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26.5.2002 | Von:
Yann Moulier-Boutang

Marx in Kalifornien: Der dritte Kapitalismus und die alte politische Ökonomie

III. Die Veränderung der Kategorien der politischen Ökonomie: einige Beispiele

1. Man ist allgemein und wahrscheinlich zu Recht der Meinung, dass die Finanzmärkte die Merkmale eines so genannten vollkommenen Marktes [7] erreicht haben: Die Transparenz und die vollkommene Mobilität der notwendigen Informationen in Realzeit erlauben das Festlegen von Gleichgewichtspreisen durch Austarierung, und zwar permanent. Die Börsenindices der verschiedenen Orte, aufgelistet wie der Wirtschaftswetterbericht, sind das Sinnbild der Vereinheitlichung der neuen Weltökonomie innerhalb von etwa dreißig Jahren geworden.

Die weltweite Monetarisierung ist das Ergebnis eines enormen Wandels - vergleichbar mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus. Sie ist eine Folge des Falls der industriellen und technologischen "Dynastien" zugunsten von Finanziers, die ein Vermögen von Dienstleistungsaktivitäten verwalten.

2. Die Überlegenheit der Marktwirtschaft schien dem Neoliberalismus nach dem außergewöhnlich schnellen Zusammenbruch des Sowjetimperiums augenscheinlich. Die "zweite Welt", die seit 1917 als Alternative galt, war verschwunden. "Sozialistische Übergänge" in der "dritten Welt" wurden durch "Übergänge zur Marktwirtschaft" ersetzt, wobei auch Regime inbegriffen sind, die sich noch kommunistisch nennen, wie China, Korea oder Kuba. In den kapitalistischen Ländern schien die Anomalität, die in den Augen der Liberalen in kollektiven Gütern und ihrer öffentlichen Produktion bestand, beseitigt worden zu sein. Die Privatisierung der öffentlichen Dienste, die Einschränkung des Einflussbereichs, der dem Staat zugestanden wurde, sind Wegmarken zu einer liberalen Ordnung, die starke defensive Widerstände hervorgerufen hat, die jedoch im Großen und Ganzen zur Erfolglosigkeit verdammt waren.

Dennoch hat sich im Schoße der Marktwirtschaft, im Herzen des amerikanischen Systems, das 1991 die Pax Americana einführte, eine viel substanziellere und entscheidendere Anomalie entwickelt: in Gestalt der Informationsgüter. Die technische Revolution der Informatik und der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien ist ganz einfach eine Revolution der Produktionsbeziehungen geworden, der Methoden der Wissenssozialisation und nicht zuletzt der Methoden der Regierung und Kontrolle von Bevölkerungen.

1. Schwäche des Marktes



Revolution oder nicht, sicher ist, dass die Informationsökonomie und das Netzphänomen eine ernste Anomalie für die traditionellen Gesetze der politischen Ökonomie darstellen.

Informationsgüter lassen sich nach Kevin Kelly (1998) und Carl Shapiro/Hal Varian (1998) wie folgt charakterisieren: Diese Güter

- sind Erfahrungsgüter, die für den jeweiligen Verbraucher einen völlig unterschiedlichen Wert haben;

- haben eine eher ungewöhnliche Kostenstruktur (rather unusual);

- produzieren eine eigene Struktur: ein Netz, das seinerseits wieder Nachfrage produziert (Externalitäten des Netzes).

Es ereignet sich eine Verwandlung in der politischen Ökonomie: Im Mittelpunkt der kognitiven Ökonomie, des kognitiven Kapitalismus, stehen von nun an die Netze:

1. Das Netz vergrößert, ja vervielfältigt sich durch "Wucherungen", wie man sie in den Baumgewächsen findet (Wurzelwerk, Zweig, Stamm) oder in den Kreisen (Mittelpunkt, Peripherie). Es hat keinen   Mittelpunkt, besitzt keine Hierarchie, ist weder Unternehmen noch Staat, auch nicht eine Zusammensetzung beider, sondern eine einfache Hybridform.

