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26.5.2002 | Von:
Thomas Müller-Schneider

Die Erlebnisgesellschaft - der kollektive Weg ins Glück?

V. Schlussfolgerungen

Wie kann man angemessen auf das bisherige Scheitern des erlebnisrationalen Glücksmodells reagieren? Sicherlich nicht, indem man in die übliche Kultur- und Konsumkritik mit einstimmt und die Erlebnissuchenden, die das ohnehin kaum zur Kenntnis nehmen, als Opfer einer machtvollen "Täuschungsmaschinerie" darstellt. Absurd ist auch der Vorschlag, wieder zum objektiven Glücksbegriff zurückzukehren, wie er etwa in der griechischen Klassik vorherrschte [21] . Wer sollte sich schon anmaßen dürfen, jemandem vorzuschreiben, worin sein "objektives" Glück zu bestehen hat? Die subjektive Definition des erlebten Glücks ist eine menschheitsgeschichtliche Errungenschaft, die nicht mehr wegzudenken ist. In der gegenwärtigen Situation scheint es daher angemessener, auf einen kollektiven Lernprozess zu vertrauen, durch den die einseitige Fixierung auf die Erlebnisrationalität und die mit ihr verbundene Steigerungslogik überwunden werden könnte [22] . In diese Richtung deuten auch die Ergebnisse der Glücksforschung. Sie liefern Hinweise, dass man häufig nur auf "Umwegen" zum Glück findet, nämlich durch innerlich motivierte Tätigkeiten, die gar nicht direkt auf Glückserlebnisse ausgerichtet sind [23] .

Selbst wenn die Steigerungslogik beim erlebnisorientierten Massenkonsum ausgereizt zu sein scheint, wäre es voreilig, den Fortschrittsbegriff vollständig ad acta zu legen. Wenn es denn stimmt, dass intrinsische Tätigkeiten das Tor zum Glück öffnen, und wenn man akzeptiert, dass das individuelle Glück ein zentraler Wert der Moderne ist, dann ist innengerichteter Fortschritt durchaus möglich. Dies wäre zum Beispiel dann der Fall, wenn die Erwerbstätigkeit in stärkerem Maße als bisher an den Vorstellungen und Neigungen der jeweiligen Individuen ausgerichtet werden könnte. Wie die Zunahme freiwilligen sozialen Engagements zeigt, besteht auch außerhalb der Erwerbstätigkeit ein großer Bedarf an erfüllender Beschäftigung, dem man u. a. durch verbesserte soziale Absicherung entgegenkommen könnte und den man damit gleichzeitig in gesellschaftlich produktive Bahnen lenken könnte. Eine weitere mögliche Entwicklungsrichtung zeigt der Pädagoge Hartmut von Hentig auf, der die persönliche Glücksfähigkeit als einen der zentralen Maßstäbe ansieht, an denen sich die schulische Bildung in Zukunft messen lassen muss [24] .

Auf den Gebieten der erlebnisorientierten Körpergestaltung und der Bewusstseinsmanipulation stehen wir wahrscheinlich erst am Anfang einer bislang unbekannten Steigerungslogik. So werden gegenwärtig die biologischen Alterungsprozesse entschlüsselt, was eine völlig neue Gestaltungsdimension für jugendliches Aussehen eröffnen könnte. Ganz zu schweigen von den gentechnischen Möglichkeiten, die sich gerade erst abzuzeichnen beginnen. Auch in der Schönheitsmedizin sind weitere Fortschritte zu erwarten. Die Hirnforschung ist zur Zeit dabei, das menschliche Bewusstsein für die technische Manipulation zu erschließen. In der Philosophie spricht man deshalb schon von einem neuen Typus von Techniken, den so genannten Bewusstseinstechniken. Darunter fallen unter anderem immer neue Substanzen zur Erlebnisveränderung. Im Zuge dieser Entwicklungen könnte sich dann aber herausstellen, dass die konsumorientierte Steigerungslogik der Erlebnisgesellschaft nur eine vergleichsweise unwirksame Vorstufe in der Geschichte der menschlichen Glückssuche war - mit möglicherweise unabsehbaren ethischen und sozialen Folgen.

Internetverweise der Redaktion:



www.vdh.ch/norbertbolz.htm

www.semghs.bl.bw.schule.de/semiproj/erlpaed/erlebpad.htm

www.cont.uni-wuppertal.de/kappelhoff/pages/abstracterlebnis.html

Fußnoten

21.
Vgl. M. Hossenfelder (Anm. 6), S. 27.
22.
Vgl. G. Schulze (Anm. 5), S. 94.
23.
Vgl. Mihaly Csikszentmihalyi, Flow. Das Geheimnis des Glücks, Stuttgart 1992.
24.
Vgl. Hartmut von Hentig, Bildung. Ein Essay, München - Wien 1996, S. 78 ff.