Bei einer Maiparade in den frühen Dreißigerjahren werden in New York Schilder mit Karikaturen von Musolini und Hitler gezeigt

13.10.2017 | Von:
Nils Schuhmacher

"Küsst die Faschisten". Autonomer Antifaschismus als Begriff und Programm

Merkmale autonomen Antifaschismus

Zum überwiegenden Teil lässt sich Antifa-Engagement als informelle politische Partizipation bezeichnen und so von anderen Formen politischer Beteiligung, aber auch von rein selbstbezüglichen Praktiken in "jugendkulturellen" Kontexten abgrenzen. Der Begriff der informellen politischen Partizipation verweist auf das Primat der Selbstgestaltung vor Mitbestimmung und damit darauf, dass die eigenen Anliegen nicht in erster Linie gegenüber den politischen Institutionen zum Ausdruck gebracht werden, sondern gegenüber einer allgemeinen Öffentlichkeit und vielfach auch nur gegenüber anderen kollektiven Akteuren. Damit sind diese Praktiken stark alltagsweltlich ausgerichtet und konzentrieren sich im Kontext "konventioneller" Partizipation auf bestimmte Handlungsarten wie Demonstrationen, während etwa Petitionen, Parteien oder Wahlen bedeutungslos sind. Der Begriff der Informalität ist noch aus einem weiteren Grund passend: Er entspricht den vorherrschenden Modellen der Vergemeinschaftung zwischen Politik und Alltagskultur.

Inhalte

Auch wenn sich Antifa dem Namen nach auf eine Sache konzentriert: Eine Kennzeichnung als bloße "Gegen-Bewegung"[11] zum Faschismus und damit verbundene Vorstellungen einer "Ein-Thema-Politik" greifen zu kurz. Aus inhaltlicher Perspektive erweist sich unabhängiges Antifa-Engagement thematisch sogar in doppelter Weise als entgrenzt. Zum einen setzt es sich mit einem Feld auseinander, das neben "Nazis" auch "rechtspopulistische" Akteure und Rassismus umfasst, also für sich genommen bereits komplex ist. Zum anderen ist Antifa mit einem politischen Bedeutungsüberschuss ausgestattet, wird also von den Beteiligten im Grundsatz stets mit "mehr" assoziiert als mit der Gegnerschaft zu Rechten.

Charakteristisch in Bezug auf den ersten Aspekt ist allerdings weniger ein geteiltes (faschismus)theoretisches Deutungsmuster als das Nebeneinander verschiedener und auch unterschiedlich differenzierter Verständnisse. Sie stammen jedoch alle aus linken und kritischen Traditionen der Faschismus-Diskussion. Vorhandene Überdehnungen des Faschismus-Begriffs gehen dabei nur zum Teil auf theoretische Bezüge zurück. Sie speisen sich auch aus eigenem Erleben, tragen habituell-affektive Züge wie in den bewusst überzeichnenden Jargons dissidenter Jugendkulturen oder gehen – wie das "Nazi"-Etikett – auf Stigmatisierungsabsichten zurück. Eine erkennbare Herausforderung stellt die Bestimmung neuer Phänomene dar, die sich nicht nahtlos in die existierenden theoretischen Raster einfügen, sondern sich im Grenzbereich zwischen extremer Rechter und bürgerlich gewandetem Rassismus bewegen, wie dies bei Teilen der "-gida"-Proteste und der AfD der Fall ist.[12]

Der genannte Bedeutungsüberschuss ergibt sich ebenfalls weniger aus bestimmten faschismustheoretischen Zugriffen als aus dem Umstand, dass Antifa-Engagement auf Grundlage einer linken Orientierung stattfindet. Eine kritische Haltung gegenüber Kapitalismus, Rassismus, Sexismus und anderen -ismen gehört daher zum politisch-kulturellen Inventar dieses Handlungsraumes und seiner Akteure. (Anti-)Faschismus ist hier also weniger ein "alles" erklärendes theoretisches Deutungsmuster. Vielmehr bieten Antifa-Gruppen einen Rahmen, innerhalb dessen der Anspruch auf eine umfassende Haltung einen Ausdruck findet und einen Namen erhält. Ähnliches gilt für die Kennzeichnung als "autonomer" Antifaschismus: Vor allem für Außenstehende ergibt sich daraus eine assoziative Verankerung in der autonomen Bewegung, obwohl sich nur ein Teil der Akteure noch auf die damit verbundenen politischen Programmatiken bezieht. Sehr viel stärker fungiert das Adjektiv für die Gruppen als symbolische Verbindung zur autonomen Antifa der 1990er Jahre und damit als Markenzeichen.[13]

