"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).

18.8.2017 | Von:
Ekaterina Makhotina

Erinnerung an die Russische Revolution im heutigen Russland

Drei Deutungen der Revolution

Abseits der Bestrebungen, die Russische Revolution als tragische, zur Versöhnung mahnende Geschichte zu erzählen, gibt es heute eine Vielzahl unterschiedlicher Deutungen der Ereignisse von 1917, die anhand von drei Modellen dargestellt werden können. Sie unterscheiden sich in der Bewertung der Februar- und der Oktoberrevolution und den ihnen zugrunde liegenden Idealen; der Charakteristika, die Lenin und Stalin zugeschrieben werden, und der Beziehung zwischen "Volk" und "Elite".

Imperial-konservative Deutung

In der konservativen Deutung sind die Größe und Stärke des Staates der Bewertungsmaßstab. Die Geschehnisse werden in einem Begriff als "Februar-Oktoberrevolution" zusammengefasst und ausschließlich negativ gedeutet: als Pogrom, als Zerstörung und Katastrophe, die den Zerfall des Imperiums verursachte.[11] Diese Deutung der Revolution als "nationale Schande" entstand bereits 1917 und kehrte ab 1991 in den öffentlichen Diskurs zurück. Der Kommunismus erscheint als eine wesensfremde Ideologie, die dem russischen Volk von außen gewaltsam aufgedrückt wurde. In Anlehnung an die Slawophilen des 19. Jahrhunderts und die Eurasier der Gegenwart werden sowohl Marxismus als auch Liberalismus als andersartig verstanden. Das "Desaster 1917" war in diesem Modell das Werk von irrational handelnden Personen: bolschewistischen Fanatiker-Gruppen, Freimaurern, jüdischen Verschwörern oder ausländischen Agenten.

Während die Februarrevolution in die Reihe der Palastrevolten des 18. Jahrhunderts eingeordnet wird, folgten auf die Oktoberrevolution die "Herrschaft des Teufels" und das Ende des "traditionellen heiligen Russlands". In diesem Deutungsmuster werden sowohl die sozialen Gründe für den revolutionären Protest als auch das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber dem Zaren ignoriert – Schuld trägt vor allem die liberale Bürokratie, die sich illoyal verhielt.

Damit eng verbunden ist auch die unterschiedliche Deutung von Lenin und Stalin. Während Lenin für den fremdartigen, kosmopolitischen Kommunismus steht und ihm Verrat an der Nation vorgeworfen wird, erscheint Stalin weitaus positiver: Er steht für die Wiederherstellung des Imperiums, den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg und allgemein für die Rückbesinnung auf patriotische Werte.

2007 brachte sich der bekannte nationalkonservative Autor Alexander Solschenizyn ("Archipel Gulag") mit dem vielbeachteten Text "Überlegungen zur Februarrevolution" in den Diskurs ein.[12] Solschenizyn deutete die Februarrevolution als negatives Schlüsselereignis des 20. Jahrhunderts, als eigentliche "Katastrophe", und beklagte die Unfähigkeit des Zaren, den revolutionären Unruhen entgegenzutreten. Der schwache Zar habe keinen Widerstand gegen das "liberal-radikale Feld" geleistet und Russland so der "nationalen Ohnmacht" überlassen. Der Text Solschenizyns war für die politischen Eliten von hohem Wert: Er begründete die Notwendigkeit, den "Liberalen" entschlossen entgegenzutreten und legitimierte Gewalt gegen revolutionäre Bedrohungen.

Die imperial-konservative Deutung der Revolution wird von den politischen Eliten gestützt. Bereits 1999 sprach Putin über das Erfordernis einer Ideologie, in deren Mittelpunkt Patriotismus, Großstaatlichkeit und genuin russische Werte stehen müssen. Seit der Rückkehr Putins in den Kreml 2012 gehören Patriotismus und "traditionelle" Werte sowie Verweise auf konservative Denker zum Standardrepertoire seiner öffentlichen Auftritte.

Mit der imperial-konservativen Deutung lässt sich die Revolution auf zwei verschiedene Arten instrumentalisieren: zum einen gegen liberale und westliche Ideale, die als Schwäche dargestellt werden, und zum anderen gegen die heutige Kommunistische Partei Russlands, der man vorwirft, Machtgewinn über nationale Interessen zu stellen.

Sozialistische Deutung

Die sozialistische Deutung der Revolution bestimmte die Erinnerungskultur in der Sowjetunion bis zu ihrem Zerfall. Im Diskurs heutiger russischer Kommunisten hat die Oktoberrevolution ihren zentralen Platz behalten und wird nach wie vor als die Geburtsstunde der "Sowjetmacht der Arbeiter und Bauern" gefeiert. Auch die Februarrevolution als "bourgeoise Revolution der kapitalistischen Klasse" hat ihren Platz im Schatten des Oktobers behalten. Die offizielle Definition der Ereignisse von 1917 als "Große Russländische Revolution" wird von den Verfechtern dieses Modells zurückgewiesen.

