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26.5.2002 | Von:
Olaf Winkel

Sicherheit in der digitalen Informationsgesellschaft

IT-Sicherheit als politisches, ökonomisches und gesellschaftliches Problem

Für die neuen technischen Medien der digitalen Informationsgesellschaft müssen Normen der Sicherheit entwickelt werden. Olaf Winkel zeigt Gefahren des Mißbrauchs und der Manipulation.

I. Einführung

Mit dem Einzug der Informationstechnik (IT) in alle Lebensbereiche werden immer mehr gesellschaftliche Funktionen auf der Basis grenzüberschreitend angelegter elektronischer Netzwerke abgewickelt. Für die großen Hoffnungen, die mit dieser Entwicklung verbunden werden, stehen unter anderem Begriffe wie Electronic Democracy, Electronic Government, Electronic Administration und Electronic Commerce. In dem Maße, wie die Digitalisierung gesellschaftlicher Kommunikations- und Kooperationsbeziehungen voranschreitet, gewinnt aber auch die Frage der Sicherheit der interaktiven Netzwerke (IT-Sicherheit) eine völlig neue Bedeutung.


Das Ausufern von rechtsextremistischen Hasstiraden und Kinderpornographie im Internet, die Verwirklichung der Orwellschen Horrorvision eines perfekten Überwachungsstaates, die Herausbildung kommerzieller Informationseliten, die die Kontrolle über das Wissen der Gesellschaft und damit auch über die Gesellschaft selbst an sich reißen und sogar die Führung elektronischer Kriege - all dies sind Szenarien, mit denen wir uns im Übergang in das Stadium der digitalen Informationsgesellschaft konfrontiert sehen. Mit Besorgnis werden seit geraumer Zeit auch die neuen Formen der Wirtschaftsspionage beobachtet, die sich seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes zudem immer mehr zu einem bevorzugten Betätigungsfeld von ausländischen Geheimdiensten zu entwickeln scheint. Gleichzeitig sind aber auch Fehlentwicklungen denkbar, in deren Verlauf aus Vertrauensdefiziten resultierende Akzeptanzhemmnisse dazu führen, dass Wirtschaft und Gesellschaft der Bundesrepublik im Übergang in das elektronische Zeitalter gegenüber anderen Nationen ins Hintertreffen geraten.

Was die Problematik noch weiter verkompliziert und ihre politische Brisanz verschärft, ist der Umstand, dass IT-Sicherheit für unterschiedliche Akteure Unterschiedliches bedeuten kann. Insbesondere die Kontroverse, die in den neunziger Jahren in den Vereinigten Staaten um einen angemessenen gesellschaftlichen Umgang mit der elektronischen Verschlüsselung geführt worden ist, hat uns dies deutlich vor Augen geführt. Beim Ausbau der technischen Infrastruktur der Informationsgesellschaft, die in vielerlei Hinsicht eine Sicherheitsinfrastruktur ist, stehen wir heute vor der Aufgabe, die Sicherheitsbilder und Sicherheitsinteressen unterschiedlicher Seiten, die partiell voneinander abweichen und sich gelegentlich sogar diametral widersprechen, so weit wie möglich auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und die Weichen für einen rationalen Umgang mit den verbleibenden Restrisiken zu stellen. Neben dem Umstand, dass die Schaffung von IT-Sicherheit entgegen einem weitverbreiteten Irrtum weniger eine ingenieurtechnische Herausforderung als eine Frage der sozialen Organisation darstellt, ist dies der zentrale Grund dafür, dass der Begriff der Sicherheitspolitik mit dem Übergang der modernen Gesellschaft in das Stadium der digitalen Informationsgesellschaft eine neue Facette hinzugewinnt.

Der vorliegende Aufsatz soll einen Überblick über die wichtigsten Phänomene und Entwicklungen in diesem Bereich geben. Er gliedert sich im Wesentlichen in drei Teile:

- Der erste Teil dient der Aufarbeitung der für das Verständnis der Problematik erforderlichen Grundlagen.

- Im darauf folgenden Teil wird die Frage erörtert, was die wesentlichen Merkmale von IT-Sicherheit sind und wie sich die spezifischen Gefahrenpotenziale und Abwehrmöglichkeiten darstellen.

- Der dritte Teil nimmt auf den Umstand Bezug, dass unterschiedliche Akteure unterschiedliche Vorstellungen von Sicherheit haben und unterschiedliche Sicherheitsinteressen verfolgen. Dabei findet auch die so genannte Kryptokontroverse Berücksichtigung, d. h. die Auseinandersetzung um einen sinnvollen gesellschaftlichen Umgang mit der vertraulichkeitsschützenden elektronischen Verschlüsselung, die in den neunziger Jahren vor allem in den Vereinigten Staaten mit großer Schärfe geführt worden ist.