Praktiken

In diesem inhaltlichen Bezugsrahmen entwickeln sich die Praktiken von Antifa-Gruppen. Dabei bietet es sich zunächst an, sie übergreifend nicht als Protesthandeln, sondern als streitende Politik zu bezeichnen. Der Begriff contentious politics beschreibt eine Form politischer Praxis, die sich vom Konflikt und nicht vom Konsens aus entfaltet.[14] Streitende Politik kann bewusst disruptiv, also als Störung, oder stärker dialogisch angelegt sein. Sie kann eher aggressive oder eher spielerische Züge tragen. Obwohl nicht auf das Themenfeld "Rechtsextremismus" beschränkt, kommen im Kontext antifaschistischer Praktiken besondere Verständnisse und Konfliktlinien zum Tragen: Sie kreisen generell um die zentralen Elemente der Selbsthilfe und der advokatorischen Selbstermächtigung als Handeln im Sinne Dritter, konkret den Opfern rechter Gewalt. Zentral ist dabei, das eigene Handeln nicht als Appell, sondern als Erzeugung von Handlungsdruck darzustellen.

Antifaschistische contentious politics hat verschiedene Adressaten und ist auch in ihrem Charakter nicht immer gleich. Unterschieden werden können hier Kämpfe mit anderen informellen Akteuren, Versuche der Zurückdrängung formaler Akteure sowie an die Öffentlichkeit gerichtete Aktivitäten. Im ersten Fall zielt Antifa-Praxis darauf ab, ähnlich verfassten Akteuren – Angehörigen rechter Straßenkulturen, Neonazis, aber auch Initiativen gegen Flüchtlingsheime – Grenzen zu setzen, ihnen den öffentlichen Raum streitig zu machen und Druck auf sie aufzubauen. Im zweiten Fall richtet sie sich mit ähnlicher Zielsetzung aktuell etwa gegen Parteien wie die AfD, berührt also neben dem öffentlichen Raum zusätzliche Handlungsräume. Zugrunde liegen dabei jeweils Konflikte, die aufgrund ihrer Wertbezogenheit als "unteilbar", also nicht auflösbar angesehen werden.[15] Im dritten Fall beziehen sich Antifa-Praktiken auf Akteure, die im selben Feld engagiert sind, oder auf eine nicht näher bestimmte Öffentlichkeit.

Das Repertoire an Handlungsarten ist entsprechend breit, die Wahl abhängig von Zielen und Kontextbedingungen. Antifa-Praxis reicht von Aufklärungsaktivitäten über Demonstrationen bis hin zu direkten – Gewalt intendierenden oder faktisch einschließenden – Aktionen. Insbesondere im ersten und zweiten Fall spiegelt sich das Verhältnis von direkter und indirekter Wirkungsabsicht deutlich: In Richtung der Kontrahenten findet eine direkte Kommunikation statt, gleichzeitig senden die Aktionen – sofern öffentlich – Vereindeutigungsbotschaften in Richtung jener Akteure, die die eigenen Problembeschreibungen ignorieren oder nicht teilen und andere Vorgehensweisen bevorzugen. Antifa-Praxis entfaltet sich dabei häufig in (jugendkulturellen) Alltagswelten und im öffentlichen Raum. Unter den Bedingungen einer breiteren gesellschaftlichen Akzeptanz für rechtspopulistische Positionen sind diese Praktiken allerdings oft nur noch sehr eingeschränkt wirkungsvoll.

Praxis-Exkurs: Wie hältst du’s mit der Gewalt?

