Karl Marx verkündet "Das Kapital"
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Postwachstumsökonomik. Wachstumskritische Alternativen zu Karl Marx


5.5.2017
Nicht nur die Analyse moderner Industriegesellschaften, sondern auch Fragen nach einer menschenwürdigen, gerechten Gesellschaft sind selten so präzise und vorausschauend behandelt worden wie in "Das Kapital" von Karl Marx. Während Aristoteles einen Begriff des "guten Lebens" unter antiken Bedingungen entwarf, der zu weit von einer technologisch geprägten Gegenwart entfernt ist, sprengte die von Thomas Morus idealisierte "Utopia" jeden Realitätssinn. Hoffnungen auf eine humanere Welt stützten sich fortan auf wissenschaftlich-rationale Fortschrittskonzeptionen, die Francis Bacon mit einer umfassenden Naturbeherrschung assoziierte. Diese Vorstellung von instrumenteller Vernunft hat bis heute nichts an Relevanz verloren: Irdische Ressourcen seien in Mittel umzufunktionieren, aus denen sich eine unbegrenzte Steigerungsspirale menschlichen Wohlergehens speisen soll.

Mittels dieses Fortschrittsimperativs, so proklamierte Georg Simmel, müsse es möglich sein, die "Menschheitstragödie der Konkurrenz"[1] zu überwinden: "In dem Maße, in dem man weitere Substanzen und Kräfte aus dem noch unokkupierten Vorrat der Natur in die menschliche Nutznießung hineinzieht, werden die bereits okkupierten von der Konkurrenz um sie entlastet." Soziale Konflikte könnten in solche zwischen Mensch und Natur umgelenkt werden. Frieden und politische Stabilität in einen nie endenden Malstrom wirtschaftlichen Wachstums einzubetten, um alle potenziellen Verteilungskonflikte sanft hinfort zu spülen, entspricht auch der Neo-Schlaraffenland-Logik entgrenzter Konsumgesellschaften.

Nun wird diese zivilisatorische Großbaustelle von zwei Ambivalenzen überschattet, deren erste von Marx prominent und folgenreich vertieft wurde: die soziale Frage. Denn dass ausgerechnet jene Mittel, die einen stetig wachsenden ökonomischen Gabentisch bereiten und die Welt befrieden sollten, tatsächlich in Ausbeutung, Verteilungsungerechtigkeit, Machtkonzentration und Krisen ausarten würden, musste eine harsche Auseinandersetzung mit der dafür ursächlichen Wirtschaftsform entfachen, dem sogenannten Kapitalismus.

Erst später offenbarte sich eine zweite, weitaus existenziellere Nebenwirkung des modernen Wirtschaftens. Mit dem ersten Bericht an den Club of Rome 1972 wurde deutlich, dass sich die zwecks sozialen Fortschritts entfesselte Naturbeherrschung nicht durchhalten lässt und überdies eine ökologische Überlebenskrise heraufbeschwört. Die Reaktionen waren und sind zweigeteilt: Zum einen wird argumentiert, dass der zwar expansive, jedoch aus ökonomischer und sozialer Sicht angeblich bewährte Modernisierungsvorgang fortgesetzt werden könnte, wenn er durch ein nachgebessertes, nunmehr ökologisches Modernisierungsprogramm ersetzt würde. Mittels intelligenter Innovationen könnte das ohne Wirtschaftswachstum nicht zu stabilisierende Konsum- und Mobilitätsparadies von Umweltschäden entkoppelt werden. So ließe sich die soziale Fortschrittslogik retten, nunmehr im Gewand eines "grünen Wachstums" und basierend auf Investitionen in ökologische Effizienz, erneuerbare Energien und geschlossene Stoffkreisläufe.

Die wachstumskritische Gegenposition, unter anderem vertreten durch die Postwachstumsökonomik, verneint diese Möglichkeit. Das wirft ein vollkommen anderes Licht auf Verteilungs- und Gerechtigkeitsbelange.[2] Deshalb soll im Folgenden erkundet werden, ob die von Marx geprägten Vorstellungen von sozialem Fortschritt noch als plausibel gelten können.

