"Der Bolschewik". (Als Koloss über der Stadt Moskau, im Hintergrund die Lenin-Bibliothek). Gemälde, 1920, von Boris M. Kustodijew (1878–1927).

18.8.2017 | Von:
Brigitte Studer

Gleichberechtigung nach 1917? Frauen in der Kommunistischen Internationale

Geschlecht innerhalb der Klasse

In den 1930er Jahren nahmen die visuellen Darstellungen des sowjetischen Lebens eine Wendung zum Weiblichen, wie die Zeitschriften "UdSSR im Bau" sowie "Arbeiter Illustrierte Zeitung" umfassend belegen. Fotografien von weiblichen Stoßarbeiterinnen und lachenden Traktorfahrerinnen fanden auch in der westlichen kommunistischen Presse weite Verbreitung. Das Geschlecht war nicht nur ein Instrument inländischer Mobilisierung und ausländischer Propaganda geworden, sondern entwickelte sich auch zu einem Mittel, um das Verhältnis zwischen Staat und Volk darzustellen. In zahlreichen Gemälden des Sozialistischen Realismus wurde der Staat von "Väterchen Stalin" verkörpert, die Nation selbst hingegen von Frauen.[12]

Dieser Rückgriff auf Geschlechterunterschiede war nicht nur figurativ. Die üblicherweise Frauen zugeschriebenen Werte und Veranlagungen wurden aufgewertet, da das stalinistische System nun die angebliche Bereitschaft von Frauen zur Selbstaufopferung um des Familienwohls willen als unentbehrlich für die Lebensfähigkeit der sowjetischen Gesellschaft bezeichnete. Zugleich wurde die Identifizierung der Frau mit ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter, die die Bolschewiki in den Jahren nach der Revolution noch als reaktionär betrachtet hatten, gefördert. Die Hausfrau stellte nun keine potenzielle Bedrohung mehr für die Politik und die Ziele des Regimes dar, sondern diente im Gegenteil als Mittel zu deren Umsetzung. Im Bestreben, die sowjetische Gesellschaft zu "zivilisieren", um "Kultiviertheit" zu fördern, fiel der "Neuen Frau" die Hauptrolle zu. Es war ihre Aufgabe, das Leben zu "schmücken", wie Stalin sich ausdrückte. Und es war ihre Pflicht, es mittels Mutterschaft zu reproduzieren – eine gesellschaftliche Funktion, aufgewertet durch die Einbeziehung von "staatlichem Schutz der Interessen von Mutter und Kind" in Artikel 122 der sowjetischen Verfassung von 1936.

Trotz des neuen Schwerpunkts auf der Kindererziehung blieb der Beitrag der Frauen an der Produktion genauso unverzichtbar wie zuvor. Die Zeitschrift "UdSSR im Bau" drückte es schon 1935 wie folgt aus: "Die Freude an der Mutterschaft und die Freude an der Arbeit widersprechen sich in der UdSSR nicht, sondern ergänzen sich."[13] Der Preis, der hierfür zu bezahlen war, bestand in der Intensivierung und quasi offiziellen Bestätigung der "Doppelbelastung" von Frauen, als die Kinderkrippen und weitere ihnen zugesagte Dienstleistungen ausblieben.

Wie reagierten ausländische Kommunisten in der Sowjetunion und die westeuropäischen KPs auf diese ideologische Wende? Zwar war die kommunistische Welt eine transnationale Welt, geprägt von gemeinsamen politischen Orientierungen und geteilten kulturellen Werten, Regeln und Vorschriften. Zugleich war sie aber auch eine hierarchische, in der die Sowjetunion für sämtliche KPs das Vorbild war. Und in der Tat beschränkte sich die Rückkehr zu einem bestimmten Konservatismus in Geschlechterfragen nicht auf die Sowjetunion. Vor allem in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre wurde die sowjetische Politik von westeuropäischen Kommunisten adaptiert. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass diese Umstellung nicht nur aufgrund der sowjetischen Entwicklung geschah, sondern auch eine Angleichung an das eigene unmittelbare kulturelle Umfeld war.

Die kognitive Anpassung verlief nicht für alle reibungslos. Das Gesetz "Zum Schutz von Mutterschaft und Kindheit" vom Mai 1936, das Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellte, und die seiner Verabschiedung vorangegangene Kampagne in den Tageszeitungen "Prawda" sowie "Iswestija" stießen zum Teil auf Unverständnis seitens der im Land lebenden westlichen Kommunisten.[14] Häufig wurden praktische Einwände vorgebracht, etwa jene, die in der sowjetischen Presse verschleiert wurden – zum Beispiel das Fehlen von Verhütungsmitteln und Kinderbetreuungsangeboten. Es gab aber auch grundsätzliche Abneigung gegen das Gesetz. Schockiert waren insbesondere Ärztinnen wie Martha Ruben-Wolf, die eine führende Kämpferin in der Kampagne für die Legalisierung der Abtreibung in Deutschland gewesen war und selbst Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen hatte. Wie konnte etwas, das die Kommunistinnen und Kommunisten in der kapitalistischen Welt als emanzipatorisches Recht für Frauen einforderten, in der Sowjetunion abgeschafft werden?

Mochte es hier und da auch Proteste geben, so passten sich die westlichen Parteien der neuen sowjetischen Ausrichtung rasch an. Die Verherrlichung der Familie fand auf bemerkenswerte Weise Ausdruck in der Selbstinszenierung des Vorsitzenden der KP Frankreichs, Maurice Thorez. Auch in der Rhetorik und dem Programm seiner Partei spiegelte sich die Aneignung von "Familienwerten" wider.[15] Andere Parteien zogen gleich: So verwendete beispielsweise in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre die KP der Schweiz eine Bildsprache, die die mit der Familie assoziierte gesellschaftliche und individuelle Stabilität aufwertete. Dabei wurde zwar suggeriert, die Familie sei für Männer und Frauen gleichermaßen wichtig. Doch die Mutterrolle wurde im Gegensatz zur Vaterrolle weniger als gesellschaftliche Funktion betrachtet, sondern eher als "natürliche" Eigenschaft von Frauen. Zur damaligen Zeit hatte eine Kommunistin auch eine Mutter zu sein – wie schwierig diese Doppelrolle war, wurde jedoch meist ignoriert.

Fußnoten

12.
Vgl. Susan E. Reid, All Stalin’s Women: Gender and Power in Soviet Art of the 1930s, in: Slavic Review 1/1998, S. 133–173.
13.
UdSSR im Bau 6/1935.
14.
Für diese Debatte siehe Rudolf Schlesinger, The Family in the USSR, London 1949, S. 251–269; Robert W. Thurston, The Soviet Family during the Great Terror. 1935–1941, in: Soviet Studies 3/1991, S. 553–574, hier S. 557.
15.
Siehe Annie Kriegel (Hrsg.), Communismes au miroir français. Temps, cultures et sociétés en France devant le communisme, Paris 1974, S. 131–160; Eric D. Weitz, The Heroic Man and the Ever-Changing Woman: Gender and Politics in European Communism, 1917–1950, in: Laura L. Frader/Sonya O. Rose (Hrsg.), Gender and Class in Modern Europe, Ithaca 1996, S. 311–352.
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Autor: Brigitte Studer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
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