"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).

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18.8.2017 | Von:
Ivan Krastev

Analogie zum Jahr 1917? Was uns die Russische Revolution über Donald Trump sagen kann - Essay

Auch wenn der Präsident und sein Team während des Wahlkampfs wissentlich oder unwissentlich mit Moskau kollaborierten, bedeutet es deshalb aus meiner Sicht keineswegs – entgegen der Befürchtungen vieler Trump-Kritiker –, dass die neue Administration gegenüber Russland freundlich gesonnen sein oder von Russland kontrolliert werden wird. Paradoxerweise macht die vorgebliche Einmischung Russlands in die US-Wahl zugunsten von Trump eine Kooperation zwischen den USA und Russland sogar weniger wahrscheinlich. Die Angst des Weißen Hauses, als nachgiebig gegenüber Moskau wahrgenommen zu werden, übertrumpft seine Bereitschaft, mit Russland zusammenzuarbeiten. Dies könnte tatsächlich das Muster der US-Außenpolitik unter Trump werden. Es überrascht also nicht, dass viele von Trumps Politiken – etwa sein Beharren auf eine Erhöhung der Militärausgaben sowohl seitens der europäischen Alliierten als auch seitens der USA – genau das Gegenteil davon sind, was Moskau erhoffte.

Insbesondere die Demokraten sollten aus 1917 eine Lektion lernen und aufhören, von einer Amtsenthebung zu träumen: Die Aufdeckung der mutmaßlichen russischen Verbindungen von Trump wird den US-Präsidenten nicht automatisch delegitimieren. Die Geschichte von Lenins Weg zur Macht in einem versiegelten Waggon war der russischen Öffentlichkeit wohl bekannt – die Provisorische Regierung erließ sogar Haftbefehl gegen Lenin und versuchte, ihm wegen Landesverrats den Prozess zu machen –, aber das genügte nicht, um ihn oder die Revolution zu diskreditieren. In einer Atmosphäre politischer Polarisierung vertraut man Führungspersönlichkeiten nicht wegen ihrer Person, sondern wegen ihrer Feinde. Das galt für Lenin, und das gilt für Trump. In den Augen vieler Republikaner mag Präsident Trump den falschen Charakter haben, aber er hat die richtigen Feinde.

1924, kurz nach Lenins Tod, schrieb der damalige Landwirtschaftsminister der Provisorischen Regierung und Parteivorsitzende der Sozialrevolutionären, Wiktor Tschernow, einen Artikel in der Zeitschrift "Foreign Affairs".[9] Darin riet er zukünftigen Historikern, dass sie sich weniger auf Lenins Ideologie, sondern eher auf seinen Politikstil konzentrieren sollten, wenn sie seine Erfolge verstehen wollen. "Für ihn bedeutete Politik Strategie (…). Das einzige einzuhaltende Gebot war der Sieg (…); das einzige Verbrechen war das Zögern. (…) Er hatte kein Problem damit, ‚credo quia absurdum‘ [‚ich glaube, weil es unvernünftig ist‘] zu proklamieren, und ähnelte dem bekannten russischen Spielzeug, dem Stehaufmännchen, dessen abgerundetes Unterteil ein Stück Blei enthält, sodass es sich wieder aufrichtet, sobald du es umstößt". Die Ausrichtung auf den Politikstil ist genau das, was Lenin und Trump teilen. Und Trumps Chefstratege Stephen Bannon bezieht sich wohl auch eher auf den Politikstil als auf die Ideologie, wenn er sich selbst ironisch als "Leninisten" bezeichnet.[10]

Erklärungsansätze für Trumps Politikstil – der wie ein Sammelsurium unterschiedlicher Leitlinien anmutet – konzentrieren sich auf seine offenbar narzisstische Persönlichkeit. Eine Ausnahme machen diejenigen Verschwörungstheoretiker, die ihn als Handpuppe des Kreml betrachten. Die meisten Beobachter haben erst spät das Ausmaß erkannt, in dem Trump sich selbst als revolutionären Rebell mit der Mission sieht, das "alte Regime" zu demontieren. Trump zufolge ist Amerika nicht der Sieger, sondern der tatsächliche Verlierer in der Welt, die nach dem Ende des Kommunismus entstanden ist. Trump glaubt nicht, dass die amerikanische Ideologie (Liberalismus) und die amerikanischen Institutionen (Gewaltenteilung) den Kern von Amerikas globaler Führungsstärke ausmachen, sondern die Quelle der offengelegten amerikanischen Schwäche sind. Trump sieht die USA zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einer ähnlichen Weise, wie Lenin Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah.

Trump ist zwar offensichtlich kein "Lenin-Lover", aber seine Taktiken gehören ins Nachschlagewerk für alle Revolutionäre. In seiner Exekutivtätigkeit handelt er nach der militärischen Devise shock and awe, Schrecken und Furcht. Die Taktik ist darauf ausgerichtet, den Kongress durcheinanderzubringen, seine Gegner unerwartet zu treffen und seine Anhängerschaft gegen das Establishment aufzuwiegeln. Trump geriert sich als Anführer einer globalen Bewegung, die anti-elitär, antiliberal, globalisierungskritisch und nationalistisch eingestellt ist. "Was wir heute erleben", sagte Stephen Bannon im Februar 2017 der "Washington Post", "ist die Geburt einer neuen politischen Ordnung".[11] Der unglaubliche Vergleich mit Lenin ermöglicht uns, die revolutionäre Natur des Wandels zu ergründen, den Donald Trump in die amerikanische Politik hineingetragen hat.

