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26.5.2002 | Von:
Patrice G. Poutrus
Jan C. Behrends
Dennis Kuck

Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern

IV. Fremde und Ausländer in der DDR

Spätestens seit dem Mauerbau waren Auslandsreisen und internationale Mobilität aus dem Alltag der DDR verbannt. Nur wenige konnten sich private Urlaubsreisen etwa nach Bulgarien oder Ungarn leisten. Besuche im Westen waren Ausnahmen im Falle wichtiger Familienangelegenheiten. Für die Mehrheit der DDR-Bürger war Reisen ein staatlich gewährtes Privileg. Diesen eingeschränkten Erfahrungshorizont gilt es zu berücksichtigen, wenn man den Aufenthalt von Fremden und Ausländern in der DDR betrachtet. Die staatssozialistische Diktatur mit ihrem allumfassenden Regelungsanspruch 'offizialisierte' jede Form und Gelegenheit des Kontakts zu Fremden, so wie sie das mit allen sozialen Beziehungen zu verwirklichen suchte. 'Gesellschaft' im Sinne eines relativ autonomen Bereichs sozialer Beziehungen und Institutionen, wie er für bürgerlich-liberale Staaten typisch ist, sollte es in der DDR nicht geben, und das galt auch und gerade auf diesem Gebiet. Kontakte und Umgang außerhalb der staatlich festgelegten Regeln waren nicht vorgesehen, entweder explizit verboten, zumindest aber unerwünscht. Angehörige unterschiedlicher Staatsangehörigkeiten sollten sich der SED-Ideologie zufolge gewissermaßen daher immer als 'Repräsentanten' ihrer jeweiligen Staatsvölker, quasi in diplomatischer Funktion, begegnen [31] , nicht jedoch auf einer 'Von-Mensch-zu-Mensch-Basis'. Das einander Akzeptieren als 'Menschen wie du und ich', als individuelle Gäste und Gastgeber, Durchreisende und Einheimische, als Zufallsbekanntschaften etc. wurde dadurch von vornherein erschwert bzw. erforderte bewusstes, eigensinniges Gegenhalten - wofür es durchaus Beispiele gab! Die Botschaft der offiziellen Regelungswut war aber: 'Staatszugehörigkeit' (und die machte sich praktisch an der Nationszugehörigkeit fest) ist eminent 'wichtig', der Internationalismus stellte die Vorrangstellung der Nation nie infrage [32] .

Für die allermeisten DDR-Bürger reduzierte sich die 'Erfahrung' mit Fremden auf eher unfreiwillige Mitgliedschaft in entsprechenden Massenorganisationen und von 'oben' inszenierte Rituale. Deutsch-Sowjetische Freundschaft, Solidaritätskomitees, die Liga für Völkerfreundschaft oder der FDGB sollten die Bürger für den 'proletarischen Internationalismus' mobilisieren, dies aber indessen eher auf einer formalen Ebene, etwa durch Beitragssammlungen oder Massenpetitionen.

Tatsächlicher Kontakt der Bürger mit Ausländern stellte für die SED-Diktatur dagegen ein Sicherheitsrisiko dar. So unterlagen auch die wenigen internationalen Veranstaltungen wie die 'Weltfestspiele der Jugend und Studenten' im Sommer 1973 oder die 'Festivals des politischen Liedes' politischer Kontrolle [33] . Eine ganz andere Herausforderung stellte dagegen der dauerhafte Aufenthalt von Ausländern in der DDR dar. Die größte Gruppe von permanent in der DDR lebenden Ausländern bildeten die sogenannten Vertragsarbeiter aus Vietnam, Mosambik sowie Angola, Kuba, Algerien, Ungarn und anderen sozialistischen Staaten, die auf der Grundlage von geheimen Regierungsabkommen in der DDR arbeiteten [34] . Während der Zeit ihres Aufenthalts wurden die Vertragsarbeiter grundsätzlich kollektiv und nach Geschlechtern getrennt in Wohnheimen des Einsatzbetriebes untergebracht. Die Ausstattung - 'nach dem Prinzip der strengsten Sparsamkeit' - war exakt festgelegt. Fünf Quadratmeter pro Person, maximal vier Personen pro Raum, für 50 Personen einen Klubraum [35] . Für die DDR galten die fremden Arbeiter als Sicherheitsrisiko: 'Die Gemeinschaftsunterkünfte sind so abzugrenzen, dass Ordnung und Sicherheit gewährleistet sind. Der Betrieb hat die durchgehende Einlasskontrolle zu sichern.' [36] Übernachtungen von Bekannten waren nur 'bei freier Bettenkapazität' [37] für höchstens drei Nächte möglich, und um 'illegalen Übernachtungen' beizukommen, veranstalteten besonders vietnamesische Gruppenleiter mit den deutschen Heimleitungen nächtliche Razzien [38] . Bis 1988 durften Vertragsarbeiterinnen keine Kinder bekommen. Sie standen vor der Alternative Abtreibung oder Zwangsrückkehr [39] . In binationalen Beziehungen zwischen VertragsarbeiterInnen und DDR-BürgerInnen waren die Beteiligten erheblichem Druck ausgesetzt. Häufig verweigerten DDR und Entsendeland die Heirat, und der/die Vertragsarbeiter(in) musste zurückkehren. Vietnam erpresste von seinen Vertragsarbeitern Lösegeld, wollten diese in der DDR bleiben [40] . Diese Politik grenzte binationale Beziehungen aus und verfestigte die Distanz der Bevölkerung gegenüber Ausländern.

