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Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen. Antwort auf den Fachkräftemangel?


30.6.2017
Kommen Menschen als Flüchtlinge nach Deutschland, können sie nicht unmittelbar nach ihrer Einreise am Arbeitsmarkt aktiv werden. Eine Erwerbstätigkeit ist in den ersten drei Monaten im Land bereits rein rechtlich ausgeschlossen. Auch in der Folgezeit ist es für Asylsuchende wegen der Unsicherheit über ihren Verbleib in Deutschland und noch ausstehender Integrationsschritte, wie dem Spracherwerb, zumeist schwierig, eine passende Beschäftigung zu finden. Erst wenn das Asylverfahren positiv beschieden ist, haben die Flüchtlinge eine klare Perspektive in Deutschland und Zugang zu allen Förderinstrumenten für die Arbeitsmarktintegration. Zu nennen ist hier insbesondere der Integrationskurs, in dem grundlegende Kenntnisse der deutschen Sprache erworben werden. Dieser wurde 2016 zwar für Asylbewerberinnen und -bewerber geöffnet, aber nur sofern diese eine gute Bleibeperspektive haben, was mit einer Schutzquote von über 50 Prozent gleichgesetzt wird, und soweit freie Platzkontingente zur Verfügung stehen.

Auch wenn in den vergangenen Jahren und Monaten das Bewusstsein gewachsen ist, dass eine erfolgreiche Integration von Flüchtlingen früh ansetzen muss und zuvor bestehende Restriktionen beim Zugang zu Arbeitsmarkt und Integrationsmaßnahmen für Asylbewerber abgebaut worden sind, ist die Anerkennung als Flüchtling – darunter fallen Asyl, Flüchtlingsschutz nach der Genfer Konvention, subsidiärer Schutz und nationale Abschiebeverbote – nach wie vor eine wichtige Voraussetzung für eine nachhaltige Integration in den deutschen Arbeitsmarkt. Dabei sind die Verfahren der im Rahmen des starken Flüchtlingszuzugs zwischen 2015 und 2016 nach Deutschland gekommenen Personen inzwischen weitgehend abgeschlossen. So wurde in diesen beiden Jahren bereits rund 570.000 Personen Flüchtlingsschutz gewährt, was einem Anteil von 58,7 Prozent der rund 980.000 beschiedenen Asylverfahren entspricht.[1] Im ersten Quartal 2017 waren es nochmals 103.000, was einem Anteil von 46,5 Prozent der 220.000 abgeschlossenen Verfahren entspricht.[2] Auf eine Entscheidung warteten Ende März 2017 "nur" noch rund 280.000 Personen.[3] Bleibt die Zahl der neueinreisenden Asylsuchenden auf einem Niveau von monatlich rund 15.000, wie es in den ersten Monaten 2017 der Fall war, dürften diese Asylverfahren spätestens bis Herbst 2017 weitestgehend beschieden sein.

Dabei ist anzumerken, dass derzeit noch kaum absehbar ist, was mit der großen Zahl der abgelehnten Asylbewerber geschieht. Kehren diese nicht freiwillig in ihre Heimatländer zurück, und sprechen Sachgründe gegen eine Abschiebung, kann ihnen eine Duldung gewährt werden. In diesem Fall gelten für sie im Wesentlichen dieselben Regelungen für den Zugang zu Arbeitsmarkt und Förderinstrumenten wie für Asylbewerber, und ihre längerfristigen Bleibeperspektiven in Deutschland sind nach wie vor unsicher. Das macht auch ihre Arbeitsmarktintegration schwierig. Wie viele Geduldete derzeit in Deutschland leben, lässt sich nicht verlässlich abschätzen, da über die Duldung nicht das für die Asylverfahren zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), sondern die bei den Kommunen angesiedelten Ausländerbehörden entscheiden und derzeit erst entsprechende Zahlen für 2015, also vor Abschluss der meisten Asylverfahren, vorliegen.