2. Das zweite dem Netz eigene Charakteristikum besteht darin, dass es eine Struktur aufweist, die insbesondere dazu geeignet ist, in einer ungewissen Umgebung die Koordinierung und Produktion komplexer Informationsgüter zu organisieren.

3. Das dritte Charakteristikum des Netzes ist seine besondere Eignung, ein Maximum an positiven Externalitäten bzw. externen Effekten zu sammeln, das heißt, eine Gratiskooperation zu organisieren, die aber nicht unbedingt kostenlos sein muss. Die Kosten sind durch die soziale Organisation vorgegeben, und im privaten Bereich entsprechen sie den Kosten der Reproduktion der Lebensbedingungen der Mitglieder des Netzes.

4. In der Literatur wird die wirtschaftliche Bedeutung der Netzwerke betont, aber die Meinungen hinsichtlich der Innovationen unterscheiden sich sehr. Die bemerkenswerten Leistungen der New Economy sind für sich allein kein überzeugendes Argument für die radikale Veränderung. Bradford Delong ist der Auffassung, dass das Gesetz von Moore - eine Kostenhalbierung alle zwei Jahre und eine Steigerung der Produktivität um über 10 Prozent - nach den glücklichen Innovationszeiten der Jahre 1985 bis 1995 nicht mehr gelten würde. Nach einer günstigen Periode von 15 Jahren würde wieder das Gesetz der abnehmenden Rendite greifen, wofür der Fall des Nasdaq ein untrügliches Zeichen wäre. Jedoch sind zwei Einwände gegen diese Argumentation vorzubringen:

a) Der eine ist rein faktischer, der andere theoretischer und dauerhafter Natur. Die Innovationswelle, die durch die NIKT ausgelöst wurde, ist längst nicht erschöpft. Der Einsatz biologischer Träger statt elektronischer wird im kommenden Jahrzehnt die Grenzen der Speicher und ihrer Kosten hinausschieben, wohingegen der Einsatz neuer Leitungen wie des Elektrizitätsnetzes der Information gestattet, sich bereits existierender Netze zu bedienen und damit die Kosten noch mehr zu senken. Die Innovationen auf biotechnologischem Gebiet, der Lebenswissenschaft (die Genomkartierung) werden von den NIKT wieder belebt und verleihen ihr neuen Schwung.

b) Der zweite Grund ist, dass die Externalitäten des Netzes, seine externen Effekte also, nicht nur darin bestehen, die interne Nachfrage durch den Fang "potenzieller Kunden" und die Standards der Nachfrage (Lernökonomien) zu beschleunigen; sie schlagen sich nicht nur in wachsenden Erträgen durch Übernahme (imitierende Verbreitung) nieder, sondern auch in wachsenden Erträgen durch innovativen Gebrauch. Die Netzakteure spielen dabei eine aktive Rolle.

2. Der dreifache Bruch mit der alten politischen Ökonomie



Tatsächlich bricht die sich abzeichnende Entwicklung tiefgreifend mit der politischen Ökonomie von Adam Smith [8] , und zwar auf drei Ebenen:

1. Das neue Modell der Produktivität ist nicht mehr das eines mechanischen Input-Output-Modells, in welchem man immer ein Verhältnis zwischen Investition und Ertrag beobachten kann. Das gesuchte und gefundene Produktivitätsmodell entspricht quasi dem des biologischen Lebens, in dem das Produkt und der ursprüngliche Input kein gemeinsames Maß mehr haben. Folglich müssen die Techniken der Output-Maximierung und Input-Minimierung vollständig überarbeitet werden. Generell gilt, dass die Phänomene, die mit der Produktion von Wissen und immateriellen Gütern zu tun haben, komplex und nicht linear sind.

