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26.5.2002 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft sind ohne ein funktionierendes Verkehrssystem nicht denkbar. Von seiner Qualität hängt der erreichbare Grad individueller und gesellschaftlicher Mobilität ab.

Einleitung

Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft sind ohne ein funktionierendes Verkehrssystem nicht denkbar. Von seiner Qualität hängt der erreichbare Grad individueller und gesellschaftlicher Mobilität ab, der seinerseits von großer Bedeutung für die Teilnahme an gesellschaftlichen, sozialen, ökonomischen, kulturellen und sonstigen Prozessen ist. Die moderne Gesellschaft ist eine mobile Gesellschaft, doch der Mobilität sind Grenzen gesetzt. Die immer länger werdenden Ansagen des Straßenverkehrsfunks sind nur ein Indikator dafür. Den elementaren Bedürfnissen in einer Gesellschaft nach Fortbewegung steht ein Verkehrsproblem gegenüber, für dessen Lösung in dieser Ausgabe verschiedene Ansätze vorgestellt werden.

Ein funktionierendes Verkehrssystem unterliegt nicht nur Anforderungen der Wirtschaftlichkeit und Effizienz, sondern auch solchen einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung: der Nachhaltigkeit. Klaus J. Beckmann konfrontiert die bekannte und sich weiter zuspitzende Situation auf unseren Straßen, Schienen, Wasserwegen und in der Luft mit der Forderung nach einer dementsprechenden Verkehrsentwicklung. Dafür gelte das Leitziel der bedürfnisgerechten Mobilität mit weniger Verkehrsaufwänden und weniger Verkehrsauswirkungen. Der Autor entfaltet in seinem Beitrag, der den Aufgaben der Verkehrsplanung und des Verkehrsmanagements für die Zukunft gewidmet ist, einen ganzen Katalog von Gestaltungserfordernissen und -möglichkeiten einer nachhaltigen Verkehrspolitik.

Die von Beckmann formulierten Anforderungen an eine umweltgerechte Verkehrspolitik basieren auf einem eher weit gefassten, beinahe alle Politikfelder betreffenden Begriff der Nachhaltigkeit. Den Ausführungen Robert Schnülls zur Mobilitätsplanung als Beitrag zur Nachhaltigkeit im Verkehrswesen liegt demgegenüber eine ausschließlich ressourcenbezogene Definition zugrunde. Schnüll versteht unter Nachhaltigkeit "verantwortliches Handeln, das von den natürlichen Ressourcen unseres Ökosystems nur so viel verbraucht, wie in natürlichen Regenerationsprozessen in der gleichen Zeit nachwächst". Damit sei ein absoluter Handlungszwang aller verantwortlichen Menschen begründet; Nachhaltigkeit in diesem Sinne habe einen dramatisch anderen Stellenwert als alle anderen Nachhaltigkeiten, die zwar vielleicht wünschenswert, aber für den Fortbestand unseres Ökosystems nicht zwingend erforderlich seien. Diese Argumentation führt den Autor zu anderen Ergebnissen.

Unter die Gestaltungserfordernisse und -möglichkeiten einer nachhaltigen Verkehrspolitik fallen auch das so genannte Mobilitätsmanagement und die Mobilitätsberatung, denen sich Weert Canzler und Andreas Knie unter dem Stichwort "New Mobility" zuwenden. Die Argumentation der Autoren basiert auf einer Prüfung zentraler Aussagen - Gewissheiten - der kritischen Verkehrsforschung, mit negativem Ergebnis: Das erklärte Ziel der "Verkehrswende" - den Zwang zur Nutzung von Autos abzubauen und die Attraktivität der Verkehrsmittel des Umweltverbundes: Busse, Bahnen, das Fahrrad und die Füße, zu erhöhen - sei weder in erreichbare Nähe gerückt, noch finde es heute genügend Unterstützer. Vor diesem Hintergrund plädieren die Autoren dafür, die Bedürfnisse, Handlungsroutinen und gestiegenen Ansprüche der Menschen ernster zu nehmen. Es müsse zur Kenntnis genommen werden, dass zwischen Mobilität und Verkehr ein dialektisches Verhältnis bestehe. Die Formel "öffentlichen Verkehr privater - privaten Verkehr öffentlicher gestalten" mit seiner Keimform des Car-Sharing biete möglicherweise eine aussichtsreiche Perspektive.