Gerechtigkeit und ökologie



Wachstumskritische Standpunkte innerhalb des Nachhaltigkeitsdiskurses verweisen zumeist auf die Gesetze der Thermodynamik.[3] Diese implizieren, dass eine ökologische Entkopplung industrieller Wertschöpfung schon theoretisch nicht darstellbar ist, geschweige denn empirisch jemals nachzuweisen war, wenn alle temporalen, räumlichen, stofflichen und systemischen Verlagerungs- und Rebound-Effekte vermeintlicher umwelttechnischer Fortschritte berücksichtigt werden. Als plausible Perspektive verbleibt folgerichtig nur eine Abkehr von der Wachstumsorientierung. Mehr noch: Die industrielle Wertschöpfung und fossile Mobilität müsste in den Konsumgesellschaften derart reduziert werden, dass die Ressourcenverbräuche pro Kopf auf ein ökologisch übertragbares Niveau sinken können. So impliziert das Zwei-Grad-Klimaziel bei globaler Gleichverteilung der damit kompatiblen Gesamtmenge an CO2-Emissionen ein individuelles Budget von maximal circa 2,5 Tonnen pro Jahr. Tatsächlich liegt dieser Wert in Deutschland bei rund elf Tonnen.

Der verteilungspolitisch verfügbare Wohlstand ist damit nach oben begrenzt, was gleichbedeutend mit der Rückkehr zur überwunden geglaubten Nullsummenlogik ist: Welchen materiellen Spielraum darf ein einzelnes Individuum während seines Lebens ausschöpfen, ohne ökologisch – und damit zugleich sozial – über seine Verhältnisse zu leben? Einen mutmaßlichen Überschuss "gerecht" verteilen zu wollen, der in einer gerechten Welt gar nicht existieren dürfte, weil er auf irreversibler Plünderung beruht und somit zukünftige Lebensperspektiven zerstört, führt sich selbst ad absurdum. Deshalb beschränkt sich ein wachstumskritischer Gerechtigkeitsbegriff nicht auf die typischerweise von links-emanzipatorischer Seite ausschließlich betrachtete horizontale, also interpersonelle Verteilung. Sie adressiert zunächst eine vertikale, also intergenerationale Dimension: Als erstes wäre ein ökologischer Rahmen zu definieren, um im zweiten Schritt einen daraus zu generierenden Wohlstand verteilen zu können.

Was bringt moderne Zivilisationen dazu, sich systematisch über diese ökologische Knappheitsregel hinwegzusetzen, also Substanzverzehr mit Überschüssen zu verwechseln? Drei Erklärungsmuster: Es wird erstens an der sogenannten Green-Growth-Utopie festgehalten, mittels umwelttechnischen Fortschritts einen plünderungsfreien Wohlstand erzeugen zu können. Es werden zweitens fortlaufend neue Armutsphänomene, Gerechtigkeitsdefizite oder Bedürfnisse identifiziert, von denen politischer Handlungsdruck ausgeht. Deren Beseitigung beziehungsweise Befriedigung verspricht jedoch nur dann Wählerstimmen, wenn nicht zugleich anderen Wählergruppen Umverteilungsmaßnahmen zugemutet werden. Also flüchtet sich die Politik in eine Wachstumsstrategie oder Staatsverschuldung – was wiederum nur vorweggenommenes Wachstum bedeutet –, um das andernfalls drohende Nullsummenspiel zu überwinden. Drittens: Fehlleitende Erklärungsmuster zur Entstehung materiellen Wohlstandes blenden dessen plündernden Charakter schlicht aus.


Fußnoten

1.
Georg Simmel, Philosophie des Geldes, München–Berlin 1920, S. 305.
2.
Vgl. Niko Paech, Befreiung vom Überfluss, München 2012.
3.
Vgl. Nicholas Georgescu-Roegen, The Entropy Law and the Economic Process, Cambrigde 1971; Jacques Neirynck, Der göttliche Ingenieur. Die Evolution der Technik, Renningen 1994.
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Autor: Niko Paech für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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