2. In der klassischen Ökonomie zielte die rationale, vorausschauende und verändernde menschliche Aktion im Wesentlichen auf eine Welt, die ihre Undurchsichtigkeit verloren hatte und die der Markt schrittweise enthüllte. Externe Effekte, wie sie hier als so genannte Externalitäten beschrieben werden,   spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle. In der sich öffnenden Welt lässt sich die Summe der Externalitäten nicht mehr nach den alten Gesetzen des Marktes ermitteln. Knappheit und Produktionskosten auf der einen Seite und individuelle Nützlichkeit auf der anderen hören auf, das Maß des Reichtums zu sein, genauso wie Seltenheit des Wissens nur existieren kann, wenn sie künstlich organisiert wird.

3. In einer Welt knapper materieller Güter hat Reichtum darin bestanden, über die objektiven Annehmlichkeiten zu verfügen, die zum Leben notwendig sind, oder über die Mittel, sie zu erwerben, und zwar hauptsächlich in der Form von Zahlungsmitteln. In einer Welt des relativen Überflusses an materiellen Gütern und der verschwenderi- schen Fülle von Informationsgütern vermischt sich Reichtum mit der Vervielfachung der interaktiven Beziehungen zwischen den Individuen, Firmenzentralen, Konzernen, Organisationen, der Entwicklung der Kenntnisse und dem Zugang zu subjektiven Potenzialen der Regelung von Transaktio- nen jeder Art, einschließlich kognitiver und affektiver, und mit dem Zuwachs an Macht, in einer immer komplexeren und interdependenteren Umgebung zu handeln oder eine unangebrachte Handlung zu unterlassen.

Die Form des Austauschs - von Informationen/Wissen - ist die Substanz des Wertes geworden und die ausgetauschten Güter sind tatsächlich die "leere Form des Wertes", der durch seine Virtualisierung der Wirklichkeit entzogen ist, in der allein aber sein Wesen für die Gemeinschaft der Lebewesen erfahrbar gemacht werden kann.

3. Die beherrschende Rolle der Externalitäten und der Interreaktionsphänomene in der Produktion von Innovation, Wissen und Reichtum



1. Die entscheidende Rolle der Externalitäten modifiziert den Begriff der rationalen menschlichen Aktion. Die Organisation der verallgemeinerbaren Aktion setzt die Kenntnis der Systeme und der Milieus voraus. Die Umwelt wird wieder zum aktiven Horizont rationaler Handlung. Sie wird zu einem komplexen ökologischen System, und der Schutz ihrer Komplexität (Erhaltung der Biodiversität) ist auf lange Sicht die beste Garantie für Anpassung und Überleben. Jedes System muss fähig werden, in sich selbst in instabilem Gleichgewicht die Ressourcen zu seiner Entwicklung zu finden.

2. Die Gewinne durch Massenproduktion werden weit weniger wichtig als die Ökonomien der Vielfalt (Flexibilität) und die Lern- und Netzökonomien. Das Gesetz der steigenden Erträge war eine Ausnahme in einem Universum sinkender Erträge. Hier verhält es sich andersherum, es gibt Korridore sinkender Erträge vor dem Hintergrund eines Universums lebendiger steigender Erträge.

3. Die Richtung der ökonomischen Aktion verändert ihren Sinn vollständig, selbst wenn diese Veränderung erst beginnt. Markt (lokal sowie weltweit) und Organisation (Unternehmen, Staat) werden in Zukunft beide in Zusammenhang mit dem Prinzip der Grenznutzenkosten [9] stehen: derjenigen Kosten der Produktion im Netz, welche die drei Teile des folgenden Programms erfüllt:

a) Erfassung und Produktion eines Maximums an positiven Externalitäten nach dem Prinzip der Bewahrung und des Zuwachses dieser. (Der Wert eines vorhandenen Netzes besteht darin, dass es mehr positive Externalitäten freisetzt, als es verbraucht.);

