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26.5.2002 | Von:
Sigrid Leitner
Ilona Ostner

Frauen und Globalisierung

Vernachlässigte Seiten der neuen Arbeitsteilung

II. Globalisierung und Frauen - was erklärt was?

Die weitgehende Abwesenheit oder Unsichtbarkeit von "Frau" oder "Geschlechterverhältnis" in der "Globalisierung" mag zunächst daran liegen, dass die öffentliche Debatte inzwischen hinter fast jedem Aspekt des sozioökonomischen Wandels die Globalisierung hervortreten sieht. Ist Globalisierung zur mächtigsten Triebkraft des gesellschaftlichen Wandels geworden und Geschlecht zugleich eine "soziale Superstruktur" (Schelsky), ermöglicht und rechtfertigt sie gleichzeitig politische Interventionen, dann scheint es banal zu betonen, dass dieser Wandel selbstverständlich auch Frauen - sei es gleich den Männern oder anders als diese - betrifft.

Birgit Rommelspacher beginnt ihre Betrachtungen des "Geschlechterverhältnisses im Zeitalter der Globalisierung" mit der lapidaren Bemerkung, dass "Globalisierung im Sinne weltweiter Vernetzungen von Produktionsprozessen, Waren- und Finanzmärkten . . . zu Verschiebungen im Geschlechterverhältnis (führt). Die bestehenden Beziehungen können nicht einfach festgeschrieben werden, bekommen sie doch neue Funktionen in den Umstrukturierungen von ökonomischen Klassen, Regionen und Kulturen" [5] . Als ein Beispiel für solche Umstrukturierungen werden Verschiebungen in der Erwerbsstruktur im nationalen Maßstab und im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung sowie deren Folgen für Migration und die Situation von Migrantinnen im Aufnahmeland skizziert [6] . Nun ist nicht jeder globale Trend bereits "Globalisierung", noch hängt er mit dieser zusammen.

So stimmt es sicher, dass in den letzten zwanzig Jahren in allen westlichen Ländern geringe Qualifizierung voraussetzende industrielle Beschäftigungsmöglichkeiten verschwunden sind. Die Frage nach dem Einfluss von Globalisierung auf diese Entwicklung erlaubt jedoch keine eindeutigen Befunde; zumindest hinsichtlich der Erwerbssituation von Frauen sind diese nur "lücken- und bruchstückhaft" [7] . Vor allem Männer waren und sind vom schrumpfenden Beschäftigungssektor der gering qualifizierten Industriearbeit betroffen. Einmal entlassen aus der industriellen Produktion, finden sie nur schwer eine andere Beschäftigung. Metallarbeiter lassen sich nicht ohne weiteres in Altenpfleger verwandeln. Dies erklärt den hohen Anteil von angelernten älteren Industriearbeitern an den Langzeitarbeitslosen. Die industrielle Arbeit hat unqualifizierten jungen Männern einmal die Statuspassage vom oft delinquenten Jugendlichen zum ehrbaren Ehemann und Vater erleichtert, vor allem dann, wenn sie durch ihre Anforderungen an Kraft und physische Ausdauer Männlichkeit eindeutig - zumindest eindeutiger als heute - herzustellen vermochte. Die Jugendstudien der siebziger Jahre drehten sich um diesen Übergang. "MacJobs" bieten dafür gewiss keinen Ersatz.

Diese Entwicklung hat zur Schwächung des Modells des männlichen Haupternährers beigetragen [8] . Weil sie immer weniger ökonomische Sicherheit bieten konnten, erleben gering qualifizierte Männer auch eine Verschlechterung ihrer Heiratschancen, so jedenfalls in den USA und in Großbritannien. Einfach gesagt: Gering qualifizierte und wenig verdienende Männer wurden und werden für viele Amerikanerinnen oder Britinnen schlicht unattraktiv.

