Studien beziehungsweise Lektüren, deren Ergebnis vier Studien waren, die freilich erst 1932 das Licht der Welt erblickten.[19] Marx verhandelte darin, wie es im Titel heißt, den "Zusammenhang von der Nationalökonomie mit Staat, Recht, Moral und Bürgerlichem Leben", dessen Pathologie im Wesentlichen in den Begriffen "Entfremdung" und "Privateigentum" zum Ausdruck kam, die nun nicht mehr in der Religionskritik beziehungsweise in der Geschichte des Bewusstseins, sondern in der ökonomischen Struktur einer warenproduzierenden Gesellschaft gesehen wurde, die gerade deshalb Entfremdung und Privateigentum zwangsläufig erzeuge wie voraussetze.[20] Dies bedingte zugleich eine Neuorientierung: weg von der Religionskritik hin zu praktischem politischen Handeln, zur Revolution der ökonomischen Verhältnisse als Bedingung der Beendigung von Entfremdung.[21]

Die berühmte elfte Feuerbach-These, nach der die Philosophen die Welt nur unterschiedlich interpretiert hätten, es aber darauf ankomme, sie zu verändern, markiert eine Wende, die zu einer umfassenden ökonomischen Analyse der gegenwärtigen Zeit führen musste.[22] Engels konnte kaum erwarten, dass deren Ergebnisse publiziert wurden: "Nun sorge dafür, daß die Materialien, die Du gesammelt hast, bald in die Welt hinausgeschleudert werden. Es ist verflucht hohe Zeit. (…) Also tüchtig gearbeitet und rasch gedruckt!"[23] Marx sagte Engels offensichtlich die Fertigstellung eines entsprechenden Buches zu, denn Engels ließ nicht locker: "Mach, daß Du mit Deinem nationalökonomischen Buch fertig wirst, wenn Du selbst auch mit vielem unzufrieden bleiben solltest, es ist einerlei, die Gemüter sind reif, und wir müssen das Eisen schmieden, weil es warm ist. (…) Jetzt ist aber hohe Zeit. Darum mach, daß Du vor April fertig wirst, mach’s wie ich, setz Dir eine Zeit, bis wohin Du positiv fertig sein willst, und sorge für einen baldigen Druck. Kannst Du es da [in Paris] nicht drucken lassen, so laß in Mannheim, Darmstadt oder so drucken. Aber heraus muß es bald."[24]

Unter diesem Druck schloss Marx mit dem Darmstädter Verleger Karl Wilhelm Leske Anfang 1845 einen Vertrag über die Herausgabe eines zweibändigen Werkes "Kritik der Politik und Nationalökonomie" ab, den er allerdings, obwohl recht großzügig bevorschusst, nicht erfüllte. Anfang August 1845 schrieb Marx an Leske, den vorhandenen Text könne er nicht aus der Hand geben: "Da das fast beendigte Manuskript des ersten Bandes meiner Schrift schon so lange Zeit hier liegt, werde ich es nicht drucken lassen, ohne es noch einmal sachlich und stilistisch umzuarbeiten. Es versteht sich, dass ein Schriftsteller, der fortarbeitet, nach 6 Monaten nicht mehr wörtlich drucken lassen kann, was er vor 6 Monaten geschrieben hat."[25]

Der Plan zerschlug sich; 1847 wurde der Vertrag aufgelöst. Leopold Schwarzschilds Unterstellung, Marx habe überhaupt kein Manuskript gehabt,[26] trifft indes nicht zu, denn die 1847 gedruckte Schrift gegen Proudhon enthält zu einem bedeutenden Teil ökonomische Argumente. Nach Marx ging es Proudhon weniger um eine Beseitigung der modernen Warenproduktion als um eine Idylle kleinbürgerlicher Marktexistenzen. Die Ungerechtigkeit der Welt sei aber keine Folge unmoralischen Handelns. Marx wandte sich in scharfen Worten gegen die Vorstellung, "Eigentum sei Diebstahl". Er war vielmehr der Auffassung, nicht der Diebstahl, sondern die für die kapitalistische Wirtschaft konstitutive Bedeutung von Privateigentum und von Warenproduktion sei das Problem, keinesfalls die Übervorteilung oder der Raub von ansonsten nicht weiter problematisiertem Eigentum.[27] Damit war klar ausgesprochen: Die Durchdringung der Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft war mit moralischen Argumenten nicht möglich; sie bedurfte einer wissenschaftlichen Begründung, die zugleich die Notwendigkeit wie den historischen Charakter des Kapitalismus aufdeckte, sich also gleichermaßen als Analyse wie als politisches Programm nutzen ließ.