Antifa-Praxis wird zwar oft eng mit Gewalthandeln in Verbindung gebracht, innerhalb des Spektrums tut sich jedoch ein komplexes Verhältnis dazu auf. Insgesamt lässt sich weniger von Gewaltzentriertheit als von einer diskursiven Zentrierung auf die Gewaltfrage sprechen.

Erstens umgibt "die" Antifa zwar eine Aura der Gewalt, aber nur ein Teil übt sie tatsächlich aus, und andere Formen des Engagements überwiegen.[16] Zweitens gehört es für Antifa-Akteure häufig zur eigenen Erfahrung, von rechter Gewalt betroffen zu sein. Zudem ist das Wissen um die prinzipielle Gewaltförmigkeit von Faschismus und Rassismus hoch entwickelt. Drittens resultiert daraus die Einschätzung, einen adäquaten Umgang und Gegenstrategien entwickeln zu müssen, wobei streng pazifistische Optionen keine Rolle spielen, defensive Optionen aber durchaus bedeutsam sind.

Während Akte der Selbstverteidigung von Antifa-Akteuren generell als legitim angesehen werden, gilt dies nur unter bestimmten Voraussetzungen für eigene Angriffe. Diskursiv wird deren proaktiver Charakter zum Teil darüber entschärft, dass sie als eine Form der Vorwärtsverteidigung beschrieben werden. Eine saubere Unterscheidung zwischen dem einen und dem anderen muss allerdings schon daran scheitern, dass Aktionen und Reaktionen oft Teil von größeren Interaktionsabläufen sind.

Darüber hinaus entsteht ein vereinfachtes Bild, wenn "Militanz" und "Gewalt" gleichgesetzt werden. Denn damit werden Konzepte und Praktiken zusammengeführt, die tatsächlich auf unterschiedlichen Ebenen liegen können. Zwar gehört eine kämpferische Grundhaltung (als Militanz) zum Identitätsmerkmal der meisten Antifa-Gruppen, doch personale Gewalt stellt lediglich einen keineswegs notwendigen Teilaspekt dar. Zudem stehen oft weniger Gewaltpraktiken als Inszenierungen von Gewaltfähigkeit und Verteidigungsbereitschaft im Vordergrund. Diese werden – in Verbindung mit und vor dem Hintergrund der tatsächlich ausgeübten Gewalt – als Mittel der Einschüchterung und Bedrohung eingesetzt. Sie sind also auch Teil symbolischer Kämpfe. Die kämpferische Grundhaltung drückt sich vielfach in erster Linie darin aus, dass der eigene Körper – im Rahmen von Demonstrationen, Blockaden, Präsenz auf der Straße – auf durchaus auch gewaltfreie Weise ins politische Geschehen gebracht und einem Risiko ausgesetzt wird.

Diskursive Gewaltzentriertheit heißt nun, dass Antifa-Akteure sich aus verschiedenen Gründen fortlaufend mit Gewalt auseinandersetzen und ihr Verhältnis zu Gewalt aushandeln: Sie sind "eng am Geschehen" und bringen sich selbst aktiv ein; sie sind immer wieder dem Vorwurf der Gewalttätigkeit ausgesetzt; real stattfindende Gewalt gilt ihnen einerseits in Teilen als legitim, stellt andererseits aber einen Widerspruch zu den vertretenen Werten dar und steht auch im starken Kontrast zu einem betont gewaltfreien Umgang innerhalb des Spektrums antifaschistisch Engagierter.

