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26.5.2002 | Von:
Thomas Herdin
Kurt Luger

Der eroberte Horizont

Tourismus und interkulturelle Kommunikation

IV. Kulturaustausch: (K)ein Dialog der Kulturen?

Findet ein Kulturaustausch auf Reisen statt, und verändern sich dadurch Kulturen? Bildet Reisen, oder bilden wir uns nur etwas (darauf) ein? Dieses permanente Oszillieren zwischen Bildung und Zerstörung findet man schon beim Freiherrn von Goethe, der meinte, die beste Bildung fände ein gescheiter Mensch auf Reisen. Hans Magnus Enzensberger machte dann auf die negativen Konsequenzen aufmerksam: "Wir zerstören das, wonach wir suchen, indem wir es finden."

Tourismus "is a mixed blessing everywhere" - je nach persönlicher Einstellung und Art des Urlaubs kann der Tourismus zur individuellen Entwicklung, zu wirtschaftlicher Prosperität oder auch zur Zerstörung der besuchten Kultur und Natur beitragen. Das trifft am augenscheinlichsten auf den Ferntourismus in die Dritte Welt zu, dem die Erlebnisfreudigkeit der wohlhabenden Bevölkerung in den Industriestaaten erhebliche Zuwachsraten bescherte. [12] Innerhalb der Armut wurden zahlreiche Luxusinseln, gewissermaßen "Touristenghettos", aus dem Boden gestampft. [13] Von einer kulturwissenschaftlichen Perspektive aus wäre zu fragen, ob es durch Urlaubsreisen in die Dritte Welt tatsächlich zu einem "Dialog der Kulturen" kommt und inwieweit der Tourismus als Bestandteil der globalen Unterhaltungsindustrie bzw. in Verbindung mit anderen Faktoren Modernisierungseffekte bewirkt, damit kulturelle Eigenarten einer Vermarktung aussetzt, die zum Verlust dieser Eigenart führen könnte. Die Antwort darauf, ob Tourismusförderung als entwicklungspolitisches Modell empfohlen werden kann, hängt daher von den jeweiligen spezifischen Situationen in den Ländern ab und den Tourismus-Masterplänen, deren Sozial-, Umwelt- und Kulturverträglichkeit zu überprüfen wäre. [14]

Während Weltbank und die Welttourismusorganisation WTO durch ihre Tourismusförderpolitik eine Verbesserung der Wirtschaftsentwicklung und vielleicht auch Völkerverständigung erzielen möchten, wird von tourismuskritischer Seite in Zweifel gezogen, dass Tourismus zum Abbau von Vorurteilen und Aufbau von Toleranz beitragen kann. Insbesondere kurzzeitige Aufenthalte verstärken eher noch Vorurteile bzw. Ablehnung. Im Zuge der allgemeinen Zunahme von Ausländerfeindlichkeit kann der Tourismus nicht gegensteuern, wenngleich intensive und erfüllende Begegnungen zwischen Touristen und Einheimischen nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden müssen.

Diese Sichtweise legt auch eine kürzlich vom Studienkreis Tourismus in Ammerland durchgeführte Untersuchung nahe. Repräsentative Daten über deutsche Urlaubsreisende geben Aufschluss über die Begegnung mit dem Reiseland und der fremdsprachigen Bevölkerung. Untersucht wurden Faktoren, die interkulturelle Begegnung und interkulturelles Lernen fördern bzw. behindern können. Interkulturelles Lernen bedeutet, Menschen zur Kommunikation mit Menschen anderer Kulturen zu befähigen, ohne dass sie sofort Wertungen bzw. Abwertungen vornehmen. Nur so kann ein Dialog entstehen, denn dieses Lernen ist mit einem Sensibilisierungsprozess verbunden, der folgende Voraussetzungen hat: Offenheit und Toleranz, Wissen über andere Kulturen, Selbstreflexion im Hinblick auf die eigene Kultur und Person sowie Empathie. Die Begegnung mit Menschen anderer Länder kann Offenheit und Toleranz fördern, doch geschieht dies nicht von selbst. Kulturkontakt kann nur unter bestimmten günstigen Bedingungen zu einem besseren Verständnis beitragen. Die Touristen müssen Interesse an der Information über Land und Leute mitbringen bzw. haben, persönliche Begegnungen mit den Einheimischen suchen, über ausreichend Fremdsprachenkompetenz und schon über Reiseerfahrung (in mindestens zehn Ländern) verfügen. [15]

