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26.5.2002 | Von:
Thomas Herdin
Kurt Luger

Der eroberte Horizont

Tourismus und interkulturelle Kommunikation

III. Touristisches Verhalten in der heutigen Zeit

Heute kennzeichnet unsere westlich industrialisierte Kultur eine unumschränkte Mobilität, eine scheinbar vollständige Verfügbarkeit über Raum und Zeit. Ein engmaschiges Flugnetz verdichtet Zeit und Raum, günstige Flugtarife und ein harter Konkurrenzkampf der Reiseveranstalter ermöglichen nahezu jedem, die erträumte Weltreise zu buchen. Durch fertig geschnürte Reisepakete und Club-Urlaube wie die "All Inclusive"-Angebote, am besten noch zu Dumpingpreisen "last minute" gebucht, verliert das Produkt "Reise" seinen Bildungswert. Die interkulturelle Kommunikation gerät in eine Sackgasse, wenn der einzige Kontakt mit den Einheimischen in Form von Servicepersonal in der Hotelanlage stattfindet. Die Kommunikation erschöpft sich in einem freundlichen Lächeln und einem höflichen "Danke" nach Erhalt des Trinkgeldes. Die einzige Chance für interkulturelle Kommunikation besteht mit dem internationalen Publikum. Das Land außerhalb der Hotelanlage bleibt Kulisse, die man beim Transfer vom Flugplatz zum neuen Wohnort bestaunt oder gleichgültig wahrnimmt. Am Urlaubsort suchen Touristen nach einer Bestätigung ihrer "geistigen Bilder", ihrer Vorstellungen vom Zielort, denn der moderne Tourist ist ein sammelnder Voyeur, auch wenn er durchschnittlich nur Dinge sieht, die er bereits kennt - vor allem aus den Medien. Images beeinflussen jedenfalls die Begegnung zwischen Touristen und Einheimischen, die durch bestehende Stereotype und Vorurteile auf beiden Seiten vorreguliert wird. Auch die flüchtigen Gemeinschaften, die auf Reisen entstehen und sich um ein gemeinsames Erlebnis, eine Bedrohung oder eine Attraktion formieren, unterliegen eigenen Kommunikationsregeln.

Anhand eines Beispiels versucht die Schweizer Tourismusforscherin Christine Plüss zu zeigen, wie sich touristisch verklärte Vorstellung über ein exotisches Reiseland und politische Meinung über dieses unterscheiden können, ja einen Widerspruch in sich erzeugen. Während eines Fluges von Colombo nach Zürich unterhielten sich zwei Männer im bunten Ferienoutfit über "braune Passagiere, die nur des Geldes wegen in die Schweiz kommen wollen". Nach einer gewissen Zeit konnte sie herausfiltern, dass die beiden über im Flugzeug sitzende Tamilen sprachen. Als Plüss die beiden Sri-Lanka-Urlauber fragte, wie ihnen der Urlaub gefallen hätte, schwärmten sie in höchsten Tönen von dem Land. Der Club-Urlaub sei viel billiger als ein Skiurlaub gewesen, und sie hätten auch einen Ausflug in die Umgebung gemacht. Von der Problematik der blutigen Kämpfe im Norden, den willkürlichen Verhaftungen von Tamilen in der Hauptstadt und den riesigen Flüchtlingslagern hätten sie nichts mitbekommen. Ausspannen in der exotischen Fremde zum Billigtarif, so wie es die Reiseprospekte versprechen, das war ihr Ziel. Dem pauschalisierten Lockruf zu folgen, auch Land und Leute kennenzulernen, wurde bei einer Tagesausflugsfahrt Genüge getan. [10]

Die Diskrepanz zwischen der "chaotischen Dritten Welt" und den exotischen Traumurlaubsvorstellungen spiegelt sich in fast jeder Medienanalyse wider. In Tageszeitungen und Magazinen liest man auf den Seiten der internationalen Berichterstattung über Katastrophen, Korruption und Kriege. Blättert man weiter zu den Tourismus-, Reise- und Lifestyle-Seiten dieser Produkte, werden die gleichen Länder zu fernen Paradiesen, zu einem "Shangri la" mit blauem Himmel, türkisfarbigem Meer mit feinsandigen, palmengesäumten Stränden und nackten oder zumindest barbusigen Hula-Mädchen. Die Reisebeilagen pflegen diese Exotismen und Sehnsüchte der Sekretärin aus St. Gallen, des Tischlers aus Rosenheim und des Beamten aus Wien-Meidling, die dann zu erschwinglichen Preisen wie Mückenschwärme in die Urlaubsorte einfallen. Aufgrund der Erwartungshaltung, der Paradiesvorstellungen von Natur mit glücklichen Insulanern, werden diese oft zu "bunten Exoten". Eine Begegnung zwischen Kulturen findet im Massentourismus nicht mehr statt. Die Situation erinnert eher an einen Zoobesuch, bei dem sich die Besucher amüsieren und sich die Affen über die Besucher lustig machen, aber eben hinter Gittern. [11]

Fußnoten

10.
Vgl. Christine Plüss, Urlaubs-Bräune. Ein Ausflug ins Spannungsfeld zwischen Rassismus und Tourismus, in: Medien Journal, (1994) 4, S. 24-33.
11.
Vgl. u. a. Andreas Pointner/Kurt Luger, Die "Gesichter Afrikas". Ein Kontinent in der Konstruktion österreichischer Printmedien, in: Medien Journal, (1990) 4; Kurt Luger, Perfekte Völkermissverständigung. Wie Massenmedien und Tourismus das Bild von der Dritten Welt prägen, in: ders., Vergnügen - Freizeit - Kritik. Streifzüge durch die populäre Kultur, Wien 1998, S. 127-151.