Die Flaggen von Russland und Deutschland wehen in der westsibirischen Stadt Tomsk auf dem zentralen Platz vor der Kathedrale und einem Standbild von Lenin.

Editorial


19.5.2017
Deutschland und Russland verbindet eine lange und wechselvolle Geschichte. Gegenseitige Bewunderung und Abneigung, Idealisierung und Dämonisierung spielten darin immer eine Rolle, und das häufig zugleich und nebeneinander. Auf offizieller staatlicher Ebene hat sich das deutsch-russische Verhältnis in den vergangenen Jahren deutlich abgekühlt: Spätestens seit der Annexion der Krim durch Russland im März 2014 und dem Krieg in der Ostukraine gilt es als gestört. Beim Gipfel zwischen Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang Mai 2017 in Sotschi wurde es schon als Erfolg gewertet, dass man überhaupt miteinander spricht.

Die Haltung gegenüber Russland polarisiert in Deutschland über Parteigrenzen hinweg. Während einige ein Ende der europäischen Sanktionspolitik fordern und Russland zu Unrecht in die Rolle des Parias gedrängt sehen, plädieren andere für Unnachgiebigkeit, da sie Ost und West bereits in einem neuen Systemkonflikt zwischen Autoritarismus und Demokratie wähnen. Als Belege dafür werden unter anderem die mutmaßlich russischen Hackerangriffe gesehen, durch die sowohl im US-amerikanischen als auch im französischen Präsidentschaftswahlkampf ausschließlich diejenigen Kandidaten kompromittiert wurden, die Putin eher kritisch gegenüberstehen.

Tatsächlich sprechen russische Regierungsvertreter offen von einer "postwestlichen Weltordnung" und inszenieren ihr Land als Führungsmacht, die für die Bewahrung von traditionellen Werten einstehe, die dem Westen verloren gegangen seien. Dieses Selbstverständnis rührt an den Kern offener Gesellschaften. Seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ist die Verantwortung, die Europa – und insbesondere auch Deutschland – bei der Verteidigung freiheitlicher Werte zukommt, nicht kleiner geworden.


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Autor: Johannes Piepenbrink für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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