Die Oktoberrevolution ist somit vor allem Sehnsuchtsort und weniger ein Symbol für den Aufbruch. Nicht Lenins Utopie der sozialen Gerechtigkeit steht im Zentrum, sondern die Sehnsucht nach der "siegreichen" Zeit unter Stalin und den "stabilen" Jahren unter Leonid Breschnew. So hat die Oktoberrevolution das Sowjetsystem gebracht, das sich im Zweiten Weltkrieg gegen das nationalsozialistische Deutschland behaupten konnte, und Stalin erscheint in dieser Deutung als "großer Führer" und "starke Hand".[13]

Das sozialistische Modell zeichnet sich durch eine starke Ambivalenz aus: Auf der einen Seite wird die positive Deutung des "Großen Oktobers" beibehalten, auf der anderen Seite gibt es auch hier eine negative Konnotation des Revolutionsbegriffs. Die Majdan-Revolution in Kiew und die Demonstrationen nach den russischen Parlamentswahlen 2011, der sogenannte Bolotnaja-Protest, werden als Manipulationen amerikanischer Geheimdienste gedeutet. Die Februarrevolution wird in diesem Zusammenhang als erste Farbrevolution interpretiert und zur negativen Abgrenzung herangezogen.

Liberale Deutung

Auch das liberale Deutungsmodell gibt es seit der Russischen Revolution. Es wurde maßgeblich von Pawel Miljukow geprägt, Vorsitzender der Partei der Konstitutionellen Demokraten und wichtiger Akteur der Februarrevolution.[14] Dieses Modell macht einen deutlichen Unterschied zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution: Während die Februarrevolution als Reaktion auf eine tiefe Systemkrise des Imperiums interpretiert und somit als folgerichtig und unumgänglich gedeutet wird, steht der Oktober für einen gewaltsamen Umsturz, der von einer Partei angeführt wurde, die es lediglich im richtigen Moment verstand, das Volk zu mobilisieren. Die Februarrevolution als Durchbruch der Demokratie scheiterte im Oktober 1917 – die Geschichte nahm ihren verhängnisvollen Lauf und führte zum verbrecherischen und totalitären Sowjetsystem. Nach dem liberalen Modell ist die individuelle Freiheit das höchste Gut, deren Einschränkung weder von einer Ideologie noch vom Streben nach staatlicher Größe gerechtfertigt werden kann. In den aktuellen Schulbüchern schlägt sich vor allem diese Deutung nieder: Die Februarrevolution wird als Chance und Aufbruch der russländischen Demokratie dargestellt, wohingegen die Oktoberrevolution für den Auftakt zum Totalitarismus steht.

Bemerkenswert sind die Unterschiede in den Positionen der Liberalen von damals und heute: Während die Liberalen 1917 die traditionellen Gewohnheiten des ungebildeten, "faulen" Volkes als Ursache für das Scheitern der Demokratie beschrieben und die Misserfolge der Intelligenzija mit der Gewaltbereitschaft der Volksmassen erklärten, führen die Liberalen von heute das Scheitern nicht mehr auf den Antagonismus zwischen "Volk" und "Elite" zurück, sondern auf das Handeln der Bolschewiki und den Repressionscharakter des Sowjetstaates.

Heutige Liberale sehen sich oft in einer Tradition der Konstitutionellen Demokraten oder der Menschewiki. Grigorij Jawlinski, der Vorsitzende der linksliberalen Partei Jabloko, deutet den Februar als Versuch russischer Eliten, das Land aus einem "Zustand des Verfalls" herauszuführen, verbunden mit der Hoffnung auf Modernisierung und einer Zukunft in Europa. Dieser Hoffnung hätten die Bolschewiki ein Ende gesetzt.[15] Deutlich klingt hier die Analogie der autokratischen Herrschaft der Bolschewiki zu der von Putin durch.

Fußnoten

11.
Vgl. Minakov, Russkij konservatizm 20 veka: idejnaja reakcija na katastrofu 1917g, in: Rossijskij Institut strategičeskich issledovanij (Hrsg.), Stoletie velikoj russkoj katastrofy 1917 goda, Moskau 2017, S. 90–99.
12.
Alexander Solschenicyn, Razmyschlenija nad Fevral’skoj revoljuciej, 5.3.2007, http://polit.ru/article/2007/03/05/fevral«.
13.
Jurij Igritskij, Lenin i Stalin, in: Rossija i sovremenyj mir 2/2013, S. 6–28.
14.
Vgl. Pawel Miljukow, Istorija vtoroj russkoj revoljucii, Sofia 1921.
15.
Vgl. Grigorij Jawlinskij, Vozvraschenie k fevralju, 27.2.2017, http://www.yabloko.ru/publikatsii/2017/02/27_0«.
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Autor: Ekaterina Makhotina für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
Ergänzendes Sammel-Dossier

Oktoberrevolution

2017 jährte sich die Russische Revolution zum 100. Mal. Sie hatte zwei Phasen. Der Untergang des Zarenreichs im März 1917 im Zuge der "Februarrevolution". Und sieben Monate später die "Oktoberrevolution" mit der Machtübernahme der russischen kommunistischen Bolschewiki unter Lenin, die das Ende sozial-liberaler und demokratischer Strömungen besiegelte.

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