Fußnoten

1.
Vgl. Jonathan Sperber, Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert, München 2013, S. 424.
2.
Vgl. Tristram Hunt, Friedrich Engels. Der Mann, der den Marxismus erfand, Berlin 2012, S. 399–403.
3.
Engels an Franz Mehring, 28.9.1892, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 38, Berlin (Ost) 1979, S. 481. Hervorhebungen des Originals werden nicht übernommen.
4.
Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Bern 1946, S. 43.
5.
Vgl. Sperber (Anm. 1), S. 462–465.
6.
Zit. nach Fritz J. Raddatz, Karl Marx. Eine politische Biographie, Hamburg 1975, S. 68.
7.
Vgl. Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie (1844), in: MEW, Bd. 1, Berlin (Ost) 1981, S. 499–524.
8.
Die frühen Lektüren sind umfangreich dokumentiert bei Günther Herre, Verelendung und Proletariat bei Karl Marx, Düsseldorf 1973.
9.
Engels an August Bebel, 30.8.1883, in: MEW, Bd. 36, Berlin (Ost) 1979, S. 56.
10.
Zit. nach Raddatz (Anm. 6), S. 348.
11.
Vgl. hierzu die bereits zitierten Marx-Biografien. Den Versuch, ein entsprechendes Psychogramm von Karl Marx aufzustellen, unternahm der Schweizer Kulturphilosoph Arnold Künzli in den 1960er Jahren, dessen Ansatzpunkt, Marx über einen vermeintlichen "jüdischen Selbsthass" seelisch zu dechiffrieren, aber erheblich zu forciert ist. Gleichwohl finden sich zahlreiche zutreffende Beobachtungen. Vgl. Arnold Künzli, Karl Marx. Eine Psychographie, Wien–Frankfurt/M.–Zürich 1966.
12.
Hierzu Gareth Stedman Jones, Das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels, München 2012.
13.
Ebd., S. 17f.
14.
Raddatz (Anm. 6), S. 348.
15.
Sperber (Anm. 1), Kap. 2.
16.
Vgl. Raddatz (Anm. 6), Kap. 2.
17.
Vgl. ebd., S. 80f.
18.
Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie (1859), in: MEW, Bd. 13, Berlin (Ost) 1961, S. 10.
19.
Vgl. Herre (Anm. 8), S. 35–39.
20.
Karl Marx, Nationalökonomie und Philosophie (1844), in: Siegfried Landshut (Hrsg.), Karl Marx. Die Frühschriften, Stuttgart 1968, S. 225–316.
21.
Vgl. hierzu Sperber (Anm. 1), S. 122–129.
22.
Siehe Karl Marx, Thesen über Feuerbach, in: MEW, Bd. 3, Berlin (Ost) 1978, S. 7.
23.
Engels an Karl Marx, Anfang Oktober 1844, in: MEW, Bd. 27, Berlin (Ost) 1963, S. 8.
24.
Engels an Karl Marx, 20.1.1845, in: MEW, Bd. 27, Berlin (Ost) 1963, S. 18.
25.
Marx an Karl Wilhelm Leske, 1.8.1846, in: MEW, Bd. 27, Berlin (Ost) 1963, S. 449.
26.
Vgl. Raddatz (Anm. 6), S. 348.
27.
Siehe Karl Marx, Das Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons "Philosophie des Elends", in: MEW, Bd. 4, Berlin (Ost) 1977, S. 63–182.
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Autor: Werner Plumpe für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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