Aufgrund der Abschottung erfuhren die DDR-Bürger nur wenig über die Vertragsarbeiter. So hielten sich viele Gerüchte, etwa über die Bezahlung in Valuta bzw. Bezahlung aus Solidaritätsbeiträgen der DDR-Bürger [41] . Dem staatlichen Misstrauen und der Segregationspolitik gegen die Fremden folgte nun Misstrauen seitens der Bürger.

In den Betrieben wurden die Vertragsarbeiter entsprechend der Rahmenrichtlinie für den Vertragsarbeitereinsatz [42] vom 1. Juli 1980 in Gruppen ab 50 eingesetzt. In den letzten Jahren taten die Vertragsarbeiter vornehmlich die Arbeit, für die sich kein DDR-Bürger mehr fand; monotone Maschinenarbeit, körperlich schwere Arbeit, Schichtarbeit [43] . Die Betriebe versuchten, durch den Masseneinsatz fremder Arbeiter Versorgungsmängel zu beheben. Diskriminierungen bzw. Konflikte gehörten zum Alltag. Mosambikaner wurden mit dem Hinweis, sie seien ja ohnehin schon schwarz, an besonders ölverschmutzte Großmaschinen geschickt. Wenn Vertragsarbeiter gegen Anweisungen, die sie als diskriminierend empfanden, protestierten, drohten ihnen Vorgesetzte mit Polizei und Zwangsrückkehr wegen Verstoßes gegen die 'sozialistische Arbeitsdisziplin'. Die Funktionsweise solcher Konflikte beschreibt ein Vertragsarbeiter aus Hoyerswerda [44] : Der Meister hatte einen Mosambikaner geschlagen, dieser hatte sich außerhalb des Betriebes revanchiert und sollte nun in die Heimat geschickt werden. Als aber der mosambikanische Gruppenleiter verlangte, den rassistischen Hintergrund des Streites zu den Akten zu nehmen, wurde der betroffene Vertragsarbeiter versetzt. Da die offizielle antirassistische Ideologie dieses Problem als Konsequenz kapitalistischer Gesellschaftsordnungen und damit als alleiniges Problem der 'imperialistischen' Staaten, insbesondere der USA, interpretierte, war eine ernsthafte Auseinandersetzung mit rassistischen Stereotypen unmöglich. Vorfälle wie dieser wurden in der kontrollierten Öffentlichkeit der DDR tabuisiert.

Konflikte erwuchsen aber auch aus einer wirtschaftlichen Konkurrenz zwischen Vertragsarbeitern und DDR-Bürgern. Jene wollten aus ihrem begrenzten Aufenthalt das Maximale herausholen. In Thüringen kam es so zu Beginn der achtziger Jahre zu einem Überfall einheimischer Jugendlicher auf ein Vietnamesenwohnheim, die die Vertragsarbeiter - laut FDGB-Bericht - von weiterer zu hoher Normerfüllung abhalten wollten [45] . Um die Reglementierungen des Lohntransfers zu umgehen, bemühten sich besonders die vietnamesischen Vertragsarbeiter um Mangelgüter und lukrative Nebentätigkeiten, was die DDR-Behörden wie -Bevölkerung gegen sie aufbrachten. Häufig betrieben sie neben der Arbeit (und wenn es sich rentierte, auch statt der Arbeit) einen schwunghaften Handel mit selbstgenähten Jeans oder gehorteten Elektrogeräten, um in den 'Besitz eines bestimmten Mehrgeldbetrages zu gelangen' [46] . Als Wertanlagen, die es in die Heimat zu schicken galt, waren Fahrräder und Mopeds begehrt. Mit der Zuspitzung der Versorgungskrise der DDR Ende der achtziger Jahre hielten die Schlagworte 'Schmuggel' und 'Warenabkauf' durch Ausländer Einzug in die gesteuerten DDR-Medien, versuchte die SED doch auf diesem Wege von ihrer verfehlten Wirtschaftspolitik abzulenken [47] . Die im Band Ausland DDR veröffentlichte Leserbriefsammlung der Berliner Zeitung aus der Zeit des Mauerfalls zeigt, welche Blüten die Fremdenfeindlichkeit bereits weit vor der Einheit getrieben hatte. Sie bietet ein Panorama aus besonders antipolnischen Vorurteilen ('arbeitsscheu', 'faul'), Ausverkaufs- und Überfremdungsängsten ('wollen wir etwa eine Mischrasse?'), aber auch wenigen mahnenden Stimmen [48] .