Unabhängig vom Aufenthaltsstatus hängt es überdies stark von Alter und Geschlecht ab, inwieweit die Flüchtlinge am deutschen Arbeitsmarkt aktiv werden wollen und können. So waren mit 63,8 Prozent knapp zwei Drittel der Personen, die 2016 einen Asylantrag gestellt haben, im typischen Erwerbsalter zwischen 18 und 64 Jahren.[4] Über ein Drittel (36,2 Prozent) war minderjährig; 5,9 Prozent im Alter zwischen 16 und 17 Jahren und 30,3 Prozent noch jünger. Vor allem Letztere werden in Deutschland noch einige Jahre die Schule besuchen, bevor sie dem Arbeitsmarkt potenziell zur Verfügung stehen. Von den Asylbewerbern zwischen 18 und 64 Jahren waren 69,4 Prozent männlich und nur 30,6 Prozent weiblich,[5] was zumindest teilweise darauf zurückzuführen sein dürfte, dass in vielen Fällen nur die Familienväter oder alleinstehende Männer den beschwerlichen Weg nach Europa auf sich nehmen und Frauen und Kinder später über den deutlich leichteren Familiennachzug nachgeholt werden. Dabei anzumerken ist, dass im Rahmen des Familiennachzugs einreisende Personen in Deutschland nicht als Flüchtlinge gezählt und entsprechend erfasst werden. In jedem Fall bedeutet der hohe Männeranteil, dass die meisten der erwachsenen Flüchtlinge dem deutschen Arbeitsmarkt auch zeitnah zur Verfügung stehen werden, was bei Frauen, die in traditionelleren Rollenbildern leben, insbesondere wenn sie mehrere Kinder versorgen müssen, nicht unbedingt der Fall ist.

Beschäftigungsperspektiven in Deutschland



Derzeit bietet die deutsche Wirtschaft Erwerbssuchenden sehr gute Perspektiven. So hat die Zahl der Erwerbstätigen 2016 mit 43,6 Millionen den höchsten bisher für die Bundesrepublik ermittelten Wert angenommen.[6] 2006 waren es mit 39,6 Millionen noch rund vier Millionen weniger. Gleichzeitig hat die Arbeitslosenquote 2016 mit 6,1 Prozent den niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung erreicht.[7] Der Wert für 2006 lag mit 11,0 Prozent noch nahezu doppelt so hoch. Die Ausgangslage für die Integration der Flüchtlinge am deutschen Arbeitsmarkt ist derzeit also grundsätzlich gut.

Allerdings unterscheiden sich die Arbeitskräftebedarfe und damit Beschäftigungschancen je nach Berufsfeld und Anforderungsniveau stark (Tabelle). Dabei ist anzumerken, dass diese Zahlen nicht alle Bereiche des Arbeitsmarkts erfassen. So ist die Bundesagentur für Arbeit nicht in alle Einstellungsverfahren im öffentlichen Dienst involviert, zum Beispiel nicht bei der Besetzung regulärer Lehrerstellen. Auch melden die privaten Unternehmen bei Weitem nicht alle offenen Stellen, wobei folgende Faustformel gilt: Je höher und spezifischer die Qualifikationsanforderungen für die Stelle, desto unwahrscheinlicher ist eine Meldung. Zudem enthält die Statistik auch keine Arbeitskräftebedarfe im selbstständigen Bereich, also etwa für die Praxisnachfolge gesuchte niedergelassene Ärzte. Damit dürften die dargestellten Zahlen die Arbeitskräftebedarfe bei den Expertentätigkeiten, die in der Regel eine längere akademische Ausbildung voraussetzen, und bei den Spezialistentätigkeiten, für die in der Regel ein beruflicher Fortbildungsabschluss wie der Meister oder ein Bachelorstudium benötigt wird, deutlich unterschätzen, während sie die Arbeitskräftenachfrage in den an- und ungelernten Helfertätigkeiten relativ vollständig widerspiegeln dürften.

Tabelle: Gemeldete offene Stellen und Engpassrelation (ER) nach Anforderungsniveau, Stand März 2017Tabelle: Gemeldete offene Stellen und Engpassrelation (ER) nach Anforderungsniveau, Stand März 2017



Fußnoten

1.
Vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Asylgeschäftsstatistik für den Dezember 2016 sowie Asylgeschäftsstatistik für den Dezember 2015.
2.
Vgl. Bundesministerium des Innern (BMI), 14976 Asylsuchende im März 2017, Pressemitteilung vom 7.4.2017.
3.
Vgl. ebd.
4.
Vgl. BAMF, Aktuelle Zahlen zu Asyl. Ausgabe: Dezember 2016, 11.1.2017, http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/Asyl/aktuelle-zahlen-zu-asyl-dezember-2016.pdf?__blob=publicationFile«.
5.
Vgl. ebd.
6.
Statisches Bundesamt, Erwerbstätigenrechnung, 2.5.2017, http://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/Arbeitsmarkt/Erwerbstaetigkeit/ TabellenErwerbstaetigenrechnung/InlaenderInlandskonzept.html«.
7.
Statistisches Bundesamt, Arbeitsmarkt, 2017, http://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Indikatoren/LangeReihen/Arbeitsmarkt/lrarb001.html«.
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Autor: Wido Geis für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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