Risiko für Putin

Die Geschichte von 1917 ist möglicherweise auch für Russlands Präsident Wladimir Putin und den Kreml aufschlussreich. Der Plan der deutschen Reichsregierung, die revolutionären Kräfte in Russland zu unterstützen, um letztlich eigene geopolitische Ziele zu erreichen, nahm kein gutes Ende. Die Revolution beendete zwar Russlands Teilnahme am Ersten Weltkrieg, verbreitete jedoch in ganz Europa das Revolutionsfieber – und brachte den Bürgerkrieg sogar nach Deutschland. Putins Russland ist mit einem ähnlichen Risiko konfrontiert: Laut einem jüngeren Bericht eines kremlnahen Think Tank könnte die populistische Strategie – Polarisierung von Eliten und "gemeinem Volk", vermeintliche Ablehnung ideologischer Slogans, Propagieren einfacher Lösungen bei gleichzeitiger Affinität zu sozialen Medien – zukünftig auch in Russland von der Opposition erfolgreich angewandt werden. Und sie könnte zu einer ernsthaften Bedrohung für die politische Ordnung des Landes werden.[12]

Obwohl Moskau auf Donald Trumps Wahlsieg anfänglich euphorisch reagierte, hat sich die Stimmung verändert. Allmählich wird die Trump-Präsidentschaft nicht mehr als Vorteil, sondern als Bedrohung aufgefasst. Moskau wird langsam klar, dass die Wachablösung im Weißen Haus keine große Veränderung in den russisch-amerikanischen Beziehungen mit sich bringen wird. Es ist für den Kreml besonders gefährlich, dass einige nationalistische Kreise in Russland Trumps aufrührerischen Ansatz bewundern. Im Januar 2017 war Putin zum ersten Mal seit seiner Rückkehr in den Kreml 2012 nicht der am häufigsten genannte Name in den russischen Medien: Es war der Name "Trump". Und obwohl die meisten russischen Bewunderer Trumps, etwa der rechtsradikale Philosoph Alexander Dugin, Putin gegenüber loyal sind, träumen sie auch davon, die kosmopolitischen Eliten aus dem Weg zu räumen, die hinter Putin stehen. Das Risiko besteht darin, dass Trumps Revolution sich von einem externen Verbündeten in einen internen Feind des Putin-Regimes verwandeln könnte.

Wer im heutigen Moskau etwas Zeit verbringt, wird mit Überraschung feststellen, dass gewöhnliche Russen im Gegensatz zur Mehrheit der Europäer eine positive Einstellung zu Trump haben. Ein Grund dafür ist, dass sie der Konfrontation Russlands mit dem Westen überdrüssig sind. Ein weiterer ist, dass sie Trumps zynische Sicht auf die internationale Politik teilen. Wie Trump haben sie nie an Win-Win-Situationen in der internationalen Politik geglaubt.

Sie vergleichen Trump mit einem frühen Boris Jelzin: impulsiv, charismatisch, nur seiner Familie vertrauend und bereit, das Parlament zu bombardieren, wenn es der Zementierung seiner Macht dient. Das Problem für den Kreml ist, dass Jelzin ein Revolutionsführer war und Putin entschieden hat, 2017 zu einem Jahr zu machen, in dem Revolutionen nicht gefeiert, sondern verurteilt werden.

Die Ironie der gegenwärtigen Situation liegt darin, dass Moskau hundert Jahre nach der Russischen Revolution riskiert, denselben Fehler zu wiederholen, den Deutschland 1917 gemacht hat: zu glauben, dass es geopolitische Ambitionen verwirklichen kann, indem im Ausland Revolutionen angeheizt werden. Auf der anderen Seite riskieren die Amerikaner, zu übersehen, dass die gegenwärtige Revolution in Washington nicht einfach durch die Einmischung Russlands zu erklären ist. Schließlich wissen wir heute, dass Lenin kein deutscher Agent war und dass Trump auch kein russischer Agent ist. Revolutionen zum Guten wie zum Schlechten sind vor allen Dingen hausgemacht.

Fußnoten

9.
Victor Chernov, Lenin: A Contemporary Portrait, in: Foreign Affairs 3/1970 (1924), S. 471–477.
10.
Siehe Ronald Radosh, Steve Bannon, Trump’s Top Guy, Told Me He Was a "Leninist", 22.8.2016, http://www.thedailybeast.com/steve-bannon-trumps-top-guy-told-me-he-was-a-leninist«.
11.
Zit. nach Philip Rucker/Robert Costa, Trump’s Hard-line Actions Have an Intellectual Godfather: Jeff Sessions, 30.1.2017, http://www.washingtonpost.com/ac393f66-e4d4-11e6-ba11-63c4b4fb5a63_story.html?utm_term=.2960c616bd54«.
12.
Vgl. Ekaterina Buravich, Kremlin Experts Predicted the Rise of Populism in Russia According to the Western Model, 23.4.2017, https://newsworld.co/kremlin-experts-predicted-the-rise-of-populism-in-russia-according-to-the-western-model«.
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Autor: Ivan Krastev für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
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2017 jährte sich die Russische Revolution zum 100. Mal. Sie hatte zwei Phasen. Der Untergang des Zarenreichs im März 1917 im Zuge der "Februarrevolution". Und sieben Monate später die "Oktoberrevolution" mit der Machtübernahme der russischen kommunistischen Bolschewiki unter Lenin, die das Ende sozial-liberaler und demokratischer Strömungen besiegelte.

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