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26.5.2002 | Von:
Ludwig Watzal

Editorial

Es gibt heute kaum noch einen gesellschaftspolitischen Bereich, der ohne eine Ethik-Kommission auskommt. Mit dem Eintritt ins Atomzeitalter wurde das ethische Denken vor völlig neue Herausforderungen gestellt.

Einleitung

Es gibt heute kaum noch einen gesellschaftspolitischen Bereich, der ohne eine Ethikkommission auskommt. Befasste sich die traditionelle Ethik in der Vergangenheit überwiegend mit der Frage nach dem "höchsten Gut", dem "richtigen Handeln" und der Frage nach der "Freiheit des Willens", so wurde das ethische Denken durch den Eintritt ins Atomzeitalter vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Auch wenn man die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen als sehr bedenklich einstufte, schien der Fortschritts-glaube davon doch unberührt geblieben zu sein. Bereits Ende der siebziger Jahre zeigte sich jedoch, dass der Fortschritt selbst zum Problem geworden ist. - Eine deutliche Zuspitzung der Lage des Menschen ist durch die Globalisierung eingetreten. Als eine neue Spielart des Kapitalismus wird sie dazu benutzt, sich von überflüssigem "Sozialklimbim" zu trennen. Im Zuge der Globalisierung wird versucht, das US-amerikanische Wirtschaftsmodell als allgemein verbindliches Modell weltweit zu etablieren. Vor welche neuen Herausforderungen die Globalisierung, die Entwicklung im Bereich der Biotechnik und der Umwelt den Menschen stellen, wird in den Beiträgen aufgezeigt.

Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms und die damit eröffneten wissenschaftlichen Möglichkeiten veranlassen Dietmar Mieth zu fragen, ob es auch ein Recht auf Nicht-Wissen gebe. Heute spreche man nicht mehr von der Macht des Faktischen, sondern der "Kraft des Fiktiven". Diese gelte für Wirtschaft, Gentechnik und Landwirtschaft. Viele Menschen seien von dieser "Kraft" erfasst und fasziniert. In welches Dilemma wir geraten, wenn wir uns nach dem Diktum der Alternativlosigkeit verhalten, zeigt der Autor auf. Das "biologische Material" befinde sich in einem großen Jackpot, in den es nicht gehöre. Der Mensch könne zwar Verfahren und Anwendungen erfinden, was er aber nicht erfinden könne und worauf er kein Privileg habe, sei das Leben selbst.

Friedhelm Hengsbach plädiert dafür, das Modewort Globalisierung seines ideologischen Schleiers zu entkleiden. Es gehe darum, die wirklichen Machtverhältnisse aufzudecken, das heißt, die asymmetrischen Machtverhältnisse des Welthandels, die transnationalen Unternehmen und die internationalen Finanzmärkte seien kritisch zu hinterfragen. Die politischen Entscheidungsträger seien ihnen nicht hilflos ausgeliefert: "Die Hypothese eines weltpolitischen Vakuums trifft nicht zu."

Der Frage der demokratischen Gestaltung der Globalisierung stellt sich auch Alessandro Pinzani. Die Globalisierung stelle den klassischen Nationalstaat vor neue Herausforderungen, die dieser alleine nicht mehr lösen könne. Eine Demokratisierung könne in erster Linie durch die "Errichtung einer Weltrepublik" stattfinden. Den Nationalstaaten würden aber gewisse Verantwortungsbereiche bleiben. Da die Globalisierung von den industrialisierten Staaten ausgegangen sei, müsse von diesen auch die Demokratisierung vorangetrieben werden.

Demokratisierung muss sich - folgt man Hans-Joachim Höhn - auch auf die Umwelt beziehen, da die ökologische Frage die umfassendere sei. Ökonomie und Technik müssten in die Natur eingebunden sein. Die Zukunft könne nur mit einer "Ökologischen Sozialethik" gemeistert werden, die das Prinzip der Nachhaltigkeit zur Handlungsmaxime erhebe.

Alle diese Forderungen sind ohne Frieden nichts. Über die Grundlagen eines gerechten Friedens und eines Aufgabenprofils für die internationale Gewaltprävention schreibt Thomas Hoppe. Dabei sei es wichtig, dass Individualinteressen gegenüber dem Allgemeininteresse aller Menschen zurückzustehen hätten.