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26.5.2002 | Von:
Thomas Herdin
Kurt Luger

Der eroberte Horizont

Tourismus und interkulturelle Kommunikation

VIII. Fremde Wirklichkeiten - Blicke hinter die Kulisse

Um die Beziehung zwischen Touristen und Einheimischen zu charakterisieren, bietet sich Erving Goffmans Metaphorik und Interaktionsmodell an. Um menschliche Interaktionen in ihren Grundsätzen darzustellen, bedient er sich der Theateranalogie. Metaphern wie Vorderbühne (frontstage), Hinterbühne (backstage), Selbstdarstellung, Publikum usw. werden in seine Analysen übertragen. Er geht davon aus, dass "wir alle" im Alltag Theater spielen. [30] Diese Metaphorik auf den Tourismus zu übertragen heißt, dass Touristen das Publikum in einer Inszenierung der einheimischen Darsteller spielen. Diese agieren als freundliche Gastgeber auf der Vorderbühne. Ihre wahre Identität geben sie nur auf der Hinterbühne preis. Diese Hinterbühne bietet den Zufluchtsort, an dem man sein eigenes Leben lebt, der eigenen Identität bewusst wird und sich auch zum Schutz vor Gästen zurückzieht. Deshalb grenzen die Akteure die Hinterbühne vom Publikum ab, um einerseits ihren persönlichen Freiraum zu sichern und andererseits die Perfektion touristischer Inszenierung nicht zu stören. Der Schutz dieser Hinterbühne ist dort wichtig, wo Touristen in großer Zahl auftreten, "Gäste" zu zahlenden "Kunden" werden und ein entsprechend professionelles Management der Klientel notwendig ist.

Für die Touristen, das Publikum, ist es auf der Suche nach dem vermeintlichen "Echten" zunehmend interessanter geworden, einen Blick hinter die Kulisse zu werfen, um das "wahre" Leben zu Gesicht zu bekommen. Es genügt ihnen nicht, die angebotenen Vorstellungen - vom Schaubrauchtum in den Alpen bis zum gestellten Fruchtbarkeitsritus auf den "Salmonellen", den Südseeinseln - kritiklos zu konsumieren. Anders als bei den "standorttreuen Gästen" wie etwa Helmut Kohl im österreichischen Salzkammergut wirkt für den Touristen beim Erstkontakt die gesamte Umgebung "fremd", daher verwischen sich für ihn die Grenzen zwischen Vorder- und Hinterbühne, bzw. sind nicht sichtbar. [31] Diese Grenzüberschreitungen können aber neuerliche Missverständnisse provozieren. So stellt in vielen Kulturen das Fotografieren eine Verletzung des Intimbereiches der Einheimischen dar. Ablehnung und Aggression seitens der Bereisten und Irritation wie Schock bei den Touristen können Folgen derartiger Kulturschocks bei Grenzüberschreitungen sein. Eine Fülle von Knigge-Literatur (Kulturschock Indien, Sympathiemagazin Mongolei u.v.a.m.) bzw. andere spezielle Medienhilfen versuchen bei diesen Defiziten für Abhilfe zu sorgen. Da es die Touristen sind, die in geschützte Bereiche der bereisten Kulturen vordringen, müssen sie entsprechende Vorleistungen, d. h. Vorbereitung auf die Fremdheit ihres Reiseziels, leisten. In touristischen Unternehmen sind Reiseleiter dafür verantwortlich, die Grenzen sichtbar zu machen oder sie für beide Seiten zu entschärfen und Konflikten vorzubeugen. [32]

Um Verhaltens- bzw. Erwartungssicherheit zu geben und das Risiko von Missverständnissen zu reduzieren, haben die Kulturen ihre eigenen Rituale entwickelt. Auch im Tourismus beschränken typische Begegnungsrituale die Risiken der Interaktion auf ein erträgliches Maß. Geschenke überreichen, Begrüßungen beim Einstieg in das Flugzeug, Glücksschals um den Hals beim Abschied vom Himalaya, Welcome Drinks an der Hotel-Rezeption, Zeremonien und Stammeskultur in Clubhotels wie Spiele, Animation, Wettbewerbe und die Anrede beim Vornamen, der Empfang der Allerliebsten nach dem Urlaub, die soziale Anerkennung als Weltreisende durch die Freunde, die Urlaubsvideos und -dias über sich ergehen lassen - das System der symbolischen Ordnung zeigt, wie fest Urlaub und Reise in den Gesellschaften kulturell verankert sind. [33]

Fußnoten

30.
Vgl. Erving Goffman, Wir alle spielen Theater, München - Zürich 1983. (Engl.: The Presentation of Self in Everyday Life, Doubleday 1959.)
31.
Zugang zu dieser Hinterbühne zu haben gilt daher als "besondere Auszeichnung", die beispielsweise in Tirol nur den treuesten Stammgästen gewährt wird. Über die Jahre entwickelte Beziehungen, speziell im Segment des Familienurlaubs in Ferienpensionen, werden seitens der Vermieter mit der Preisgabe ihrer Privatheit und der Aufnahme gewissermaßen freundschaftlicher Beziehungen zu den "lieben Gäschten" belohnt.
32.
Die bunte Welt der Touristen, ihrer Praktiken und Absonderheiten werden vorzüglich dargestellt in Christoph Hennig, Reiselust - Touristen, Tourismus und Urlaubskultur, Frankfurt/M. 1997.
33.
Vgl. Heinz-Günther Vester, Tourismustheorie. Soziologischer Wegweiser zum Verständnis touristischer Phänomene, München 1999. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Essay des Autors in diesem Heft.