Mitarbeiter arbeiten am PC in den Büros im Google Finanzcenter in Schanghai.
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Ein komplexes Problem – verschiedene Antworten


23.6.2017
Aktuell ist etwa ein Fünftel aller Jugendlichen in Europa arbeitslos. Obwohl sich die wirtschaftliche Lage zurzeit in vielen europäischen Ländern von den Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu erholen scheint, sind die Jugendarbeitslosenquoten nach wie vor deutlich über dem Ausgangsniveau vor der Krise.[1] Dabei stehen die einzelnen Länder vor unterschiedlich großen Herausforderungen: Die Jugendarbeitslosenquoten in den südeuropäischen Ländern liegen bei knapp unter 50 Prozent. Die osteuropäischen Beitrittsländer bewegen sich demgegenüber mit 10 bis 20 Prozent im Mittelfeld, während Deutschland mit nur knapp sieben Prozent am wenigsten betroffen ist. In allen Ländern sind jedoch Jugendliche beziehungsweise Unter-25-Jährige deutlich häufiger arbeitslos als Erwachsene.

Jugendarbeitslosigkeit hat sowohl kurz- als auch langfristig massive negative Folgen für Individuen und Gesellschaft. Arbeitslosen Jugendlichen fehlt eine Zukunftsperspektive, wenn der Übergang vom Bildungssystem in den Arbeitsmarkt nicht erfolgreich bewältigt wird. Aufgrund finanzieller Einschnitte können sie nur eingeschränkt am sozialen Leben teilhaben. Auf gesellschaftlicher Ebene kann die Jugendarbeitslosigkeit das Vertrauen junger Erwachsener in politische Institutionen mindern. Gleichzeitig werden ihr Arbeitspotenzial und ihre Fähigkeiten nicht ausreichend genutzt.[2]

Um Jugendarbeitslosigkeit zu minimieren, werden europaweit verschiedene Lösungsstrategien verfolgt. Diese werden einerseits beeinflusst durch die ökonomischen Rahmenbedingungen wie die (fehlende) Nachfrage nach Arbeitskräften vor Ort. Andererseits ist auch das komplexe Zusammenwirken der verschiedenen Institutionen, die den Übergang vom Bildungssystem in den Arbeitsmarkt moderieren, von zentraler Bedeutung. Im Folgenden werden diese Zusammenhänge für Spanien, die Tschechische Republik und Deutschland analysiert – Länder, die exemplarisch für den südeuropäischen, den post-kommunistischen und den konservativen Wohlfahrtsstaat stehen und in denen die Jugendarbeitslosigkeit unterschiedlich hoch ist: In Spanien lag die Arbeitslosenquote von Unter-25-Jährigen im Jahr 2015 bei 48,3 Prozent, in der Tschechischen Republik bei 12,6 Prozent, in Deutschland bei 7,2 Prozent. Dies wird ergänzt durch einen Ausblick auf die aktuellen Reformdebatten und Initiativen in der Europäischen Union.

Ursachen und Bedingungen von Jugendarbeitslosigkeit



In der aktuellen Krise werden makroökonomische, soziodemografische und institutionelle Ursachen zur Erklärung der unterschiedlichen Ausmaße von Jugendarbeitslosigkeit in Europa hervorgehoben. Die Zunahme der Jugendarbeitslosigkeit wird überwiegend auf zu geringes wirtschaftliches Wachstum in den jeweiligen Ländern zurückgeführt.[3] Gleichzeitig hat sich die demografische Entwicklung, also die Stärke beziehungsweise Schwäche der Geburtenkohorten, die aktuell auf den Arbeitsmarkt drängen, vor allem in den europäischen Ländern mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit eher dämpfend ausgewirkt.[4]

Das individuelle Arbeitslosigkeitsrisiko wird maßgeblich durch soziostrukturelle Merkmale wie Alter, Geschlecht, Migrationshintergrund und insbesondere durch den Bildungsstatus geprägt. Besonders gefährdet sind gering qualifizierte Jugendliche. In den südeuropäischen Ländern finden allerdings auch höher Qualifizierte nur schwer Arbeit. Zudem sind junge Erwerbstätige häufiger in sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnissen wie in Teilzeit oder befristeten Verträgen beschäftigt – was ihr Arbeitslosigkeitsrisiko zusätzlich erhöht.[5] Aber auch institutionelle Gegebenheiten und Unterstützungsangebote vonseiten des Staates bestimmen die Chancen junger Menschen auf einen reibungslosen und nachhaltigen Berufseinstieg. Entsprechend wird für die Erklärung von Jugendarbeitslosigkeit auch die Bedeutung der unterschiedlichen Berufsbildungssysteme hervorgehoben, die den Übergang in den Arbeitsmarkt beeinflussen.[6] Erste Versuche, solche wichtigen institutionellen Merkmale in Ländern zu identifizieren und auf deren Basis verschiedene Übergangsregime zwischen Schule und Beruf zu typologisieren,[7] verweisen auf weitere relevante Faktoren, nämlich auf die soziale und finanzielle Absicherung von Jugendlichen durch staatliche Unterstützung oder die Familie. Kaum integriert in diese Analysen sind dabei der unterschiedliche Problemdruck durch hohe Raten von Jugendarbeitslosigkeit sowie die Institutionalisierung der Arbeitsmarktservices. Nur sehr bedingt im Hinblick auf Jugendliche untersucht sind zudem die verschiedenen Ansätze der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik. Generell wird dabei zwischen dem Primat der schnellen Arbeitsmarktintegration (work-first) und dem meist langfristig angelegten Ziel der Befähigung zur Arbeitsmarktteilhabe (befähigend) unterschieden. Letzteres schließt unter anderem die Förderung von (Aus-)Bildung ein.[8]