An weiteren Handlungsaspekten wird deutlich, dass der Begriff der contentious politics differenziert zu verwenden ist. Zunächst ist dies der Fall, weil ein Großteil des Engagements aus aufklärerischer Öffentlichkeitsarbeit besteht. Als ausdrücklich konflikt- und streitorientiert lassen sich hier vor allem seit jeher praktizierte Handlungsweisen wie etwa sogenannte Outings bezeichnen: Absichtlich und mit dem Ziel der Stigmatisierung werden Persönlichkeitsrechte verletzt, wenn etwa Name und Anschrift von als exrem rechts verorteten Gegnern oder flüchtlingsfeindlichen Aktivisten öffentlich gemacht werden. Weniger streitorientiert sind konventionelle Handlungsweisen wie Infostände, Flugblattverteilungen oder Veranstaltungen. Allerdings werden auch diese Praktiken von anderen Akteuren aufgrund ihrer Ausdrucksform, der Positionen, zum Teil der Jugendlichkeit der Akteure oft nicht ernst genommen oder als zu polarisierend kritisiert. Darüber hinaus berührt der Begriff contentious politics im Wesentlichen Aspekte der Außenseite. Innerhalb der Gruppen werden hohe Ansprüche an die eigene Diskursfähigkeit und radikaldemokratische Umgangsformen formuliert. Selbstverständigungsdebatten, die etwa bezüglich männlich konnotierter Selbstinszenierungen gleichzeitig Aspekte der Außendarstellung betreffen, nehmen auch zeitlich einen großen Raum ein.[17]

Strukturen

Antifa ist auch ein (Selbst-)Darstellungsmodell: Im Laufe der 1990er Jahre hat sich ein spezifisches Zeichensystem und ein darauf beruhender Stil herausgebildet. Zentral ist dabei die – habituell wie bei Mobilisierungen gewinnbringende, das heißt attraktive – Demonstration von Ent- und Geschlossenheit. Strukturell allerdings entspricht das Antifa-Spektrum diesem Bild nur bedingt. Antifa-Gruppen und -Angehörige bilden ein recht bewegliches Feld aus persönlichen und gruppenförmigen Netzwerken, Treff- und Kommunikationsorten und politischen Zusammenschlüssen.

Das erste von zwei zentralen Strukturprinzipien ist hier die Gruppe. Gegenüber der "Organisation" als Sinnbild für personell nicht mehr vollständig überschaubare, überlokale und mit formaler Verbindlichkeit ausgestattete Zusammenschlüsse stellt die "Intim-Gruppe" im Kontext von Antifa-Engagement bis heute ein Standardmodell dar. Diese Art von Gruppe ist charakterisiert durch Überschaubarkeit, die Abwesenheit formaler Hierarchien, Ansprüche auf intensiven Austausch und Vertrauen, ein sehr weit gefasstes Verständnis von Politik und damit auf die besondere Bedeutung von freundschaftlicher Verbindung sowie Verbindlichkeit bei gleichzeitiger Informalität. In genau diesem Sinne verstehen sich Antifa-Gruppen, die nicht den größeren Bündnissen beigetreten sind, bis heute auch als "autonom".

Das zweite rahmende Strukturprinzip ist die Szene als soziale Verdichtung von Personen, Orten und Inhalten. Antifaschistische informelle politische Partizipation entfaltet sich häufig als Zusammenwirken von politischer Aktion und alltagskultureller Interaktion im Zusammenspiel von Gruppe und Szene – und ihre Wirkfähigkeit ist häufig auch auf diesen Rahmen begrenzt.

Fußnoten

11.
Roland Roth, Bürgermacht. Eine Streitschrift für mehr Partizipation, Hamburg 2011, S. 116.
12.
Vgl. dazu Nils Schuhmacher, Die Antifa im Umbruch. Neuformierungen und aktuelle Diskurse über Konzepte politischer Intervention, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 2/2015, S. 5–16.
13.
Vgl. dazu Schuhmacher (Anm. 2), S. 141ff.
14.
Vgl. zum Begriff David S. Meyer/Sidney Tarrow (Hrsg.), The Social Movement Society: Contentious Politics for a New Century, Boulder 1998.
15.
Vgl. zur Differenzierung teilbarer und unteilbarer Konflikte Albert O. Hirschman, Wie viel Gemeinsinn braucht die liberale Gesellschaft?, in: Leviathan 2/1994, S. 293–304.
16.
Vgl. dazu und im Folgenden die Literatur in Anm. 2, 3, 4, insb. Schulze (Anm. 2), S. 293; Hitzler/Niederbacher (Anm. 2), S. 35; Schuhmacher (Anm. 2), S. 44–63, S. 171–181.
17.
Vgl. dazu die Literatur in Anm. 2, 3, 4.
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Autor: Nils Schuhmacher für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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