b) Minimierung der negativen Externalitäten (etwa derjenigen, die im Zusammenhang mit dem Verbrauch an Kohlenstoffenergie stehen, die für die Verschwendung der menschlichen Energie, für den Transport physischer Güter im Gegensatz zu der virtuellen Mobilität der Informationen und Kenntnisse notwendig sind);

c) Minimierung der Transaktionskosten (Reduzierung der Institutionen, Nutzung von Energie erneuernden Systemen oder von Systemen, die wenig Anlagevermögen an physischem oder Finanzkapital verbrauchen - weightless economy -, drastische Reduzierung der Wartungskosten des Verteilungsnetzes materieller Güter, Transferierbarkeit der Aktiva).

4. Diese Umdefinition der wertschöpfenden Tätigkeit der Güterproduktion wird von einer Umdefinition der Interaktion begleitet: Diese bemisst sich einerseits nach der Produktion positiver Externalitäten und nicht nach dem Verkehr von Informationseinheiten (Bit/Sekunde) und andererseits nach der Aufmerksamkeit, die das Netz von einer passiven Transmissionseinheit in eine aktive, reagierende und innovative Einheit umformt (das heißt unter Hinzufügen von unmittelbar verbreitbarem Wissenskapital).

5. Die Mannigfaltigkeit und Komplexität der Interaktionen jeder Operation mit ökonomischen Implikationen erzeugt Wellen positiver oder negativer Wirkungen, welche die Systeme marktlicher Messeinheiten herausfordern. Die Bewertung der Externalitäten wird   für die reale Ökonomie unerlässlich, wirft aber immer größere Schwierigkeiten im Rahmen der Allokation [10] von Waren und Dienstleistungen auf, weil die Kosten der Transaktion von Wissen ins Unendliche steigen.

6. Die Ausbeutung ist im kognitiven Kapitalismus weit davon entfernt zu verschwinden, sondern sie ist - im Gegenteil - überall vorhanden; besonders außerhalb des "klassischen" Unternehmens, das heißt in allen Formen von Netzwerken, insbesondere dem Internet, dem Netz der Netze. Dieses Medium begünstigt die Einverleibung einer beträchtlichen Quantität an unbezahlter oder zu einem Spottpreis gelieferter Arbeit.

Fußnoten

7.
Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich nach der Theorie der Volkswirtschaftslehre dabei um einen Markt, auf dem die folgenden Bedingungen gelten: 1. Homogenität der gehandelten Güter; 2. keine räumliche Ausdehnung des Marktes; 3. unendliche Anpassungsgeschwindigkeit der Marktteilnehmer auf Veränderung von Mengen und Preisen; 4. alle Marktteilnehmer handeln nach dem Erwerbsprinzip. Vgl. Gabler Volkswirtschaftliches Lexikon, Wiesbaden 1990³.
8.
Anmerkung der Redaktion: Adam Smith betonte die Bedeutung der Arbeit als der eigentlichen Quelle des Wohlstandes der Nationen, entdeckte die zentrale Bedeutung der Arbeitsteilung, von der die Steigerung der Produktivität abhängt und deren Geschichte die des technischen, aber auch des menschlichen Fortschritts ist. Vgl. Gabler (Anm. 7).
9.
Anmerkung der Redaktion: Als Grenzkosten werden in der Volkswirtschaft die bei Vergrößerung der Produktionsmenge durch die Herstellung der letzten Produktionseinheit verursachten Mehrkosten bezeichnet. Der Grenznutzen ist diejenige Veränderung des Gesamtnutzens, die eintritt, wenn bei gegebener Güterkombination der Konsum eines Gutes um eine kleine Einheit erhöht wird. Vgl. Gabler (Anm. 7).
10.
Anmerkung der Redaktion: Mit dem Begriff der Allokation wird in der Volkswirtschaftslehre die Verteilung der Güter, insbesondere auch der Produktionsfaktoren bezeichnet. Vgl. Gabler (Anm. 7).