Überdurchschnittliches Interesse an persönlichen Begegnungen mit Land und Leuten haben dieser Studie zufolge jene Zielgruppen, die vorwiegend aus den alten Bundesländern kommen, zwischen 40 und 59 Jahre alt sind, Abitur oder Hochschulabschluss haben und einer höheren sozialen Schicht angehören. 56 Prozent der befragten Deutschen gaben an, im fremdsprachigen Ausland schon einmal intensiveren Kontakt zu Einheimischen gehabt zu haben (langes Gespräch über Land und Leute, gemeinsame Aktivitäten oder Einladungen). 81 Prozent davon empfanden dies positiv, 17 Prozent hatten teils positive, teils negative Erfahrungen, und bei 2 Prozent war die Begegnung ausschließlich negativ.

Hemmfaktoren, die eine interkulturelle Begegnung scheitern oder gar nicht zustande kommen lassen, sind dementsprechend fehlende gemeinsame Sprachkenntnisse (von 66 Prozent genannt), unangemessener Aufwand, um miteinander ins Gespräch zu kommen (42 Prozent), Unsicherheit im Sozialkontakt (33 Prozent) und fehlender Mut, Fremde anzusprechen (32 Prozent). Selbst zu diesem Zweck konzipierte Begegnungsreisen werden nicht immer ihren formulierten Ansprüchen gerecht, kann doch Begegnung noch nicht mit der Erfüllung gewünschter Effekte wie Respekt, Toleranz und Verständnis gleichgesetzt werden.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse in diesem Forschungsfeld sind noch nicht ausreichend fundiert, es dürfte aber als unbestritten gelten, dass die folgenden Faktoren geglückte Kommunikation mit Fremden - also auch von Touristen und Einheimischen - begünstigen:

- Der ökonomische und soziale Status der miteinander in Kontakt tretenden Personen weichen nicht sehr stark voneinander ab;

- es werden gemeinsame Ziele verfolgt;

- die Einstellungen der in Kontakt tretenden Personen weichen nicht zu sehr voneinander ab;

- die Kontakte sind nicht oberflächlich, sondern eng;

- es sind eine als Integrationsfigur wirksame Autorität sowie ein positives soziales Klima vorhanden. [16]

Fußnoten

12.
Zu den teilweise erheblichen Problemen, die durch Tourismus zumindest mitverursacht werden vgl. u. a. Pitamber Sharma, Tourism as Development. Case Studies from the Himalaya, Kathmandu - Innsbruck 2000; Helena Norberg-Hodge, Ancient Futures. Learning from Ladakh, London 1991.
13.
Vgl. zum Einstieg in die Problematik Karl Vorlaufer, Tourismus in Entwicklungsländern, Darmstadt 1996.
14.
Erst seit kurzem gibt es in der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit Deutschlands und Österreichs Positionspapiere bzw. eine Sektorpolitik, die Tourismus als Möglichkeit zur regionalen Entwicklung in Dritte-Welt-Ländern akzeptiert.
15.
Vgl. Astrid Kösterke, Urlaubsreisen und interkulturelle Begegnung. Untersuchung zur Ansprechbarkeit der Deutschen auf Aspekte von interkultureller Begegnung im Urlaub unter besonderer Berücksichtigung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V., Ammerland 2000.
16.
Vgl. die Einführungsliteratur in interkulturelle Kommunikation, etwa Kurt Luger/Rudi Renger (Hrsg.), Dialog der Kulturen. Die multikulturelle Gesellschaft und die Medien, Wien - St. Johann 1994.