Gleichzeitig haben Frauen an Erwerbs- und Einkommenschancen im Dienstleistungssektor, dem von ihnen ohnehin dominierten Bereich, hinzugewonnen [9] - freilich um den Preis der Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen. Auch hier ist wiederum Skepsis gegenüber einem vorschnellen Kausalzusammenhang, diesmal zwischen Globalisierungs- und Flexibilisierungstendenzen, angebracht: "Die Befunde ergeben kein konsistentes Bild." [10] Verbesserungen und Verschlechterungen scheinen für den weiblichen Erwerbszusammenhang Hand in Hand zu gehen. Die damit verbundene Polarisierung darf nicht übersehen werden: Während sich für die einen berufliche Chancen und materielles Wohlergehen mehren, sind die anderen verstärkt von Arbeitslosigkeit im Zuge von "Strukturanpassungen" [11] und den entsprechenden Armutsrisiken betroffen. In dem Maße, wie Frauen mit Männern gerade in den qualifizierten Berufen gleich(er)zogen, stieg die Ungleichheit zwischen Frauen. Diese Prozesse haben allerdings vor dem Zeitpunkt der Entdeckung der (neuen oder erneuten) "Globalisierung" eingesetzt [12] .

Fußnoten

5.
Birgit Rommelspacher, Neue Polarisierungen und neue Konvergenzen: Das Geschlechterverhältnis im Zeitalter der Globalisierung, in: Gert Schmidt/Rainer Trnczek (Hrsg.), Globalisierung. Ökonomische und soziale Herausforderungen am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, Soziale Welt, Sonderband 13, Baden-Baden 1999, S. 243. (Dies ist übrigens der einzige von ingesamt 24 Beiträgen, der den Blick auf Frauen, Männer und "Geschlechterverhältnisse" wirft. Das Thema wird nicht einmal in der Einleitung des Bandes angekündigt.)
6.
Dabei wechselt wie so oft der Inhalt des Begriffs. Bezog sich zu Beginn der Argumenation "Globalisierung" noch auf das bekannte Dreigespann von weiterer Öffnung der Ökonomie, gestiegener Mobilität des Kapitals und - darüber gehen die Meinungen auseinander - veränderter internationaler Arbeitsteilung, so reduziert Rommelspacher in ihrem Abschnitt "Gegenbewegung" den Begriff auf das "weltweite" Vorhandensein "global" agierender sozialer Bewegungen.
7.
Sabine Blaschke, Auswirkungen der Globalisierung auf die Beschäftigungssituation von Frauen, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 24 (1999) 3, S. 3-23, hier, S. 15.
8.
Vgl. Sigrid Leitner/Ilona Ostner, Von "geordneten" zu unübersichtlichen Verhältnissen: Nachholende Modernisierung des Geschlechterarrangements in der deutschen Sozialpolitik?, in: Stephan Leibfried/Uwe Wagschal (Hrsg.), Der deutsche Sozialstaat. Bilanzen und Perspektiven, Frankfurt/M.-New York 2000 (i. E.).
9.
Vgl. Valerie Kincade Oppenheimer, Women's Rising Employment and the Future of the Family in Industrial Societies, in: Population and Development Review, 20 (1994), S. 293-342; Sylvia Walby, Gender Transformations, London 1997; Ilona Ostner, "Neue Opfer - unverhoffte Gewinner". Die gewandelte Chancenstruktur des Arbeitsmarktes in der individualisierten Erwerbsgesellschaft, in: Karl Hinrichs/Herbert Kitschelt/Helmut Wiesenthal (Hrsg.), Kontingenz und Krise, Frankfurt/M. - New York 2000, S. 319-342.
10.
S. Blaschke (Anm. 7)., S. 16.
11.
Hier ist auch an den Beschäftigungsrückgang im öffentlichen Sektor Westeuropas sowie an den massiven Rückbau des Staatssektors in den mittel- und osteuropäischen Transitionsländern zu denken, die für das Ansteigen der Frauenarbeitslosigkeit maßgeblich mitverantwortlich waren, vgl. Gudrun Lachenmann, Frauen und Globalisierung: aktuelle Entwicklungen und kritische Diskurse, Universität Biele-feld 1998, Forschungsschwerpunkt Entwicklungssoziologie, Working Paper, Nr. 284, S. 13.
12.
Vgl. Robert Z. Lawrence/Matthew Slaughter, International Trade and American Wages in the 1980s: Giant Sucking Sound or Small Hiccup?, in: Brookings Papers on Economic Activity, 2 (1993), S. 161-210; Richard Freeman, Are your wages set in Beijing?, in: Journal of Economic Perspectives, 9 (Sommer 1995) 3, S. 15-32; Jagdish Bhagwati/Marvin Kosters (Hrsg.), Trade and Wages: Leveling Wages Down?, Washington, D. C. 1999.