Übergangsregime und aktivierende Arbeitsmarktpolitik



Im Folgenden wird eine Typologie der Übergangsregime anhand der drei ausgewählten Länder entwickelt,[9] welche die verschiedenen genannten institutionellen Elemente verbindet. Zentral ist, inwieweit die Jugendlichen von staatlicher Seite bei ihrem Übergang in den Beruf unterstützt oder eher alleingelassen werden. Dabei wird davon ausgegangen, dass berufspraktisch orientierte Berufsbildungssysteme einen "sanfteren" Übergang in den Arbeitsmarkt gewährleisten als rein schulische Ausbildungssysteme.[10] Der Anspruch von Jugendlichen auf Arbeitslosen(geld)leistungen ist nicht nur als direkte Unterstützung zu sehen, sondern auch als Anreiz, sich als arbeitslos zu registrieren, um dann potenziell durch die Arbeitsverwaltungen begleitet zu werden.

Die Strategien der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik gegenüber Jugendlichen sind dabei – so die Annahme – eng auf die jeweiligen Übergansregime bezogen. Werden nationale Arbeitsmärkte durch berufsfachlich qualifizierte Arbeitskräfte dominiert, was vor allem in Ländern mit umfangreichen und gut funktionierenden Ausbildungssystemen der Fall ist, setzt auch die Arbeitsmarktpolitik für Jugendliche auf Befähigung zur Arbeitsmarktteilhabe und fördert das Erlangen von formalen beziehungsweise berufsfachlichen Bildungsabschlüssen. Eine gute institutionelle und finanzielle Ausstattung der Arbeitsverwaltung dürfte sich ebenfalls positiv auf das Begleiten der Jugendlichen während des Übergangs auswirken. Demgegenüber kann eine hohe Jugendarbeitslosigkeit die kurzfristig Erfolg versprechenden Work-first-Maßnahmen begünstigen. Eine schnelle Arbeitsmarktintegration erscheint hier oft als die beste Lösung des Problems – zumal dann meist auch bereits gut qualifizierte Jugendliche arbeitslos sind.


Fußnoten

1.
Vgl. Eurostat, Arbeitslosendaten nach Geschlecht und Alter – Jahresdurchschnitte, http://ec.europa.eu/eurostat/de/web/products-datasets/-/UNE_RT_A«.
2.
Vgl. Thomas Rothe/Stefanie Tinter, Jugendliche auf dem Arbeitsmarkt – Eine Analyse von Beständen und Bewegungen, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, IAB-Forschungsbericht 4/2007, S. 21ff.
3.
Vgl. Angana Banerji/Hannah Huidan Lin/Sergejs Saksonovs, Youth Unemployment in Advanced Europe: Okun’s Law and Beyond 2014, Internationaler Währungsfonds, IMF Working Paper 5/2015, S. 7.
4.
Vgl. Gerhard Bosch, Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Warum versagen milliardenschwere Hilfsprogramme?, Institut für Arbeit und Qualifizierung, IAQ-Report 6/2015, S. 7.
5.
Vgl. Hans Dietrich, Youth Unemployment in Europe. Theoretical Considerations and Empirical Findings, Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2012, S. 4.
6.
Vgl. Werner Eichhorst et al., A Road Map to Vocational Education and Training in Industrialized Countries, in: Industrial Relations & Labor Review 2/2015.
7.
Vgl. Tom Chevalier, Varieties of Youth Welfare Citizenship: Towards a Two-Dimension Typology, in: Journal of European Social Policy 1/2016; Axel Pohl/Andreas Walther, Activating the Disadvantaged. Variations in Addressing Youth Transitions across Europe, in: International Journal of Lifelong Education 5/2007.
8.
Vgl. Giuliano Bonoli, The Political Economy of Active Labor-Market Policy, in: Politics & Society 4/2010; Irene Dingeldey, Der aktivierende Wohlfahrtsstaat. Governance der Arbeitsmarktpolitik in Dänemark, Großbritannien und Deutschland, Frankfurt/M. 2011.
9.
Vgl. Irene Dingeldey/Marie-Luise Assmann/Lisa Steinberg, Strategies to Improve Labour Market Integration of Young People: Comparing Policy Coordination in Nine European Countries, NEGOTIATE – Negotiating Early Job Insecurity and Labour Market Exclusion in Europe, Negotiate Working Paper 8.2/2017.
10.
Vgl. Markus Gangl, European Patterns of Labour Market Entry, A Dichotomy of Occupationalized vs. Non-Occupationalized Systems?, in: European Societies 4/2001.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Irene Dingeldey, Marie-Luise Assmann, Lisa Steinberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.