Fußnoten

31.
Vgl. Dagmar Henke, Fremde Nähe - nahe Fremde: Ein Beitrag zur Ausländerarbeit der Kirchen in der ehemaligen DDR, in: Berliner Theologische Zeitschrift, 9 (1992) 1, S. 121.
32.
Vgl. Andrej Stach/Saleh Hussain, Ausländer in der DDR. Ein Rückblick, Berlin 1991.
33.
Vgl. Stefan Wolle, Die heile Welt der Diktatur, Bonn 1998, S. 164 ff. bzw. S. 240 f.
34.
Einen Überblick über die Regierungsabkommen bietet Sandra Gruner-Domic, Zur Geschichte der Arbeitskräftemigration in die DDR. Die bilateralen Verträge zur Beschäftigung ausländischer Arbeiter (1961-1989), in: IWK, 32 (1996) 2, S. 204-230. Mehrheitlich kamen Männer im Alter von 18-40 Jahren.
35.
Vgl. Richtlinie für die Unterbringung ausländischer Werktätiger in Gemeinschaftsunterkünften vom 8. Februar 1982, zit. in: Andreas Müggenburg, Die ausländischen Vertragsarbeiter in der ehemaligen DDR. Darstellung und Dokumentation, hrsg. von der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange der Ausländer, Berlin 1996, S. 103 ff.
36.
Ebd., S. 99.
37.
Hanns Thomä-Venske, Notizen zur Situation der Ausländer in der DDR, in: Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik, 10 (1990) 3, S. 127.
38.
Vgl. Helga Marburger (Hrsg.), 'Und wir haben unseren Beitrag zur Volkswirtschaft geleistet' - eine aktuelle Bestandsaufnahme der Situation der VAN (Vertragsarbeitnehmer P.G.P.) der DDR vor und nach der Wende, Berlin 1993, S. 24.
39.
Vgl. Marianne Krüger-Potratz, Anderssein gab es nicht: Ausländer und Minderheiten in der DDR. Mit Beiträgen von Dirk Jasper und Georg Hansen, Münster - New York 1991, 204 f.
40.
Vgl. ebd., S. 108-121.
41.
Vgl. Almuth Berger, Die Ausländerpolitik der DDR im Spannungsfeld von ideologischem Anspruch und Sicherheitsbedürfnissen, in: Tagungsbericht Ausländerpolitik in der DDR am Beispiel der Vertragsarbeiter, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, Berlin 1998, S. 6.
42.
Zit. in: Eva-Maria Elsner/Lothar Elsner, Zwischen Nationalismus und Internationalismus: Über Ausländer und Ausländerpolitik in der DDR 1949-1990. Darstellung und Dokumente, Rostock 1994, S. 140 ff.
43.
Nach Ablauf des ersten Regierungsabkommens hatte Vietnam zunächst verbesserte Konditionen durchsetzen wollen, doch fand man sich schließlich bereit, dem Arbeitseinsatz eindeutigen Vorrang gegenüber der Ausbildung einzuräumen. Binnen zweier Jahre kamen nun ca. 50 000 Vietnamesen und Vietnamesinnen, so dass Ende 1989 über 90 000 Vertragsarbeiter in DDR-Betrieben beschäftigt wurden. Vgl. E.-M. Elsner/L. Elsner, ebd., S. 78.
44.
Vgl. Bernd Bröskamp u. a., Schwarz-weiße Zeiten, AusländerInnen in Ostdeutschland vor und nach der Wende. Erfahrungen der VAN aus Mosambik: Interviews - Berichte - Analysen, bearb. von Gabriele Jaschok/Andreas Noschak/Bernd Bröskamp, hrsg. vom Informationszentrum Afrika, Bremen 1993, S. 57.
45.
Vgl. E.-M. Elsner/L. Elsner (Anm. 42), S. 56.
46.
Zuarbeit für die Beratung mit vietnamesischen und mocambiquanischen Gruppenleitern am 18. 12. 1989, Landesarchiv Merseburg, Rat des Kreises Halle, 4. Ablieferung, Nr. 6392, Bl. 680, zit. in: Stefan Feige, Vietnamesische Studenten und Arbeiter in der DDR und ihre Beobachtung durch das MfS, Magdeburg 1999, S. 69.
47.
Vgl. A. Stach/S. Hussain (Anm. 32), S. 18 f.
48.
Vgl. Irene Runge, Ausland DDR. Fremdenhass, Berlin 1990, S. 17-34.